Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel




НазваниеDie Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel
страница9/32
Дата29.01.2013
Размер1.19 Mb.
ТипДокументы
1   ...   5   6   7   8   9   10   11   12   ...   32


Der Sicherungskasten


lm Herbst 1939, in der Hysterie und Verwirrung, wie sie mit Ausbruch eines Krieges einhergehen, erließ Großbritannien gegen die mörderischen Absichten der deutschen Luftwaffe strenge Verdunklungsvorschriften. Drei Monate lang war es im Grunde verboten, nachts Licht nach außen dringen zu lassen, sei es auch noch so schwach. Zuwiderhandelnde konnten arretiert werden, auch wenn sie sich nur in einem Türeingang eine Zigarette anzündeten oder ein Streichholz hochhielten, um ein Straßenschild lesen zu können. Ein Mann bekam eine Geldstrafe, weil er das schimmernde Heizungslicht seines Aquariums mit tropischen Fischen nicht abgedeckt hatte. In Hotels und Büros verbrachte man jeden Tag Stunden damit, spezielle Verdunklungsvorhänge anzubringen oder abzunehmen. Autofahrer mussten des Nachts in pechschwarzer Finsternis navigieren — nicht einmal Armaturenbretter durften beleuchtet sein —, sie mussten also nicht nur erraten, wo die Straße verlief, sondern auch, mit welcher Geschwindigkeit sie fuhren.

Seit dem Mittelalter war Großbritannien nicht mehr so dunkel gewesen, und die Konsequenzen waren laut und heftig. Um nicht mit dem Bordstein und allem, was dort geparkt stand, zu kollidieren, fuhren Fahrzeuge praktisch in der Mitte. Sie packten sich die weiße Linie zwischen die Räder, was ja auch in Ordnung war, bis sie einem anderen Fahrzeug begegneten, das das Gleiche tat, nur von der anderen Richtung her. Fußgänger befanden sich in ständiger Bedrängnis, weil die Bürgersteige mit den Laternenpfählen, Bäumen, Briefkästen, Bänken und Telefonzellen sie zum Hindernislauf zwangen, und Straßenbahnen, respektvoll »die stille Gefahr« genannt, besonders unheilvoll waren. »Während der ersten vier Kriegsmonate«, berichtet Juliet Gardiner in Kriegszeiten, »kamen auf britischen Straßen 4133 Menschen um« — doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Fast drei Viertel der Opfer waren Fußgänger. Das British Medical ,Journal bemerkte trocken, die deutsche Luftwaffe habe schon über sechshundert Menschen pro Monat umgebracht, ohne eine einzige Bombe abzuwerfen.

Gott sei Dank beruhigte sich das Ganze bald, und die Menschen durften wieder ein wenig Licht in ihr Leben lassen — gerade so viel, dass das Blutbad auf den Straßen aufhörte —, aber es war eine heilsame Erinnerung daran, wie sehr man sich schon daran gewöhnt hatte, dass alles immer schön hell war.

Wir vergessen nämlich leicht, wie ungeheuer trübe die Welt vor der Elektrizität war. Eine Kerze — eine gute Kerze — verströmt gerade mal ein Hundertstel der Helligkeit einer einzigen Hundertwatt-Birne. Wenn Sie Ihre Kühlschranktür öffnen, leuchtet mehr Licht, als die meisten Haushalte im achtzehnten Jahrhundert insgesamt hatten. Ja, und bei Nacht war die Welt bis in die jüngste Zeit hinein sehr, sehr dunkel.

Sozusagen erhellend ist, wenn wir lesen, was damals als opulent betrachtet wurde. Da wunderte sich zum Beispiel ein Nomini Hall, zu Gast auf einer Plantage in Virginia, in seinem Tagebuch, wie das Esszimmer bei einem Festmahl »strahlte und glänzte«, denn es brannten sieben Kerzen — vier auf dem Tisch und drei an anderen Stellen im Raum, für Nomini Hall eine wahre Festbeleuchtung.

Ungefähr zur gleichen Zeit fertigte auf der anderen Seite des Ozeans in England ein begabter Amateurzeichner namens John Harden eine Reihe bezaubernder Bilder an, die das Familienleben bei ihm zu Hause, in Brathay Hall in Westmorland, porträtierten. Auffallend ist, wie wenig Helligkeit die Familie erwartete oder brauchte. Auf einer typischen Zeichnung sehen wir vier Fa-



milienmitglieder, die beim Schein einer einzigen Kerze gemütlich beieinander am Tisch sitzen und nähen, lesen und sich unterhalten, und es sieht gar nicht so aus, als verrenkten sie sich verzweifelt die Hälse, um ein kleines bisschen Licht abzubekommen. Die Radierung »Student am Tisch bei Kerzenlicht« von Rembrandt kommt der Realität wahrscheinlich näher. Ein Jüngling sitzt an einem Tisch, kaum zu sehen in den tiefen Schatten, die der Schein einer einzigen Kerze an der Wand neben ihm nicht im Geringsten durchdringen kann. Aber der Jüngling liest trotzdem ein Buch. Die Menschen kamen eben mit trüben Abenden zurecht, weil sie C8 nicht anders kannten.*

Die landläufige Meinung, dass die Menschen in der vorelektrischen Welt bei Einbruch der Nacht zu Bett gingen, scheint auf der Annahme zu beruhen, dass sich jeder, der es nicht strahlend hell hatte, aus lauter Frustration schlafen legte. Aber allem Anschein

Die Franzosen hatten laut Roger Ekirch ein lustiges Sprichwort, das ich hier ohne weiteren Kommentar zitiere: »Bei Kerzenlicht sieht eine Ziege wie eine Dame aus.«

nach war das gar nicht so — neun oder zehn Uhr scheint für die meisten normal gewesen zu sein, und in den Städten wurde es oft auch später. Wer seine Arbeitszeiten selbst bestimmen konnte, ging schlafen oder stand auf, wann immer er wollte. Die genaue Uhrzeit hatte offenbar wenig mit dem Licht zu tun, das die Menschen zur Verfügung hatten.

Samuel Pepys schreibt in seinem Tagebuch, dass er mal um vier Uhr morgens aus den Federn kroch oder um vier Uhr nachts zu Bett ging. Samuel Johnson war berühmt dafür, dass er, wenn er nur irgend konnte, bis Mittag im Bett blieb (meist konnte er). Der Schriftsteller und Essayist Joseph Addison stand im Sommer jeden Morgen um drei Uhr (und manchmal noch früher) auf, im Winter erst um elf. Eile, den Tag zu beschließen, hatte offenbar niemand. Leute, die im achtzehnten Jahrhundert London besuchten, erzählten, dass die Geschäfte bis zehn Uhr abends geöffnet seien, und das wären sie sicher nicht gewesen, wenn Menschen nicht noch eingekauft hätten. Hatte man Gäste, servierte man das Abendessen gewöhnlich um zehn Uhr, und die ganze Gesellschaft blieb bis Mitternacht oder später beisammen. Einschließlich der Gespräche vorher und der Musik nachher konnte eine Abendgesellschaft bis zu sieben Stunden und länger dauern. Bälle dauerten oft bis zwei, drei Uhr morgens, dann wurde noch ein Essen serviert. Die Leute gingen so gern aus und blieben lange auf, dass sie sich durch fast nichts davon abhalten ließen. 1785 schrieb eine Louisa Stewart ihrer Schwester, den französischen Botschafter habe »der Schlagfluss« getroffen, doch die Gäste seien trotzdem gekommen und »hätten Karten gespielt etc., als habe er nicht im Nebenzimmer im Sterben gelegen. Wir sind ein komisches Volke.

Sich draußen zurechtzufinden war allerdings viel schwieriger als heute, weil es so dunkel war. In sehr finsteren Nächten stieß ein daherstolpernder Fußgänger leicht »mit dem Kopf an einen Pfosten« oder erlebte andere schmerzliche Überraschungen. Man musste sich den Weg durch das Dunkel ertasten, doch manchmal tastete man auch einfach nur blind darin herum. In London war 1763 die Beleuchtung immer noch so schlecht, dass James Bosswell auf der Westminster Bridge mit einer Prostituierten Sex I laben konnte, wohl kaum der privateste Ort für ein solches Unterfangen. Die mangelnde Helligkeit barg aber auch Gefahren Ober die genannten hinaus. Allenthalben trieben Diebe ihr Unwesen, und im Jahre 1718 bemerkte eine Londoner Behörde, die Menschen schreckten oft davor zurück, abends und nachts hinauszugehen, weil sie Angst hätten, sie würden »geblendet, niedergeschlagen, erstochen oder erdolcht«. Um nicht irgendwo gegenzuknallen oder von Räubern überfallen zu werden, heuerten sich die betuchten Stadtbewohner Jungs an, die Fackeln aus kräftigen, in Harz getauchte Seilstücken oder einem anderen brennbaren Material vor ihnen hertrugen und sie heil nach Hau-NC brachten. Leider konnte man den Knaben auch nicht immer trauen; manche führten ihre unglücklichen Kunden in dunkle, einsame Gassen, wo sie oder ihre Kumpane sie um Geld oder Seidenklamotten erleichterten.

