Die große eBook-Bibliothek der Weltliteratur




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Vierzigstes Kapitel.

 

– als Korporal Trim mit dem Stevenius ins Zimmer platzte. Aber es war zu spät; – dieser Gegenstand der Unterhaltung war unterdessen erschöpft worden, und dieselbe ging jetzt in einer andern Richtung weiter.

Du kannst das Buch wieder nach Hause tragen, Trim, sagte mein Onkel zu ihm und nickte mit dem Kopfe.

Aber eh Ihr das thut, Korporal, sagte mein Vater neckisch, guckt doch einmal hinein und seht, ob Ihr darin nicht etwas von einem Segelwagen findet.

Korporal Trim hatte im Dienste gehorchen gelernt; er widersprach nie – also breitete er das Buch auf einem Nebentische aus und schlug Blatt für Blatt um. Ich kann nichts finden, Ew. Gnaden, sagte Trim; aber, fuhr er, gleichfalls etwas neckisch, fort, mit Ew. Gnaden Verlaub wollen wir ganz sicher gehn. Damit faßte er das Buch bei beiden Deckeln, einen in jeder Hand, so daß die Blätter nach unten hingen, und schüttelte es tüchtig.

Da ist doch was herausgefallen, Ew. Gnaden, sagte Trim; – aber's ist kein Wagen, oder so was dergleichen.

Was ist's denn sonst, Korporal? sagte mein Vater lächelnd. – Ich glaube, sagte Trim und nahm es auf, 's ist eher eine Predigt, – denn es fängt mit einem Spruche aus der Bibel an und Kapitel und Vers stehen auch dabei – und so geht's weiter, aber nicht wie ein Wagen, sondern wie 'ne Predigt.

Die Gesellschaft lachte.

Ich begreife nicht, wie das möglich ist, sagte mein Onkel Toby, daß so etwas wie eine Predigt in den Stevenius kommt.

Ich glaube, 's ist 'ne Predigt, erwiederte Trim; aber – da die Handschrift gut ist, so will ich eine Seite davon vorlesen, wenn's Ew. Gnaden erlauben; – man muß nämlich wissen, daß Trim sich ebenso gern lesen als sprechen hörte.

Es ist immer eine besondere Neigung von mir gewesen, sagte mein Vater, etwas, das mir so ganz unerwartet und durch Zufall in den Weg kam, genauer anzusehen; und da wir – wenigstens bis Obadiah zurück ist – nichts Besseres zu thun haben, so könntest du, Bruder, dem Korporal wohl befehlen (Dr. Slop hat sicherlich nichts dagegen), uns ein paar Seiten daraus vorzulesen, vorausgesetzt, daß er die Fähigkeit dazu besitzt, wie er den guten Willen zu haben scheint. – Mit Ew. Gnaden Verlaub, sagte Trim, ich habe während zweier Campagnen in Flandern die Stelle eines Küsters bei dem Kaplan des Regimentes versehen. – Er wird es so gut lesen als ich selber, sagte mein Onkel Toby. In meiner ganzen Kompagnie war Keiner, der besser zu lesen und zu schreiben verstand als er, und wäre dem armen Burschen nicht das Unglück zugestoßen, so wäre ihm die nächste Feldwebelstelle gewiß gewesen. Korporal Trim legte die Hand auf's Herz und verbeugte sich tief vor seinem Herrn; dann stellte er seinen Hut auf den Fußboden und schritt, die Predigt in der linken Hand, damit er die rechte frei hätte, furchtlos bis in die Mitte des Zimmers vor, wo er am besten sehen und von seinen Zuhörern gesehen werden konnte.

 Einundvierzigstes Kapitel.

 

Sie haben doch nichts dagegen? – sagte mein Vater, indem er sich zu Dr. Slop wandte. – Nicht das Geringste, erwiederte Dr. Slop; denn wir können ja nicht wissen, auf welcher Seite der Verfasser steht; es kann ebenso gut die Predigt eines Geistlichen unserer als Ihrer Kirche sein; also wagen wir beiderseits dasselbe. – Er steht auf gar keiner Seite, sagte Trim, er spricht, mit Ew. Gnaden Verlaub, blos vom Gewissen.

Trims Argument erregte die Heiterkeit seiner Zuhörerschaft, nur Dr. Slop drehte sich nach ihm um und sah ihn etwas ärgerlich an.

Fangt an, Trim, und lest deutlich, sagte mein Vater. Das will ich mit Ew. Gnaden Verlaub, erwiederte der Korporal, indem er sich verbeugte und Aufmerksamkeit heischend eine kleine Bewegung mit der rechten Hand machte.

 Zweiundvierzigstes Kapitel.

 

Aber ehe der Korporal anfängt, muß ich Euch beschreiben, wie er dastand; sonst möchte Eure Phantasie ihn Euch leicht in einer höchst unbequemen Stellung vormalen, – steif, senkrecht, das Gewicht des Körpers gleichmäßig auf beide Beine vertheilt, das Auge unbeweglich wie im Dienste, die Miene entschlossen, die linke Hand die Predigt fest anpackend, wie eine Muskete. – Mit einem Worte, Ihr wäret im Stande und stelltet Euch den Korporal Trim so vor, als ob er, bereit zum Angriffe, vor seinem Peloton stände. – Nichts wäre falscher.

Er stand vor seinen Zuhörern, den Körper gerade so weit vorgebeugt, daß er mit der horizontalen Fläche einen Winkel von 851/2° bildete, welches, wie alle tüchtigen Redner, auf die ich mich hier berufe, wissen werden, der wahre Ueberredungswinkel ist; allerdings kann man auch in einem andern Winkel Reden halten und predigen, – aber mit welchem Erfolg? – das mag dahin gestellt bleiben.

Zeigt uns nun nicht die Nothwendigkeit gerade dieses genau gemessenen Winkels von 851/2°, wie die Künste und Wissenschaften sich gegenseitig fördern und stützen? Doch das nebenbei.

Wie in aller Welt aber Korporal Trim, der keinen spitzen Winkel von einem stumpfen unterscheiden konnte, dazu kam, das Ding so genau zu treffen; ob es Zufall, Anlage, richtiges Gefühl, Nachahmungstrieb oder was es sonst war, das soll in dem Theil der Encyklopädie der Künste und Wissenschaften abgehandelt werden, wo von den Hülfsmitteln der Beredsamkeit in Beziehung auf Senat, Kanzel, Gerichtshof, Kaffeehaus, Schlafzimmer und Kamin die Rede sein wird.

Er stand also da – denn ich muß das wiederholen, um sein ganzes Bild auf einmal zu geben – mit leicht vorgebeugtem Körper, sein rechtes Bein, auf dem 7/8 seines ganzen Gewichts ruhte, fest unter sich gesetzt, den Fuß des linken, dessen Schwäche seiner Stellung nicht schadete, etwas vorgeschoben, nicht seitwärts, nicht geradeaus, vielmehr etwas zwischen beiden; das Knie gebogen, aber leicht, so daß es den Anforderungen der Schönheit, und wie ich hinzusetzen muß, zugleich denen der Wissenschaft entsprach; denn es ist hierbei in Betracht zu ziehen, daß es ein Achtel seines Körpers zu tragen hatte, wodurch die Stellung des Beines bestimmt war, indem der Fuß nicht weiter vorgeschoben und das Knie nicht mehr gebogen sein durfte, als nöthig, um den achten Theil seines Körpergewichtes zu tragen und zu stützen.

Ich empfehle Vorstehendes der Aufmerksamkeit der Maler und – brauche ich es hinzuzusetzen? – der Redner. Kaum nöthig, – denn wenn Letztere diese Regel außer Acht ließen, so könnten sie gewärtig sein, auf die Nase zu fallen.

