Die große eBook-Bibliothek der Weltliteratur




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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

 

Der gelehrte Bischof Hall, – ich meine nämlich den berühmten Dr. Joseph Hall, der zur Zeit Jakob des Ersten Bischof von Exeter war, – sagt in einer seiner Dekaden, die seiner »Göttlichen Kunst des Meditirens«, London 1610, gedruckt bei John Beal, Aldergatestraße, angehängt sind, »daß es nichts Abscheulicheres giebt, als wenn sich Jemand selbst lobt«, – und ich bin derselben Meinung.

Doch auf der andern Seite, wenn man etwas meisterhaft zu Stande gebracht hat, etwas, was Niemand so leicht ausfindig macht, – so dünkt es mich doch ganz ebenso abscheulich, daß man der Ehre davon entbehren und aus der Welt gehen soll blos mit dem stillen Bewußtsein, es zu Stande gebracht zu haben.

Das ist nun eben mein Fall.

Denn in dieser langen Abschweifung, in die ich zufällig gerieth, zeigt sich, wie in allen meinen Abschweifungen (eine einzige ausgenommen) ein Meisterzug der Abschweifekunst, dessen Verdienst, wie ich fürchte, bisher von dem Leser übersehen worden ist, – nicht etwa aus Mangel an Scharfsinn, sondern einzig und allein deshalb, weil man ihn in einer Abschweifung so selten findet, oder vielleicht gar nicht erwartet, – nämlich der: obgleich, wie man bemerkt haben muß, alle meine Abschweifungen schön sind, und obgleich ich mich von meinem Gegenstande so weit und so oft entferne als nur irgend ein Schriftsteller in Großbritannien von dem seinigen, so trage ich doch stets Sorge, die Sache so einzurichten, daß das Hauptgeschäft während meiner Abwesenheit nicht still steht.

Ich war z.B. gerade dabei, Ihnen den eigentlichen Charakter meines Onkels Toby in seinen Hauptumrissen hinzuzeichnen, als meine Tante Dinah und der Kutscher dazwischen kamen und uns einige Millionen Meilen weit mitten in das Planetensystem hineinführten; nichtsdestoweniger wird man bemerken, daß die Schilderung von Onkel Toby's Charakter ihren ruhigen Gang weiter ging – freilich nicht in großen Umrissen, das war unmöglich, aber doch in einigen Familienzügen und leisen Strichen, so daß Sie jetzt mit meinem Onkel Toby schon viel besser bekannt sind als vorher.

Durch diese Erfindung ist die Maschinerie meines Werkes eine ganz eigenthümliche: zwei entgegengesetzteste Bewegungen sind hier angebracht und miteinander in Uebereinstimmung gesetzt, die sonst sich zu widersprechen scheinen. Mit Einem Worte, mein Werk ist zugleich abschweifend und vorwärtsschreitend.

Dies, Sir, ist durchaus etwas Anderes als die tägliche Drehung der Erde um ihre Axe und ihr gleichzeitiger Fortschritt in der Ellipse, woraus das Jahr und der Wechsel der Jahreszeiten entstehen, – obgleich ich bekennen muß, die Idee dadurch erhalten zu haben, wie denn überhaupt die allergrößten unserer gerühmten Erfindungen und Entdeckungen von solchen unbedeutenden Winken hergekommen sein mögen.

Abschweifungen sind unleugbar der Sonnenschein, sie sind die Seele und das Leben der Lecture. Man nehme sie z.B. diesem Buche, und das ganze Buch wäre nichts werth; kalter, ewiger Winter würde auf jeder Seite herrschen; – man gebe sie dem Verfasser wieder, und wie ein Bräutigam wandelt er dahin, – Jedem ruft er »Glück auf« zu, bringt Abwechselung und wehrt der Sättigung.

Die ganze Geschicklichkeit besteht darin, sie so herzurichten und zu handhaben, daß sie nicht bloß dem Leser, sondern auch dem Autor nützen, dessen Verlegenheit in dieser Sache allerdings beklagenswerth ist; denn wenn er eine Abschweifung anfängt, so steht, sage ich, sein ganzes Werk sogleich stockstill, und fährt er in der Hauptsache seines Werkes fort, so ist auch seine Abschweifung zu Ende.