Selbst als in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts schon viele Straßen mit Gas beleuchtet wurden, war die Welt nach Einbruch der Nacht immer noch recht zwielichtig. Selbst die hellsten Gaslampen in den Straßen gaben weniger Licht als eine moderne 25-Watt-Birne. Darüber hinaus standen sie weit auseinander. Knapp dreißig Meter Düsternis lagen im Allgemeinen zwischen ihnen, doch auf manchen Straßen in London, zum Beispiel der King's Road in Chelsea, gut sechzig Meter, so dass die Lampen weniger den Weg beleuchteten, als vielmehr weit voneinander entfernte mäßig helle Punkte darstellten, die man zu erreichen versuchte. In manchen Stadtteilen überdauerten die Gaslampen sehr lange. Noch in den 1930er Jahren hatte fast die Hälfte der Londoner Straßen Gasbeleuchtung.

Wenn überhaupt etwas die Menschen in der Zeit ohne elektrisches Licht früh ins Bett trieb, dann war es nicht Langeweile, sondern Erschöpfung. Viele Menschen hatten einen unendlich langen Arbeitstag. Ein elisabethanisches »Statut für Handwerker« legte 1563 fest, dass alle Handwerker, Gehilfen und Lehrburschen »um oder vor fünf Uhr morgens fleißig bei der Arbeit seyn oder fleißig fortfahren mussten und nicht weggehen durften und bis sieben oder acht Uhr bei Nacht weiterarbeiten mussten«, was eine Vierundachtzig-Stunden-Arbeitswoche bedeuten konnte. Andererseits aber sollte man sich vor Augen halten, dass ein typisches Londoner Theater wie Shakespeares Globe zweitausend Zuschauer fasste, ungefähr ein Prozent der Londoner Einwohnerschaft, von denen viele einer Arbeit nachgingen, und dass es zu der Zeit auch noch andere Theater sowie Unterhaltungsmöglichkeiten wie Bärenhatzen und Hahnenkämpfe gab. Was auch immer das Gesetz verfügte — an einem x-beliebigen Tag waren ganz offensichtlich mehrere Tausend Londoner eindeutig nicht an ihren Werkbänken, sondern gingen aus und amüsierten sich.

Die Industrielle Revolution und das Aufkommen des Fabriksystems sorgten dann aber dafür, dass die langen Arbeitstage penibelst eingehalten wurden. In den Fabriken mussten die Arbeiter nun montags bis freitags von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends und samstags von sieben bis vierzehn Uhr an ihren Arbeitsplätzen sein, und während auftragsreicher Perioden im Jahr — die als »rege Zeiten« bezeichnet wurden — konnten sie sogar von drei Uhr morgens bis zehn Uhr abends an ihren Maschinen festgehalten werden, was zu einem neunzehnstündigen Arbeitstag führte. Bis zur Verabschiedung der Fabrikgesetze 1833 mussten schon siebenjährige Kinder genauso lange arbeiten. Unter solchen Bedingungen aßen und schliefen die Menschen natürlich, wann immer sie gerade konnten.

Die Reichen ließen es ruhiger angehen. Die Schriftstellerin Fanny Burney schrieb 1768 über das Leben auf dem Land: »Wir frühstücken immer um zehn und stehen so viel früher auf, wie es uns beliebt; Punkt zwei Uhr speisen wir, trinken um sechs Tee und nehmen exact um neun Uhr das Abendessen ein.« Dieser Tagesablauf klingt in zahllosenTagebüchern und Briefen anderer Menschen ihrer Klasse nach. »Ich werde einen Bericht über einen Tag gehen, dann haben Sie alle Tage«, schrieb eine junge Briefpartnerin dem Historiker Edward Gibbon im Jahr 1780. Ihr Tag, erzählte sie, beginne um neun, und Frühstück gebe es um zehn. »Und gegen elf dann spiele ich auf dem Cembalo, oder ich zeichne; um eins übersetze ich und gehe um zwei noch einmal nach draußen, um drei lese ich im Allgemeinen, und um vier gehen wir zum Essen, nach dem Dinner spielen wir Backgammon, wir trinken Tee um sieben, und ich arbeite oder spiele Pianoforte bis zehn, dann essen wir ein paar Bissen zu Abend, und um elf gehen wir zu Bett.«

Es gab verschiedene Arten der Beleuchtung, nach modernen Mußstäben alle längst nicht ausreichend. Das Primitivste waren Binsenlichter, die man aus Blaugrünen Binsen herstellte — das hieß auf knapp fünfzig Zentimeter Länge stutzte und in Tierfett, normalerweise Hammelfett, tauchte. Dann steckte man sie in Metallhalter und ließ sie abbrennen wie eine dünne, spitz zulaufende Wachskerze. Eine Binsenlampe brannte normalerweise fünfzehn bis zwanzig Minuten, da war also schon ein reicher Vorrat an Binsen und Geduld nötig, um einen langen Abend zu gestalten. Einmal im Jahr, im Frühling, erntete man die Binsen, musste also sorgfältig berechnen, wie viel Licht man in den nächsten zwölf Monaten brauchte.

Die Bessergestellten hatten Kerzen. Die gab es aus Talg und aus Wachs. Talg, aus ausgelassenem Tierfett, hatte den großen Vorteil, dass man ihn zu Hause aus jedem geschlachteten Tier machen konnte, er also billig war, zumindest bis 1709. Da nämlich erließ das Parlament in London unter dem Druck der Kerzenziehergilde ein Gesetz, nach dem es verboten war, zu Hause Kerzen herzustellen. Das Verbot führte zu großem Ärger auf dem Land und wurde, wenn auch mit einem gewissen Risiko, sicher nach Kräften missachtet. Binsenleuchten durften die Leute noch machen, wenn dieses Zugeständnis auch manchmal wertlos war, weil man für Binsenleuchten eine Menge Tierfett brauchte und die Bauern in Notzeiten keine Tiere zum Schlachten hatten. Da mussten sie dann eben ihre Abende nicht nur hungrig, sondern auch im Dustern verbringen.

Talg war ein nerviges Material. Weil er so schnell schmolz, flackerte die Kerze immer, und man musste sie bis zu vierzig Mal in der Stunde schneuzen, das heißt den Docht nachschneiden. Außerdem verbrannte Talg mit ungleichmäßigem Licht und stank. Und weil die Talgkerze eigentlich nur eine Stange verwesender organischer Materie war, stank sie umso übler, je älter sie war. Weit besser waren Kerzen aus Bienenwachs. Die gaben ein gleichmäßigeres Licht und mussten weniger geschneuzt werden, kosteten aber auch ungefähr viermal so viel und wurden deshalb nur zu besonderen Gelegenheiten benutzt. Wie viel Beleuchtung man sich gönnte, war ein aufschlussreicher Indikator für den sozialen Status. Elizabeth Gaskell hat in einem ihrer Romane eine Figur, Miss Jenkyns, geschaffen, die immer zwei Kerzen stehen hatte, aber nur eine brennen ließ und gewissenhaft zwischen beiden abwechselte, damit sie stets gleich lang blieben. Wenn Miss Jenkyns Gäste hatte, kamen die gar nicht auf die peinliche Idee, dass ihre Gastgeberin sparen musste.

Wo ein Mangel an herkömmlichen Brennstoffen herrschte, nahmen die Leute, was sie bekamen — Stechginster, Farn, Seetang, getrockneten Mist, alles, was brannte. Auf den Shetland-Inseln enthielten Sturmschwalben so viel natürliches Öl, dass die Leute ihnen manchmal nur einen Docht in die Kehle rammten und ihn anzündeten, behauptete James Boswell, doch ich habe den leisen Verdacht, dass er hier einer Mär aufgesessen ist. Woanders in Schottland sammelte und trocknete man Mist, um damit Licht zu machen und zu heizen. Der Verlust an diesem Dünger auf den Feldern führte dazu, dass das Land magerer wurde, und beschleunigte angeblich den Niedergang der Landwirtschaft. Manche Leute hatten Glück. Der ölhaltige Schiefer am Strand der Kimmeridge Bay in Dorset brannte wie Kohle, konnte gratis gesammelt werden und gab sogar besseres Licht. Doch wer es sich leisten konnte, entschied sich für die effizienteren Öllampen, auch wenn Ö1 teuer war und Öllampen wegen des Schmutzes täglich gereinigt werden mussten. Schon im Verlauf eines Abends konnte eine Lampe vierzig Prozent ihrer Helligkeit verlieren, weil ihr Zylinder zurußte. Wenn man sie nicht sehr gut pflegte, hatte das unangenehme Folgen. Elisabeth Garrett erzählt von einer hingen Frau, die ein Fest in Neuengland besuchte, wo die Lampen rauchten. Die junge Frau berichtete: »Unsere Nasen waren pechschwarz & unsere Kleider vollkommen grau und [...] ganz verdorben.« Aus solchen Gründen blieben viele Leute bei Kerzen, selbst nachdem es Alternativen gab. Catherine Beecher und ihre Schwester Harriet Beecher Stowe gaben in ihrem Heim der amerikanischen Hausfrau, der US-amerikanischen Antwort auf Mrs. Beetons Buch der Haushaltsführung, selbst noch im Jahr 1869 Tipps zum Kerzenmachen.

Bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte sich die Qualität der Beleuchtung seit dreitausend Jahren und mehr nicht geändert. Aber 1783 erfand ein Schweizer Physiker namens Ami Argand eine Lampe, die erheblich heller leuchtete, schlicht und ergreifend deshalb, weil die Flamme mehr Sauerstoff bekam. Argand versah seine Lampen auch mit einem Griff, mit dem man die Leuchtkraft der Flamme regulieren konnte, und angesichts dieser Neuheit verschlug es vielen Benutzern vor Dankbarkeit schier die Sprache. Thomas Jefferson begeisterte sich schon früh dafür und bemerkte voller Bewunderung, dass eine einzige Argand-Lampe so viel Helligkeit verbreite wie ein halbes Dutzend Kerzen. 1790 brachte er sogar mehrere Argand-Lampen von Paris mit nach Hause.

Argand selbst bekam nie seinen verdienten Lohn. Als seine Patente in Frankreich nicht anerkannt wurden, ging er nach England, doch auch dort wollte man nichts davon wissen, und so brachten ihm sein Fleiß und Erfindungsreichtum so gut wie nichts.

Das beste Licht konnte man allerdings immer noch mit Waltran ran erzeugen, und der beste Waltran war das Spermaceti oder Walrat aus dem Kopf des Pottwals. Pottwale sind geheimnisvolle, schwer zu erwischende Tiere, von denen man selbst heute kaum etwas weiß. Sie produzieren große Vorräte Walrat und lagern bis zu drei Tonnen davon in einer höhlenartigen Kammer in ihren Schädeln ein. Trotz des Namens Spermaceti ist das Walrat kein Sperma und dient auch nicht der Fortpflanzung, doch wenn es sich an der Luft von einer wässrigen Flüssigkeit zu einer milchig weißen Creme verwandelt, versteht man sofort, warum die Seeleute auf den Namen kamen. Noch nie hat jemand herausgefunden, wozu es da ist. Vielleicht unterstützt es die Abtriebskraft oder hilft, den Stickstoff im Blut des Wals zu absorbieren. Pottwale tauchen mit großem Tempo in enorme Tiefen bis mehr als eineinhalb Kilometer tief —, augenscheinlich, ohne dass es ihnen schadet, und man glaubt, dass das Walrat auf eine noch unerforschte Weise dafür sorgt, dass sie nicht die Taucherkrankheit kriegen. Eine andere Theorie besagt, dass das Walrat bei männlichen Walen als Stoßdämpfer funktioniert, wenn sie um Paarungsrechte kämpfen. Es würde auch zu erklären helfen, warum Pottwale dafür berüchtigt sind, Walfangschiffen gern mal einen oft für sie selbst tödlichen Kopfstoß zu verpassen, wenn sie wütend sind. Ob sie sich aber auch untereinander Kopfstöße verpassen, weiß man nicht.

Nicht minder mysteriös war im Übrigen ein sehr wertvolles, dunkelgraues bis schwarzes Produkt aus dem Verdauungstrakt der Pottwale, die Ambra. Erst kürzlich hat man entdeckt, dass sie aus den Hornkiefern der Tintenfische gebildet wird, die der Pottwal nicht verdauen kann. Er scheidet die Ambra in unregelmäßigen Abständen aus, und jahrhundertelang fand man sie im Meer schwimmend oder angeschwemmt an Küsten, und niemand wusste, wo sie herkam. Sie eignete sich ganz vorzüglich als Fixiermittel für Parfüm und wurde sehr wertvoll. Leute, die es sich leisten konnten, aßen sie auch. Charles II. hielt Ambra mit Eiern für das leckerste Gericht der Welt. (Der Geschmack von Ambra erinnert angeblich an den von Vanille.) Doch wie dem auch sei, die Ambra samt all dem kostbaren Walrat machte Pottwale zu einer hoch attraktiven Jagdbeute.

Gemeinsam mit anderen Walölen war das von Pottwalen auch wehr begehrt in der Industrie: als Weichmacher bei der Herstellung von Seife und Farben und als Schmiermittel für Maschinen. Die großen Wale lieferten darüber hinaus eine erfreuliche Menge Fischchbein, eine knochenartige Substanz aus den Oberkiefern oder Barten, aus der man robuste, aber flexible Korsettstangen, Griffe von Kutschenpeitschen und alle möglichen Gegenstände fabrizierte, die eine gewisse natürliche Elastizität brauchten.

Der Walfang war hauptsächlich Sache der Amerikaner. Schon wehr früh wurden neuenglische Häfen wie Nantucket und Salem vom Walgeschäft reich. 1846 hatten die USA mehr als 650 Wal-o Fangschiffe, grob dreimal so viel wie der Rest der Welt zusammen. Da Waltran aber überall in Europa hoch besteuert wurde, benutzten die Leute zu Beleuchtungszwecken eher Rüböl, das sie aus Rübsamen machten (einem Vertreter der Gattung Kohl), oder Camphen, ein Terpentinderivat, das exzellentes Licht gab, aber hochgradig instabil war und manchmal — sehr zum Ärger der Betroffenen — explodierte.

Niemand weiß, wie viele Wale während des großen Zeitalters des Walfangs abgeschlachtet wurden, doch man schätzt, dass es In den vier Jahrzehnten bis 1870 etwa dreihunderttausend waren. I )as mag nicht über Gebühr viel erscheinen, doch die Wale waren von vornherein nicht sehr zahlreich. Die Jagd brachte jeden falls viele Arten an den Rand der Ausrottung, und als die Anzahl der Meeressäuger geringer wurde, dauerten die Fangfahrten zu Ihnen immer länger; üblich wurden bis zu vier Jahre, auch fünf waren nicht unbekannt. Es trieb die Walfänger in die einsamsten Ecken der entlegensten Meere. Was natürlich zu immer größeren Kosten führte. In den 1850er Jahren belief sich der Preis für eine Gallone (gut dreidreiviertel Liter) Waltran auf zwei Dollar fünfzig, die Hälfte des durchschnittlichen Wochenlohns eines Arbeiters, doch die Jagd ging erbarmungslos weiter. Viele Walarten, na, womöglich alle wären wohl für immer verschwunden, wenn nicht mehrere unvermutete Ereignisse eingetreten wären. Das erste 1846 in Nova Scotia, wo ein Mann namens Abraham Gesner etwas erfand, das eine Zeitlang das wertvollste Produkt auf Erden werden sollte.

Gesner war von Beruf Arzt, aber er hegte eine merkwürdige Begeisterung für geologische Studien und die Beschaffenheit von Kohle. Als er mit Kohlenteer experimentierte, einer nutzlosen, klebrigen Masse, die übrig blieb, wenn man Kohlengas herstellte, ersann er eine Methode, aus ihr eine leicht entflammbare Flüssigkeit zu gewinnen, die er aus unerfindlichen Gründen Kerosin nannte. Kerosin brannte wunderbar, gab ein ebenso starkes, gleichmäßiges Licht wie Waltran und war viel billiger in der Herstellung. Das Problem war nur, dass man nicht wusste, wie man es in großen Mengen produzieren konnte. Gesner erzeugte so viel, dass es zur Beleuchtung der Straßen von Halifax reichte, und gründete schließlich auch eine Fabrik in New York, die ihm einen sicheren Wohlstand bescherte, doch Kerosin aus Kohle war und blieb in der übrigen Welt eine Randerscheinung. Ende der 1850er Jahre wurden in den Vereinigten Staaten gerade mal sechshundert Fässer mit knapp 160 Litern am Tag produziert. (Der Kohlenteer selbst fand dagegen schon bald Anwendung in einer großen Zahl von Produkten: Farben, Färbemitteln, Pestiziden, Medikamenten und mehr. Kohlenteer begründete quasi die moderne chemische Industrie.)

In diese verfahrene Situation trat unerwartet ein weiterer Held, ein kluger junger Mann namens George Bissell, der nach einer kurzen, aber erfolgreichen Karriere im öffentlichen Schulwesen in New Orleans gerade seinen Posten als Oberschulrat gekündigt hatte. Als er 1853 seine Heimatstadt Hanover in New Hampshire besuchte und bei der Gelegenheit bei einem Professor seiner Alma Mater, dem Dartmouth College, vorbeischaute, sah er eine Flasche Steinöl auf dem Regal des Professors stehen. Der Professor erzählte ihm, im Westen Pennsylvanias dringe Steinöl — das wir heute Erdöl nennen würden — an die Oberfläche, und ein Lappen, den man hineintauche, brenne, doch habe bisher niemand eine Verwendung dafür gefunden außer in Arzneimitteln. Rissen führte ein paar Experimente mit Steinöl durch, sah, dass es ein hervorragendes Leuchtmaterial abgab, und sann darauf, es industriell zu fördern.

