Die große eBook-Bibliothek der Weltliteratur




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Sechsundfünfzigstes Kapitel.

Nun werfe man sich nicht in die Brust und meine, die Flüche, welche wir in diesem unserm Lande der Freiheit loslassen, wären unser Produkt. Bilde man sich doch nicht ein, daß wir deshalb, weil wir den Muth haben, sie zu fluchen, auch den Verstand gehabt hätten, sie zu erfinden.

Das will ich Jedermänniglich sofort beweisen, ausgenommen einem »Kenner«; nur mit einem solchen Kenner des Fluchens will ich nichts zu thun haben, wie ich mit Gemäldekennern u.s.w. nichts zu thun haben mag, denn diese ganze Art ist dermaßen mit Bummeln und Zierrathen behängt und umfetischt, oder – um meine Metapher fallen zu lassen, die, beiläufig gesagt, nicht viel werth ist, und die ich an der Küste von Guinea aufgelesen habe – ihre Köpfe, Sir, sind so mit Richtmaßen und Zirkeln vollgepfropft, und sie haben eine so unausgesetzte Neigung, diese an Alles anzulegen, daß ein geniales Werk lieber gleich zum Teufel fahren, als es darauf wagen sollte, von ihnen zu Tode gestichelt und gequält zu werden. – Und wie sprach Garrick gestern Abend seinen Monolog? – Ach, gegen alle Regel, Mylord, ganz gegen die Grammatik; Haupwort und Adjektiv, die in Zahl, Casus und Geschlecht doch übereinstimmen müssen, riß er so auseinander, machte dazwischen solche Pausen, als ob die Sache noch zweifelhaft wäre, und zwischen dem Nominativ, der, wie Ew. Herrlichkeit wissen werden, jedenfalls das Verbum regiert, hielt er im Epilog genau nach der Uhr wohl ein Dutzendmal die Stimme 3-33/5 Sekunden lang an. – Famoser Grammatiker! – Aber wurde durch diese Unterbrechung auch der Sinn der Rede unterbrochen? Füllte keine ausdrucksvolle Stellung oder Miene die Lücke aus? Sprach nicht sein Auge? Sahen Sie genau hin? – Ich sah auf meine Uhr, Mylord. – Famoser Beobachter!

Und was ist an dem neuen Buche, das so viel Aufsehen macht? – O! Mylord, ganz aus der Richte, ganz regelwidrig, windschief, kein Winkel recht. Ich hatte Richtmaß, Zirkeln. u.s.w. in der Tasche. – Famoser Kritiker!

Und was das Epos anbetrifft, das ich dem Wunsche Ew. Herrlichkeit zufolge durchgesehen habe, so maß ich es nach der Länge, Breite, Höhe und Tiefe und habe die Daten zu Hause nach Bossu's genauer Skala untersucht; durchweg über's Maß, Mylord, nach jeder Seite hin. – Bewunderungswürdiger Kenner!

Und haben Sie sich, als Sie nach Hause gingen, das große Gemälde angesehen? – 's ist eine erbärmliche Sudelei! Mylord! keine einzige Gruppe nach dem Princip der Pyramide, und was für ein Preis! Dabei keine Spur von Titianschem Kolorit, von Rubensschem Ausdruck, Rafaelischer Anmuth, nichts von der Reinheit des Domenichino, von dem Correggioartigen, was dem Correggio eigen ist, von Poussinscher Kunst der Komposition, Guido'scher Gestaltungskraft, keine Spur von dem Geschmacke der Carraccis oder den großen Kontouren eines Angelo.

Himmlische Gerechtigkeit! ist das nicht, um aus der Haut zu fahren? Von allem Wischiwaschi, das diese salbadernde Welt salbadert, möchte das Wischiwaschi der frommen Heuchler allerdings wohl das schändlichste sein, aber das lästigste ist das Wischiwaschi der Kritiker.

