Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel




НазваниеDie Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel
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Дата29.01.2013
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Spülküche und Speisekammer


Zu den zahlreichen kleinen Rätseln hinsichtlich des originalen Zustandes des alten Pfarrhauses gehört, dass die Diener eigentlich keinen Raum hatten, in dem sie sich aufhalten konnten, wenn sie nicht arbeiteten. Die Küche war kaum groß genug für einen Tisch und ein paar Stühle, und die miteinander verbundenen Spülküche und Speisekammer, in die ich Sie jetzt gebracht habe, waren noch kleiner. In Ersterer befand sich ein großer, tiefer Spülstein, in Letzter wurden die Lebensmittel aufbewahrt.

Mr. Marsham wird diese Räume ebenso wie die Küche, falls überhaupt, eher mit Vorsicht betreten haben, denn sie waren das Reich der Bediensteten — wenn auch kein großartiges und für ein Pfarrhaus, selbst an den Maßstäben der Zeit gemessen, merkwürdig unzureichend. Im Pfarrhaus von Barham in Kent, das etwa zur gleichen Zeit gebaut wurde, sah der Architekt für die Dienerschaft nicht nur Küche, Speisekammer und Spülküche vor, sondern auch eine Vorratskammer, einen Abstellraum, einen Kohlenkeller, verschiedene Schränke und — das war der entscheidende Unterschied! — ein Zimmer für die Haushälterin, das eindeutig zum gelegentlichen Zurückziehen und Ausspannen gedacht war.

Warum es bei uns anders ist, ist besonders schwer zu erklären, weil das Haus, so wie es gebaut wurde, nicht in allem den Plänen Edward Tulls entspricht. Mr. Marsham schlug offenbar einige wesentliche Änderungen vor (bestand vielleicht sogar darauf), was insofern nicht überraschend ist, als das Domizil, wie es Tull für ihn entworfen hatte, eine Reihe faszinierender Sonderbarkeiten aufwies. Aus unerfindlichen Gründen wollte Tull den

1 laupteingang an der Seite und ein Wasserklosett auf dem Absatz der Haupttreppe anbringen, eine wahrlich merkwürdige, unübliche Stelle, denn damit hätte die Treppe kein Fenster mehr gehabt und wäre selbst am Tag stockdunkel wie ein Keller gewesen. Tull plante auch ein Ankleidezimmer zum großen Schlafzimmer, aber ohne Verbindungstür, und baute, wie wir schon wissen, einen Dachboden ohne einen Zugang über eine Treppe, aber mit einer wunderbaren Tür zum Nichts.

Die meisten der schrägeren Ideen wurden zu irgendeinem Zeitpunkt vor oder während des Hausbaus überarbeitet und verworfen. Der Haupteingang wurde letztendlich vorn am Haus angebracht, das Wasserklosett nie gebaut, der Treppenflur bekam ein großes Fenster, durch das das Sonnenlicht strömt (wenn die Sonne scheint!) und aus dem hinaus man einen wunderschönen Blick auf die Kirche hat. Zwei in den Plänen nicht ausgewiesene Zimmer wurden hinzugefügt — unten ein Arbeitszimmer, oben ein weiteres Schlaf- oder Kinderzimmer. Alles in allem unterscheidet sich das fertige Haus sehr von dem, das Tull entwarf.

Eine Änderung ist besonders verblüffend. In Tulls ursprünglichem Plan war der Bereich, wo jetzt das Esszimmer ist, viel kleiner und schloss einen Raum für eine footman's pantry ein — also eindeutig einen Raum zum Essen und Ausruhen für die Bediensteten. Er wurde aber nie gebaut. Stattdessen wurde das Esszimmer grob doppelt so groß und nahm den gesamten Platz ein. Warum der Pfarrer, ein Junggeselle, seine Angestellten eines Ortes, an dem sie sich mal hätten niederlassen und erholen können, beraubte und sich selbst dafür ein geräumiges Esszimmer gönnte, kann man nach so langer Zeit natürlich nicht mehr sagen. Aber es bedeutete wirklich, dass die Diener sich nirgendwo bequem hinsetzen konnten, wenn sie nicht arbeiteten. Vielleicht saßen sie ja auch kaum. Diener saßen selten.