Er gründete die Pennsylvania Rock Oil Company und kaufte Schürfrechte für Mineralien an einem trägen Fluss, dem Oil Creek, in der Nähe von Titusville im Westen Pennsylvanias. Neu war Bissells Idee, nach Öl zu bohren wie nach Wasser. Bisher hatten alle danach gegraben. Um der Sache Schwung zu verleihen, schickte er einen Mann namens Edwin Drake — der in Gesehichtsbüchern immer als »Oberst Edwin Drake« figuriert — nach Titusville, der dort zu bohren begann. Drake war weder Fachmann im Bohrgeschäft noch Oberst. Er war Eisenbahnschaffner. Aus gesundheitlichen Gründen hatte er kurz zuvor den Dienst quittieren müssen. Was ihn für Bissells Unternehmen empfahl, war, dass er einen Eisenbahnpass besaß und umsonst nach Pennsylvania fahren konnte. Zwecks Aufbesserung seines Images adressierten Bissell und seine Geschäftspartner Briefe an ihn mit »Oberst E.L. Drake«.

Ausgestattet mit einem Packen geborgten Geldes beauftragte der »Oberst« einenTrupp Bohrarbeiter, mit der Suche nach Öl zu beginnen. Obwohl diese ihn für einen liebenswürdigen Spinner hielten, nahmen sie die Arbeit gern an und begannen nach seinen Anweisungen zu bohren. Prompt tauchten technische Probleme auf. Doch zur Überraschung aller war Drake sehr pfiffig, wenn es galt, sie zu lösen, und er hielt das Projekt am Laufen. Man bohrte mehr als eineinhalb Jahre — aber vergeblich. Im Sommer 1859 waren die finanziellen Mittel Bissells und seiner Partner erschöpft. Widerstrebend schrieben sie Drake, er möge den Betrieb einstellen. Doch bevor der Brief eintraf, stießen Drakes Männer am 27. August 1859 in einer Tiefe von etwas über zwanzig Metern auf Öl. Es war nicht die turmhoch aufspritzende Quelle, die wir traditionell bei solchen Ereignissen vor uns sehen — dieses Öl musste mühsam an die Oberfläche gepumpt werden, aber man gewann eine stetige Masse einer dicken, zähen, blaugrünen Flüssigkeit.

Wenn es auch damals keiner merkte, man hatte gerade die Welt vollkommen und für immer verändert.

Als Erstes stand die Firma vor dem Problem, wo sie all das geförderte Öl aufbewahren sollte. Da es vor Ort nicht genug Fässer gab, füllte man in den ersten Wochen Badewannen, Waschbecken, Eimer, alles, was man in die Hände kriegte. Schließlich aber fertigte man spezielle Fässer mit einem Fassungsvermögen von zweiundvierzig Gallonen (knapp unter 160 Liter) an, und die sind als Barrel bis heute das Standardmaß für Öl. Als drängender erwies sich dann, wie man das Öl gewinnbringend nutzen konnte. Da es im Naturzustand nur eklige Klebe war, machte Bissell sich daran, es zu etwas Reinerem zu destillieren. Dabei entdeckte er, dass es gereinigt nicht nur ein hervorragendes Schmiermittel war, sondern als Nebenprodukte auch noch erhebliche Mengen Benzin und Kerosin abfielen. Für das Benzin fand er überhaupt keine Verwendung — es war bei Weitem zu flüchtig — und schüttete es einfach weg, doch das Kerosin brannte wunderbar hell, wie er ja auch gehofft hatte, und kostete in der Herstellung viel weniger als Gesners aus Kohle gepresste Substanz. Endlich hatte die Welt einen billigen Stoff zur Beleuchtung, der mit Waltran konkurrieren konnte.

Als andere Leute sahen, wie leicht es war, Ö1 zu fördern und in Kerosin zu verwandeln, setzte ein Ansturm auf das Gebiet um den Oil Creek ein. Bald drängten sich Hunderte von Bohrtürmen in der Landschaft. »In drei Monaten«, schreibt der bekannte Sachbuchautor John McPhee im Land der Versprechungen, »stieg die Einwohnerzahl von Pithole City von null auf 15000, und in der ganzen Region schossen weitere Ölstädte aus dem Boden Oil City, Petroleum Center, Red Hot. John Wilkes Booth kam auch, verlor seine Ersparnisse, ging wieder und ermordete einen I 'räsidenten«, Abraham Lincoln.

Im Jahr von Drakes Entdeckung wurden in den Vereinigten Staaten zweitausend Barrel Öl gefördert; binnen zehn Jahren waren es weit über vier Millionen und nach weiteren dreißig sechzig Millionen. Leider wurden Bissell, Drake und die anderen Investoren des Unternehmens, das jetzt Seneca Oil Company hieß, nicht so reich, wie sie gehofft hatten. Aus anderen Quellen Pumpte man viel größere Mengen — aus einer, Pool Well, dreitausend Barrel am Tag —, und die schiere Anzahl an sprudelnden Fundstellen führte zu einem solchen Überangebot, dass der Marktpreis von Ö1 katastrophal fiel, von zehn Dollar das Barrel im Januar 1861 auf gerade mal zehn Cents am Ende des Jahres. Das war schön für die Verbraucher und die Wale, doch nicht so schön für die in der Branche Tätigen. Während der Boom zu einer Flaute wurde, fielen auch die Preise für Land. 1878 bekam man für eine Parzelle in Pithole City, für die man dreizehn Jahre zuvor zwei Millionen Dollar auf den Tisch hatte legen müssen, nur noch 4,37 Dollar.

Viele gerieten also ins Schlingern und versuchten verzweifelt, aus dem Ölgeschäft auszusteigen; nur in einer kleinen Firma in Cleveland, die Clark and Rockefeller hieß und mit Schweinefleisch und anderen landwirtschaftlichen Produkten handelte, beschloss man einzusteigen und kaufte Bohrrechte von bankrotten Unternehmen auf. Im Jahre 1877, nicht einmal zwanzig Jahre nach der Entdeckung von Öl in Pennsylvania, war Clark von der Bildfläche verschwunden, und John D. Rockefeller kontrollierte etwa neunzig Prozent des Ölgeschäfts in den Vereinigten Staaten. Das Ö1 lieferte nicht nur den Rohstoff für ein über die Maßen lukratives Beleuchtungsmaterial, sondern befriedigte auch die große Nachfrage nach Schmiermitteln für all die Maschinen und Geräte des neuen industriellen Zeitalters. Auf Grund seines Quasimonopols konnte Rockefeller die Preise stabil halten und wurde sensationell reich. Als sich das Jahrhundert dem Ende zuneigte, wuchs sein Privatvermögen jährlich um etwa eine Milliarde Dollar (in heutigem Geld). Und das in einem Zeitalter ohne Einkommensteuer. Noch nie ist ein Mensch so reich geworden.

Bissell und seinen Partnern war das Glück nicht immer derartig hold, und wenn, dann in entschieden moderaterem Ausmaß. Die Seneca Oil Company verdiente eine Weile gutes Geld, doch 1864, nur fünf Jahre nachdem Drake mit seinen Bohrungen den Durchbruch geschafft hatte, konnte sie nicht mehr mithalten und machte dicht. Drake haute das Geld, das er verdient hatte, auf den Kopf und starb bettelarm und schwer gezeichnet von einer Neuralgie wenig später. Bissell erging es besser. Er investierte seine Gewinne in eine Bank und andere Geschäfte und häufte ein bescheidenes Vermögen an — jedenfalls so viel, dass er Dartmouth eine kleine Sporthalle bauen konnte, die immer noch steht.

Während Kerosin sich als bevorzugtes Beleuchtungsmittel in Millionen Häusern besonders in Kleinstädten und ländlichen Gegenden durchsetzte, trat die Konkurrenz in vielen größeren Gemeinwesen schon in Gestalt eines neuen Wunders der Zeit auf: Gas. Von 1820 an war für die Begüterten in vielen Großstädten Gas eine weitere Option. Genutzt wurde es allerdings hauptsächlich für die Beleuchtung von Fabrikhallen und Läden sowie bei der Straßenbeleuchtung, erst gegen Mitte des Jahrhunderts setzte es sich in Privathäusern durch.

Gas hatte viele Nachteile. Menschen, die in Büros mit Gasversorgung arbeiteten oder Theater besuchten, die mit Gas beleuchtet wurden, klagten oft über Kopfschmerzen und Übelkeit. Um dem entgegenzuwirken, brachte man die Gaslampen vor Fabrikfenstern manchmal draußen an. Im Inneren schwärzte es überdies Decken, verfärbte Stoffe, zerfraß Metall und hinterließ auf jeder horizontalen Fläche eine schmierige Rußschicht. Blumen welkten schnell, und die meisten Pflanzen wurden gelb, wenn sie nicht in einem Terrarium isoliert waren. Nur die Schusterpalme schien dagegen immun zu sein, was erklärt, warum sie auf last jedem viktorianischen Wohnzimmerfoto zu sehen ist. Auch heim Entzünden der Gasflamme musste man einige Vorsicht wallen lassen. Die meisten Versorger drosselten die Zufuhr tagsüber, wenn die Nachfrage gering war. Wollte man dann das Gas anstellen, musste man den Hahn weit aufdrehen, um ein vernünftiges Licht zu bekommen. Wurde aber später am Tag der Druck erhöht, loderte dort, wo jemand vergessen hatte, den Hahn herunterzudrehen, die Flame gefährlich hoch und versengte die Decke und konnte natürlich Brände entfachen. Gas war nicht nur schmutzig, sondern auch gefährlich.