Fünfzig Meilen wollte ich zu Fuße gehen – denn zum Reiten fehlt mir's an einem Pferde, – um dem ehrlichen Manne die Hand zu küssen, dessen edelmüthiges Herz die Zügel seiner Einbildungskraft in die Hände seines Autors gäbe, und der sich von ihm erfreuen ließe, ohne zu wissen wie und ohne zu fragen warum.

Großer Apollo! wenn du zum Geben aufgelegt bist, so gieb mir – ich fordere nicht mehr – nur ein wenig natürlichen Humor, mit einem Fünkchen deines eigenen Feuers darin, und dann schicke den Merkur, wenn er abkommen kann, mit allen Richtmaßen und Zirkeln und mit meinen besten Empfehlungen obendrein zum – nun, du wirst schon selbst wissen.

Ich mache mich also verbindlich, Jedermänniglich zu beweisen, daß sämmtliche Flüche und Verwünschungen, welche in den letzten 250 Jahren als Originalflüche und Verwünschungen über die Welt losgelassen wurden, – mit Ausnahme von »bei St. Pauls Daumen«, und »Potz Fleisch« und »Potz Fisch«, welches königliche Flüche waren und als solche nicht ganz schlecht sind, denn bei königlichen Flüchen ist es ziemlich gleichgültig, ob sie Fisch oder Fleisch – ich sage also, daß es unter allen diesen keine Verwünschung oder wenigstens keinen einzigen Fluch giebt, der nicht tausendmal aus dem Ernulphus genommen und diesem nachgemacht wäre; aber, wie es beim Nachmachen immer geht, wie weit bleiben sie an Kraft und Schwung hinter dem Original zurück! – Gott verdamm' dich! das hält man für keinen übeln Fluch, und erklingt auch ganz passabel. Aber man halte ihn gegen Ernulphus: Gott Vater, der Allmächtige, verdamme dich. Gott der Sohn verdamme dich! Gott der heilige Geist verdamme dich! Das sieht Jeder, dagegen fällt er gewaltig ab.

In Ernulphus' Flüchen ist so etwas Orientalisches, zu dem wir uns nicht erheben können; außerdem ist Ernulphus reicher an Erfindung, er besitzt die Gaben eines Fluchers in viel höherm Maße, und hat dabei eine so gründliche Kenntniß des menschlichen Körpers, seiner Gliedmaßen, Nerven, Muskeln, Flechsen und Gelenke, daß, wenn er flucht, kein Theil desselben unbeachtet bleibt. – Es ist wahr, seine Art ist ein bischen herbe – es fehlt ihm, wie dem Michel Angelo, ein wenig an Anmuth, – aber dafür, welch ein großer Styl! –

Mein Vater, der in Allem anderer Meinung war als andre Leute, wollte trotzdem nicht zugeben, daß er Original sei. Er hielt Ernulphus' Bannfluch vielmehr für eine Art corpus maledictionis, in welchem Ernulphus zu einer Zeit, wo unter einem mildern Pontifikate das Verfluchen bereits in Verfall gekommen war, auf Befehl eines spätern Papstes mit großer Gelehrsamkeit und anerkennungswerthem Fleiße alle Fluchformeln gesammelt hätte, – wie ja auch Justinianus, zur Zeit als das römische Reich bereits zerfiel, seinem Kanzler Trebonian befahl, die römischen Civilgesetze im corpus juris oder den Pandekten zu sammeln, damit sie nicht etwa vom Zahn der Zeit zerstört würden und der Welt verloren gingen, indem sie der unsicheren Tradition allein überlassen blieben.

Deshalb, behauptete mein Vater, gäbe es keinen Fluch, von dem großen und furchtbaren Fluche Wilhelm des Eroberers (»Bei Gott's Herrlichkeit!«) an bis herab auf den allergemeinsten Gassenkehrerfluch (»Daß dir die Finger verdorren!«), der nicht in Ernulphus zu finden wäre. – Kurz, Den möchte ich sehen, pflegte er hinzuzusetzen, der besser fluchen könnte! –

Diese Hypothese ist, wie die meisten meines Vaters, eigenthümlich und geistreich, und ich habe nur das Eine dagegen einzuwenden, daß sie meine eigene über den Haufen wirft.

