Die große eBook-Bibliothek der Weltliteratur




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Дата26.09.2012
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Siebenzehntes Kapitel.

 

Obgleich mein Vater, wie berichtet, nicht in der besten Laune nach Hause reiste, vielmehr den ganzen Weg brummte und fluchte, so war er doch so rücksichtsvoll, das Schlimmste von der Geschichte bei sich zu behalten, seinen Entschluß nämlich, sich so zu entschädigen, wie Onkel Toby's Klausel im Heirathskontrakt ihm dazu die Macht gegeben hatte. Das erfuhr meine Mutter erst in derselben Nacht, in der ich erzeugt wurde, also dreizehn Monate später, denn erst da ergriff mein Vater, der, wie man sich erinnern wird, etwas gereizt und ärgerlich geworden war, die Gelegenheit, ihr, als sie ruhig wieder neben einander im Bett lagen und von dem, was kommen konnte, sprachen, anzuzeigen, daß sie sich schon so gut wie möglich nach der Abmachung im Heirathskontrakte würde richten und also das nächste Kindbett auf dem Lande abhalten müssen, um die vorjährige Reise wieder gut zu machen.

Mein Vater besaß viele Tugenden, aber er hatte in seinem Temperamente eine starke Portion von dem, was man je nach den Umständen als Zuwachs oder Abbruch dieser Tugenden betrachten kann. In Beziehung auf etwas Gutes nennt man es Ausdauer, auf etwas Tadelnswerthes Eigensinn, und meine Mutter wußte das viel zu gut, als daß sie hätte meinen sollen, Gegenvorstellungen würden hier etwas verfangen; deshalb beschloß sie, ruhig zu bleiben und sich zu fügen.

 Achtzehntes Kapitel.

 

Da man in jener Nacht sich über den Punkt verständigt hatte, oder vielmehr: da es bestimmt worden war, daß meine Mutter ihre Niederkunft auf dem Lande abhalten solle, so traf sie danach ihre Maßregeln. Ohngefähr drei Tage nach Beginn ihrer Schwangerschaft fing sie an, die Hebamme, von der wir bereits öfter gesprochen haben, ins Auge zu fassen, und bevor eine Woche ins Land ging, hatte sie, da der berühmte Dr. Manningham nicht zu haben war, fest bei sich beschlossen – ohne Rücksicht darauf, daß acht Meilen von uns ein gelehrter Accoucheur wohnte, der sogar ein besonderes Buch (Preis 5 Sh.) über Geburtshülfe geschrieben hatte, in welchem nicht allein alle Mißgriffe der Schwesterschaft weitläufig dargelegt waren, sondern in welchem auch noch einige höchst interessante verbesserte Methoden zur Zutageförderung des Fötus bei Quergeburten und in einigen andern gefahrvollen Fällen, denen wir beim Geborenwerden ausgesetzt sind, Erwähnung gefunden hatten – trotz alle dem, sage ich, hatte meine Mutter also fest bei sich beschlossen, ihr und mein Leben dazu keiner Menschenseele anders als dem alten Weibe anzuvertrauen. Nun, das gefällt mir, wenn man nicht gerade das haben kann, was man wünscht, auch das Nächstbeste zu verschmähen! Nein, das ist über alle Beschreibung kleinlich. – Etwa eine Woche vor diesem Tage – den 9. März 1759 – wo ich zur Erbauung der Welt an diesem Buche schreibe, bemerkte meine liebe, liebe Jenny, daß ich zu ihrem Handel um ein seidnes Kleid (die Elle à 25 Sh.) ein wenig ernst aussah; sogleich versicherte sie dem Kaufmann, daß es ihr leid thäte, ihm so viele Mühe gemacht zu haben, und dann ging sie hin und kaufte sich ein ellenbreites Zeug zu 10 pences. Das ist ein Beispiel derselben Seelengröße; nur wurde der gebührende Ruhm in meiner Mutter Fall dadurch etwas beeinträchtigt, daß sie nicht im Stande war, einen so heldenmäßigen Entschluß ins Werk zu setzen, wie Jemand in ihrer Lage wohl gewünscht hätte, indem die alte Hebamme allerdings einigen Anspruch auf Vertrauen besaß, so viel wenigstens, als der Erfolg geben konnte; denn während einer fast zwanzigjährigen Praxis in unserm Kirchspiele hatte sie jeden Muttersohn unbeschädigt und ohne irgend einen Unfall, der ihr billigerweise hätte zur Last gelegt werden können, zur Welt befördert.