Es hatte aber einen unwiderstehlichen Vorteil. Es brannte hell zumindest im Vergleich mit allem, was man bisher kannte. Ein normales Zimmer, das mit Gas beleuchtet wurde, war zwanzigmal heller als vorher. Intim war das Licht nicht — man konnte es nicht wie eine Tischlampe näher zum Buch oder zur Näharbeit ziehen —, aber es sorgte für eine wunderbare Gesamtbeleuchtung. Lesen, Kartenspielen, ja, sogar die Gespräche wurden angenehmer. Essensgäste konnten sich über die Beschaffenheit der Speisen Gewissheit verschaffen, zarte Fischgräten erkennen und aussortieren und endlich sehen, wie viel Salz aus dem Loch des Salzstreuers kam. Man konnte eine Nadel fallen lassen und sie sofort (und nicht erst am nächsten Morgen bei Tageslicht) aufheben und die Titel der Bücher auf den Regalen lesen. Die Leute lasen nun auch mehr und blieben abends länger auf. Es ist kein Zufall, dass um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein anhaltender Boom an Zeitungen, Zeitschriften, Büchern und Noten einsetzte. Die Zahl der britischen Zeitungen und Zeitschriften stieg sprunghaft von weniger als einhundertfünfzig zu Beginn des Jahrhunderts bis auf fast fünftausend am Ende an.

Besonders beliebt war Gas in den Vereinigten Staaten und ( Großbritannien, wo es ab 1850 in den meisten großen Städten zur Verfügung stand. Es blieb aber ein Luxus der Mittelklasse. nie Armen konnten es sich nicht leisten, und die Reichen verschmähten es häufig, weil es teuer und nur mit großem Aufwand zu installieren war, ganz zu schweigen davon, dass es an Gemälden und kostbaren Stoffen Schaden anrichtete. Außerdem fragte man sich, warum man unbedingt in mehr Bequemlichkeit investieren sollte, wo man doch Bedienstete hatte, die ohnehin alles für einen taten. Folglich waren nicht nur bürgerliche Haushalte, sondern ironischerweise auch Institutionen wie Irrenhäuser und Gefängnisse lange vorher besser beleuchtet — und recht bedacht, auch besser beheizt — als die Adelssitze in England.

Es ausreichend warm zu haben war im ganzen neunzehnten Jahrhundert für die meisten Menschen schwierig. Mr. Marsham hatte praktisch in jedem Zimmer seines Pfarrhauses, sogar im Ankleidezimmer, einen Kamin und obendrein einen mächtigen Herd in der Küche. So viele Kamine bzw. Öfen zu reinigen, zu bestücken und am Brennen zu halten war eine Heidenarbeit, doch mehrere Monate im Jahr war das Haus bestimmt trotzdem unangenehm kalt. (Ist es immer noch.) Kamine sind einfach derart ineffizient, dass man nur ein paar Kubikmeter Wohnraum damit warm kriegt. Doch während man in einem gemäßigten Klima wie in England noch darüber hinwegsehen konnte, musste man in den eiskalten Wintern in großen Teilen Nordamerikas bibbern. Thomas Jefferson klagte einmal, er habe abends aufhören müssen zu schreiben, weil die Tinte im Tintenfass gefroren war. Und ein Tagebuchschreiber namens George Templeton Strong hielt fest, dass er im Winter 1866 selbst mit zwei brennenden Öfen und sämtlichen Kaminen hell lodernd die Temperatur in seinem Bostoner Haus nur wenig über drei Grad Celsius bekam.

Wer sann auf Abhilfe? Benjamin Franklin natürlich! Er erfand den sogenannten Franklin- oder Pennsylvania-Ofen, der zweifellos eine Verbesserung darstellte, aber leider mehr auf dem Papier als in der Praxis. Im Grunde war es ein in einen Kamin gesteckter Ofen mit zusätzlichen Rauchabzügen und Luftkanälen, die den Luftzug geschickt um- und mehr Hitze zurück ins Zimmer leiteten. Außerdem war er teuer und der Einbau oft fürchterlich umständlich und aufwändig. Franklins Konstruktion wurde in den Vereinigten Staaten von David Rittenhouse und in Europa von Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford, verbessert, doch warm und angenehm wurde es erst, als die Leute die Kamine zumauerten und einen Ofen in die Zimmer stellten. Der sogenannte Holländische Ofen roch nach heißem Eisen und machte die Luft sehr trocken, sorgte aber wenigstens dafür, dass es warm wurde und blieb.

Als die Menschen in den Vereinigten Staaten gen Westen in die Prärien und weiter zogen, fehlte Holz als Heizmaterial. Man benutzte unter anderem Maiskolben und getrocknete Kuhfladen, für die man den schönen Ausdruck »überirdische Kohle« kreierte. In der Wildnis verbrannten die Menschen auch alle möglichen Fette von Schweinen, Hirschen, Bären, sogar das Fett von Wandertauben sowie Fischtran, obwohl dieses Zeug qualmte und stank.

Der Ofenbau wurde in den Vereinigten Staaten zur fixen Idee. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren beim nationalen Patentamt mehr als siebentausend Typen registriert. Das Einzige, wus sie alle gemeinsam hatten, war die viele Arbeit, die es kostete, sie  am Brennen zu halten. Ein Durchschnittsofen verbrannte laut einer Studie in Boston im Jahre 1899 mehr als 250 Pfund Kohle in der Woche, produzierte etwa fünfundzwanzig Pfund Asche, und man musste sich täglich drei Stunden und elf Minuten um ihn kümmern. Hatte man sowohl in der Küche als auch im Wohnzimmer immer einen Ofen und vielleicht noch woanders offene Kamine, dann brauchte man sich über mangelnde Beschäftigung nicht zu beklagen. Ein anderer erheblicher Nachteil geschlossener Öfen war, dass sie dem Raum eine Menge Licht wegnahmen.

Die Verbindung von offenem Feuer und entzündlichen Materialien hatte das tägliche Leben in der vorelektrischen Welt durch und durch beunruhigend und aufregend gemacht. Samuel Pepys notierte in seinem Tagebuch, dass er einmal, über eine Kerze gebeugt, an seinem Schreibtisch arbeitete und plötzlich einen schrecklichen beißenden Gestank wie nach brennender Wolle bemerkte. Als Nächstes begriff er, dass seine neue und sehr teure Perücke lichterloh in Flammen stand. Solche kleinen Brände passierten dauernd. In fast allen Zimmern eines Hauses brannte ein offenes Feuer, zumindest zu bestimmten Tageszeiten, und es brauchte nicht viel, um ein Haus niederzubrennen, denn beinahe alles darin oder darauf, von Strohbetten bis zu reetgedeckten Dächern, war sozusagen Heizmaterial auf Abruf. Um die Gefahren bei Nacht zu verringern, wurden die offenen Feuer mit einem gewölbten Deckel zugedeckt, aber dass mal ein Funken heraussprang, konnte man trotzdem nie ganz ausschließen.

Technische Verbesserungen sorgten manchmal für besseres Licht, erhöhten aber auch das Risiko eines Brandes. Argand-Lampen waren kopflastig, weil der Brennstoff weit oben gelagert werden musste, damit er auf den Docht fließen konnte. Wenn man Kerosin umkippte oder verschüttete und es Feuer fing, war meist alles zu spät. 1870 starben allein in den Vereinigten Staaten sechstausend Menschen jährlich bei Bränden, die durch Kerosin verursacht worden waren.

Stets drohten auch Brände an öffentlichen Orten, besonders nach der Entwicklung einer jetzt vergessenen, aber damals sehr gebräuchlichen Form der Beleuchtung, dem Drummond'schen Licht oder Kalklicht, benannt nachThomas Drummond von den Königlichen Ingenieuren Großbritanniens, dem allgemein, aber fälschlich dessen Erfindung zu Beginn der 1820er Jahre zuerkannt wurde. In Wirklichkeit wurde die Lampe von Sir Goldsworthy Gurney, einem Ingenieurskollegen von Drummond und Erfinder mit beträchtlichem Talent, erdacht. Drummond sorgte nur für ihre allgemeine Verbreitung und behauptete nie, er habe sie erfunden. Doch aus irgendeinem Grunde wurde ihm das Verdienst zugeschrieben, und dabei blieb es. Die Lampe basierte auf einem schon lange bekannten Phänomen — dass man nämlich ein intensives weißes Licht bekam, wenn man ein Stück Kalk oder Magnesium in einer wirklich heißen Flamme verbrannte. Gurney nährte eine Flamme mit einer großzügigen Mischung aus Sauerstoff und Alkohol und schaffte es, darin eine Kalkkugel, nicht größer als eine Kindermurmel, so effizient zu erhitzen, dass man das Licht noch in fast einhundert Kilometern Entfernung sehen konnte. Das Verfahren wurde erfolgreich in Leuchttürmen angewendet, aber auch in Theatern. Das Licht war nicht nur perfekt und gleichmäßig, sondern man konnte es auf der Bühne auch in einem Strahl bündeln und auf einzelne Schauspieler richten. Der Nachteil war wiederum, dass die starke Hitze des Kalklichts ommer für einen Brand gut war. Im Laufe von hundert Jahren brannten in den Vereinigten Staaten mehr als vierhundert Theater ab. Über das gesamte neunzehnte Jahrhundert hinweg starben on Großbritannien laut dem 1899 veröffentlichten Bericht von William Paul Gerhard, dem führenden Brandexperten der Zeit, zehntausend Menschen bei Theaterbränden.