 Siebenundfünfzigstes Kapitel.

 

Um Gottes willen! meine arme Herrin wird gleich in Ohnmacht fallen, und die Wehen haben ausgesetzt, und die Flasche mit Mixtur ist zerbrochen, und die Pflegefrau hat sich den Arm zerschnitten – (und ich den Daumen, schrie Dr. Slop) – und das Kind ist noch, wo's war, fuhr Susanna fort, und die Hebamme ist rücklings auf die Kante vom Kamingitter gefallen und hat sich die Hüfte ganz schwarz geschlagen, so schwarz wie Ihr Hut. – Ich werde gleich nachsehen, sagte Dr. Slop. – Das ist nicht nöthig, erwiederte Susanna, sehen Sie lieber nach der Madame; aber die Hebamme will Ihnen erst sagen, wie die Sachen stehen, und läßt Sie hinauf bitten, um mit ihr zu sprechen.

Die menschliche Natur bleibt in allen Berufsarten dieselbe.

Dr. Slop hatte eben erst die Hebamme hinunterschlucken müssen – er hatte sie noch nicht verdaut. Nein, erwiederte er, es wird schicklicher sein, daß die Hebamme zu mir kommt. – Subordination muß sein, sagte Onkel Toby; was würde ohne sie aus der Besatzung von Gent geworden sein, als nach der Einschließung von Lisle im Jahre 10 wegen Mangel an Lebensmitteln der Aufruhr ausbrach. – Und was, erwiederte Dr. Slop, indem er meines Onkels Steckenpferdbemerkung parodirte, obgleich er das seine so gern wie jener ritt – und was würde bei diesem Aufruhr, in dieser Verwirrung, die jetzt hier herrscht, aus der Besatzung da oben werden, subordinirten sich meine Finger und Daumen nicht dieser †††, deren Anwendung bei meinem gegenwärtigen Unfall, Sir, so à propos kommt, daß ohne sie der Schnitt in meinem Daumen sicherlich so lange von der Shandy'schen Familie gefühlt werden würde, als die Familie Shandy überhaupt einen Namen trägt.

 Achtundfünfzigstes Kapitel.

 

Wir müssen auf die drei Kreuze (†††) im vorigen Kapitel zurückkommen.

Es ist ein eigenthümlicher Kunstgriff in der Beredsamkeit, (wenigstens war er's, als die Beredsamkeit in Athen und Rom blühte, und würd' es noch sein, wenn die Redner Mäntel trügen,) den Namen einer Sache nicht zu nennen, wenn man die Sache selbst bei sich – in petto – führt, und sie an der Stelle, wo sie genannt werden müßte, vorzeigen kann, also eine Narbe, eine Streitaxt, ein Schwert, ein zerstochenes Unterkleid, ein Häufchen Asche in einer Urne oder ein Töpfchen Salzgurken, vorzüglich aber ein zartes, königlich geschmücktes Kindlein, obgleich dasselbe, wenn es zu jung und die Rede so lang war wie Cicero's zweite Philippica, den Mantel des Redners besudelt haben wird; war es dagegen wieder zu groß, so läßt sich annehmen, daß es den Redner in seiner Bewegung wird gestört haben, und daß er, so viel er durch dieses Kind auf der einen Seite gewann, auf der andern wieder einbüßte. Anders freilich, wenn er's mit dem Alter des Kindes gerade glücklich zu treffen wußte, wenn er seinen Bambino so geschickt im Mantel verbarg, daß Niemand Witterung bekam, und ihn dann so gewandt herausholte, daß kein Mensch hätte sagen können, was er zuerst gesehen habe: Kopf oder Schultern – Oh! meine Herren, das hat Wunder gewirkt, hat die Schleußen geöffnet, die Köpfe verdreht, Grundsätze erschüttert und die Politik einer halben Welt aus den Angeln gehoben.