So viel über Korporal Trims Körper und Beine. Er hielt die Predigt leicht – nicht nachlässig – in seiner Linken, etwas über der Magengegend und ein wenig von der Brust ab; sein rechter Arm hieng ungezwungen und natürlich, wie das Gesetz der Schwere es verlangt, an der Seite herab, und die Hand desselben war geöffnet und seinen Zuhörern zugewandt, um mit ihr, wo es nöthig war, dem Gefühle Nachdruck zu geben.

Korporal Trims Augen und Gesichtsmuskeln waren mit allen seinen übrigen Gliedmaßen in vollkommener Uebereinstimmung; sie hatten einen offenen, ungezwungenen, fast sichern Ausdruck, der doch nicht im Geringsten an Dreistigkeit gränzte.

Möge kein Kritiker etwa fragen, wie Korporal Trim zu alledem kam; – ich habe schon oben gesagt, daß das erklärt werden wird. Genug – so stand er vor meinem Vater, meinem Onkel Toby und vor Dr. Slop, in so sicherer Haltung, die Beine so frei, in der ganzen Gestalt einen so oratorischen Schwung, daß man ihn zum Modell hätte nehmen mögen. Wahrhaftig ich zweifle, ob es ein Kandidat der Theologie, ja ob es ein Konsistorialrath besser hätte machen können.

Trim verbeugte sich und las wie folgt.

 

Predigt.

Ebräer XIII. 18.

 

»Denn wir getrösten uns deß, daß wir ein gutes Gewissen haben!«

Getrösten! – »Wir getrösten uns deß, daß wir ein gutes Gewissen haben!!«

Wahrhaftig, Trim, unterbrach ihn hier mein Vater, die Art, wie Ihr diesen Spruch vortragt, ist sehr unpassend; Ihr rümpft die Nase, Mann, und lest mit einem so spöttischen Tone, als ob sich der Prediger über den Apostel lustig machen wollte!

Das will er auch, mit Ew. Gnaden Verlaub, erwiederte Trim. – Pah! sagte mein Vater lächelnd.

Sir, fiel Dr. Slop ein, Trim hat gewiß ganz Recht; denn der Verfasser (der, wie ich sehe, Protestant ist) wird sich sicherlich lustig über ihn machen, das sieht man aus der Art, wie er den Text zerreißt, – wenn dies Zerreißen nicht schon an und für sich eine Beleidigung ist. – Aber woraus schließen Sie denn jetzt schon, erwiederte mein Vater, daß der Verfasser zu unserer Kirche gehört? Ich kann bis jetzt nicht erkennen, ob er irgend einer Kirche angehört. – Wär's einer der Unsern, antwortete Dr. Slop, so würde er das nicht wagen, ebenso wenig als er wagen würde, einen Bären beim Bart zu fassen. Ja, Sir, wer in unserer Kirche einen Apostel, einen Heiligen oder nur das Schwarze unter dem Nagel eines Heiligen beschimpfen wollte, dem würden die Augen ausgekratzt werden. – Wie so? von dem Heiligen? fragte mein Onkel Toby. Nein, erwiederte Dr. Slop, der hätte ein altes Haus über sich. – Sagen Sie doch, entgegnete mein Onkel Toby, ist die Inquisition ein altes Gebäude oder ist sie im neuern Geschmack gebaut? – Ich verstehe mich nicht auf Architektur, erwiederte Dr. Slop. – Mit Ew. Gnaden Verlaub, sagte Trim, die Inquisition ist das niederträchtigste – Bitte, verschont uns mit Eurer Beschreibung, Trim, sagte mein Vater, mir ist die Inquisition so verhaßt, daß ich nicht einmal ihren Namen hören mag. – Ohne Grund – antwortete Dr. Slop, – sie hat ihren Nutzen; denn wenn ich sie auch nicht überall vertheidigen will, aber diesen hier würde sie bald mores lehren, und so viel kann ich ihm sagen, wenn er's so weiter treibt, würde sie ihn bald fassen, daß er's fühlen sollte. – Dann sei ihm Gott gnädig, sagte mein Onkel Toby. – Amen, setzte Trim hinzu; denn, Gott weiß! ich habe einen armen Bruder, der seit vierzehn Jahren in ihren Gefängnissen liegt. – Das höre ich ja zum ersten Mal, sagte mein Onkel Toby; wie kam er dazu, Trim? – O Herr, die Geschichte würde Ihnen das Herz zerreißen, wie sie mir's tausendmal zerrissen hat, – aber 's ist zu weitläufig, es jetzt zu erzählen; Ew. Gnaden sollen's nächstens von Anfang bis zu Ende hören, wenn ich unter Ew. Gnaden Augen an unsern Befestigungen arbeite. Ganz kurz aber ist die Geschichte so: mein Bruder Tom ging als Diener nach Lissabon und heirathete dort eine Judenwittwe, die einen kleinen Wurstladen hatte, und das wurde denn, so oder so, die Veranlassung, daß man ihn mitten in der Nacht aus seinem Bett holte, worin er mit seinem Weibe und zwei kleinen Kindern lag, und ihn geraden Wegs nach der Inquisition brachte, wo der arme ehrliche Junge, Gott sei ihm gnädig! (hier stieß Trim aus tiefstem Herzensgrunde einen Seufzer aus) bis zu dieser Stunde gefangen liegt. Er war, fügte Trim hinzu, indem er sein Schnupftuch hervorzog, eine so ehrliche Seele, wie's nur je eine auf Gottes Erdboden gab.

Die Thränen liefen Trim so schnell über die Backen, daß er sie kaum abwischen konnte. Im Zimmer war es einige Minuten lang todtenstill – der sicherste Beweis des Mitgefühls.

Laßt gut sein, Trim, sagte mein Vater, sobald er sah, daß des armen Burschen Schmerz sich etwas legte, – lest weiter und schlagt Euch die traurige Geschichte aus dem Sinn; es thut mir leid, daß ich Euch unterbrach; fangt, ich bitte, die Predigt noch einmal von vorn an, denn wenn der Text wirklich bespöttelt werden soll, wie Ihr sagt, so bin ich doch sehr begierig zu erfahren, wie der Apostel Veranlassung dazu gegeben hat.

Korporal Trim trocknete sich das Gesicht, steckte sein Schnupftuch wieder ein, wobei er sich zugleich verbeugte, und fing zum zweiten Male an:

 

Predigt.

Ebräer XIII. 18.

 

»Denn wir getrösten uns deß, daß wir ein gutes Gewissen haben.«

Getrösten! – Wir getrösten uns deß, daß wir ein gutes Gewissen haben!! – Sicherlich, wenn es etwas im Leben giebt, worauf sich der Mensch verlassen und in dessen Erkenntniß er bis zur unleugbarsten Gewißheit gelangen kann, so ist es das, ob er ein gutes Gewissen hat, oder nicht.

(Ich wette meinen Kopf, ich habe Recht, sagte Dr. Slop.)

Ein Mensch, der überhaupt denkt, kann darüber nicht im Unklaren bleiben: er muß seine eigenen Gedanken und Wünsche kennen, er muß sich dessen, was er gethan, erinnern und sich der wahren Absichten und Beweggründe bewußt sein, die die Handlungen seines Lebens leiteten.

(Ich widerspreche – ich nehm's ganz allein mit ihm auf, sagte Dr. Slop.)