Auch auf Reisen waren Brände eine stete Gefahr, ja, oft noch bedrohlicher, weil Fluchtmöglichkeiten begrenzt oder gar nicht gegeben waren. 1858 fing das Einwandererschiff Austria auf hoher See mit Kurs auf die Vereinigten Staaten Feuer, und fast fünfhundert Menschen starben elendiglich, als das Schiff unter ihnen wegbrannte. Auch Eisenbahnzüge waren gefährlich. Von etwa 1840 an gab es Personenwagen mit Öllampen zum Lesen und Holz- oder Kohleöfen im Winter; was die in einem dahinruckelnden Zug für Katastrophen hervorrufen konnten, kann man sich leicht ausmalen. Noch 1921 kamen siebenundzwanzig Menschen bei einem Heizungsbrand in einem Zug bei Philadelphia um.

Auf festem Boden hatte man am meisten Angst davor, dass die Brände außer Kontrolle gerieten, sich ausbreiteten und ganze Stadtviertel zerstörten. Der berühmteste Brand in der Geschichte ist gewiss das Große Feuer von London im Jahre 1666, das ganz klein in einer Bäckerei unweit der London Bridge begann, sich aber rasch auf eine Länge von achthundert Metern weiterfraß. Bis nach Oxford konnte man den Rauch sehen und ein zartes, unheimliches Knistern hören. 13 200 Häuser und 140 Kirchen wurden zerstört.

Eigentlich war es der zweite große Stadtbrand in London. 1212 hatte einer viel verheerender gewütet. In seinen Ausmaßen nicht so groß wie der von 1666, aber schneller, rasender, sprang er mit solch schrecklicher Geschwindigkeit von einer Straße zur anderen, dass viele flüchtende Einwohner überholt wurden oder ihre Fluchtwege blockiert fanden. 12 000 Menschen starben. Im Gegensatz dazu kamen 1666, soweit man weiß, nur fünf Menschen um. 454 Jahre lang hieß der Brand von 1212 Großer Brand von London. Dabei hätte man es meines Erachtens auch belassen sollen.

Die meisten Städte wurden von Zeit zu Zeit von furchtbaren Bränden heimgesucht, manche wiederholt. Boston brannte 1653, 1676, 1679, 1711 und 1761. Dann war erst mal Ruhe bis zum Winter 1834, als ein Feuer in einer Nacht den größten Teil der Innenstadt — siebenhundert Gebäude — verschlang und derartig wütete, dass die Flammen auf Schiffe im Hafen übergriffen. Doch alle Stadtbrände sind ein Klacks im Vergleich zu dem, der in einer windigen Nacht im Oktober 1871 durch Chicago tobte, als in einem Stall in der DeKoven Street die Kuh einer Mrs. Patrick O'Leary angeblich eine Kerosinlampe umstieß und rasch das grauenhafteste Chaos folgte. Das Feuer zerstörte 18 000 Gebäude und machte 150 000 Menschen obdachlos. Der Schaden betrug mehr als 200 Millionen Dollar, und einundfünfzig Versicherungsgesellschaften gingen daran bankrott.

Dort, wo die Häuser dicht zusammenstanden wie in europäischen Städten, konnte man bei Bränden nicht viel tun, doch dann hatte man eine gute Idee. Ursprünglich verliefen die Dachträgerbalken in englischen Reihenhäusern parallel zur Straße; sie gingen gleich durch mehrere Häuser oder stießen an die des nächsten Hauses. Damit ergab sich eine fortlaufende Linie von Balken an der Straße entlang, die das Risiko, dass sich ein Feuer von Haus zu Haus verbreitete, erheblich vergrößerte.

Von Beginn des achtzehnten Jahrhunderts an brachte man die Balken dann von vorn nach hinten an, so dass die Trennwände zu Brandmauern wurden. Wenn die Balken aber von vorn nach hinten verliefen, mussten auch die sie tragenden Wände entsprechend verlaufen, was die Zimmergrößen bestimmte und die wiederum, wie die Zimmer genutzt wurden und wie man in den Häusern lebte.

Eine weitere Energiequelle allerdings versprach mit all den beschriebenen Gefahren und Unzulänglichkeiten aufzuräumen: die Elektrizität. Eine tolle Sache — wie man sie aber praktisch nutzen konnte, war schwer herauszufinden. Luigi Galvani demonstrierte anhand von Froschbeinen und Elektrizität aus einfachen Batterien, dass Strom Muskeln zucken ließ, während sein Neffe Giovanni Aldini schnell begriff, wie man daraus Geld machen konnte, und eine Bühnenshow ersann, in der er mit Strom die Leichen gerade exekutierter Mörder und die Köpfe von Guillotine-Opfern »belebte«, deren Augen sich öffneten und deren Münder sich lautlos verzogen. Logisch, dass man nun, da Strom die Toten erweckte, Wunderdinge auch für die Lebenden erwartete. In geringen Dosen (hoffen wir's) wurde Strom bei allen möglichen Krankheiten eingesetzt, von Verstopfung bis dazu, junge Männer vor unstatthaften Erektionen zu bewahren (oder zumindest davor, selbige Erektionen zu genießen). Charles Darwin, dem ein mysteriöses Leiden oft jegliche Antriebskraft raubte und ihn sein Leben lang in Verzweiflung trieb, schlang immer wieder unter Strom gesetzte Zinkketten um sich, übergoss sich mit Essig und ertrug verdrossen stundenlanges sinnloses Kribbeln in der Hoffnung, dass irgendeine Besserung eintreten werde. Stets vergeblich. Präsident James Garfield, der langsam an der Kugel eines Attentäters starb, drückte leise, aber deutliche Besorgnis aus, als er merkte, dass Alexander Graham Bell ihn mit unter Strom stehenden Drähten umschlag, um die Kugel zu orten.

Eigentlich aber brauchte man ja nur ein praktisches elektrisches Licht. 1846, ziemlich aus dem Blauen heraus, ließ sich ein Frederick Hale Holmes eine elektrische Bogenlampe patentieren. Holmes erzeugte das Licht, indem er einen starken elektrischen Strom zwischen zwei Graphitstäben fließen ließ, ein Kunststück, das Humphry Davy schon vierzig Jahre zuvor gezeigt hatte, ohne aber Kapital daraus zu schlagen. Holmes erschuf ein blendend helles Licht. Über ihn selbst weiß man fast nichts, nicht, wo er herkam, was für eine Ausbildung er hatte, wie er mit der Elektrizität umzugehen lernte. Man weiß nur, dass er in der École Militaire in Brüssel arbeitete, wo er die Erfindung mit einem Professor Flohs Nollet entwickelte, dann nach England zurückkehrte und sie dem großen Michael Faraday vorlegte, der sofort sah, dass sie ein perfektes Licht für Leuchttürme liefern würde.

Zum ersten Mal wurde sie im Leuchtturm von South Foreland, ein wenig außerhalb von Dover, eingebaut und am achten Dezember 1858 unter Strom gesetzt.* Die Bogenlampe brannte dreizehn Jahre lang, und es wurden auch andernorts welche installiert, doch zum großen Hit wurden sie nie, weil sie so kompliziert und teuer waren. Man brauchte dazu einen elektromagnetischen Motor und eine Dampfmaschine, die zusammen zwei Tonnen wogen und, um reibungslos zu laufen, ständiger Aufsicht und Wartung bedurften.

Für sie sprach allerdings ihre erstaunliche Helligkeit. Der Bahnhof St. Enoch's in Glasgow wurde von sechs Crompton-Lampen beleuchtet (benannt nach R.E. Crompton, ihrem Hersteller), von denen angeblich jede die Leuchtkraft von sechstausend Kerzen besaß. In Paris entwickelte ein in Russland geborener Erfinder namens Paul Jablochkow eine Art von Bogenlampen, die man Jablochkow'sche Kerzen nannte. In den 1870er Jahren wurden sie zur Beleuchtung vieler Pariser Straßen und Denkmale benutzt. Eine Sensation! Leider waren sie teuer und hatten einige Nachteile. Sie waren hintereinander geschaltet, und wenn eine ausging, gingen alle aus wie die Lämpchen an einer Weihnachtsbaumlich-

*Der Leuchtturm von South Foreland, heute in Händen des National Trust und unbedingt besuchenswert, wurde 1899 erneut berühmt, als Guglielmo Marconi die erste «drahtlose« Nachricht von dort nach Wimereux in Frankreich schickte.

terkette. Und es ging oft eine aus. Nach gerade einmal fünf Jahren meldete die Firma Jablochkow Konkurs an.