Obgleich dieser Umstand nun wohl ins Gewicht fiel, so verscheuchte er doch nicht alle Zweifel und Befürchtungen, die mein Vater hinsichtlich dieser Wahl hegte. Denn abgesehen von den Forderungen der Humanität und Gerechtigkeit, oder der Anreizungen der Gatten- und Vaterliebe, die allein schon ihn dazu antreiben mußten, in einem solchen Falle so wenig als möglich zu wagen, – fühlte er wohl, wie viel für ihn darauf ankäme, daß in dem vorliegenden Falle alles gut ginge, und was für Kummer und Sorge über ihn hereinbrechen würde, wenn bei dieser Niederkunft in Shandy-Hall seiner Frau oder dem Kinde irgend etwas zustoßen sollte. Er wußte, daß die Welt nur nach dem Erfolge urtheilt, und daß man, ginge es unglücklich, seinen Kummer dadurch noch vermehren würde, indem man ihm allein die ganze Schuld beimäße. – »Du liebe Zeit! hätte Mistreß Shandy (das arme Weib!) doch nur nach der Stadt reisen können, wenigstens um dort niederzukommen, wenn sie auch nicht lange dort geblieben wäre; sie wünschte es so sehnlich, auf den bloßen Knieen hat sie darum gefleht, und es war doch wahrhaftig keine so große Sache, um es ihr zu verweigern, noch dazu, wenn man bedenkt, was für ein schönes Vermögen sie Mr. Shandy zugebracht hat; die arme Frau und ihr Kindchen wären gewiß noch am Leben!« –

Auf solche Reden, das wußte mein Vater, gab es keine Erwiederung, – doch nicht blos der Wunsch sich zu schützen oder das Interesse für Frau und Kind machten ihn in diesem Punkte so besorgt, mein Vater sah die Dinge von einem höhern Gesichtspunkte an, er meinte verantwortlich für das allgemeine Beste zu sein, welches durch die irrthümliche Ausbeutung eines unglücklichen Zufalles leicht geschädigt werden konnte.

Er wußte sehr wohl, daß alle politischen Schriftsteller vom Anfang der Regierung Elisabeths an bis auf seine Zeit einstimmig darüber geklagt hatten, daß das Zuströmen von Menschen und Geld nach der Hauptstadt, durch allerhand frivole Ursachen veranlaßt, so überhand nähme, daß es unserer Freiheit gefährlich zu werden drohe; – doch »Zuströmen« war eigentlich nicht das Bild, dessen er sich zu bedienen pflegte, – seine Lieblingsmetapher war vielmehr »Congestion«, und er führte dieselbe bis zur vollkommenen Allegorie weiter, indem er anführte, daß es mit dem Volkskörper wie mit dem natürlichen Körper sei, wo, wenn das Blut und die Lebenssäfte schneller nach dem Kopfe getrieben würden, als sie ihren Weg von da wieder zurückfinden könnten, eine Stockung einträte, die in dem einen wie in dem andern Falle den Tod zur Folge haben müsse.

Damit hätte es wenig Gefahr, pflegte er zu sagen, daß wir unsere Freiheiten durch französische Politik oder französische Invasionen verlören, – auch vor dem Hinsiechen in Folge der mancherlei schlechten und verdorbenen Säfte, die sich in unserer Verfassung vorfänden, wäre ihm nicht bange; er hoffe, es sei damit nicht so arg, als man es mache; – aber das fürchte er wirklich, daß wir einmal plötzlich einem heftigen Anfall von Staatsapoplexie unterliegen möchten, und dann – pflegte er zu sagen – gnade Gott uns Allen!

