Die große eBook-Bibliothek der Weltliteratur




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Дата26.09.2012
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Einhundertundneunzigstes Kapitel.

 

Mein Onkel Toby und der Korporal hatten während des größten Theils der Campagne ein Jeder für sich unabhängig von dem Andern operirt; alle Kommunikation zwischen ihnen war so abgeschnitten gewesen, als ob die Maas oder die Sambre sie getrennt hätte.

Mein Onkel war jeden Nachmittag abwechselnd in seiner rothsilbernen oder blaugoldenen Uniform aufmarschirt und hatte eine Unzahl Angriffe ausgehalten, ohne zu wissen, daß es Angriffe waren; er hatte also nichts mitzutheilen.

Der Korporal dagegen hatte wohl etwas erobert, – beträchtliche Vortheile errungen und deshalb viel mitzutheilen. Aber welcher Art diese Vortheile waren und auf welche Weise er sie errungen hatte, das zu berichten, verlangte einen behutsamen Berichterstatter, und deshalb machte sich der Korporal nicht daran; denn wie empfindlich er auch für den Ruhm war, lieber würde er doch ewig baarhaupt und ohne Lorbeerkranz einhergegangen sein, als daß er seines Herrn Schamhaftigkeit nur einen einzigen Augenblick beleidigt hätte.

Ehrlichster, bravster aller Diener! Aber ich habe Dich schon einmal apostrophirt, Trim, und könnte ich Dich auch (das heißt in guter Gesellschaft) apotheosiren, so sollte es sicherlich auf der nächsten Seite schon ohne weiteres geschehen.

 Einhundertundeinundneunzigstes Kapitel.

 

Eines Abends legte mein Onkel Toby seine Pfeife auf den Tisch und rechnete für sich alle die Vorzüge an den Fingern her (vom Daumen angefangen), welche Mrs. Wadman besäße. Da er aber bald zwei oder drei zusammennahm, bald einige ausließ, bald wieder andere zweimal aufzählte und so in Verwirrung kam, noch ehe er bis zum Mittelfinger gelangt war, nahm er seine Pfeife wieder auf und bat Trim, ihm Feder und Dinte zu bringen. – Trim brachte auch Papier.

– Nimm einen ganzen Bogen, Trim, sagte mein Onkel Toby und machte zugleich ein Zeichen mit der Pfeife, daß jener sich einen Stuhl holen und zu ihm an den Tisch setzen solle. – Der Korporal gehorchte, legte das Papier gerade vor sich hin und tunkte die Feder ein.

– Sie besitzt tausend Tugenden, Trim, sagte mein Onkel Toby.

– Soll ich das hinschreiben, Ew. Gnaden? sagte der Korporal.

– Aber sie müssen der Reihe nach, nach ihrem Werthe gestellt werden, erwiederte mein Onkel Toby; die, welche mich am meisten entzückt und mir eine Bürgschaft für alle übrigen ist, das ist das Mitgefühl, die ganz besondere Menschenfreundlichkeit in ihrem Charakter. Wahrlich, sagte mein Onkel Toby und sah wie betheuernd zur Zimmerdecke empor, und wäre ich tausendmal ihr Bruder, sie hätte sich nicht unablässiger, nicht zärtlicher nach meinen Schmerzen erkundigen können, – obgleich sie's jetzt nicht mehr thut.

Der Korporal beantwortete meines Onkel Toby's Betheuerung nur mit einem kurzen Husten; er tunkte seine Feder zum zweiten Male ein, und indem mein Onkel Toby mit der Spitze seiner Pfeife ganz oben auf die linke Ecke des Bogens wies, schrieb der Korporal das Wort Menschenfreundlichkeit hin.

Sag doch, Korporal, fuhr mein Onkel Toby fort, sobald Trim damit fertig war, wie oft fragt Mrs. Bridget nach Deiner Wunde am Knie, die Du in der Schlacht bei Landen bekamest?

Danach hat sie noch nie gefragt, Ew. Gnaden.

Nun, sieh, Korporal, sagte mein Onkel Toby und konnte trotz seines guten Herzens seinen Triumph nicht ganz unterdrücken, darin zeigt sich der Unterschied zwischen den Charakteren der Herrin und der Dienerin. Hätte das Kriegsglück mir dasselbe beschieden wie Dir, sie würde hundertmal auf das genaueste danach gefragt haben. – Aber nach Ihrem Schambein würde sie, Ew. Gnaden, zehnmal öfter gefragt haben. – Der Schmerz ist derselbe, Trim, und das Mitgefühl hat es nur mit dem Schmerz zu thun, stamme er nun woher er wolle.