So etwas kann aber, wie gesagt, nur in solchen Staaten und zu solchen Zeiten geschehen, wo die Redner Mäntel tragen und zwar, meine vielgeliebten Brüder, recht weite, etwa aus zwanzig bis fünfundzwanzig Ellen superfeinem, preiswürdigem Purpurzeuge mit breitem Faltenwurf, solidem Unterfutter und im großen Styl. Woraus, mit Ew. Hochehrwürden Erlaubniß, klar hervorgeht, daß der Verfall der Beredsamkeit und die außerordentlich geringe Wirkung, welche sie zur Zeit sowohl privatim als öffentlich ausübt, sich von gar nichts Anderem herschreibt, als von den kurzen Röcken und von dem Mißbrauch der Beinkleider. – Darunter, Madame, kann man nichts verbergen, was des Zeigens werth wäre.

 Neunundfünfzigstes Kapitel.

 

Dr. Slop war fast in der glücklichen Lage, eine Ausnahme hiervon zu machen; denn als er anfing meinen Onkel Toby zu parodiren, hielt er seinen grünen Boysack auf seinen Knieen, und der konnte ihm wie der beste Mantel dienen. Kaum sah er also, daß sein Satz mit seiner neuerfundenen Geburtszange enden würde, so steckte er die Hand in den Sack, um sie da zeigen zu können, wo Ew. Hochehrwürden über die drei Kreuze (†††) den Kopf schüttelten, was, wenn es ihm geglückt wäre, meinen Onkel Toby sicherlich über den Haufen geworfen hätte; Satz und Sache wären so genau auf einem Punkte zusammengetroffen, wie die Schenkel des vorspringenden Winkels eines Ravelins; Dr. Slop hätte sie gehalten, und mein Onkel Toby würde eher daran gedacht haben fortzulaufen, als sie mit Gewalt zu nehmen. Aber leider zog Dr. Slop sie so erbärmlich und ungeschickt heraus, daß der ganze Effekt verloren ging, und was noch zehnmal unglücklicher war (denn selten im Leben kommt ein Unglück allein), beim Herausziehen der Zange kam die Klystierspritze mit zum Vorschein.

Wenn ein Satz so oder so verstanden werden kann, so gilt beim Disputiren die Regel, daß der Gegner den Sinn herausgreifen und beantworten darf, der ihm beliebt und den er am vortheilhaftesten für sich hält. Der Vortheil der Argumentation neigte sich ganz entschieden auf meines Onkel Toby's Seite. »Gott im Himmel«, rief er aus, »werden denn die Kinder mit der Klystierspritze zur Welt gebracht?«

 Sechzigstes Kapitel.

 

Auf Ehre, Sir, Sie haben mir mit Ihrer Zange von beiden Händen die Haut heruntergerissen, rief mein Onkel Toby, und haben mir alle meine Knöchel zu Brei gequetscht. – Daran sind Sie selbst schuld, sagte Dr. Slop; Sie hätten Ihre beiden Fäuste, wie ich Ihnen sagte, in Gestalt eines Kinderkopfes zusammenballen und ganz still sitzen sollen. – Das that ich, erwiederte mein Onkel Toby. – Dann müssen die Enden meiner Zange nicht gut umwickelt sein, oder das Charnier ist verdorben, oder der Schnitt in den Daumen hindert mich – oder es ist auch möglich – Nur gut, sagte mein Vater, indem er die Aufzählung dieser verschiedenen Möglichkeiten unterbrach, daß dieser erste Versuch nicht an meines Kindes Schädel gemacht worden ist. – Das würde gar nichts geschadet haben, antwortete Dr. Slop. – Ich bin überzeugt, sagte mein Onkel Toby, es hätte das cerebrum zerschmettert, (der Schädel müßte denn so hart wie eine Granate gewesen sein,) und alles wäre zu Brei gequetscht worden. – Pah! erwiederte Dr. Slop, eines Kindes Kopf ist von Natur so weich wie Apfelmus, die Nähte geben nach – und übrigens hätte ich es ja möglicherweise bei den Beinen herausgezogen. – Das können Sie nicht, sagte sie. – Ich wollte, Sie versuchten's auf die Art, sagte mein Vater.