In allen andern Dingen kann er sich von dem falschen Scheine trügen lassen, denn wie der Weise klagt: »Wir rathen herum an den Dingen dieser Erde, und finden mit Mühe, was vor uns liegt.« Aber hier trägt der Geist das Zeugniß und die Thatsache in sich selbst, er ist sich bewußt des Gewebes, das er selbst gewoben, kennt Kette und Einschlag, kennt die Feinheit desselben, sowie den genauen Antheil, welchen jede Leidenschaft daran nahm, die verschiedenen Muster einzuwirken, welche Tugend oder Laster vorzeichneten.

(Die Sprache ist gut, und Trim liest vortrefflich, das muß ich gestehen, sagte mein Vater.)

Da demnach das Gewissen nichts Anderes ist als dieses Bewußtsein, welches der Geist in sich selbst trägt, nichts Anderes als das billigende oder strafende Urtheil, welches er über die Handlungen unseres Lebens, so wie sie geschehen, unvermeidlich fällen muß, so ist es, werdet Ihr sagen, nach diesen Voraussetzungen einleuchtend, daß derjenige, gegen den dies innere Zeugniß ausfällt, der sich also selbst anklagt, nothwendigerweise schuldig sein muß, – anderseits aber, daß es für denjenigen, der sich ein gutes Zeugniß geben kann und den sein Herz nicht verdammt, keine Sache des »Sichgetröstens« (wie der Apostel sagt), sondern eine Sache der Gewißheit, eine Thatsache ist, daß er ein gutes Gewissen hat und demzufolge ein guter Mensch sein muß.

(So hat also natürlich der Apostel Unrecht und der protestantische Pastor Recht, sagte Dr. Slop. – Haben Sie doch Geduld, Sir, erwiederte mein Vater; ich meine, es wird sich bald herausstellen, daß der h. Paulus und der protestantische Pastor einer und derselben Meinung sind. – Ohngefähr so, wie Ost und West dasselbe sind; aber – fuhr er fort und hob dabei beide Hände in die Höhe – das kommt von der Freiheit der Presse.

Höchstens, erwiederte mein Onkel Toby, von der Freiheit der Kanzel, denn es scheint nicht, daß die Predigt gedruckt ist, oder überhaupt gedruckt werden wird.

Fahrt fort, Trim, sagte mein Vater.)

Auf den ersten Anblick könnte es scheinen, als wäre dem wirklich so: unzweifelhaft ist die Erkenntniß dessen, was gut und was böse ist, dem menschlichen Geiste tief eingeprägt, und käme es nicht vor, daß das Gewissen eines Menschen (wie die Schrift selbst bezeugt) sich nach und nach durch die Sünde verhärtete, daß es, gleich manchen zarten Theilen unseres Körpers, durch rauhe Berührung und fortgesetzte Mißhandlung jenes zarte Gefühl und jene Empfindlichkeit verlöre, womit Gott und Natur es begabt haben; oder wäre es gewiß, daß Eigenliebe unser Urtheil nie irreleitete, oder daß die kleinen und niederen Interessen nie aufständen, unsere höheren Geistesfähigkeiten störten und sie in Nebel und dichte Finsterniß hüllten, – wäre Allem, was sich Gunst und Neigung nennt, der Zugang zu diesem heiligen Gerichtshofe versagt, verschmähten wir es dort, uns bestechen zu lassen, oder schämten wir uns, als Advokaten eines Genusses aufzutreten, der sich nicht vertheidigen läßt; wären wir endlich sicher, daß das eigene Interesse während der Verhandlung unberücksichtigt bliebe, daß Leidenschaft sich nie auf den Richterstuhl setzte und statt der Vernunft, die in allen Sachen den Vorsitz haben und entscheiden sollte, den Spruch fällte, – wäre dem Allen so, wie wir eben angenommen haben: – dann möchte der religiöse und moralische Zustand jedes Menschen allerdings so sein, wie er ihn selbst ansieht, und die Schuld oder Schuldlosigkeit eines Jeden könnte im Allgemeinen nicht besser erkannt werden, als nach dem Maße seiner Selbstbilligung oder seiner Selbstverdammung.

Klagt das Gewissen eines Menschen ihn an, so gebe ich zu, daß er schuldig ist, denn nach dieser Seite hin irrt er selten; sind dann nicht etwa Hypochondrie und Schwermuth dabei im Spiele, so können wir mit Sicherheit annehmen, daß hinreichender Grund zur Anklage vorhanden ist.

Aber die entgegengesetzte Annahme würde sich nicht als richtig bewähren, die nämlich, daß das Gewissen auch überall da, wo Schuld vorhanden ist, zum Ankläger werden muß, und daß also der, dessen Gewissen ihn nicht anklagt, deswegen ohne Schuld ist. – Das ist nicht der Fall. Deshalb ist der beliebte Trost, den mancher gute Christ sich tagtäglich zuspricht, daß sein Gewissen rein sein müsse, weil es ruhig sei, im höchsten Grade trüglich, und wie landläufig auch diese Folgerung ist und wie unfehlbar auch die Regel auf den ersten Anblick zu sein scheint, bei näherer Betrachtung, und wenn Ihr diese Regel an offenbaren Thatsachen prüft, werdet Ihr bald finden, zu welchen großen Irrthümern ihre falsche Anwendung Veranlassung giebt, wie der Grundsatz, auf den sie sich stützt, verdreht wird, wie oft seine Bedeutung verloren geht, ja leichtsinnig bei Seite geworfen wird, so daß es wahrhaft schmerzlich ist, die Beweise dafür aus dem alltäglichen Leben der Menschen anzuführen.

Nehmen wir an, ein Mensch sei lasterhaft, von schlechten Grundsätzen, tadelnswerth in seiner öffentlichen Führung, er lebe schamlos, er fröhne offen einer Sünde, welche weder Vernunft, noch irgend ein Vorwand entschuldigen kann, einer Sünde, durch welche er, allen Forderungen der Menschheit zuwider, die betrogene Theilnehmerin an seiner Schuld für immer zu Grunde richtet, sie ihres besten Schmuckes beraubt und nicht allein Schmach auf ihr Haupt häuft, sondern mit ihr eine ganze tugendhafte Familie in Schande und Elend stürzt. Sicher werdet Ihr meinen, das Gewissen werde das Leben eines solchen Menschen sehr beunruhigen, er werde vor den Vorwürfen desselben weder Tag noch Nacht Ruhe haben.

Ach! das Gewissen hat während dem ganz etwas Anderes zu thun, als ihn zu quälen: wie Elias dem Baal vorwarf: dieser Hausgott dichtet, oder hat zu schaffen, oder ist über Feld oder schläft vielleicht.

Vielleicht war es mit der Ehre zusammen von Hause gegangen, eines Duells wegen, oder um eine Spielschuld zu bezahlen oder vielleicht das schmutzige Jahrgeld, den Sündenpfennig der Lust. Vielleicht war das Gewissen die ganze Zeit über zu Hause damit beschäftigt, sich über kleine Spitzbübereien zu ereifern und an solchen kleinen Vergehungen, vor denen Vermögen und höhere gesellschaftliche Stellung den guten Mann bewahren, seine Rache auszulassen; so lebt er vergnügt, – (Wenn er zu unserer Kirche gehörte, sagte Dr. Slop, so könnte er das nicht!) – schläft ruhig in seinem Bette und sieht dem Tode zuletzt so unbekümmert ins Auge, – wie es vielleicht mancher bessere Mensch nicht kann! –