Mein Vater konnte nie von diesem Krankheitszustande reden, ohne zugleich ein Mittel dagegen hinzuzufügen:

»Wenn ich ein absoluter Fürst wäre«, pflegte er zu sagen, und zog dabei, indem er sich von seinem Lehnstuhle erhob, die Hosen mit beiden Händen in die Höhe, – »so bestellte ich an jedem Thore meiner Hauptstadt fähige Richter, die jeden Hans Narren, der des Weges käme, nach seinem Geschäfte fragen müßten, und wenn ihnen dasselbe, nach ordentlicher und gewissenhafter Darlegung, nicht wichtig genug erschiene, um deshalb Haus und Hof zu verlassen und mit Sack und Pack, mit dem ganzen Schwanz von Weib, Kindern, Pächterssöhnen etc. etc. nach der Residenz zu kommen, so sollten mir diese Bursche alle zurückgeschickt werden, wie Vagabunden, die sie sind, von Konstabler zu Konstabler bis an ihren legitimen Wohnort. Auf diese Weise wollte ich dafür sorgen, daß meine Hauptstadt nicht durch ihre eigene Wucht ins Schwanken käme, daß der Kopf für den übrigen Körper nicht zu schwer würde, daß die Extremitäten, die jetzt verdorren und abmagern, ihr gehöriges Theil von der Ernährung erhielten und ihre natürliche Kraft und Schönheit wiedererlangten. Wahrhaftig, die Wiesen und Kornfelder in meinem Gebiete sollten lachen und singen, behagliches Leben und Gastlichkeit sollten wieder aufblühen, und solches Gewicht und solchen Einfluß wollte ich auf diese Weise in die Hand des Mittelstandes meines Königreiches legen, daß dadurch Alles wieder ersetzt werden sollte, was mein Adel, wie ich sehe, ihm jetzt nimmt.«

»Warum giebt es in so vielen herrlichen Provinzen Frankreichs«, fragte er dann wohl und schritt aufgeregt im Zimmer umher, »so wenig Paläste und Edelsitze? Woher kommt es, daß die einzelnen Schlösser, die man hie und da noch findet, so verfallen, verlassen, in einem so jämmerlichen und wüsten Zustande sind? Daher, Sir«, fuhr er fort, »weil in diesem Königreiche kein Mensch irgend ein Interesse an der Provinz nimmt, weil das bischen Interesse, welches sie haben, sich ganz und gar auf den Hof und auf die Blicke der großen Monarchen bezieht, in deren Sonnenschein oder bei deren Verfinsterung jeder Franzose lebt oder stirbt.« –

Ein anderer politischer Grund, welcher meinen Vater bestimmte, alle mögliche Vorsicht anzuwenden, damit die Niederkunft meiner Mutter auf dem Lande ohne den geringsten Unfall verliefe, war der, daß ein solcher Unfall dem schwächeren »Gefäße« der Landbevölkerung, sowohl seines Standes, wie auch höher hinauf, einen Zuwachs seiner ohnehin zu großen Macht verleihen möchte, welcher, erwäge man die vielerlei unrechtmäßigen Privilegien, welche sich dieser Theil der Gesellschaft stündlich anmaße, dem monarchischen Hausregimente, wie es Gott bei Erschaffung der Welt eingesetzt, zuletzt unheilvoll werden könne.

In diesem Punkte stimmte er durchaus mit Sir Robert Filmer überein, daß die größten Monarchien der östlichen Welt, Plan und Einrichtungen betreffend, ursprünglich dem bewunderungswürdigen Muster und Vorbilde dieser väterlichen und häuslichen Gewalt nachgebildet seien; seit einem Jahrhundert, oder länger, wäre dies, sagte er, nach und nach in eine Art gemischtes Regiment ausgeartet, eine Regierungsform, die auf große Massen angewandt allerdings wünschenswerth sei, auf kleine aber sich außerordentlich beschwerlich erwiese und, wie er sähe, nichts als Aerger und Verwirrung zu Tage fördere.

