Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel




НазваниеDie Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel
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Дата29.01.2013
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ТипДокументы
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ie festgenommen worden war, die Kleidung zurück und bestand darauf, dass sie schwer ausgepeitscht wurde. Andere wurden wegen Trinkens oder Essenstehlens entlassen. Manche gingen garantiert auch von selbst, weil sie keinen Wert auf seine liebesgeilen Fummeleien legten. Eine erstaunliche Anzahl aber wehrte sich nicht. Pepys notierte, dass er Sex mit mindestens zehn Frauen außer seiner Ehefrau und sexuelle Begegnungen mit vierzig weiteren hatte. Viele davon waren Dienerinnen. Zu einer, Mary Mercer, wird im Dictionary of National Biography ganz gleichmütig vermerkt: »Samuel hatte es sich offenbar zur Angewohnheit gemacht, Mercers Brüste zu betatschen, wenn sie ihn morgens ankleidete.« (Interessant, dass unser verwegener Held »Samuel« ist und diejenige, die ja bloß das Arbeitstier war, »Mercer«.) Wenn ihn die Dienerinnen nicht ankleideten, seine Schläge einsteckten oder sich von ihm befummeln ließen, mussten sie ihm das Haar kämmen und die Ohren waschen. Und zwar zusätzlich zu einem normalen Arbeitstag mit Kochen, Putzen, Besorgungen Machen und allem Übrigen. Noch Fragen dazu, warum das Ehepaar Pepys große Schwierigkeiten hatte, Bedienstete zu finden und zu halten?

Pepys' Erfahrungen zeigen freilich auch, dass Diener einen verraten konnten. Als er 1679 seinen Butler entließ, weil der mit der Haushälterin geschlafen hatte (die interessanterweise in den Diensten ihres Herrn blieb), rächte sich der Butler, indem er seinen Ex-Arbeitgeber bei dessen politischen Feinden als Papist anschwärzte. Bei den religiösen Fanatikern jener Zeit kam das gar nicht gut an, und Pepys wurde sofort im Tower eingekerkert. Nur weil der Butler ein schlechtes Gewissen bekam und zugab, dass er das Ganze erfunden habe, wurde Pepys wieder freigelassen. Doch es war eine schmerzliche Mahnung daran, dass Herren ebenso der Gnade ihrer Diener ausgeliefert sein konnten wie Diener der ihrer Herren.

Allgemein wissen wir nicht viel über Diener, weil ihre Existenz schriftlich natürlich kaum festgehalten wurde. Eine interessante Ausnahme ist Hannah Cullwick, die fast vierzig Jahre lang ungewöhnlich gründlich Tagebuch führte. Sie wurde 1833 in Shropshire geboren und ging mit acht Jahren in Dienst als sogenanntes Topfmädchen, also als Küchenmagd. In ihrem langen Berufsleben durchlief sie viele Stationen einer Dienerinnenkarriere und war zuletzt Beiköchin, Köchin und Haushälterin. In allen Funktionen waren die Aufgaben körperlich anstrengend und die Arbeitsstunden lang. Hannah Cullwick begann mit dem Tagebuch im Jahr 1859, da war sie fünfundzwanzig, und führte es bis kurz vor ihrem fünfundsechzigsten Geburtstag. Wegen dieser langen Zeitspanne ist es der vollständigste Bericht über den Alltag einer Dienerin überhaupt. Wie die meisten Haushaltsbediensteten arbeitete Hannah von vor sieben Uhr morgens bis neun oder zehn Uhr abends und manchmal noch länger. Die Tagebücher sind eine endlose, weitgehend emotionslose Auflistung der erledigten Arbeiten. Hier ist ein typischer Eintrag vom vierzehnten Juli 1860:

Fensterläden geöffnet & Küchenfeuer angezündet. Das rußige Kehrblech in den Staubeimer ausgeschüttet & Ruß ausgekippt. Zimmer & Flur geputzt & Staub gewischt. Kamin fertig gemacht & Frühstück hinaufgetragen. Zwei Paar Schuhe geputzt. Betten gemacht & das Nachtgeschirr geleert. Frühstückssachen zusammengeräumt & gespült. Weggestellt. Küche aufgeräumt; einen Korb ausgepackt. Zwei Hühnchen zu Mrs. Brewer & Antwort mit zurückgebracht. Torte gebacken, zwei Enten gerupft, ausgenommen & gebraten. Treppen &

Fliesen auf den Knien geputzt. Fußabstreifer vor dem Haus mit Reißblei gewichst; Straßenfliesen auch auf den Knien geputzt. In der Spülküche abgewaschen. Speisekammer auf Knien geputzt & die Tische abgeschrubbt. Fliesen im ganzen Haus geschrubbt & Fenstersimse abgewischt. Tee für den Herrn & Mrs. Warwick gemacht [...] Boden in Flur, Durchgang & Spülküche auf Knien gereinigt. Hund gewaschen & Spülsteine gründlich gesäubert. Abendessen fertig gemacht, damit Ann es hochbringen konnte, denn ich war zu schmutzig & zu müde, um hinaufzugehen. Mich in einer Wanne gewaschen, & dann ab ins Bett.

Das ist ein typischer Tag, an dessen Ende die Leute nur noch fix und fertig waren. Ungewöhnlich ist nur, dass Hannah es geschafft hat zu baden. An den meisten Tagen beschließt sie den Eintrag mit einem erschöpft fatalistischen »schlief in meinem Schmutz».

Über den nüchternen Bericht ihrer Pflichten hinaus war eines noch außergewöhnlicher in Hannah Cullwicks Leben. Sie war sechsunddreißig Jahre, von 1873 bis zu ihrem Tode 1909, heimlich mit ihrem Arbeitgeber verheiratet, einem Beamten und unbedeutenden Dichter namens Arthur Munby, der Familie oder Freunden nie etwas davon sagte. Wenn Munby und sie allein waren, lebten sie wie Ehemann und Ehefrau, doch wenn Besucher kamen, schlüpfte Cullwick wieder in die Rolle der Dienerin: Blieben Gäste über Nacht, verließ sie das Ehebett und schlief in der Küche. Munby, ein Mann von einigem Ansehen, zählte Ruskin, Rossetti und Browning zu seinen Freunden, und sie verkehrten auch in seinem Haus, doch keiner hatte die leiseste Ahnung, dass die Frau, die Sir zu ihm sagte, in Wirklichkeit seine Gattin war. Selbst »privat« war ihre Beziehung, gelinde gesagt, unorthodox. Auf sein Geheiß nannte sie ihn »Massaa und schwärzte sich die I laut, damit sie wie eine Sklavin aussah. Offenbar führte sie auch die Tagebücher weitgehend deshalb, damit er lesen konnte, wie sie sich schmutzig machte.



Erst nachdem er 1910 gestorben war und sein Testament eröffnet wurde, wurde bekannt, dass seine Dienerin seine Ehefrau gewesen war. Eine kleine Sensation! Und Hannah Cullwick wurde wegen ihrer merkwürdigen Ehe, nicht wegen ihrer erschütternden Tagebücher berühmt.