Das ist aber ein schlechtes Stück Arbeit; deshalb habe ich, wie Jedermann sehen kann, gleich von vorn herein mein Hauptwerk und seine Nebentheile so verbunden, und die abschweifende und die vorwärtsschreitende Bewegung, Rad für Rad, so in einander gefügt und kombinirt, daß immer meist die ganze Maschine in Gang bleibt und, was mehr sagen will, noch ferner vierzig Jahre in Gang bleiben wird, wenn es dem Geber aller Gesundheit gefallen sollte, mir so lange Leben und frischen Lebensmuth zu verleihen.

 Dreiundzwanzigstes Kapitel.

 

Ich habe große Lust, dieses Kapitel recht unsinnig anzufangen und will mich darin auch nicht stören lassen. – Also:

Wenn des Menschen Brust, wie der Erzspötter Momus als Verbesserung vorschlug, mit einem Glase versehen wäre, so würde die närrische Folge davon sein: erstens, daß selbst der Weiseste und Ehrbarste unter uns jeden Tag seines Lebens in dieser oder jener Münzsorte Fenstersteuer bezahlen müßte.

Und zweitens, daß, sobald besagtes Glas einmal eingesetzt wäre, man weiter nichts nöthig hätte, um den Charakter eines Mannes genau kennen zu lernen, als einen Stuhl zu nehmen und wie in einen gläsernen Bienenkorb hineinzusehen; da könnte man die Seele splitternackt erblicken, alle ihre Bewegungen und Anschläge beobachten, alle ihre Grillen vom ersten Anfang bis zum vollendeten Wachsthum verfolgen, sie in ihren Sätzen, Luftsprüngen und Kapriolen belauschen, und nachdem man einige weitere Notiz von der solchen Luftsprüngen nachfolgenden würdigeren Haltung genommen hätte, würde man nach Dinte und Feder greifen, um Alles, was man gesehen hätte und demzufolge beschwören könnte, niederzuschreiben. – Aber eines solchen Vortheils muß ein Biograph auf unserm Planeten entbehren; im Merkur kann er's vielleicht so machen, und wenn nicht, desto besser für ihn; denn dort muß die ungeheure Hitze des Weltkörpers, welche nach der Berechnung unserer Astronomen, der Nähe der Sonne wegen, dem weißglühenden Eisen gleich ist, die Körper der Menschen schon längst verglast haben (wirkende Ursache), um sie dem Klima anzupassen (Endursache), so daß – was die gesundeste Philosophie nicht wird widerlegen können – die ganze Behausung ihrer Seele nur ein durchsichtiger Glaskörper sein wird (mit einziger Ausnahme des Nabels). So lange nun die Bewohner jenes Sternes nicht alt und runzelicht geworden sind, in welchem Falle die Lichtstrahlen, welche durch sie hindurchgehen, sich stark brechen oder in solchen schrägen Linien von ihrer Oberfläche auf das Auge zurückgeworfen werden, daß man nicht durchsehen kann, ist es ganz gleich, ob ihre Seele außer- oder innerhalb des Hauses den Narren spielt, es wäre höchstens etwa des Anstands halber oder wegen des lumpigen Vortheils, den das Nabelpünktchen ihr gäbe.

Aber so ist's, wie oben schon gesagt, bei den Bewohnern dieser Erde nicht; unsere Seelen scheinen nicht durch den Körper hindurch, sondern sind vielmehr in eine Hülle undurchsichtigen Fleisches und Blutes eingewickelt, und wir müssen daher anders zu Werke gehen, um hinter ihren besondern Charakter zu kommen.

Wahrlich, der menschliche Verstand hat zu dem Ende mancherlei Wege einschlagen müssen.