– Nun, Gott sei Ew. Gnaden gnädig! rief der Korporal. Was hat eines Weibes Mitgefühl mit eines Mannes Knie zu thun? Wäre Ew. Gnaden Knie bei Landen in zehntausend Splitter zerschossen worden, so würde sich Mrs. Wadman so wenig darum geschoren haben als Bridget; denn – fügte der Korporal hinzu und senkte die Stimme, sprach aber sehr deutlich, als er jetzt seine Gründe angab: denn das Knie ist weit genug vom Hauptwerk, wogegen das Schambein, wie Ew. Gnaden wissen, auf der Courtine der Festung selber liegt.

Aus meines Onkel Toby's Munde kam ein langer Pfiff, aber so leise, daß man ihn kaum über den Tisch hinüber hören konnte.

Der Korporal war zu weit gegangen, als daß er hätte umkehren können; mit drei Worten war Alles erzählt.

Mein Onkel Toby legte seine Pfeife so sanft auf die Kaminplatte, als ob sie aus Spinnengewebe bereitet gewesen wäre.

Laß uns zu meinem Bruder Shandy gehen, sagte er.

 Einhundertundzweiundneunzigstes Kapitel.

 

Während mein Onkel Toby und Trim nach meines Vaters Hause gehen, habe ich Zeit, den Leser davon zu benachrichtigen, daß Mrs. Wadman schon vor einigen Monaten meine Mutter zu ihrer Vertrauten gemacht hatte; auch Mrs. Bridget, die zu der Last ihres eigenen Geheimnisses noch die fremde Last ihrer Herrin tragen mußte, hatte sich beider gegen Susanna hinter der Gartenmauer glücklich entledigt.

Was meine Mutter anbetraf, so ließ sie das ziemlich gleichgültig, sie machte kein Aufhebens davon; aber Susanna war ganz die Person, wie man sie nur wünschen konnte, um ein Familiengeheimniß unter die Leute zu bringen; sie theilte es sogleich Jonathan durch Zeichen mit, Jonathan deutete es der Köchin an, als diese eben eine Schöpsenkeule klopfte; die Köchin verhandelte es nebst einigem Küchenschmalz dem Kutscher für einen Groschen, der Kutscher vertauschte es der Milchmagd gegen etwas, das ebenso viel werth war, und obgleich es nur auf dem Heuboden gezischelt wurde, fing Fama mit ihrer Messingtrompete es dennoch auf und ließ es laut von dem Giebel des Hauses erschallen. Genug, bald gab es im ganzen Dorfe und fünf Meilen in der Runde kein altes Weib, das nicht die Schwierigkeiten eingesehen hätte, mit welchem mein Onkel Toby bei seiner Belagerung zu kämpfen hatte, und nicht mit den geheimen Artikeln bekannt gewesen wäre, welche die Uebergabe verzögerten.

Mein Vater, dessen Art es war, jede natürliche Vorkommenheit in eine Hypothese zu zwängen, wodurch er die Wahrheit öfter ans Kreuz schlug als je ein Mensch vor ihm, – hatte eben erst von dem Gerüchte gehört, das über meinen Onkel Toby im Schwange war, und war über das Unrecht, das seinem Bruder dadurch angethan wurde, in Feuer und Flamme gerathen. Obgleich meine Mutter dabei saß, setzte er Yorick weitläufig auseinander, daß nicht nur der Teufel in allen Weibern stecke und die ganze Geschichte nichts als bloße Sinnenlust sei, sondern auch, daß alles Uebel und alle Verwirrung in der Welt, welcher Art sie immer sein möchten, von Adams Fall bis auf meines Onkels (inclusive), einzig und allein von dieser und nur von dieser ungeregelten Begierde herstamme.

Yorick wollte eben meines Vaters Behauptung etwas einschränken, als mein Onkel Toby mit unbeschreiblichem Wohlwollen im Blick und mit einer Miene so voller Vergebung in das Zimmer trat, daß meines Vaters Beredsamkeit dadurch von Neuem aufgestachelt wurde; und da er, wenn er zornig war, in der Wahl seiner Worte nicht sehr behutsam zu Werke zu gehen pflegte, so brach er, nachdem sich mein Onkel Toby kaum zum Kamin gesetzt und seine Pfeife gestopft hatte, in folgender Weise aus.

 Einhundertunddreiundneunzigstes Kapitel.

 

– Daß Vorsorge dafür getroffen sein muß, die Gattung eines so großen, erhabenen und gottähnlichen Wesens, wie der Mensch es ist, zu erhalten, – fällt mir nicht ein bestreiten zu wollen; aber die Philosophie spricht frei über Alles ihre Meinung aus, und deshalb ist es meine Ansicht und behaupte ich: es ist zu beklagen, daß dies vermittels einer Leidenschaft geschieht, welche die natürliche Kraft niederbeugt und die Weisheit, die Beschaulichkeit, die freie Thätigkeit der Seele hindert; vermittels einer Leidenschaft – meine Liebe, fuhr mein Vater gegen meine Mutter gewandt fort, welche weise Männer unter die Narren stellt und ihnen gleich macht, und es zuwege bringt, daß wir aus unseren Höhlen und Verstecken eher Satyrn und vierfüßigen Bestien als Menschen ähnlich hervorkommen.