(Alles das ist bei uns unmöglich, sagte Dr. Slop und wendete sich dabei gegen meinen Vater – in unserer Kirche könnte so etwas nicht vorkommen. – In unserer kommt's vor, sagte mein Vater, und leider nur zu oft. – Ich gebe zu, sagte Dr. Slop, von meines Vaters offenem Zugeständniß etwas beschämt, daß ein Katholik auch wohl so übel leben kann, aber sterben kann er nicht leicht so. – Darauf kommt wenig an, erwiederte mein Vater mit gleichgültiger Miene, wie ein Schurke stirbt. – Ich meine, ließ sich Dr. Slop weiter vernehmen, man würde ihm die Sterbesakramente verweigern. – Sagen Sie doch, Doktor, fiel mein Onkel Toby ein, wie viel Sakramente haben Sie eigentlich, – ich vergesse es immer. – Sieben, antwortete Dr. Slop. – Ei! ei! sagte mein Onkel Toby, aber nicht mit dem Tone billigender Zustimmung, sondern mit jenem Tone der Ueberraschung, den Jemand hören läßt, wenn er eine Schublade aufzieht und mehr darin findet, als er erwartete. Ei, ei! erwiederte mein Onkel Toby, und Dr. Slop, der ein feines Ohr hatte, verstand meinen Onkel so gut, als ob er ein ganzes Buch gegen die sieben Sakramente geschrieben hätte. – Ei! ei! wiederholte Dr. Slop, indem er meines Onkels Argument gegen diesen anwandte, und warum nicht, Sir? giebt es nicht auch sieben Kardinaltugenden? sieben Todsünden? sieben goldene Leuchter? sieben Himmel? – Das weiß ich nicht, erwiederte mein Onkel Toby. – Giebt es nicht auch sieben Wunder der Welt? sieben Schöpfungstage? sieben Planeten? sieben Landplagen? – Ja, die giebt's, sagte mein Vater mit angenommener Ernsthaftigkeit. Aber Trim, fuhr er fort, laßt uns etwas weiter von Euren Charakteren hören.)

Ein Anderer ist filzig, ohne Barmherzigkeit, (hier machte Trim eine Bewegung mit der rechten Hand,) ein engherziger, eigennütziger Lump, unfähig der Freundschaft, des Gemeinsinnes. Seht, wie er an Wittwen und Waisen in ihrem Kummer vorübergeht, wie er alles Elend des Lebens ohne Seufzer, ohne Gebet, kalt mit ansehen kann. (Der, mit Ew. Gnaden Verlaub, rief Trim, ist, glaube ich, noch niederträchtiger als der vorige.)

Wird das Gewissen nicht aufstehen, wird es ihm bei solcher Gelegenheit nicht schlagen? Nein, Gott sei Dank! dazu ist keine Veranlassung: Ich zahle jedem, was ihm zukommt; ich weiß mich rein von Hurerei; auf meinem Gewissen lastet kein Meineid, kein gebrochenes Gelübde; ich habe Niemandes Weib noch Kind verführt; ich bin nicht wie andere Ehebrecher, Ungerechte, oder wie jener Wüstling da.

Ein Dritter ist verschmitzt und hinterlistig. – Betrachtet sein ganzes Leben, es ist nichts als ein künstliches Gewebe finstrer Ränke und arglistiger Ausflüchte, ein heimtückischer Kampf gegen den wahren Sinn der Gesetze, gegen ehrliches Verfahren und den sichern Genuß unseres Besitzes. Aus der Unwissenheit und den Verlegenheiten des armen und hülflosen Mannes dreht er seine Schlingen; aus der Unerfahrenheit des Jünglings, aus dem sorglosen Vertrauen seines eigenen Freundes, der ihm sein Leben würde anvertraut haben, macht er sich ein Vermögen.

Kommt dann das Alter und mahnt die Reue, einen Blick zurück zu werfen auf dies schwarze Register und es mit seinem Gewissen in Ordnung zu bringen, so sieht das Gewissen ins Gesetzbuch, findet, daß er mit dem, was er gethan, kein ausdrückliches Gesetz verletzt hat, überzeugt sich, daß keine Strafe an Leib, Hab oder Gut ihn treffen kann, und sieht, daß kein Staupbesen ihn bedroht, noch ein Gefängniß nach ihm schnappt. Warum also sollte sein Gewissen sich beunruhigen? Er hat sich sicher hinter dem Buchstaben des Gesetzes verschanzt, da sitzt er unangreifbar und auf allen Seiten wohl vertheidigt von Prozeßakten und Richtersprüchen, so daß keine Predigt ihn von dort vertreiben wird.

(Hier wechselten Korporal Trim und mein Onkel Toby Blicke mit einander. – O weh, Trim, sagte mein Onkel Toby und schüttelte den Kopf, das sind doch erbärmliche Vertheidigungswerke! – Sehr erbärmlich, sagte Trim, wenn man sie mit dem vergleicht, was Ew. Gnaden und ich machen. – Der Charakter dieses letzten Mannes, sagte Dr. Slop, ist verächtlicher als alle die vorhergehenden, und es scheint mir, daß er von einem Ihrer rabulistischen Advokaten hergenommen sein muß. Bei uns könnte eines Mannes Gewissen unmöglich so lange blind bleiben; er müßte wenigstens dreimal im Jahre zur Beichte gehen. – Wird es dadurch wieder sehend? fragte mein Onkel Toby. – Fahrt fort, Trim, sagte mein Vater, oder Obadiah ist zurück, eh' wir an das Ende der Predigt gelangen. – Sie ist sehr kurz, erwiederte Trim. – Ich wollte, sie wäre länger, sagte mein Onkel Toby, sie gefällt mir sehr. – Trim fuhr fort:)

Ein Vierter wird selbst dieser Zuflucht entbehren – er durchbricht alle Schranken hinterlistiger Chikane und spottet des zweifelhaften Erfolges, vermittels geheimer Pläne und listiger Anschläge zu seinem Zwecke zu gelangen: seht den unverhüllten Bösewicht, wie er betrügt, lügt, falsche Eide schwört, raubt, mordet! Schrecklich! aber war Besseres zu erwarten? Der arme Mensch lebte in der Finsterniß! Der Priester verwaltete sein Gewissen, und alles, was dieser ihm einschärfte, lief darauf hinaus, daß er an den Pabst glauben, zur Messe gehen, Kreuz schlagen, den Rosenkranz abbeten, besonders aber ein guter Katholik sein müsse, und das würde, wahr und wahrhaftig, genug sein, ihn in den Himmel zu bringen. Was? wenn er meineidig schwört? – Nun, so thut er es mit Vorbehalt. – Aber wenn er ein verworfener und abscheulicher Mensch ist, wie Ihr ihn darstellt, – wenn er raubt, wenn er mordet, wird dann bei jeder solcher That das Gewissen nicht mit verwundet werden? – Ach was! – der Mann trägt's in die Beichte, da fängt die Wunde an zu eitern, reinigt sich und nach kurzer Zeit wird sie durch die Absolution geheilt. O! Papisterei! was hast du zu verantworten! Nicht zufrieden mit den, ach nur zu mannigfaltigen Wegen, auf denen sich das Menschenherz in natürlicher und unseliger Weise täglich selbst verräth, hast du arglistig das weite Thor der Täuschung vor dem Angesichte des arglosen Wanderers aufgethan, der sich, weiß es Gott, ohnehin schon so leicht verirrt, und verheißest ihm zuversichtlich Frieden, wo doch kein Friede ist.

Das zeigen die Beispiele aus dem Leben, die ich eben anführte, zu klar, als daß dies noch eines weiteren Beweises bedürfte. Sollte dennoch Jemand an der Wahrheit derselben zweifeln oder es für unmöglich halten, daß ein Mensch sich selbst so betrügen könnte, so verweise ich ihn nur einen Augenblick an sein eigenes Nachdenken und kann dann seinem eigenen Herzen ruhig die Entscheidung überlassen.