Ja, bitte, setzte mein Onkel Toby hinzu.

 Einundsechzigstes Kapitel.

 

– Und wie kann Sie das so bestimmt behaupten, gute Frau, daß es nicht die Hüfte des Kindes, sondern der Kopf ist? – 's ist ganz bestimmt der Kopf, erwiederte die Hebamme. Denn, fuhr Dr. Slop zu meinem Vater gewendet fort, so sicher diese alten Weiber auch immer Alles wissen, so ist das doch sehr schwer zu erkennen, und trotzdem ist es von der größten Wichtigkeit, daß es richtig erkannt werde, weil, wenn man die Hüfte für den Kopf hält, es leicht kommen kann (nämlich wenn's ein Junge ist), daß die Zange *****

– Hier sagte Dr. Slop erst meinem Vater, dann meinem Onkel Toby leise etwas ins Ohr. Mit dem Kopfe, fuhr er dann fort, hat es diese Gefahr nicht. – Allerdings nicht, sagte mein Vater, aber wenn das Unglück an der Hüfte geschähe, so könnten Sie ebenso gut den Kopf nur auch noch abreißen.

– Es ist eine moralische Unmöglichkeit, daß der Leser dies verstehen sollte, indessen Dr. Slop verstand es; er nahm seinen grünen Boysack in die Hand und trippelte in Obadiahs Hosen, rasch genug für einen Mann von seiner Gestalt, durch das Zimmer hin nach der Thür, von wo ihm dann die alte Hebamme den Weg zu meiner Mutter Zimmer wies.

 Zweiundsechzigstes Kapitel.

 

»Alles in Allem sind's zwei Stunden zehn Minuten«, rief mein Vater und sah nach der Uhr, »seitdem Dr. Slop und Obadiah angekommen sind, aber ich weiß nicht, wie's zugeht, Bruder Toby, mir scheint's eine Ewigkeit!«

Hier, Sir, bitte ich, nehmen Sie meine Kappe sammt dem Glöckchen, das daran hängt, und die Pantoffeln auch. –

Es steht Alles zu Ihren Diensten, Sir; ich mache Ihnen ein Geschenk damit, aber unter der Bedingung, daß Sie jetzt recht Achtung geben.

Obgleich mein Vater sagte: »er wüßte nicht, wie es zugehe«, so wußte er es sehr gut, und in demselben Augenblicke, wo er es sagte, hatte er bereits bei sich beschlossen, meinem Onkel Toby die Sache durch eine metaphysische Abhandlung über die Zeitdauer und ihre Bestandtheile klar zu machen, um ihm zu zeigen, durch welchen Mechanismus und Messungsmodus im Gehirn es gekommen sei, daß die schnelle Aufeinanderfolge ihrer Gedanken seit Dr. Slops Eintritt, und das fortwährende Springen der Unterhaltung von einem Gegenstande zum andern, eine verhältnißmäßig so kurze Zeit über alle Begriffe ausgedehnt habe.

Ich weiß nicht, wie es zugeht, rief mein Vater, aber mir scheint's eine Ewigkeit!

Das kommt einzig und allein, sagte mein Onkel Toby, von der Aufeinanderfolge der Ideen.