Ich weiß wohl, sagte mein Vater (indem er sich der Prolepsis bediente), daß man sagen wird, die Sache sei an und für sich und natürlich genommen weder gut noch schlecht, weder zu tadeln noch sonst was, gerade wie Hunger, Durst oder Schlaf. – Weshalb sträubte sich denn das Zartgefühl eines Diogenes, eines Plato so sehr dagegen? und weshalb löschen wir denn, wenn wir einen Menschen in die Welt setzen, das Licht aus? und weswegen wird denn Alles, was damit in Verbindung steht, alle Zuthaten, Vorbereitungen, Werkzeuge u.s.w., als ungeeignet angesehen, einem reinen Geiste durch Wort, Uebersetzung oder Umschreibung mitgetheilt zu werden?

Die Handlung, einen Menschen aus der Welt zu bringen und zu tödten, fuhr mein Vater mit erhobener Stimme zu meinem Onkel Toby gewendet fort, – die Handlung sieht man als rühmlich an; die Waffen, durch welche es geschieht, sind ehrenvoll, wir tragen sie stolzirend auf unseren Schultern, wir hängen sie uns prahlend an die Seite, wir vergolden sie, – wir schmücken sie mit dem Grabstichel, wir legen sie aus, wir verzieren sie, ja, und wär' es nur eine verdammte Kanone, sie muß ihren Zierrath auf dem Rohre haben.

Mein Onkel Toby legte seine Pfeife hin, um für ein besseres Prädikat aufzutreten, und Yorick stand auf, um die ganze Hypothese in Trümmer zu schlagen –

als Obadiah in das Zimmer gelaufen kam und eine Klage vorbrachte, die dringlich war. Der Fall war folgender:

Nach altem Herkommen als Herr des Schlosses, oder als weltlicher Besitzer des großen Zehnten, war mein Vater verpflichtet, den Gemeindebullen zu halten; diesem hatte Obadiah eines oder des anderen Tages im vergangenen Sommer seine Kuh zugeführt – ich sage eines oder des anderen Tages, weil der Zufall wollte, daß es derselbe Tag war, wo Obadiah meines Vaters Stubenmädchen heirathete; so wurde der eine Tag immer nach dem anderen berechnet. Als daher Obadiahs Frau niederkam, so dankte Obadiah Gott –

Und nun, sagte Obadiah, werde ich bald ein Kalb kriegen. Er besuchte seine Kuh täglich.

– Sie wird Montag kalben – oder Dienstag – oder spätestens Mittwoch.

Die Kuh kalbte nicht; – nein, sie wird erst nächste Woche kalben; – die Kuh nahm sich erschrecklich viel Zeit; endlich am Ende der sechsten Woche stieg in Obadiah ein Verdacht gegen den Bullen auf.

Nun war die Gemeinde ziemlich groß, und, die Wahrheit zu gestehen, meines Vaters Bulle war der Aufgabe durchaus nicht gewachsen; er hatte sich aber einmal dem Geschäft unterzogen und machte die Sache mit einer so würdigen Miene, daß mein Vater eine große Meinung von ihm hatte.

– Fast alle Bauern glauben, Ew. Gnaden, daß der Bulle schuld ist, sagte Obadiah.

– Aber kann die Kuh nicht unfruchtbar sein? erwiederte mein Vater und wandte sich an Dr. Slop.

– Das kommt nicht vor, sagte dieser. Aber die Frau des Mannes kann vor der Zeit niedergekommen sein. Das ist leicht möglich. Sag' einmal, hat das Kind Haare auf dem Kopf? fragte Dr. Slop.

– Es ist so behaart wie ich, sagte Obadiah, – er hatte sich seit drei Wochen nicht rasirt. – Fi – u! machte mein Vater, indem er mit einem interjektionellen Pfiff anfing, – und so, Bruder Toby, hätte mein armer Bulle, der so gut wie irgend ein Bulle ist und der, mit zwei Beinen weniger, in einem unschuldigeren Zeitalter selbst der Europa genug gewesen sein würde, vor Gericht gezogen werden und seinen Ruf verlieren können, was für einen Gemeindebullen so viel wie das Leben selbst heißt, Bruder Toby.

– Gott im Himmel, sagte meine Mutter, was ist das nun wieder für eine Geschichte?

– Vom Hahnen und vom Bullen, sagte Yorick, und eine so gute, als ich je gehört habe.

 

Ende.

 
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