Einige z.B. zeichnen alle ihre Charaktere mit Blasinstrumenten, – Virgil bedient sich dieser Art in der Geschichte von Dido und Aeneas; – aber sie ist trüglich wie die Stimme des Ruhmes und zeugt überdies von wenig Geist. Ich weiß wohl, daß die Italiener gewisse unter ihnen vorkommende Charaktere nach dem piano und forte bezeichnen, womit dieselben sich eines gewissen Blasinstrumentes bedienen, und daß sie dieser Methode eine fast mathematische Genauigkeit zuschreiben, ja sie für untrüglich halten. – Ich wage nicht, den Namen dieses Instrumentes hier zu nennen; es sei genug, wenn ich sage, daß wir es auch bei uns haben, aber nicht daran denken damit zu bezeichnen. Das klingt wie ein Räthsel und soll es auch sein, wenigstens ad populum: und deshalb ersuche ich Sie, Madame, sobald Sie an diese Stelle gekommen sind, schnell weiter zu lesen und nicht stehen zu bleiben, um darüber nachzudenken.

Wieder Andere zeichnen eines Menschen Charakter blos nach dem, was er »verrichtet«, was oft ein sehr inkorrektes Bild giebt, man müßte denn zugleich eine Skizze von dem geben, was in ihm steckt, auf welche Weise sich allerdings eine gute Gestalt herstellen ließe, indem man das eine Bild durch das andere verbesserte.



Gegen diese Methode hätte ich nichts einzuwenden, dächte ich nicht, sie müßte etwas zu stark nach der Lampe riechen und noch beschwerlicher dadurch werden, daß sie Einen zwingt, auf alles, was ein Mensch gemacht hat, sein Auge zu richten. Wie man übrigens bei den natürlichsten Handlungen im menschlichen Leben von etwas »Gemachtem« reden kann, ist freilich eine andere Frage.

Viertens giebt es noch Solche, welche alle diese Mittel verschmähen, nicht etwa aus Uebermaß eigener Erfindungskraft, sondern weil sie sich verschiedener Methoden bedienen, die sie den ehrenwerthen Kunstgriffen der Pentagraphisten1 beim Kopiren von Gemälden nachgebildet haben. – Dies sind, wie man wissen muß, unsere großen Historiker.

Der Eine von ihnen zeichnet einen ganzen Charakter gegen das Licht; das ist unedel, – unehrlich und unbillig gegen den Charakter des Menschen, der sitzt.

Andere, um's besser zu machen, zeichnen Euch in der Camera; das ist das Allerschlimmste, denn da könnt Ihr sicher sein, in einer Eurer lächerlichsten Stellungen abgenommen zu werden.

Um nun bei der Charakterzeichnung meines Onkels Toby den einen wie den andern Fehler zu vermeiden, bin ich entschlossen, mich gar keiner mechanischen Hülfsmittel zu bedienen; auch soll sich mein Pinsel von keinem Blasinstrumente beirren lassen, mag's diesseit oder jenseit der Alpen gespielt werden; noch will ich was in Onkel Toby steckt und seine Verrichtungen weiter untersuchen, oder mich mit dem, was er gemacht hat, befassen, sondern will seinen Charakter einfach zeichnen nach – seinem Steckenpferde.

 Vierundzwanzigstes Kapitel.

 

Wenn ich nicht die moralische Ueberzeugung hätte, daß mein Leser vor Ungeduld stirbt, den Charakter meines Onkels Toby endlich kennen zu lernen, so würde ich ihm vorher noch bewiesen haben, daß es gar kein passenderes Instrument giebt, um einen Charakter zu zeichnen, als das von mir gewählte.

Obgleich ich zwar nicht behaupten will, daß ein Mensch und sein Steckenpferd gerade ebenso auf einander agiren und reagiren, wie Seele und Körper, so besteht doch ohne Zweifel eine gewisse Beziehung zwischen ihnen; und ich neige mich der Ansicht zu, daß dieselbe mehr oder weniger der Verbindung elektrischer Körper gleicht, indem die erhitzten Theile des Reiters mit dem Rücken des Steckenpferdes in Kontakt kommen, und sein Körper vermöge anhaltenden Reitens und starker Reibung zuletzt ganz mit dem Steckenpferd-Fluidum angefüllt wird. Gelingt es daher, eine klare Beschreibung von der Natur des Einen zu geben, so wird man sich danach eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Wesen und dem Charakter des Andern machen können.