Aus allen diesen häuslichen und staatsmännischen Gründen zusammen war mein Vater jedenfalls für einen Accoucheur – meine Mutter jedenfalls für keinen. Mein Vater bat und beschwor sie, nur dieses einzige Mal von ihrem Vorrechte abzustehen und ihm zu erlauben, daß er für sie wähle; meine Mutter dagegen bestand auf ihrem Recht, für sich selbst zu wählen und keines andern Menschen Hülfe in Anspruch zu nehmen, als die des alten Weibes. Was sollte mein Vater thun? Zuletzt wußte er sich nicht mehr zu helfen; er schlug alle Tonarten an, stellte seine Beweisgründe in das verschiedenartigste Licht, besprach die Sache mit ihr als Christ, als Heide, als Gatte, als Vater, als Patriot, als Mann. Meine Mutter antwortete immer nur als Weib, was ihr allerdings ein bischen schwer wurde, denn da sie sich nicht hinter so viele Charaktere verschanzen und demgemäß ihre Sache verfechten konnte, so war es ein ungleicher Kampf – es war sieben gegen eins. Sie hatte aber den Vortheil (sonst wäre sie gewiß unterlegen), daß ihr die persönliche Kränkung, welche sie im Herzen fühlte, ein wenig zu Hülfe kam und sie in soweit unterstützte, daß sie ihre Sache mit gleichem Vortheil gegen meinen Vater auskämpfen konnte und schließlich beide Tedeum sangen. Kurz – meine Mutter blieb bei dem alten Weibe – dem Accoucheur aber sollte gestattet werden, im Hinterzimmer des Hauses mit meinem Vater und mit Onkel Toby eine Flasche Wein zu trinken, wofür ihm fünf Guineen einzuhändigen waren. –

Bevor ich dieses Kapitel zu Ende bringe, muß ich um die Erlaubniß bitten, meinem geschätzten Leser eine kleine Warnung insinuiren zu dürfen, – nämlich die: es wegen einiger zufälliger Redensarten ja nicht für ausgemacht zu halten, daß ich ein verheiratheter Mann sei. – Ich gebe zu, die zärtliche Benennung »meine liebe, liebe Jenny«, sowie einige Züge ehelicher Weisheit, die hie und da angebracht sind, hätten wohl den vorurtheilsfreisten Richter von der Welt bestimmen können, so gegen mich zu entscheiden. Alles, was ich in diesem Falle beanspruche, Madame, ist strenge Gerechtigkeit. Gewähren Sie sie mir, wie sich selbst; urtheilen Sie nicht, hegen sie keine vorgefaßte Meinung, bis Sie nicht besseres Zeugniß haben, als jetzt schon gegen mich vorgebracht werden könnte. Nicht daß ich etwa so eitel und unverständig wäre, Madame, und wünschte, Sie möchten »meine liebe, liebe Jenny« für meine Maitresse halten, – o nein! das hieße meinem Charakter wieder übermäßig schmeicheln, indem es ihm einen Anstrich von Ungenirtheit gäbe, auf den ich nicht den geringsten Anspruch habe. Ich behaupte nur, daß es Ihnen oder dem scharfsinnigsten Verstande auf Erden einige Bände hindurch unmöglich sein wird, zu errathen, wie die Sache steht. – Könnte nicht die liebe, liebe Jenny (die Benennung ist so zärtlich) mein Kind sein? – Rechnen Sie – ich bin im Jahre 18 geboren! Auch die Annahme wäre nichts weniger als unnatürlich und ausschweifend, daß meine liebe Jenny meine Freundin wäre. Freundin! Meine Freundin! – Sicherlich, Madame, Freundschaft zwischen beiden Geschlechtern kann bestehen, ohne daß – Oh! pfui, Mr. Shandy – ohne daß sie auf etwas Anderes sich gründe, als auf die zarte und wonnige Empfindung, die sich der Freundschaft zwischen verschiedenen Geschlechtern immer beimischt. – Ich bitte, lesen Sie nur die reinen und gefühlvollen Stellen der besten französischen Romane, und Sie werden gewiß erstaunt sein, Madame, wenn Sie sehen, mit welchem Reichthum keuschen Ausdrucks diese köstliche Empfindung, von der ich die Ehre hatte Ihnen zu sprechen, dort geschildert ist.