Mr. Marsham hatte drei: wie schon erwähnt, die Haushälterin Miss Worm und das Dienstmädchen Martha Seely, dazu James Baker, der als Stallbursche und Gärtner tätig war. Wie ihr Herr waren alle unverheiratet. Uns mag es heute übertrieben vorkommen, dass sich drei Bedienstete um einen ledigen Geistlichen kümmern, doch damals war das normal. Die meisten Pfarrer hatten mindestens vier Bedienstete und manche zehn oder mehr. Es war das Zeitalter der Diener. Familien hatten Diener, wie wir heute Haushaltsgeräte haben. Gewöhnliche Arbeiter hatten Diener. Manchmal hatten Diener Diener.

Diener waren auch mehr als nur praktisch und bequem, sie waren ein entscheidender Indikator für den gesellschaftlichen Status, den man innehatte. Bei Dinnerpartys konnte es Gästen passieren, dass sie entsprechend der Zahl ihrer Diener platziert wurden. Die Leute hielten auch, koste es, was es wolle, an ihren Dienern fest. Frances Trollope (1779-1863), die Mutter des Schriftstellers Anthony Trollope, hatte selbst im amerikanischen Grenzland und nachdem sie in einem gescheiterten Geschäftsunternehmen fast alles verloren hatte, einen uniformierten Lakaien. Karl Marx, der chronisch verschuldet in Soho lebte und oft kaum wusste, wie er das Essen auf den Tisch bringen sollte, beschäftigte eine Haushälterin und einen Privatsekretär. (Das Haus war oft so voll, dass der Sekretär, ein Mann namens Wilhelm Pieper, mit Marx in einem Bett schlafen musste. Trotzdem schaffte Marx es, genug private Augenblicke abzuzweigen, um die Haushälterin zu verführen. Im Jahr der Weltausstellung gebar sie ihm einen Sohn, Freddy Demuth.)

In einem Dienstverhältnis zu stehen machte für viele Leute einen Großteil des Lebens aus. Im Jahre 1851 war ein Drittel aller jungen Frauen in London — jedenfalls der im Alter zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig — Dienerinnen, ein weiteres Drittel Prostituierte. Viele hatten überhaupt keine andere Wahl. Die Zahl der männlichen und weiblichen Bediensteten in London lag über der der Einwohner aller englischen Städte, ausgenommen die sechs größten. Es war eine sehr weibliche Welt. 1851 standen zehnmal so viele weibliche Personen in einem Dienstverhältnis wie männliche. Allerdings war es für Frauen selten ein Job auf Lehenszeit; die meisten hörten mit fünfunddreißig auf, normalerweise, weil sie heirateten. Sehr wenige blieben länger als ein Jahr in einer Stellung. Kein Wunder, wie wir sehen werden, denn Dienerin zu sein war mit wenigen Ausnahmen Schwerstarbeit, und Undank war der Lohn.

Die Menge des Personals war natürlich sehr unterschiedlich, doch am oberen Ende der gesellschaftlichen Stufenleiter stattlich. Ein großes Landhaus hatte allein vierzig Bedienstete, die im Haus arbeiteten. Der Graf von Lonsdale, ein Junggeselle, lebte allein, hatte aber neunundvierzig Leute, die um ihn herumwieseln mussten. Lord Derby brauchte schon für die Bedienung am Tisch zwei Dutzend Männer und Frauen. Der erste Herzog von ChChandos hielt sich für die Mahlzeiten ein Privatorchester und holte aus manchem Musiker noch mehr heraus, indem er ihn Dienerarbeiten verrichten hieß. Der Geiger musste jeden Tag den Herzogssohn rasieren.