Nun war das Steckenpferd, welches mein Onkel Toby ritt, meiner Ansicht nach ein solches, das einer Schilderung wohl werth ist, wäre es auch nur deshalb, weil es gar so wunderlich war; denn Ihr hättet von York nach Dover, von Dover nach Penzance in Cornwallis und von Penzance wieder zurück nach Dover reisen können, ohne daß Euch ein zweites der Art begegnet wäre, – oder wäre dies doch der Fall gewesen, so würdet Ihr ohne Zweifel, trotz der größten Eile, angehalten haben, um es etwas genauer zu betrachten. Seine Gangart und Gestalt waren in der That so ungewöhnlich, so unähnlich war es vom Kopf bis zum Schwanz jedem andern Individuum seiner Gattung, daß sich ab und zu Streit darüber erhob, ob es auch wirklich ein Steckenpferd sei, oder nicht. Aber wie jener Philosoph einem Skeptiker gegenüber, der die Wirklichkeit der Bewegung bestritt, sich keines andern Beweises bediente, als daß er aufstand und durch das Zimmer schritt, so führte mein Onkel Toby den Beweis: daß sein Steckenpferd ein wirkliches Steckenpferd sei, ganz einfach dadurch, daß er es bestieg und darauf herumritt, es der Welt überlassend, den fraglichen Punkt nach Belieben zu entscheiden.

Und wahrhaftig! mein Onkel Toby ritt es mit solchem Vergnügen, und es trug meinen Onkel Toby so gut, daß er sich wenig darum kümmerte, was die Welt sagte und was sie davon dachte.

Nun aber ist es die höchste Zeit, daß ich das Steckenpferd beschreibe; um jedoch ganz nach der Ordnung zu verfahren, bitte ich um Erlaubniß, erst mittheilen zu dürfen, wie mein Onkel dazu kam.

 Fußnoten

 

1 Pentagraph ist ein Instrument, vermittels welches man Gemälde mechanisch und in jeder Proportion kopiren kann.

Anm. d. Verf.

 

 Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Die Verwundung, welche mein Onkel Toby bei der Belagerung von Namur an seinem Schambein erhalten hatte, machte ihn dienstunfähig, und so war es das Zweckmäßigste für ihn, nach England zurückzukehren und sich hier heilen zu lassen.

Vier volle Jahre blieb er zuerst an das Bett, dann wenigstens noch an das Zimmer gefesselt und litt bei der ärztlichen Behandlung, welche die ganze Zeit über dauerte, unsägliche Schmerzen. Diese entstanden aus einer Reihe von Ausschwärungen des os pubis und des äußeren Randes jenes Theiles der coxendix, welcher os ilium genannt wird; denn beide Knochen waren sowohl durch die unregelmäßige Form des Steines, welcher, wie oben erzählt, von der Brustwehr absprang, als durch seine Größe (die nicht unbedeutend war) jämmerlich zertrümmert worden, weshalb der Wundarzt zu der Ansicht neigte, daß die große Verletzung, welche mein Onkel an seinem Schambeine erlitten, mehr durch die Schwere des Steines selbst als durch die Schleuderkraft desselben entstanden sei, was, wie er oft sagte, ein großes Glück wäre.

Mein Vater hatte zu jener Zeit eben sein Geschäft in London eröffnet und ein Haus gemiethet, und da zwischen den beiden Brüdern die herzlichste Freundschaft und Liebe bestand, mein Vater überdies der Meinung war, daß mein Onkel Toby nirgends so gut gepflegt und gewartet werden könne als in seinem eigenen Hause, so wies er ihm das beste Zimmer darin an und – was als ein noch viel größerer Beweis seiner Zuneigung gelten konnte – unterließ nie, jeden Freund oder Bekannten, der sein Haus betrat, bei der Hand zu nehmen und hinaufzuführen, damit er meinen Onkel Toby sähe und ein Stündchen an seinem Krankenlager verplaudre.