Mein Vater, der wie alle Philosophen den Tick hatte, über Alles, was ihm aufstieß, seine tiefsinnigen Gedanken zu äußern, und der sich gerade von diesem Thema »über die Aufeinanderfolge der Ideen« ein unendliches Vergnügen versprochen hatte, war nicht im Geringsten darauf vorbereitet, daß mein Onkel Toby (diese ehrliche Seele), der, was ihm begegnete, ruhig gehen ließ, dieses Thema ihm aus der Hand nehmen würde. Denn es gab wohl nichts in der Welt, womit mein Onkel sein Gehirn weniger zu plagen pflegte als mit abstrusem Denken; die Begriffe von Zeit und Raum, – oder woher uns diese Begriffe gekommen seien, – oder welchen Inhalt sie hätten, – oder ob sie uns angeboren wären, – oder ob wir sie später gefaßt hätten, – ob im Kinderkleide oder in der toga virilis, d.h. in der Mannshose – nebst tausend andern Fragen und Streitfragen über Unendlichkeit, Vorbestimmung, Freiheit, Nothwendigkeit u.s.w., über welche verzweifelte und unlösbare Theoreme schon so viele feine Köpfe sich verwirrt haben und zu Grunde gegangen sind, alles das machte meinem Onkel Toby nicht die geringste Sorge; mein Vater wußte das und war deshalb über meines Onkels zufällige Lösung ebenso erstaunt, als er unangenehm davon berührt war.

Verstehst Du auch, wie das zugeht? erwiederte mein Vater.

Nicht im Geringsten, sagte mein Onkel Toby.

Aber Du mußt Dir doch irgend etwas dabei denken? frug mein Vater.

Nicht mehr, erwiederte mein Onkel Toby, als mein Gaul.

Allmächtiger Gott! rief mein Vater und sah dabei gen Himmel, indem er die Hände zusammenschlug, Deine offen bekannte Unwissenheit hat so etwas Würdevolles, Bruder Toby, daß es Einem fast leid thut, sie durch bessere Einsicht zu verdrängen. Aber laß Dir sagen.

Um richtig zu begreifen, was Zeit ist, da wir sonst nicht begreifen können, was Ewigkeit ist, indem die eine nur einen Theil der andern ausmacht, müssen wir ernstlich in Betracht ziehen, was für einen Begriff wir von der Dauer haben, so daß wir genügende Rechenschaft davon geben können, wie wir zu diesem Begriffe gekommen sind. – Wozu hilft das? fragte mein Onkel Toby.1 »Denn wenn Du«, fuhr mein Vater fort, »den Blick auf Deinen Geist richtest, und genau Acht giebst, so wirst Du bemerken, Bruder, daß, während wir, ich und Du, mit einander plaudern und denken und unsere Pfeife rauchen, oder nach einander Vorstellungen in unsern Geist aufnehmen, wir das Bewußtsein haben, daß wir sind; und so gilt uns die Existenz oder Fortexistenz unseres Selbst oder jedes anderen Dinges, gemessen an der Aufeinanderfolge der Ideen in unserm Geiste, als die Dauer unseres Selbst oder jedes anderen mit unserm Denken koexistirenden Dinges« – Du machst mich ganz verwirrt, rief mein Onkel Toby.

Aber wir haben uns leider so daran gewöhnt, fuhr mein Vater fort, die Zeit nach Minuten, Stunden, Wochen und Monaten und vermittels der Uhren (ich wollt', es gäbe im ganzen Lande keine) zu messen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach die Aufeinanderfolge unserer Ideen in künftiger Zeit von gar keinem Nutzen oder Betracht mehr für uns sein wird.

In dem Kopfe jedes gesunden Menschen, fuhr mein Vater fort, findet auf die eine oder andere Weise, mag nun der Betreffende sich dessen bewußt werden oder nicht, eine regelmäßige Folge von Ideen statt, von denen immer die eine die andere ablöst, wie – Wie eine Schildwache? sagte mein Onkel Toby. – Wie ein Nachtwächter! rief mein Vater; – von denen immer die eine die andere ablöst und ihr folgt, wie die Bilder in einer Zauberlaterne, die von der Hitze des brennenden Lichtes in Bewegung gesetzt werden. – Mein Kopf ist wie ein Rauchfang, sagte mein Onkel Toby. – Dann, Bruder Toby, habe ich nichts mehr zu sagen, schloß mein Vater.

 Fußnoten

 

1 Siehe Locke.

 

 
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