Fasse er dabei nur ins Auge, wie verschiedene Grade des Abscheus er gegen gewisse böse Handlungen hegt, die doch ihrer Natur nach alle gleich schlecht und lasterhaft sind, und er wird finden, daß jene, zu deren Begehung heftige Neigung und Gewohnheit ihn antreiben, gewöhnlich schön herausgeputzt und mit alle dem falschen Schimmer bekleidet werden, mit dem nur eine zärtliche und schmeichelnde Hand sie schmücken kann, wogegen andere, zu denen er keinen natürlichen Hang in sich spürt, ihm in ihrer ganzen Nacktheit und Mißgestalt, in dem grellen Lichte der Thorheit und der Unehrenhaftigkeit erscheinen.

Als David den Saul in der Höhle überraschte und ihm den Zipfel seines Rockes abschnitt, da schlug ihm, wie wir lesen, danach das Herz; aber in dem Falle mit Uriah, wo er einen treuen und edlen Knecht, den er geehrt und geliebt, seiner Begierde opferte, hier, wo sein Gewissen so viel mehr Grund gehabt hätte, sich zu beunruhigen, schlug ihm das Herz nicht. Fast ein ganzes Jahr war nach jener verbrecherischen That vergangen, als Nathan ausgesandt ward, sie ihm vorzuwerfen, und wir lesen nichts davon, daß er während dieser ganzen Zeit von der geringsten Unruhe oder Herzenszerknirschung des begangenen Verbrechens wegen heimgesucht worden wäre.

So also nimmt das Gewissen, dieser ursprünglich so treffliche Mahner, welchen der Schöpfer als Richter in uns bestellte, und von dem Er wollte, daß er gerecht und unparteiisch sei, aus einer beklagenswerthen Reihe von Ursachen und Hindernissen oft so unvollkommene Kenntniß von dem, was geschieht, verrichtet seine Schuldigkeit so nachlässig, ist oft so bestechlich, daß ihm allein nicht getraut werden darf, und deshalb erkennen wir die Nothwendigkeit, die absolute Nothwendigkeit an, ihm noch ein anderes Grundprincip zur Seite zu stellen, damit es ihn bei seinen Entscheidungen unterstütze, ja leite! –

Wollt Ihr Euch demnach ein richtiges Urtheil über das bilden, was richtig zu beurtheilen von so unermeßlicher Wichtigkeit für Euch ist, darüber nämlich, wie es um Euern wahren Werth als ehrlicher Mann, nützlicher Bürger, treuer Unterthan Eures Königs oder aufrichtiger Diener Eures Gottes steht, so nehmt die Religion und die Moral zu Hülfe. Seht: was steht geschrieben in Gottes Geboten? Wie heißt es dort? Fragt die ruhige Vernunft, die unveränderlichen Satzungen der Gerechtigkeit und Wahrheit, was sagen sie?

Nach ihren Aussprüchen entscheide das Gewissen, und wenn das Herz Dich dann nicht verdammt, welches der Fall ist, welchen der Apostel annimmt, dann, – die Methode ist unfehlbar – (Hier fing Dr. Slop an einzunicken) – nur dann kannst Du Dich Deinem Gotte gegenüber getrösten, d.h. Du magst gerechten Grund haben zu glauben, das Urtheil, welches Du über Dich selbst fälltest, sei ein Gottesurtheil und nichts Anderes als eine Vorwegnahme jenes gerechten Richterspruches, der einst verkündet werden wird über Dich von jenem Wesen, dem Du wirst Rechenschaft ablegen müssen von allen Deinen Thaten.

Ja dann, wie es im Buche Jesus Sirach (?) heißt: »Wohl dem Manne, der nicht gestachelt wird von der Menge seiner Sünden; wohl dem Manne, dessen Herz ihn nicht verdammt. Ob er reich sei oder ob er arm sei, hat er ein reines Herz (ein Herz so geleitet und unterwiesen), so wird er alle Zeit fröhlich sein; sein Geist wird ihm mehr verkünden, als sieben Wächter von der Höhe des Thurmes«. (Ein Thurm ist nicht stark, sagte mein Onkel Toby, wenn er nicht auf den Flanken vertheidigt ist.) Durch alle Zweifel wird es ihn sicherer führen als tausend Casuisten, und dem Staate, in welchem er lebt, eine bessere Bürgschaft für seine Handlungsweise sein, als alle Gebote und Verbote zusammengenommen, welche die Gesetzgeber immerfort zu vermehren gezwungen sind. Ich sage: gezwungen sind, so wie die Sachen stehen; denn die menschlichen Gesetze sind nichts ursprünglich Freiwilliges, sondern sie sind ein Produkt der Nothwendigkeit, eine Schutzwehr gegen die unheilvollen Wirkungen solcher Gewissen, die das Gesetz nicht in sich selbst tragen; bei mannigfachen Anlässen geschaffen, verdanken sie ihre Entstehung der wohlmeinenden Absicht in allen solchen bösen und verführerischen Fällen, wo die Grundsätze und die Mahnungen des Gewissens uns nicht mehr aufrecht zu erhalten vermögen, die Kraft dieser letzteren durch das Schrecken des Kerkers und des Strickes zu unterstützen. –

(Es ist klar, sagte mein Vater, – diese Predigt hat vor dem obersten Gerichtshofe oder vor den Assisen gehalten werden sollen. Mir gefällt die Beweisführung, und ich bedaure nur, daß Dr. Slop eingeschlafen ist, ehe er sich von seinem Irrthum überzeugen konnte; denn jetzt ist es offenbar, daß der Pastor, wie ich gleich dachte, dem heiligen Paulus nicht im Entferntesten zu Leibe wollte; nicht einmal die geringste Meinungsverschiedenheit, Bruder, waltet zwischen ihnen ob. – Und was weiter, wenn sie auch verschiedener Meinung gewesen wären? erwiederte mein Onkel Toby; geschieht das doch zuweilen den besten Freunden. – Gewiß, Bruder Toby, sagte mein Vater, indem er ihm die Hand schüttelte; – wir wollen unsre Pfeifen wieder stopfen, Bruder, und dann kann Trim weiter lesen.

Nun, Trim, was meint Ihr dazu? sagte mein Vater, während er meinem Onkel Toby den Tabaksbeutel hinhielt.

Ich meine, antwortete der Korporal, daß die sieben Wächter auf dem Thurme, die doch wahrscheinlich da oben Schildwache stehen, mehr sind – mit Ew. Gnaden Verlaub – als nöthig; wenn man das Ding so machen wollte, würde man ein Regiment bald ganz herunterbringen, was doch kein Kommandeur, der seine Leute liebt, thun wird, er müßte denn nicht anders können; zwei Schildwachen, setzte der Korporal hinzu, sind ebenso gut als zwanzig. Ich selbst habe mehr als hundertmal im Gardecorps die Wache geführt, – hier schien seine Gestalt um einen Zoll zu wachsen, – aber während der ganzen Zeit, daß ich die Ehre hatte Sr. Majestät unserm König Wilhelm zu dienen, und oft die wichtigsten Posten auszustellen, habe ich nie in meinem Leben mehr als zwei Mann hingestellt. – Ganz recht, Trim, sagte mein Onkel Toby, aber Du bedenkst nicht, daß die Thürme zu Salomo's Zeiten nicht so wie unsere Bastionen durch andere Werke flankirt und vertheidigt waren. Diese Erfindung, Trim, machte man erst nach Salomo's Tode; auch hatten sie zu jener Zeit noch keine Hornwerke oder Ravelinen vor der Courtine, noch einen solchen Graben, wie wir ihn in der Mitte mit einer Lunette und längs der Seite mit gedeckten Wegen und verpalissadirten Contrescarpen anlegen, um vor einem coup de main sicher zu sein. Deshalb möchte ich behaupten, daß die sieben Mann auf dem Thurme eine Abtheilung des Gardecorps gewesen sei, die nicht blos zum Spähen, sondern vielmehr zur Vertheidigung dahin gestellt war. – Mehr als eine Korporal-Wache konnte es immer nicht sein, mit Ew. Gnaden Verlaub. – Mein Vater lächelte innerlich, aber äußerlich blieb er ernsthaft, da der Gegenstand nach dem, was vorgefallen, keinen Scherz erlaubte; er steckte also seine Pfeife, die er eben angebrannt hatte, in den Mund und forderte Trim auf weiter zu lesen. Das that dieser wie folgt:

Gott fürchten und vor Augen haben, – im Umgang mit unsern Nebenmenschen alle unsere Handlungen nach der ewigen Richtschnur des Guten und des Bösen messen, – das heißt im erstern Falle die Forderungen der Religion, im andern die der Moral anerkennen, und beide sind so untrennbar mit einander verbunden, daß Ihr diese beiden Gesetztafeln selbst nicht in Gedanken (viel weniger in der Praxis, obgleich man es oft versucht hat) von einander trennen könnt, ohne sie zu zerbrechen und beide zu zerstören.

Ich sagte, obgleich man es oft versucht hat, und dem ist in der That so: nichts gewöhnlicher als ein Mensch, der nicht den geringsten Sinn für Religion hat, und der auch ehrlich genug ist, gar keinen Anspruch darauf machen zu wollen, – der es aber doch als die bitterste Beleidigung betrachten würde, wenn Ihr Euch beikommen ließet, seinen moralischen Charakter nur im Geringsten in Zweifel zu ziehen, oder meintet, er wäre nicht im höchsten Grade gewissenhaft und ehrlich.

Hat es nun auch einigen Anschein, als wäre dem wirklich so, so würden wir doch, sähen wir in diesem Falle etwas tiefer auf den Grund, zu unserm Leidwesen zwar, – denn nur ungern hegen wir gegen eine so liebenswerthe Tugend wie moralische Ehrlichkeit Verdacht, – dennoch würden wir, sage ich, wenig Veranlassung finden, einen Solchen um die Ehre seines Beweggrundes zu beneiden.

Mag er darüber noch so prächtig deklamiren, wir werden doch bald ausfindig gemacht haben, daß dieser Beweggrund kein anderer ist als sein Vortheil, sein Stolz, sein Behagen oder vielleicht eine kleine veränderliche Neigung, lauter Dinge, die uns in wirklichen Heimsuchungen nur wenig Gewähr für seine Handlungen geben können.

Ich will versuchen dies durch ein Beispiel klar zu machen.

Der Banquier, mit dem ich Geschäfte habe, oder der Arzt, den ich gewöhnlich holen lasse, – (Hier wachte Dr. Slop auf und rief: »Das ist gar nicht nöthig, man braucht hier keinen Arzt holen zu lassen«) – sind mir bekannt als Leute, die beide nicht viel Religion haben; ich höre, wie sie sich alle Tage darüber lustig machen und alles Heilige mit ihrem Spott begießen, als verstünde sich das von selbst. Wohl! – Nichtsdestoweniger vertraue ich den Händen des Einen mein Vermögen, der redlichen Geschicklichkeit des Andern mein noch köstlicheres Leben an.

Nun laßt uns untersuchen, was die Ursache dieses großen Vertrauens ist. Vor Allem die, daß ich es für unwahrscheinlich halte, es werde Einer von ihnen die Macht, welche ich in ihre Hand gelegt habe, zu meinem Nachtheile gebrauchen; ich erwäge, daß Ehrlichkeit ein gutes Mittel zum Zweck in dieser Welt ist, daß der Erfolg eines Mannes im Leben von der Unbescholtenheit seines Charakters abhängt; – kurz, daß sie mir nicht schaden können, ohne sich selbst zu schaden.

Aber nehmen wir an, es sei anders, so nämlich, daß ihr Vortheil einmal auf der andern Seite läge, daß sich ein Fall ereignete, wo der Eine, ohne seinen guten Namen zu beflecken, mir mein Vermögen entziehen und mich bettelarm machen könnte; oder wo der Andere mich aus der Welt schicken könnte, ohne sich und seine Geschicklichkeit an den Pranger zu stellen, um durch meinen Tod zu irgend welchem Besitze zu gelangen; worauf könnte ich mich in solchem Falle bei Beiden verlassen? Religion, der stärkste aller Beweggründe, ist außer Frage; Vortheil der nächststärkste Beweggrund in der Welt, ist wider mich. Was bleibt mir übrig, um es als Gegengewicht gegen die Versuchung in die Wagschale zu werfen? Ach! ich habe nichts – nichts, als was leichter wiegt, denn eine Wasserblase; von der Gnade der Ehre oder eines andern wandelbaren Grundsatzes ward ich abhängig, – traurige Sicherheit für die zwei schätzenswerthesten Güter: Eigenthum und Leben.

Wie wir uns demzufolge auf Moralität ohne Religion nicht verlassen können, so ist auf der andern Seite auch von Religion ohne Moralität nichts Besseres zu erwarten; nichtsdestoweniger ist solch ein Mensch, dessen wahrer moralischer Charakter sehr tief steht, der aber dennoch die höchste Meinung von sich als einem religiösen Menschen hat, durchaus keine Seltenheit.

Ein solcher ist vielleicht nicht nur habsüchtig, rachgierig, unversöhnlich, sondern er entbehrt sogar der gemeinen Ehrlichkeit, aber indem er laut gegen die Ungläubigkeit des Zeitalters loszieht, für gewisse Religionsbegriffe eifert, zweimal täglich in die Kirche geht, die Sakramente nicht versäumt und sich mit einigen Nebendingen der Religion als amateur beschäftigt, schwindelt er seinem Gewissen den Glauben auf, daß er deshalb ein religiöser Mensch sei und seine Pflichten gegen Gott treulich erfülle; und gewöhnlich werdet Ihr finden, daß ein derartiger Mensch, befangen in seinem Wahne, mit geistlichem Hochmuthe auf Jeden herabblickt, der weniger Frömmigkeit zur Schau trägt, obgleich derselbe vielleicht zehnmal mehr Ehrlichkeit besitzt als er.

Auch das ist ein schweres Uebel unter der Sonne, und ich glaube, es giebt keinen so mißverstandenen Grundsatz, welcher seiner Zeit mehr und größeres Unheil zu Wege gebracht hätte, als diesen. Dies zu beweisen, braucht man nur die Geschichte der römischen Kirche genauer anzusehen, – (Wie so? wie das? rief Dr. Slop,) – braucht nur die unzähligen Beispiele von Grausamkeit, Mord, Beraubung, Blutvergießen ins Auge zu fassen, – (Alles verschuldet durch ihre eigene Hartnäckigkeit, rief Dr. Slop,) – welche von einer Religion geheiligt wurden, deren strenge Richtschnur Moralität nicht war.