Keine bessere Linderung für eines Kriegers Wunde als ihre Geschichte, – so wenigstens meinten meines Onkels Besucher, und aus einer Höflichkeit, die dieser Meinung entsprang, pflegten sie bei ihren täglichen Besuchen das Gespräch oft auf diesen Gegenstand zu bringen, von welchem dann die Unterhaltung gewöhnlich auf die Belagerung selbst überging.

Solche Unterhaltung war meinem Onkel Toby höchst angenehm und erquickte ihn ungemein, sie würde dies aber noch viel mehr gethan haben, wenn sie ihn nicht in mancherlei unvorhergesehene Verlegenheiten verwickelt hätte, was seine Heilung um ganze drei Monate verzögerte und ihn wahrscheinlich in das Grab gebracht haben würde, wäre er nicht zufällig auf ein Auskunftsmittel gestoßen, sich daraus zu ziehen.

Welcher Art diese Verlegenheiten meines Onkels Toby waren, kann der Leser unmöglich errathen, und wenn er es könnte, so müßte ich darüber erröthen, – nicht als sein Verwandter, oder als Ehemann, ja nicht einmal als seine Ehefrau, sondern – als Autor, deshalb nämlich, weil ich mir etwas darauf einbilde, daß mein Leser noch nie etwas hat errathen können; und in dieser Beziehung, Sir, bin ich so empfindlich und eigen, daß ich dies Blatt aus meinem Buche herausreißen würde, wenn ich glaubte, Sie wären im Stande, sich die geringste Vorstellung oder Idee von dem zu machen, was auf der nächsten Seite kommt.

 Sechsundzwanzigstes Kapitel.

 

Ich habe ein neues Kapitel angefangen, damit ich Platz genug habe, die Art und Beschaffenheit der Verlegenheiten klar darzulegen, in welche sich mein Onkel Toby durch die Unterhaltungen und Fragen über die Belagerung von Namur, wo er seine Wunde erhielt, versetzt sah.

Wenn der Leser die Geschichte der Kriege Wilhelms I. gelesen hat, so erinnere ich ihn daran, – aber er hat sie nicht gelesen, also muß ich ihm sagen, daß eine der merkwürdigsten Attaken während jener Belagerung die war, welche die Engländer und Holländer auf die Spitze der vorgeschobenen Contrescarpe unter dem St. Nicolas-Thor, hinter welchem die große Schleuße lag, machten. Hier waren die Engländer dem Feuer des Bollwerkes und der Halbbastion St. Roche auf das Furchtbarste ausgesetzt; der Ausgang dieses erbitterten Kampfes war mit wenigen Worten folgender: die Holländer setzten sich auf dem Bollwerke fest, während sich die Engländer, trotz aller Tapferkeit der französischen Offiziere, die mit Todesverachtung auf dem Glacis kämpften, zu Herren des gedeckten Weges vor dem St. Nicolas-Thor machten.

Da dies die Hauptattake war, welcher mein Onkel Toby als Augenzeuge beigewohnt hatte, – nur daß der Zusammenfluß der Maas und Sambre die Armee der Belagerer so trennte, daß kein Theil von den Operationen des andern Theiles etwas sehen konnte, – so war er über diesen Punkt gemeiniglich ganz besonders beredt und ausführlich, und die mancherlei Verlegenheiten, in die er gerieth, entstanden aus der unübersteiglichen Schwierigkeit, seine Geschichte verständlich zu erzählen und seinen Zuhörern von dem Unterschiede zwischen Scarpen und Contrescarpen – Glacis und gedecktem Wege – Halbmond und Ravelin eine so klare Vorstellung zu geben, daß sie ihn hätten begreifen und ihm folgen können.

Selbst Schriftgelehrten passirt es, daß sie diese Ausdrücke verwechseln, und so darf es wohl nicht Wunder nehmen, wenn meines Onkels Bemühungen, sie zu erklären und ihre falsche Auffassung zu berichtigen, meist nur dazu dienten, seine Gäste (manchmal auch ihn selbst) noch mehr zu verwirren.