Personal, das seine Dienste außerhalb des Hauses verrichtete, ließ die Zahlen weiter anschwellen, besonders wenn die Herrschaften viel ritten oder jagten. Auf Elveden, dem Anwesen der Familie Guinness in Suffolk, waren sechzehn Wildhüter, neun Unterwildhüter, achtundzwanzig Männer speziell für die Kaninchenjagd und zwei Dutzend verschiedene Hilfskräfte beschäftigt, also siebenundsiebzig Leute, die immer genug Vögel aufscheuchen mussten, die der Familie und ihren Gästen zum Abknallen vor die Flinte flattern sollten. Die Waidmänner in Elveden schafften es jedes Jahr, über einhunderttausend gefiederte Gesellen zu massakrieren. Der sechste Baron Walsingham schoss einmal ganz allein 1070 Moorhühner an einem Tag, ein Rekord, der seitdem nie verbessert worden ist und hoffentlich auch nie verbessert werden wird. (Walsingham hatte sicher ein Team von Leuten, deren Aufgabe es war, ihm einen stetigen Nachschub an geladenen Gewehren bereitzustellen, damit er nach Herzenslust herumballern konnte. Schwieriger gestaltete es sich wahrscheinlich, ihm ausreichend viele »Ziele« zu beschaffen; es wurden sicher gleichzeitig immer mehrere Moorhühner aus Käfigen entlassen. So großen Spaß es dem Herrn ja gemacht haben mag, fragt man sich doch, warum er nicht gleich in die Käfige feuerte. Jedenfalls hätte er dann mehr Zeit zum Abendessen gehabt.)

Da Gäste immer eigene Diener mitbrachten, stieg die Zahl der Menschen in einem Landhaus an einem Wochenende nicht selten auf einhundertfünfzig. Bei einer solchen Menge an Leibern kam es unweigerlich zu Verwechslungen. Als Lord Charles Beresford, ein notorischer Schürzenjäger, in den 1890er Jahren einmal ins Schlafzimmer seiner Geliebten schlich und mit einem lustvollen »Ki-ke-ri-kiiii!« ins Bett hechtete, musste er feststellen, dass der Bischof von Chester samt Gattin darin lagen. Um derlei Kuddelmuddel zu vermeiden, gab man Gästen imWentworth Woodhouse, einem stattlichen Kasten in Yorkshire, silberne Dosen mit verschiedenfarbigem Konfetti, das sie auf den Fluren verstreuen konnten, um den Weg in ihr Zimmer oder zwischen den Zimmern zu finden.

Auch alles Übrige erfolgte in großem Stil. In der Küche in Saltram, einem Herrenhaus in Devon, gab es sechshundert Kupfertöpfe und -pfannen, und das war keineswegs unnormal. In einem durchschnittlichen Landhaus hatte man bis zu sechshundert Handtücher und ähnliche Unmengen an Laken und Bettbezügen. Schon alles immer mit Wäschezeichen zu versehen, zu zählen und korrekt aufzubewahren war eine Mammutaufgabe. Doch selbst in bescheideneren Heimen — in einer Landpfarrei zum Beispiel — wurden bei einem Abendessen für zehn Leute oft mehr als vierhundert Schüsseln, Gläser, Besteckteile und so weiter benutzt und mussten gespült werden.

Diener auf allen Stufen der Hierarchie arbeiteten schwer und viele Stunden. Einer, der in Rente war, erinnerte sich 1925, wie er am Anfang seines Berufslebens frühmorgens, bevor sich noch irgendjemand im Haus regte, das Feuer anzünden, zwanzig Paar Schuhe und fünfunddreißig Lampen putzen sowie Dochte schneuzen musste. Der Romanautor George Moore schrieb aus persönlicher Erfahrung in seinen Memoiren Bekenntnisse eines jungen Mannes, Schicksal des Dieners oder der Dienerin sei es, siebzehn Stunden am Tag »in und außerhalb der Küche zu schuften, mit Kohlen, Frühstück und Behältern voll heißem Wasser treppauf zu laufen und auf Knien einen Kamin zu säubern [...] Manchmal warfen einem die Herrschaften ein freundliches Wort zu, doch nie eines, mit dem sie einen als ihresgleichen anerkannten, nur eines des Mitleids, wie man es einem Hund schenken würde«.