Zum häuslichen Gebrauch waren Bogenlampen viel zu hell. Man brauchte einen praktischen Glühfaden, einen Draht, der sich bei genügend Stromdurchfluss gerade so erhitzte, dass es angenehm hell leuchtete. Das Prinzip der Beleuchtung mit Glühfäden hatte man schon überraschend lange begriffen und gemeistert. Bereits 1840, sieben Jahre bevor Thomas Edison überhaupt geboren wurde, führte Sir William Grove, ein Rechtsanwalt und Richter, der auch ein brillanter Amateurforscher mit einem besonderen Interesse an der Elektrizität war, ein Glühlicht vor, das mehrere Stunden glühte, doch niemand wollte eines, das teuer in der Herstellung war und letztlich nur ein paar Stunden durchhielt. Grove arbeitete an seiner Erfindung nicht weiter.

In Newcastle wiederum sah ein junger Apotheker und eifriger Erfinder namens Joseph Swan eine Vorführung mit Groves Glühlicht und machte selbst ein paar erfolgversprechende Experimente, doch man hatte noch keine Technik, das notwendige Vakuum in einem Behältnis zu erzeugen. Und ohne das Vakuum brannte jeder Glühfaden schnell ab. Swan interessierte sich indes auch für andere Dinge, besonders die Fotografie, zu deren Entwicklung er viele wichtige Beiträge lieferte. Er erfand das Bromsilberpapier, mit dem man die ersten qualitativ wirklich guten Abzüge machen konnte, perfektionierte das nasse Kollodiumverfahren und verfeinerte mehrere Chemikalien, die man beim Fotografieren und Entwickeln brauchte. Seine pharmazeutische Anstalt, ein Produktions- und Vertriebsunternehmen, florierte. 1867 starb allerdings sein Geschäftspartner und Schwager John Mawson durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, als er auf einem Hochmoor unweit Newcastles Nitroglyzerin wegkippen wollte. Die Folgezeit war schlimm und kompliziert für Swan, und er verlor für die nächsten drei Jahrzehnte jegliches Interesse an der Beleuchtung.

Anfang der 1870er Jahre erfand Hermann Sprengel, ein deutscher Chemiker in London, eine Apparatur, die man Sprengel'sche Quecksilberpumpe nannte. Es war die entscheidende Erfindung, die Beleuchtung im Haus nun wirklich möglich machte. Unseligerweise war nur ein Mensch auf der ganzen Welt der Auffassung, dass Hermann Sprengel es verdiente, besser bekannt zu werden, und das war Hermann Sprengel selbst. Mit seiner Pumpe konnte man die Luft in einer Glaskammer auf ein Millionstel ihrer normalen Menge reduzieren, ein Glühfaden konnte also hunderte Stunden darin glühen. Jetzt galt es nur noch, ein passendes Material für den Glühfaden zu finden.

Die entschlossenste und publizistisch am besten begleitete Suche unternahm Thomas Edison, der bedeutendste Erfinder der Vereinigten Staaten. Als er 1877 nach einer kommerziell erfolgreichen Beleuchtungsart zu forschen begann, bastelte er schon eifrig an seinem Ruf als »Zauberer aus Menlo Park«. Ein rundum reizendes Menschenwesen war er nicht. Er hatte keine Skrupel zu lügen und betrügen, und war allzeit bereit, Patente zu stehlen oder Journalisten für eine positive Berichterstattung zu bestechen. In den Worten eines seiner Zeitgenossen hatte er »ein Vakuum, wo sein Gewissen sein sollte«. Doch er war risikofreudig, ein unvergleichlich guter Organisator und harter Arbeiter.

Er schickte Männer in die entlegensten Ecken der Welt, wo sie nach brauchbaren Glühfäden suchten, und beschäftigte andere, die manchmal gleichzeitig mit bis zu zweihundertfünfzig Materialien experimentierten, um eines zu finden, das die notwendige Haltbarkeit und den notwendigen Widerstand hatte. Sie probierten alles aus, sogar Haar aus dem üppigen roten Bart eines Familienfreundes. Kurz vor Thanksgiving 1879 verkohlten sie ein Stück Pappe, verdrehten es fest und falteten es sorgsam, und es brannte auch dreizehn Stunden, aber das war bei Weitem nicht lang genug. Am letzten Tag des Jahres 1879 lud Edison ein ausgewähltes Publikum ein, Zeuge einer Demonstration seiner neuen Glühlampe zu werden. Als die Leute sich seinem Haus in Menlo Park in New Jersey näherten, wurden sie vom Anblick zweier warm schimmernder Gebäude geradezu umgehauen. Dass der warme Schimmer zum Großteil gar nicht elektrisch erzeugt wurde, merkten sie nicht. Edisons völlig überlastete Glasbläser hatten nur vierunddreißig Birnen herstellen können, die Helligkeit kam überwiegend von sorgsam verteilten Öllampen.

Swan beschäftigte sich erst 1877 wieder mit elektrischer Beleuchtung, er arbeitete allein und erfand unabhängig von Edison ein mehr oder minder identisches Beleuchtungssystem. Im Januar oder Februar 1879 führte er seine neue elektrische Glühlampe in Newcastle öffentlich vor. Die Ungewissheit hinsichtlich des Datums rührt daher, dass man nicht sicher ist, ob er die Funktionsweise seiner Lampe bei einem öffentlichen Vortrag im Januar zeigte oder nur darüber sprach. Im nächsten Monat jedoch entzündete er die Lampe vor einem dankbaren Publikum: Seine Schau fand also mindestens acht Monate früher statt als alles, was Edison zeigte. Im selben Jahr noch installierte er Lampen in seinem eigenen Heim und hatte — wieder lange bevor Edison Ähnliches vollbrachte — 1881 schon im Haus des großen Wissenschaftlers Lord Kelvin in Glasgow Strom verlegt.

Aber als Edison seine erste Beleuchtung installierte, geschah das mit viel mehr öffentlichem Tamtam. Er schloss im südlichen Teil Manhattans, um die Wall Street herum, ganze Straßenzüge an Strom an, der in einem Kraftwerk erzeugt wurde, das man in zwei halb verfallenen Gebäuden in der Pearl Street eingerichtet hatte. Im Winter, Frühling und Sommer 1881/82 verlegte Edison mehr als zwanzig Kilometer Stromkabel und testete sein System immer und immer wieder wie besessen. Nicht alles ging glatt. Pferde wurden in der elektrifizierten Umgebung unruhig, bis man merkte, dass ihre Hufeisen von austretendem Strom kribbelten. In Edisons Werkstätten verloren mehrere Arbeiter die Zähne, weil die Belastung durch das Quecksilber aus Sprengels Pumpe zu hoch war. Doch schließlich waren alle Probleme gelöst, und am Nachmittag des vierten September 1882 legte Edison im Büro des Finanzmagnaten J.P. Morgan einen Schalter um, und achthundert elektrische Glühbirnen in den fünfundachtzig an dem Projekt beteiligten Firmen erstrahlten.

Unübertroffen war Edison als Organisator. Die Erfindung der Glühbirne war wunderbar, aber ohne jeden praktischen Nutzen, solange niemand einen Stecker hatte, an dem er sie anschließen konnte. Edison und seine unermüdlichen Helfer mussten das gesamte System von Anfang an erfinden und umsetzen, vom Bau der Kraftwerke über die Verlegung von Kabeln bis zu Lampenständern und Schaltern. Binnen Monaten hatte er in der ganzen Welt nicht weniger als 334 kleine Kraftwerke errichten lassen, und nach einem Jahr lieferten seine Kraftwerke Strom für 13 000 Glühbirnen. Geschickt verteilte er sie an Orten, an denen sie den größten Eindruck machten: an der NewYorker Börse, im Palmer House Hotel in Chicago, in der Mailänder Scala, im Speisesaal des Unterhauses in London. In der Zeit produzierte Swan noch weitgehend bei sich zu Haus. Anders gesagt: Großen Weitblick besaß er nicht. Er meldete nicht einmal ein Patent an. Das tat Edison dagegen überall, auch 1879 in Großbritannien, und sicherte sich so seine Vormachtstellung.

Mit modernen Maßstäben gemessen waren die ersten elektrischen Glühlampen ziemlich schwach, doch für die Menschen damals ein Wunder an Strahlkraft — »eine kleine Kugel aus Sonnenlicht, wahrhaftig Aladins Wunderlampe«, berichtete atemlos ein Journalist des New York Herald. Heute kann man sich nur noch schwer vorstellen, wie hell, sauber und geradezu unheimlich zuverlässig die neue Erfindung war. Als in der Fulton Street im September 1882 die Lichter angezündet wurden, beschrieb der tief beeindruckte Reporter des Herald seinen Lesern, wie das gewohnte »trübe Flackern des Gases« sich plötzlich in strahlende »stetige Helligkeit [...] solide und unerschütterlich« verwandelte. Es war aufregend, aber sich daran zu gewöhnen sollte eine Weile dauern.