 Neunzehntes Kapitel.

 

Es würde mir weniger sauer werden, die schwerste mathematische Aufgabe zu lösen, als hinreichende Entschuldigungen dafür anzuführen, daß ein Mann von meines Vaters gesundem Menschenverstande, der, wie der Leser bereits bemerkt haben muß, sich für Philosophie interessirte und darin bewandert war, der in politischen Dingen ein vernünftiges Urtheil hatte und (wie man später sehen wird) auch in der Polemik seine Stelle ausfüllte, im Stande sein konnte, eine so ganz ungewöhnliche Schrulle zu hegen – eine Schrulle, bei der, wenn ich sie nenne, der Leser leichtlich das Buch hinwerfen wird, – d.h. wenn er etwas cholerischen Temperamentes ist; gehört er aber zu den Sanguinikern, so wird er wohl herzlich darüber lachen, und sollte er von ernster und melancholischer Gemüthsart sein, so wird er sie ohne weiteres als albern und ausschweifend verdammen: sie betraf nämlich die Wahl und Verleihung der Taufnamen, wovon seiner Meinung nach viel mehr abhinge, als oberflächliche Geister zu begreifen fähig wären.

Seine Ansicht von der Sache war, daß gute oder schlechte Namen, wie er sich ausdrückte, unserem Charakter und unserer Lebensführung eine unbegreifliche, unwiderstehliche Richtung gäben.

Der Held des Cervantes diskutirte nicht mit größerem Ernste, noch glaubte er fester an die Zauberkraft, die seine Thaten beschimpfte, noch wußte er mehr darüber oder über Dulcinea's Namen, der diesen Thaten Glanz verliehe, zu sagen, als mein Vater über die Namen Trismegistus und Archimedes oder über Michel und Simkin u.s.w. Wie viele Cäsar und Pompejus haben sich, pflegte er sich zu äußern, blos durch die Begeisterung, welche sie aus diesen Namen schöpften, auch dieser Namen würdig gemacht! und wie viele, fügte er dann hinzu, würden sich in der Welt durch treffliche Thaten ausgezeichnet haben, wären ihre Charaktere und ihre Lebensgeister nicht gänzlich unterdrückt und zermichelt worden.