War also der Besuch, den mein Vater hinaufführte, nicht gerade von besonders scharfer Auffassungskraft, oder war mein Onkel Toby nicht in einer besondern Verfassung, sich klar zu machen, so blieb es, ehrlich gesagt, ein schwieriges Ding, die Unterhaltung von Dunkelheit frei zu halten.

Was die Erzählung dieser Begebenheit noch verwickelter für meinen Onkel Toby machte, war der Umstand, daß der Angriff auf die Contrescarpe vor dem St. Nicolas-Thor, welcher sich von dem Ufer der Maas bis hinauf zu der großen Schleuße erstreckte, – auf einem Terrain stattgefunden hatte, welches nach allen Seiten hin von vielen Deichen, Gräben, Bächen und Schleußen durchschnitten und coupirt war, und er sich darin bald so verirrt und festgerannt sah, daß er häufig genug weder vor- noch rückwärts konnte, um sein Leben zu retten; in solchem Falle war er genöthigt, blos aus diesem Grunde, den Angriff aufzugeben.

Diese mißlungenen Versuche verursachten meinem Onkel mehr Pein, als man hätte glauben sollen, und da meines Vaters liebevolle Gesinnung für ihn immer neue Freunde und neue Frager herbeischleppte, so hatte er es in der That schwer genug.

Unbezweifelt besaß mein Onkel Toby eine große Selbstbeherrschung, er hatte sich so gut wie Einer in der Gewalt; dennoch kann man sich vorstellen, wie er innerlich fluchen und schäumen mochte, wenn er sich aus dem Ravelin nicht anders wieder herausfand, als indem er in den Halbmond gerieth, oder die Contrescarpe hinunterfallen mußte, um sich aus dem gedeckten Wege zu retten, oder Gefahr lief in den Graben zu stürzen, wenn er über den Deich mußte; das that er denn auch ehrlich, und diese kleinen, allstündlichen Widerwärtigkeiten mögen denen vielleicht geringfügig und der Beachtung unwerth erscheinen, die den Hippokrates nicht gelesen haben, – jeder Andere, der ihn oder den Dr. James Mackenzie gelesen und darüber nachgedacht hat, welche Wirkungen Leidenschaft und Gemüthsaufregung auf die Verdauung ausüben, (warum nicht aber ebenso gut auf die einer Wunde als die eines Mittagsessens?), – der wird leicht begreifen, welche schädlichen Reizungen und Verschlimmerungen sie der Wunde Onkel Toby's bringen mußten.

Mein Onkel Toby konnte darüber nicht philosophiren, er fühlte nur, daß dem so sei, und nachdem er drei ganzer Monate die Qualen und Schmerzen ausgehalten, war er entschlossen, sich auf die eine oder andere Weise davon zu befreien.

Eines Morgens lag er in seinem Bette, auf dem Rücken, denn die Beschaffenheit seiner Wunde und die Qual, die sie ihm verursachte, erlaubten ihm keine andere Lage; da kam ihm der Gedanke in den Kopf: wenn er so ein Ding wie einen Plan der Stadt und Festung Namur kaufen könnte, und wenn er ihn dann auf eine Tafel kleben ließe, – das würde ihm wohl Ruhe verschaffen. – Ich bemerke hier, daß er die Umgebungen der Stadt und Festung deshalb mitzuhaben wünschte, weil er seine Wunde in einer der Traversen, ohngefähr 30 Toisen von dem Rückzugswinkel des Laufgrabens, gegenüber dem vorspringenden Winkel der Halbbastion St. Roche erhalten hatte, so daß er, wie er sicher meinte, die Stelle, wo ihn der Stein getroffen, genau mit einer Nadel würde bezeichnen können.

Sein Wunsch ging in Erfüllung, und so sah sich mein Onkel Toby nicht allein endloser, unangenehmer Erklärungen überhoben, sondern dieses glückliche Auskunftsmittel half ihm auch, wie wir später sehen werden, zu seinem Steckenpferde.

 
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