Vor der Installation von Wasserleitungen im Haus musste das Wasser zum Waschen in jedes Schlafzimmer und nach Gebrauch wieder hinausgeschleppt werden. Überhaupt musste ein Dienstmädchen alle Schlafzimmer, die benutzt wurden, in der Regel zwischen Frühstück und Schlafenszeit fünfmal aufsuchen und eine Arbeit darin verrichten und bei jedem Gang auch die unterschiedlichsten Behälter mitnehmen und penibel darauf achten, dass es zum Beispiel frisches Wasser nie in dem Behälter hochtrug, in dem das gebrauchte Wasser transportiert worden war. Das Mädchen musste auch immer drei Tücher mitnehmen — eins, um die Trinkgläser auszuwischen, eins für die Leibstühle und eins für die Waschschüsseln — und stets daran denken (und keinen Groll gegen die Herrschaft hegen), die jeweils richtigen zu benutzen. Ein solcher Aufwand galt natürlich nur für die Katzenwäsche. Wenn ein Gast oder ein Familienmitglied baden wollte, ging es ganz anders zur Sache. Ein Liter Wasser wiegt ziemlich genau ein Kilogramm, und für ein normales Bad brauchte man um die zweihundert Liter, die alle in der Küche erhitzt und in besonderen Kannen hinaufgebracht werden mussten. Es konnte vorkommen, dass man zwei Dutzend und mehr Wannen an einem Abend füllen musste. Schon das Wasserkochen erforderte enorme Kraft und Energie. Ein voller Kessel konnte siebenundzwanzig Kilo wiegen.

Möbel, Kamine, Gardinen, Spiegel, Fenster, Marmor, Messing, Glas und Silber — alles musste regelmäßig gesäubert und gewienert werden, normalerweise jeweils mit der haushaltseigenen, hausgemachten Politur. Damit Stahlmesser und -gabeln funkelten, reichte es nicht aus, sie zu spülen und zu polieren, sie mussten auch unter Aufbietung aller Kräfte geschärft werden. Dazu wurden sie an einem Lederriemen abgezogen, auf den man eine Paste aus gemahlenem Korund, Kreide, Ziegelmehl, Polierrot und Hirschhorngeist, vermischt mit einer großzügigen Portion Schweineschmalz, schmierte. Bevor Messer weggelegt wurden, wurden sie gegen das Rosten mit Hammelfett eingerieben und in Packpapier eingewickelt — und später mussten sie dann natürlich wieder ausgewickelt, gespült und abgetrocknet werden. Messerreinigen war ein derart zähes, kräftezehrendes Unterfangen, dass dafür sogar das allererste arbeitssparende Gerät eingesetzt wurde, das es gab — im Prinzip eine Kiste mit einer Kurbel, mit der man eine kräftige Bürste drehen konnte. »Des Dieners Freund« hieß das Ding. Und war es auch.

Es ging im Übrigen nicht nur darum, die Arbeit überhaupt zu verrichten, sondern darum, sie entsprechend den peinlich genauen Vorgaben und hohen Ansprüchen derjenigen zu verrichten, die diese Arbeit eben nicht ausführen mussten. In Manderston, einem herrschaftlichen Anwesen in Schottland, musste eine Gruppe von Arbeitern zweimal im Jahr drei volle Tage lang einen großen Treppenaufgang auseinandernehmen, polieren und wieder zusammensetzen. Extraarbeiten waren oft sowohl erniedrigend als auch sinnlos. Die Historikerin Elisabeth Donaghy Garrett erzählt von einem Haus, in dem der Butler und seine Untergebenen übrig gebliebene Stücke Treppenläufer um den Esstisch legen mussten, bevor sie ihn deckten — damit sie nicht auf den guten Teppich traten. Ein Hausmädchen beschwerte sich, dass ihre Herrschaften sie zwangen, ihre Arbeitskleidung aus- und etwas Präsentableres anzuziehen, wenn sie sie auf die Straße schickten, damit sie ihnen eine Droschke herbeiwinkte.