Ich sehe es Ihnen am Gesichte an, Herr, pflegte mein Vater zu sagen, daß Sie meiner Meinung nicht beistimmen, und allerdings, fügte er hinzu, hat dieselbe für jeden, der der Sache nicht auf den Grund gegangen ist, eher den Anschein einer müßigen Laune als eines gesunden Urtheils. Aber, werthester Herr, wenn ich mir einbilden darf, Ihren Charakter zu kennen, so bin ich moralisch davon überzeugt, daß ich wenig dabei wagte, wenn ich Ihnen, nicht als Partei in diesem Streite, sondern als Richter in der Sache, einen Fall vortrüge und Ihnen die Entscheidung ganz nach Ihrem richtigen Gefühl und Ihrer ehrlichen Erkenntniß anheimstellte. Sie sind ein Mann, der von anerzogenen Vorurtheilen, an denen die Meisten kranken, frei ist; und – wenn ich mich unterstehen darf, Ihren Charakter weiter zu analysiren, von einer Hoheit der Gesinnung, die eine Ansicht nicht deshalb bekämpft, weil es ihr an Freunden fehlt. Ihr Sohn, Ihr geliebter Sohn, von dessen sanftem und offenem Naturell Sie so viel erwarten – Ihr Billy, Herr! würden Sie ihn um alles in der Welt Judas getauft haben? Würden Sie, werthgeschätztester Herr, und indem er dies sagte, legte er dem Andern leise die Hand auf die Brust und sprach in einem so sanften, unwiderstehlichen Piano, wie die Natur des argumentum ad hominem es durchaus verlangt – würden Sie, wenn ein Jude von Taufzeuge diesen Namen für Ihr Kind vorgeschlagen und Ihnen dabei seine Börse hingereicht hätte, in eine solche Entweihung eingewilligt haben? – O, mein Gott, sagte er dann mit einem Blick nach oben, ich kenne Ihr braves Gemüth, Herr, – Sie wären unfähig zu solcher That – Sie würden das Anerbieten mit Füßen getreten, Sie würden dem Versucher die Versuchung mit Abscheu an den Kopf geschleudert haben.

Die Großherzigkeit einer solchen Handlungsweise, welche ich bewundre, – die hochsinnige Verachtung des Geldes, welche Sie in dieser ganzen Angelegenheit bewiesen haben, sind wahrhaft edel; – aber das Edelste dabei ist das Princip, ist die Regung der Elternliebe, die sich auf die Wahrheit eben dieser Hypothese und auf die Ueberzeugung stützt, daß, wäre Ihr Sohn Judas getauft worden, der Gedanke der Niederträchtigkeit und des Verrathes, welcher unzertrennlich mit diesem Namen verbunden ist, ihn wie ein Schatten durch das Leben würde begleitet haben, bis er zuletzt, trotz all Ihrem guten Beispiele, Sir, einen Elenden und Schurken aus ihm gemacht hätte.

Ich habe Keinen gekannt, der diesem Argumente hätte widerstehen können. Und in der That, man muß es meinem Vater lassen, er war unwiderstehlich – im Reden, wie im Disputiren; er war ein geborener Redner, ein Teodidaktos. Ueberredung schwebte auf seinen Lippen, und die Grundstoffe der Logik und Rhetorik waren in ihm so innig zu eins verbunden, er hatte eine so scharfe Witterung für die Schwächen und Neigungen seines Gegners, daß Natur selbst hätte aufstehen und sagen können: »Dieser Mann besitzt Beredsamkeit«. Wahrlich, er mochte auf der schwachen oder starken Seite der Frage stehen, immer war es ein gefährliches Ding, mit ihm anzubinden, und doch hatte er, sonderbar genug, weder Cicero noch Quintilian de oratore, noch Isokrates, noch Aristoteles, noch Longinus von den Alten, – weder Vossius, noch Schoppius, noch Ramus, noch Farnaby von den Neuern gelesen; und – was noch bewunderungswürdiger – er hatte sich nie in seinem ganzen Leben, auch nicht durch die oberflächlichste Lecture des Crakenthorp oder Burgersdicius oder sonst eines holländischen Logikers noch Kommentators einen schwachen Begriff von den Spitzfindigkeiten der Redekunst zu verschaffen versucht: er wußte nicht einmal, worin der Unterschied zwischen einem argumentum ad ignorantiam und einem argumentum ad hominem bestünde, und noch wohl entsinne ich mich, wie sehr und mit Recht damals, als er mich in das Jesuskollegium nach ** brachte, mein Klassenlehrer und zwei oder drei Mitglieder des gelehrten Schullehrer-Kollegiums darüber erstaunten, daß ein Mann, der nicht einmal die Benennungen seines Handwerkszeugs kenne, so geschickt damit zu arbeiten verstehe.