In wie vielen Königreichen der Welt – (Hier bewegte Trim bis zum Schluß des Satzes seine rechte Hand hin und her, indem er sie bald weit ausstreckte, bald der Predigt näherte) –

In wie vielen Königreichen der Welt hat das kreuzfahrende Schwert des so mißleiteten Gotteskämpfers weder Alter, noch Verdienst, noch Geschlecht, noch Stand verschont? – Da er unter dem Banner einer Religion focht, die ihn von Gerechtigkeit und Menschlichkeit frei sprach, so übte er beide auch nicht; erbarmungslos trat er sie mit Füßen – er hörte nicht das Geschrei der Unglücklichen und hatte kein Mitleid mit ihrem Elend. –

(Mit Ew. Gnaden Verlaub, sagte Trim und seufzte, ich bin in mancher Schlacht gewesen, aber in einer so traurigen nie; – ich hätte doch auf solche arme Teufel nicht losbrennen können, und wenn sie mich dafür zum Offizier gemacht hätten. – J, was versteht Ihr von der Sache, sagte Dr. Slop, mit einem Blick auf Trim, in welchem etwas mehr Verachtung lag, als des Korporals ehrliches Herz verdiente. – Was wißt Ihr, Freund, von der Schlacht, von der hier die Rede ist? – Ich weiß so viel, erwiederte Trim, daß ich nie in meinem Leben einem Manne, der darum bat, den Pardon verweigert habe; aber eh' ich meine Muskete auf ein Weib oder ein Kind anlegte, fuhr er fort, wollte ich tausendmal lieber das eigne Leben verlieren. – Hier, Trim, sagte mein Onkel Toby, ist eine Krone – trink heute Abend eins mit Obadiah, und Obadiah soll auch eine haben. – Gott segne Ew. Gnaden, erwiederte Trim. Ich wollte, Sie hätten sie den armen Weibern und Kindern geben können. – Du bist ein guter Bursche, sagte mein Onkel Toby. Mein Vater nickte, als ob er sagen wollte: ja, das ist er.

Aber nun, Trim, sagte mein Vater, macht, daß Ihr zu Ende kommt; denn ich sehe, wir haben noch ein paar Blätter zu lesen.

Korporal Trim fuhr fort:)

Wenn das Zeugniß vergangener Jahrhunderte in dieser Sache nicht genügt, so laßt uns nachsehen, wie die Bekenner dieser Religion noch jetzt täglich Gott zu dienen und ihn zu ehren meinen, durch Handlungen, die für sie selbst eine Schmach und eine Schande sind.

Davon Euch zu überzeugen, tretet einen Augenblick mit mir in die Gefängnisse der Inquisition. (Gott helfe meinem armen Bruder Tom!) – Seht, da sitzt die Religion, schrecklich anzuschaun, auf einem schwarzen Richterstuhl, der aus Folter und Marterwerkzeugen aufgebaut ist; Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gefesselt zu ihren Füßen. – Horch! horch! welch ein klägliches Stöhnen. (Hier wurde Trims Gesicht kreideweiß.) – Seht den armen Unglücklichen, der es ausstößt, (hier fingen die Thränen an ihm über die Backen zu laufen,) man hat ihn so eben hergeschleppt, um ihn durch ein nichtssagendes Verhör zu ängstigen und dann die furchtbarsten Qualen erdulden zu lassen, welche die raffinirteste Grausamkeit nur erdenken konnte. (Gott verdamme sie alle insgesammt, rief Trim, dessen Gesicht jetzt auf einmal wieder blutroth wurde.) Seht, wie das hülflose Opfer seinen Henkern überantwortet wird, – seht diesen elenden Leib, den Gram und Gefangenschaft zerstörten. (O! es ist mein Bruder, schrie der arme Trim in der heftigsten Aufregung, warf die Predigt zur Erde und schlug die Hände zusammen, – es ist gewiß der arme Tom! – Mein Vater und mein Onkel Toby fühlten das herzlichste Mitleid mit dem guten Burschen, selbst Dr. Slop war gerührt. – Ei, Trim, sagte mein Vater, was Ihr da lest, ist ja keine Geschichte, es ist ja nur eine Predigt – fangt also den Satz noch einmal an.) Seht, wie das hülflose Opfer seinen Henkern überantwortet wird, – seht diesen elenden Leib, den Gram und Gefangenschaft zerstörten; jeder Nerv, jede Muskel zeigt Euch, wie er leidet.

Seht die letzte Bewegung dieser schrecklichen Maschine, – (Ich wollte lieber einer Kanone in den Rachen sehen, sagte Trim und stampfte dabei mit dem Fuße,) – die furchtbaren Konvulsionen, in die er verfällt, – bemerkt die Lage, in die man ihn jetzt gebracht hat, die Qualen, die er dadurch erleidet. (Ich hoffe, 's ist nicht in Portugal.) Mehr kann menschliche Natur nicht ertragen. Guter Gott! seht, wie der müden Seele Abschiedshauch auf seinen zitternden Lippen schwebt – (Nicht eine Zeile mehr könnte ich lesen, sagte Trim, nicht um Alles in der Welt. Ich fürchte, mit Ew. Gnaden Verlaub, 's ist doch in Portugal, wo mein Bruder Tom liegt. – Ich sage Euch nochmals, Trim, rief mein Vater, es ist keine Erzählung, es ist weiter nichts als eine Schilderung. – Es ist nur eine Schilderung, guter Mann, sagte Dr. Slop, und kein wahres Wort daran. – Das ist wieder etwas Anderes, erwiederte mein Vater. Aber wenn es Trim so schwer wird weiter zu lesen, so wäre es grausam, ihn dazu zwingen zu wollen. Gebt mir die Predigt her, Trim, ich will sie statt Eurer zu Ende lesen und Ihr könnt gehen. – Nein, entgegnete Trim, wenn Ew. Gnaden mir's erlauben wollen, so möchte ich bleiben und zuhören, aber lesen möcht' ich nicht, nicht für eine Oberstengage. – Armer Trim, sagte mein Onkel Toby. – Mein Vater fuhr im Lesen fort:)

Bemerkt die Lage, in die man ihn jetzt gebracht hat, – die Qualen, die er dadurch erleidet. Mehr kann menschliche Natur nicht ertragen. Guter Gott! seht, wie der müden Seele Abschiedshauch auf seinen zitternden Lippen schwebt, bereit zu entfliehen, – wenn man es duldete. Seht, wie man den Unglückseligen in seine Zelle zurückbringt, ihn dann wieder hinausschleppt auf den Scheiterhaufen, der letzten von diesen, durch Beschimpfungen aller Art noch verbitterten Todesqualen, welche der Grundsatz, jener Grundsatz, daß es Religion ohne Barmherzigkeit geben könne, über ihn verhängt. (Nun, Gott sei Dank! daß er todt ist, sagte Trim, nun ist er aller Qual enthoben; sie haben ihm das Aergste angethan. Gott! Gott! – Seid stille, Trim, sagte mein Vater – und fuhr schnell mit der Predigt fort, damit Trim nicht etwa Dr. Slop aufstachele, – so kommen wir ja nie zu Ende:)

Der sicherste Weg, den wahren Werth einer zweifelhaften Ansicht festzustellen, ist der, daß man die Folgen, welche dieser Ansicht entsprangen, am Geiste des Christenthums prüft; das ist die kurze und entscheidende Regel, welche uns der Heiland für diesen und ähnliche Fälle gegeben hat, und die tausend Beweise überwiegt. »An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen!«

Ich will dieser langen Rede nur noch zwei oder drei kurze selbständige Regeln hinzufügen, die sich daraus ableiten lassen.

Erstens. Wo immer Jemand laut gegen Religion eifert, da könnt Ihr fast mit Gewißheit annehmen, daß nicht Vernunft, sondern Leidenschaft seinen Glauben überwunden hat. Ein sündiges Leben und ein ächter Glaube sind unliebsame und störende Nachbarn, und trennen sie sich, so verlaßt Euch darauf, es geschieht nur der Bequemlichkeit wegen.