Am unteren Ende der Dienerpyramide standen die Wäscherinnen, deren Status so niedrig war, dass man sie gänzlich aus dem Blickfeld verbannte. Man brachte die Wäsche zu ihnen und ließ sie nicht etwa abholen. Wäschewaschen wurde so verachtet, dass man in größeren Haushalten Diener manchmal zur Strafe dazu abkommandierte. Es war furchtbar anstrengend. In einem großen Landhaus stand das Personal leicht vor sechs-, siebenhundert Kleidungsstücken, Handtüchern und Bettwäscheteilen pro Woche. Weil es vor den 1850er Jahren keine Waschmittel gab, musste die Wäsche gegebenenfalls in Seifenwasser oder Lauge eingeweicht, dann kräftig geschlagen und geschrubbt, eine Stunde oder mehr gekocht, mehrfach gespült, mit der Hand ausgewrungen oder (nach ungefähr 1850) durch eine Walze gedreht, nach draußen getragen und dort über einer Hecke oder auf einer Wiese zum Trocknen ausgebreitet werden. (Und da auf dem Land die Wäsche draußen gern gestohlen wurde, musste jemand aufpassen, bis sie trocken war.) Laut Judith Flanders im Viktorianischen Haus erforderte eine normale Ladung Wäsche — mit Bett- und anderer Haushaltswäsche — mindestens acht verschiedene Arbeitsgänge. Aber viele Ladungen waren alles andere als normal. Schwierige oder zarte Stoffe mussten mit größter Sorgfalt behandelt werden und die Teile an Kleidungsstücken, die aus anderen Stoffen waren — aus Samt oder Spitze zum Beispiel —, sorgsam abgetrennt, separat gewaschen und dann wieder angenäht werden.

Weil die meisten Farben nicht haltbar und sehr empfindlich waren, musste man, je nachdem, ob man die Farbe schützen oder auffrischen wollte, exakte Dosen diverser Chemikalien ins Wasser geben: Alaun und Essig für Grün, Backpulver für Lila, Schwefelsäure für Rot. Versierte Wäscherinnen hatten außerdem einen ganzen Katalog von Rezepten zum Entfernen der verschiedensten Flecken. Leinen wurde oft zwecks Bleiche in abgestandenen Urin oder eine schwache Lösung aus Geflügelexkrementen gelegt, doch da das natürlich nicht gerade duftete, musste es zusätzlich mehrere Male in Kräuterextrakten gründlich ausgespült werden.

Das Stärken bereitete oft so viel Mühe, dass man es auf den nächsten Tag verschob. Auch das Bügeln war ein schier unüberwindlicher Berg Arbeit. Da die Bügeleisen schnell kalt wurden, mussten sie schon nach kürzester Zeit gegen frisch erhitzte ausgetauscht werden. In der Regel war man mit einem zugange, und zwei wurden warm gemacht. Weil sie schwer waren, musste man sie obendrein mit viel Kraft herunterdrücken, damit die Wäsche schön glatt wurde. Andererseits hieß es stets, vorsichtig und sorgsam zu Werke zu gehen, weil man die Hitze nicht regulieren und einen Stoff leicht versengen konnte. Und weil man die Bügeleisen über einem offenen Feuer erhitzte, wurden sie auch dauernd rußig, so dass man sie in einem fort abwischen musste. Die Stärke, die beim Bügeln von Stärkewäsche unter dem Bügeleisen kleben blieb, musste mit Sandpapier oder einer Nagelfeile abgeschmirgelt werden.

Am Waschtag hieß es für die Dienerinnen oft schon um drei Uhr morgens aufstehen, damit das Wasser zeitig heiß war. In vielen Häusern, in denen es nur eine Dienerin gab, wurde für den Tag eine Wäscherin von außerhalb angeheuert. Manche Leute gaben ihre Schmutzwäsche außer Haus, doch bis zur Erfindung von Karbolsäure und anderen gut wirkenden Desinfektionsmitteln hatte man immer Angst, dass die Wäsche mit einer gefürchteten Krankheit wie Scharlach infiziert zurückkam. Überhaupt wusste man ja nie — igitt! —, mit wessen Wäsche die eigene gewaschen worden war. Whiteley's, ein großes Londoner Kaufhaus, bot mit Beginn des Jahres 1892 einen Wäschereiservice an, der aber nur stockend lief, bis ein Angestellter auf die Idee kam, per Aushang bekannt zu geben, dass die Kleidung von Bediensteten und Herrschaften selbstverständlich separat gewaschen werde. Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein schickten viele der betuchtesten Einwohner Londons ihre Wäsche einmal wöchentlich mit der Eisenbahn in ihre Landhäuser, wo sie von Leuten erledigt wurde, denen sie vertrauten.