Und natürlich konnte man den elektrischen Strom auch noch für vieles andere als nur zu Beleuchtungszwecken verwenden. Schon 1893 wurde bei der World's Columbian Exposition in Chicago, einer weiteren Weltausstellung, eine mit elektrischem Strom betriebene Musterküche vorgestellt. Auch die war aufregend, wenn auch — vorerst — nicht sehr praktisch. Da es noch keine allgemeine Stromversorgung gab, mussten sich die meisten Hausbesitzer ihr eigenes »Kraftwerk« im Garten bauen. Und selbst die, die Glück hatten und den Strom von einem Versorger geliefert bekamen, erhielten nicht soviel, dass die Geräte einwandfrei funktionieren konnten. Schon einen Ofen vorzuheizen dauerte eine Stunde. Und dann schaffte er auch nicht mehr als sehr bescheidene sechshundert Watt, und man konnte die Herdplatte nicht gleichzeitig mit dem Ofen benutzen. Im Design waren weitere Mängel zu beklagen. Die Knöpfe zum Regulieren der Hitze befanden sich zum Beispiel knapp über dem Fußboden. Und modernen Augen würden diese neuen elektrischen Öfen komisch vorkommen, weil sie aus Holz, meist aus Eichenholz, gebaut und innen mit Zink oder einem anderen schützenden Material ausgekleidet waren. Modelle aus weißem Porzellan gab es erst in den 1920er Jahren, und damals betrachtete man sie noch mit Skepsis. Viele Leute fanden, sie gehörten in ein Krankenhaus oder eine Fabrik und nicht in Privathäuser.

Obwohl die Stromversorgung besser wurde, fanden es viele Leute immer noch reichlich enervierend, dass sie sich auf eine Annehmlichkeit verließen, die unsichtbar war und einen rasch und lautlos umbringen konnte. Und da die meisten Elektriker in Eile ausgebildet worden waren und natürlich kaum Erfahrung hatten, wurde der Beruf rasch einer für die Wagemutigeren. Die Zeitungen berichteten immer ausführlich und recht drastisch darüber, wenn sich mal wieder einer einen Stromschlag verpasst hatte, was ziemlich regelmäßig vorkam. Hilaire Belloc schmiedete einen Knittelvers, der die allgemeine Stimmung wiedergab:

Ein falscher Griff — leichtsinn'ger Hand entwischt

Die Klemme — es blitzt — und zischt!

Die Luft, sie riecht verbrannt — o Schreck! Der Elektriker, er ist für immer weg!

Als 1896 Edisons früherer Partner Franklin Pope beim Verlegen der Kabel in seinem Haus von einem tödlichen Stromschlag niedergestreckt wurde, registrierten das viele Leute sogar mit einer gewissen Genugtuung, hatte er doch den Beweis geliefert, dass Strom selbst für Fachleute zu gefährlich war. Von schadhaften Leitungen ausgelöste Brände waren ebenfalls ein häufiges Übel. Und wenn Glühbirnen explodierten, war der Schreck immer groß, manchmal auch die Katastrophe. 1911 brannte der neue Dreamland Park auf Coney Island wegen einer geborstenen Glühbirne ab. Und da auch plötzliche Funken von schadhaften Verbindungen zur Explosion von nicht wenigen öffentlichen Gasleitungen führten, war die Angst nie sehr weit weg.

Die zwiespältige Haltung, die lange vorherrschte, lässt sich auch bei Mrs. Vanderbilt studieren, der Gattin des Schiffs- und Eisenbahnkönigs Cornelius Vanderbilt. Sie ging zwar als elektrische Glühbirne verkleidet zu einem Kostümball, der zur Feier der Verlegung von Strom in ihrem Heim in der Fifth Avenue in New York stattfand, ließ aber kurz danach alle Leitungen wieder ausbauen, weil man sie für die Ursache eines kleinen Brandes hielt. Andere Menschen entdeckten heimtückischere Bedrohungen. Ein Experte namens S.F. Murphy warnte vor einer Reihe von Krankheiten, die durch Elektrizität ausgelöst würden: Augendruck, Kopfschmerzen, allgemeines Unwohlsein und womöglich sogar »das vorzeitige Verlöschen des Lebens«. Ein Architekt war der felsenfesten Überzeugung, von elektrischem Licht bekäme man Sommersprossen.

In den ersten Jahren dachte niemand an Steckdosen und Stecker; alle elektrischen Haushaltsgeräte mussten direkt an die Versorgungsleitungen angeschlossen werden. Als man um die Jahrhundertwende endlich Steckdosen einführte, waren sie immer Teil einer Deckenbeleuchtung, was hieß, man musste auf einen Stuhl oder eine Trittleiter klettern, um ein Gerät anzuschließen. Steckdosen in der Wand kamen zwar bald darauf, waren aber nicht sehr verlässlich. Die ersten knisterten und qualmten und sprühten manchmal sogar Funken. Juliet Gardiner berichtet, dass man auf Manderston, dem erwähnten Herrenhaus in Schottland, bis weit nach der Jahrhundertwende immer mit Kissen nach einer besonders lebhaften Steckdose warf.

Die Konsumlaune wurde im Übrigen dadurch gedrosselt, dass in den 1890er Jahren eine Rezession herrschte. Doch letztendlich wollten alle elektrisches Licht. Es war sauber, zuverlässig, leicht zu warten und auf Schalterdruck sofort unbegrenzt verfügbar. Gasbeleuchtung hatte ein halbes Jahrhundert gebraucht, um sich durchzusetzen, mit der elektrischen Beleuchtung ging es viel schneller. Im Jahre 1900 wurde sie zunehmend zum Standard, allemal in Großstädten, und elektrische Geräte folgten beinahe zwangsläufig: der elektrische Ventilator 1891, der Staubsauger 1901, die Waschmaschine und das elektrische Bügeleisen 1909, der Toaster 1910, Kühlschrank und Geschirrspüler 1918. Zu dem Zeitpunkt waren insgesamt schon etwa fünfzig verschiedene Haushaltsgeräte verbreitet, ja, elektrische Geräte derart en vogue, dass die Hersteller fabrizierten, was ihnen in den Sinn kam, von elektrischen Brennscheren zu elektrischen Kartoffelschälern. Der Verbrauch an Strom stieg in den Vereinigten Staaten von 79 Kilowattstunden pro Kopf im Jahre 1902 auf 960 im Jahr 1929 und schließlich auf weit über 13 000 heute.

Thomas Edison das Verdienst für einen Großteil dieser Entwicklung zuzuschreiben geht in Ordnung, doch wir sollten nie vergessen, dass er nicht das Genie war, das das elektrische Licht erfand. Er ersann Methoden, es in industriellem Maßstab zu erzeugen und an den Verbraucher zu bringen, ein natürlich viel größeres und schwierigeres Unterfangen. Allerdings auch bei Weitem profitabler. Dank Thomas Edison wurde elektrisches Licht das Wunder seiner Zeit. Interessanterweise war es auch eine der bemerkenswert wenigen Erfindungen Edisons, die wirklich so funktionierten, wie er sich das erhofft hatte. Darüber mehr im zehnten Kapitel.

Joseph Swan geriet so gründlich in Vergessenheit, dass außerhalb Englands nur wenige Menschen von ihm überhaupt schon einmal gehört haben. Und auch dort wird er nicht sonderlich gewürdigt. Das Dictionary of National Biography räumt ihm bescheidene drei Seiten ein, weniger als der Kurtisane Kitty Fisher oder jeder Menge talentloser Von und Zus. Doch immerhin mehr als Frederick Hale Holmes, der gar nicht erwähnt wird. So ist Geschichte.

1   ...   5   6   7   8   9   10   11   12   ...   32

Похожие:

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel icon«Können die Bücher mit dem Fernsehen konkurrieren?» Referat
«Können die Bücher mit dem Fernsehen konkurrieren?»
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconDie Geodäsie ab dem Internationalen Geophysikalischen Jahr und Helmut Moritz

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconDie große eBook-Bibliothek der Weltliteratur
«Das habe ich an mir selber erfahren und die ersten Anregungen zu diesen»Wanderungen durch die Mark«sind mir auf Streifereien in...
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconDirektorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconEnthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconNiedersächsische bibliographie
Otto Wilhelm. Gifhorn: Landkreis 1975. (Die Landkreise in Nieders. Bd. 26, ) (Die deutschen Landkreise.)
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconZur Bedeutung der antiken ethnographischen und konstitutionellen Berichte über die sogenannten Germanen für die Entstehung und Ausprägung des deutschen

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel icon11 сентября: когда башни упали / 9/11: After The Towers Fell 2010 г., Документальный
Апокалипсиса / 7 Signs of the Apocalypse / Die Zeichen der Apokalypse [2008 г
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconPreservation of the qualitative properties in the vertical advection-diffusion dem sub-model of the air pollution process

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconBearb V. Osteneck, Volker, unter Mitwirk V. Königs, Hans. 1978. 197 S., 185 Abb., 15 (teils Falt-) Pläne, 30 cm. (Denkmälerverz d. Landeskons. Rheinl., 1/2)

Разместите кнопку на своём сайте:
Библиотека


База данных защищена авторским правом ©lib.znate.ru 2014
обратиться к администрации
Библиотека
Главная страница