Zweitens. Versichert Euch ein Solcher, wie ich ihn eben bezeichnete, daß dieses oder jenes mit seinem Gewissen unverträglich sei, so haltet davon so viel, als sagte er Euch, sein Magen könne dies oder das nicht vertragen, – in beiden Fällen hat er gewöhnlich eben keinen Appetit dazu.

Kurz – trauet Keinem, in keinem Dinge, der nicht in allen Dingen ein Gewissen hat –

Und was Euch selbst anbetrifft, so erinnert Euch stets des einfachen Wahrheitssatzes, dessen Verkennung Tausende ins Elend gestürzt hat: daß Euer Gewissen kein Gesetz ist. Nein, Gott und Vernunft gaben das Gesetz und pflanzten in Euch das Gewissen, damit es Recht spreche, nicht wie ein türkischer Kadi, der von der Ebbe und Fluth seiner Leidenschaften hin- und hergetrieben wird, sondern wie ein britischer Richter in diesem Lande der Freiheit und des gesunden Menschenverstandes, der keine neuen Gesetze macht, sondern das gegebene Gesetz nur treulich auslegt.

Ende.

 

Ihr habt die Predigt ganz vortrefflich vorgelesen, Trim, sagte mein Vater. – Er würde noch besser gelesen haben, meinte Dr. Slop, wenn er uns mit seinen Anmerkungen verschont hätte. – Wäre mir das Herz nicht zu voll gewesen, Sir, antwortete Trim, so hätte ich noch zehnmal besser lesen können. – Das war eben der Grund, Trim, erwiederte mein Vater, weshalb Ihr so gut laset, und – fuhr mein Vater sich zu Dr. Slop wendend fort – wenn die Prediger unserer Kirche, deren Reden gewöhnlich sehr gut verfaßt sind, – (Der Meinung bin ich nicht, sagte Dr. Slop. – Ich aber, sagte mein Vater,) – an dem, was sie vortragen, so herzlichen Antheil nehmen wollten als dieser arme Bursche hier, so würde unsere Kanzelberedsamkeit, bei den großen Vorwürfen, die ihr gestellt sind, der ganzen Welt zum Muster dienen können. Aber ach! fuhr mein Vater fort, leider muß ich eingestehen, Sir, daß sie, ähnlich den französischen Staatsmännern, auf dem Schlachtfelde gewöhnlich wieder verlieren, was sie im Kabinet gewonnen haben. – 's wäre schade, sagte mein Onkel Toby, wenn diese auf solche Weise verloren gehen sollte. – Mir gefällt die Predigt außerordentlich, sagte mein Vater, sie ist drastisch, und in dieser Schreibart, wenn sie geschickt gehandhabt wird, liegt etwas, das die Aufmerksamkeit fesselt. – Bei uns wird meistens so gepredigt, sagte Dr. Slop. – Ja, das weiß ich, sagte mein Vater, aber in einem Tone und mit einer Miene, die Dr. Slop ebenso mißfielen, als die einfache Beistimmung ihm gefallen haben würde. – Darin jedoch, setzte Dr. Slop etwas gereizt hinzu, unterscheiden sich unsere Predigten sehr zu ihrem Vortheil, daß, wenn sie einen Charakter anführen, dies wenigstens immer ein Patriarch, oder eines Patriarchen Frau, oder ein Märtyrer oder ein Heiliger ist. – In der, welche wir eben lasen, sagte mein Vater, kommen einige recht häßliche Charaktere vor, deswegen aber, meine ich, ist die Predigt nicht um einen Pfifferling schlechter. – Aber, frug mein Onkel Toby dazwischen, von wem sie nur sein mag? Wie ist sie in meinen Stevenius gekommen? – Um die zweite Frage zu beantworten, sagte mein Vater, müßte man ein Hexenmeister wie Stevenius selbst sein. Die erste aber, denke ich, ist nicht so schwer, denn wenn mich mein Urtheil nicht ganz trügt, so kenne ich den Verfasser – unser Pfarrer hat sie geschrieben, sicherlich!

Die Aehnlichkeit, welche die Predigt in Styl und Art mit jenen zeigte, die mein Vater oft genug in seiner Dorfkirche gehört hatte, war die Veranlassung zu dieser Vermuthung; sie bewies so überzeugend, wie ein argumentum a priori einem philosophischen Kopfe nur etwas beweisen kann, daß Yorick und kein Anderer der Verfasser sein müsse. Dies wurde einige Tage später dann auch a posteriori bewiesen, als Yorick seinen Diener in meines Onkel Toby's Haus schickte und nach der Predigt fragen ließ.

Es scheint, daß Yorick, den jede Art des Wissens interessirte, den Stevenius von meinem Onkel entliehen hatte, und daß die Predigt, als er sie eben niedergeschrieben, achtlos von ihm in das Buch hineingelegt worden war; vergeßlich, wie er war, hatte er dann den Stevenius meinem Onkel zurückgeschickt, ohne seine Predigt vorher herauszunehmen.

Unglückliche Predigt! Nach dem gingest du noch ein zweites Mal verloren, fielest durch ein ungeahntes Loch in deines Herrn Tasche und durch ein verrätherisches, zerfetztes Unterfutter in den Koth, in welchen dich der linke Hinterfuß seiner Rosinante unbarmherzig tief hineintrat, – bliebst dann zehn Tage dort vergraben, bis dich ein Bettler aufhob und einem Dorfküster für wenige Pfennige verkaufte, der dich seinem Pastor einhändigte, so daß du deinem für all seine Lebenszeit verloren gingst, – und erst in diesem Augenblick, wo ich der Welt deine Geschichte erzähle, gebe ich dich seinen ruhelosen Manen zurück.

Denn – sollte es der Leser wohl glauben, daß diese Predigt unseres Yorick von einem Prälaten der Kirche, in der Kathedrale zu York, wo tausend Zeugen dies beschwören können, bei der Eröffnung der Assisen gehalten wurde und daß dieser Prälat sie dann unter seinem Namen drucken ließ? Und alles das nicht länger als zwei Jahr drei Monat nach Yoricks Tode! – Freilich – auch bei seinen Lebzeiten war man mit Yorick nicht besser umgesprungen, aber immerhin war es ein bischen hart, ihn auch dann noch zu mißhandeln und zu berauben, nachdem er einmal ins Grab gelegt war.

Doch würde ich diese Anekdote gewiß nicht öffentlich bekannt gemacht haben, – denn der ehrwürdige Herr war voll christlicher Liebe gegen Yorick, ließ aus zartem Rechtsgefühl auch nur wenige Abzüge machen, die er verschenkte, und hätte endlich, so sagt man mir, wenn er nur gewollt hätte, eine ebenso gute Rede selbst verfassen können; – ich würde das also nicht gethan haben und thue es auch sicherlich nicht in der Absicht, um dem ehrwürdigen Herrn in seinem Charakter und in seiner Beförderung zu schaden, was ich Andern überlasse, – aber zwei Gründe, die ich nicht abweisen kann, bestimmen mich dazu.

Der erste ist der, daß ich, indem ich so Gerechtigkeit übe, dem abgeschiedenen Geiste Yoricks Ruhe gebe, der, wie das Landvolk und auch andere Leute glauben, – umgeht.

Der zweite ist der, daß ich bei Gelegenheit der Bekanntmachung dieser Geschichte alle diejenigen, welche Pfarrer Yoricks Person und Predigten zu schätzen wissen, am besten davon benachrichtigen kann, daß sich diese Predigten zur Zeit in den Händen der Familie Shandy befinden und zahlreich genug sind, um einen hübschen Band zu füllen, der dem Publikum zu Diensten steht: – möchten sie recht viel Gutes stiften. –

 
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