In den Vereinigten Staaten war die Lage der Dienstboten grundsätzlich anders. Oft liest man, dass US-Amerikaner nicht annähernd so viele Bedienstete hatten wie die Europäer, doch das trifft nur bis zu einem gewissen Grade zu. Im Süden hatten die Leute jede Menge Sklaven. Thomas Jefferson hielt mehr als zweihundert, davon allein fünfundzwanzig Haussklaven. »Wenn Jefferson schrieb, er habe Olivenbäume und Granatapfelbäume gepflanzt«, bemerkt einer seiner Biografen, »sollte man sich stets vergegenwärtigen, dass nicht etwa er die Schaufel schwang, sondern seine Sklaven anwies, was sie tun sollten.«

Sklaverei und Rasse waren anfangs nicht immer identisch. Manche Schwarzen wurden wie Weiße behandelt, die ihrem Grundherrn für das Bezahlen der Schiffspassage jahrelange Dienste schuldeten und wie alle anderen freikamen, wenn die vereinbarte Zeitspanne abgelaufen war. Ein Schwarzer in Virginia namens Anthony Johnson erwarb im siebzehnten Jahrhundert eine 250-Morgen-Tabakplantage und wurde selbst wohlhabender Sklavenbesitzer. Die Sklaverei beschränkte sich ursprünglich auch nicht auf den Süden. In New York war sie bis 1827 legal. In Pennsylvania besaß der erste Gouverneur der Kolonie, der Quäker William Penn, Sklaven. Als Benjamin Franklin 1757 nach London zog, hatte er die beiden Sklaven King und Peter im Schlepptau.

An freien Dienstboten allerdings bestand in den Vereinigten Staaten häufig Mangel. Selbst in guten Zeiten gab es in der Hälfte der Haushalte keine, und wenn ja, sahen die sich nicht unbedingt als Diener. Die meisten weigerten sich, eine Livree zu tragen, und viele erwarteten, dass sie mit der Familie zusammen aßen — eben als (beinahe) Gleiche behandelt zu werden.

Ein Historiker hat es so ausgedrückt: Man reformierte nicht die Diener, sondern lieber die Arbeitsabläufe im Haus, denn die US-Bürger entwickelten schon ganz früh eine heiße Liebe zu dienstbaren, arbeitssparenden Geräten. Im neunzehnten Jahrhundert machten diese aber oft ebenso viel Arbeit, wie sie sparten. 1899 errechnete man in einer Haushaltsschule, der Boston School of Housekeeping, dass der geplagte Hausbesitzer pro Tag vierundfünfzig Minuten schwere Arbeit auf seinen Kohleofen verwenden musste — Asche wegtragen, Kohle nachfüllen, ihn wichsen und polieren und so weiter —, bevor er auch nur einen Kessel Wasser kochen konnte. Als man mehr Gas gebrauchte, wurde es sogar noch schlimmer. In einem Buch mit dem Titel Der Preis der Sauberkeit errechnete man, dass ein durchschnittliches Haus mit acht Zimmern mit Gasversorgung eintausendvierhundert Stunden besonders anstrengendes Reinigen im Jahr erforderte, einschließlich zehn Stunden Fensterputzen im Monat.

Viele neue Geräte aber taten ohnehin meist nur die Arbeit, die bis dato von Männern verrichtet worden war, zum Beispiel Holzhacken, und die Frauen hatten wenig davon. Ja, die sich wandelnde Lebensweise und verbesserte Technik hielten die Frauen meist noch mehr auf Trab, weil die Häuser größer, die Mahlzeiten komplizierter, die Wäsche umfangreicher und häufiger und die Ansprüche an Sauberkeit immer höher wurden.

Doch etwas Unsichtbares, Wirkmächtiges sollte das für alle Menschen ändern, und um diese Geschichte zu hören, müssen wir nicht in ein anderes Zimmer gehen, sondern zu einem kleinen Kasten, der an der Wand im Flur hängt.

Sechstes Kapitel
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