Damit zu arbeiten, so gut er's nur vermochte, dazu freilich wurde mein Vater unaufhörlich gezwungen, denn er hatte tausend kleine Paradoxen der drolligsten Art zu vertheidigen, von denen ihm, wie ich vermuthe, die meisten als bloße Grillen und aus einer gewissen Lust an der Bagatelle aufstiegen; wenn er sich dann ein halbes Stündchen an ihnen belustigt und seinen Witz daran geschärft hatte, ließ er sie bis auf weiteres wieder laufen.

Ich erwähne dies nicht blos als eine Hypothese und Vermuthung über die Art und Weise, wie so manche sonderbare Ideen sich in meinem Vater festsetzten und wuchsen, sondern als eine Warnung für den gelehrten Leser gegen die Aufnahme solcher Gäste, die, nachdem sie eine Zeitlang freien und ungehinderten Einlaß in unser Gehirn gehabt haben, zuletzt eine Art Hausrecht in Anspruch nehmen; manchmal wirken sie nur wie Hefe, aber öfter fangen sie, wie die holde Liebe, im Scherz an und werden zu bitterem Ernste.

Ob dies bei den eigenthümlichen Ansichten meines Vaters der Fall war; ob sein Urtheil sich zuletzt von seinem Witze hatte irreleiten lassen; oder in wie weit er mit seinen immerhin sonderbaren Ansichten dennoch im Recht blieb, – das mag der Leser, wo sie ihm aufstoßen, entscheiden. Hier will ich nur so viel behaupten, daß es ihm mit der Ansicht über den Einfluß der Taufnamen, gleichviel wie er dazu gekommen, völliger Ernst war; darin blieb er sich gleich, darin war er systematisch, und wie alle Systematiker hätte er Himmel und Erde aufgeboten und was nur existirt gedreht und gedeutelt, um seine Hypothese aufrecht zu erhalten. Genug, ich wiederhole es noch einmal, damit war es ihm völliger Ernst, und deshalb konnte er alle Geduld verlieren, wenn er sah, daß Leute, besonders der besseren Klasse, die doch mehr Verständniß hätten haben sollen, so sorglos und gleichgültig, ja noch gleichgültiger bei der Namenswahl ihrer Kinder verfuhren, als ob es sich im »Ponto« oder »Cupido« für ihren Schooßhund gehandelt hätte.

Das, sagte er, wäre schlimm, aber um so schlimmer, als ein schlechter Name, wenn er einmal so thöricht und unbedacht gegeben sei, nicht wieder gut zu machen wäre, wie z.B. der Ruf eines Mannes, der, wenn er gleich beschmutzt werde, späterhin doch wieder gereinigt und vor der Welt rehabilitirt werden könne, sei's nun bei Lebzeiten des Mannes oder nach seinem Tode; jener Makel aber könne nun und nimmermehr hinweggenommen werden, er zweifle sogar, ob eine Parlamentsakte das vermöge. Er wüßte zwar so gut als Einer, daß die gesetzgebende Macht sich in Betreff der Familiennamen eine gewisse Gewalt anmaße; aber aus sehr triftigen Gründen, die er angeben könne, habe sie es sich doch, wie er zu sagen pflegte, noch nie beikommen lassen, einen Schritt weiter zu gehen.

Es ist begreiflich, daß mein Vater in Folge dieser Ansicht, wie ich das bereits mittheilte, für gewisse Namen eine ganz besondere Vorliebe, gegen andere eine ganz besondere Abneigung hatte; woneben es dann noch eine Menge Namen gab, die ihm weder schlecht noch gut dünkten und also durchaus gleichgültig waren. Zu dieser Klasse gehörten Hans, Tom und Dick; mein Vater nannte sie neutrale Namen und behauptete von ihnen (ohne Seitenhieb), daß sie seit Erschaffung der Welt von ebenso viel Lumpen und Narren, als von weisen und guten Männern geführt worden wären, so daß sich ihre Wirkungen gegenseitig aufhüben, wie gleiche Kräfte, die in entgegengesetzter Richtung gegen einander wirkten, weshalb es, wie er oft bezeugte, nicht der Mühe werth sei, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie man zwischen ihnen wählen sollte. Bob, der Name meines Bruders, gehörte ebenfalls zu dieser neutralen Art, die nach keiner Seite hin von Bedeutung war, und da mein Vater, gerade zu der Zeit, als derselbe gegeben wurde, auf einer Reise nach Epsom von Hause abwesend war, so pflegte er oftmals Gott zu danken, daß der Name wenigstens nicht schlechter ausgefallen wäre. Andreas war für ihn etwa, was eine negative Größe in der Algebra ist, – weniger als nichts. Wilhelm stand ihm ziemlich hoch, – Numps wieder sehr niedrig, und Nicolas, sagte er, wäre der Teufel.

Aber von allen Namen in der Welt war ihm keiner verhaßter als Tristram; von diesem hatte er die allerniedrigste und verächtlichste Meinung und hielt dafür, daß derselbe in rerum natura nichts hervorbringen könne, als was über alle Maßen gemein und verächtlich sei, so daß, wenn er über diesen Gegenstand in Streit gerieth, was, nebenbei gesagt, oft genug geschah, er wohl in einem plötzlichen und heftigen Epiphonema oder vielmehr einer Erotesis abbrach und, während er das Diapason seiner gewöhnlichen Redestimme um eine Terz oder gar eine volle Quinte in die Höhe schrob, seinen Gegner kategorisch fragte, ob er sich zu behaupten getraue, er erinnere sich eines Mannes, oder habe je von einem gelesen oder von einem gehört, der Tristram geheißen und der irgend etwas Großes oder Nennenswerthes vollbracht hätte. – »Nein«, pflegte er zu sagen, »Tristram! das ist unmöglich!« –

Was hätte da meinem Vater noch gefehlt, als ein Buch zu schreiben, um der Welt diese Ansicht mitzutheilen? Wenig nützt es dem spekulativen Kopfe, besondere Ansichten zu haben, wenn er ihnen nicht auch die gehörige Verbreitung giebt. Das that denn nun auch mein Vater; im Jahre 16, zwei Jahre vor meiner Geburt, war er damit beschäftigt, eine besondere Dissertation blos über das Wort »Tristram« zu schreiben, worin er der Welt mit großer Offenheit und Bescheidenheit die Gründe für seinen Abscheu gegen diesen Namen darlegte.

Vergleiche man nun, was ich jetzt erzählte, mit dem Titelblatte; wird dann der geneigte Leser meinen Vater nicht von ganzer Seele bedauern, wenn er sieht, wie einem achtbaren, wohlmeinenden Manne, von allerdings etwas sonderbaren, aber doch harmlosen Ansichten, so mitgespielt wird, – wenn er sieht, wie alle die kleinen Systeme und Wünsche dieses Mannes über den Haufen geworfen werden und wie eine ganze Reihe von Ereignissen fortwährend und auf so entscheidende und grausame Weise gegen ihn auftritt, als ob sie absichtlich ersonnen und gegen ihn gerichtet worden wären, um ihn in seinen Lieblingsideen zu kränken; wird es ihm nicht leid thun, wenn er diesen Mann betrachtet, der, alt und unfähig, sich gegen Mißgeschick zu schützen, zehnmal an jedem Tage Kummer leidet, – zehnmal des Tags das Kind seines Gebetes Tristram rufen muß! – Melancholisches Silbenpaar, das seinem Ohre gleichklang mit Nicompoop und jedem andern verabscheuungswürdigen Namen unter dem Himmel! Bei seiner Asche schwör' ich's! wenn jemals ein boshafter Dämon seine Lust daran hatte und sich damit befaßte, eines Sterblichen Absichten zu verkehren: – hier war's der Fall, und wenn es nicht nothwendig wäre, daß ich erst geboren werden müßte, um getauft zu werden, so sollte der Leser gleich hier das Nähere darüber erfahren.

 
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