Die Vorratshaltung für den Haushalt machte gleichfalls viel Arbeit. Oft wurden Lebensmittel nur zwei- oder dreimal im Jahr geliefert und mussten in entsprechend großen Mengen gelagert werden. Tee wurde in Kisten gekauft, Mehl in Tonnen, Zucker kam in großen Kegeln, die man Zuckerhüte nannte. Diener wurden wahre Experten darin, Essbares für längere Zeit zu konservieren und aufzubewahren.

Vielerlei Dinge mussten gar selbst hergestellt werden. Wollte man einen Kragen stärken oder Schuhe putzen, blieb einem nichts anderes übrig, als Schuhcreme oder Wäschestärke selbst anzurühren. Fertige Schuhcreme gab es erst in den 1890er Jahren zu kaufen. Davor musste man aus allerlei Ingredienzen einen Vorrat an Creme kochen, die natürlich auch auf die Töpfe, Rührlöffel, Hände und alles andere abfärbte, was mit ihr in Kontakt kam. Stärke wurde mühsam aus Reis oder Kartoffeln gemacht. Selbst die Bettwäsche kam nicht in fertigem Zustand. Man kaufte ganze Stoffballen und schneiderte daraus Tischdecken, Laken, Hemden, Handtücher und so weiter.

Die meisten großen Haushalte hatten eine Kammer zum Schnapsbrennen, in der auch die verschiedensten anderen Dinge angerührt wurden: Tinte, Unkrautvertilgungsmittel, Seife, Zahnpasta, Kerzen, Bohnerwachs, Essig und Salzlake zum Pökeln, I Feuchtigkeitscreme und sonstige Kosmetika, Rattengift, Flohpuder, Shampoo, Medizin, Lösungen zum Entfernen von Flecken auf Marmor und Glanz auf Hosen, zum Stärken von Kragen, sogar zum Entfernen von Sommersprossen. (Eine Tinktur aus Borax, Zitronensaft und Zucker wirkte angeblich Wunder.) Für diese kostbaren Kreationen brauchte man alle möglichen Zutaten — Bienenwachs, Ochsengalle, Alaun, Essig, Terpentin und viele noch weit verblüffendere Dinge mehr. Der Autor eines Handbuchs aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts empfahl, Gemälde einmal jährlich mit einer Mischung aus »Salz und abgestandenem Urin« zu reinigen, doch wessen Urin man nehmen und wie abgestanden er sein sollte, war der Fantasie des Lesers überlassen.

Viele Häuser hatten so viele Speisekammern, Lager- und Arbeitsräume, dass der größere Teil des Hauses sogar den Bediensteten vorbehalten war. In Das Haus des Gentleman bemerkte Robert Kerr im Jahre 1864, dass das normale Herrenhaus zweihundert Zimmer habe (die Vorratskammern mitgezählt), von denen fast genau die Hälfte Haushaltsräume seien, also Räume, in denen Diener und Dienerinnen arbeiteten oder schliefen. Wenn man Ställe und andere Nebengebäude einbezog, war ein solches Anwesen wirklich überwiegend in der Hand der Dienerschaft.

Die Arbeitsteilung im Dienstbotenreich konnte enorm kompliziert sein. Kerr unterteilte die Haushaltsräume in neun Kategorien: Küche, Back- und Braustube, obere Dienerkammer, untere Dienerkammer, Keller und Außentoiletten, Waschhaus, die Zimmer für Butler, Haushälterin und Kindermädchen, »zusätzliche Räume« und die Dienstbotenflure und -durchgänge. In anderen Häusern unterteilte man anders. Florence Court in Irland hatte mehr als sechzig Zuständigkeitsbereiche, während Eaton Hall, der Sitz des Herzogs von Westminster in Cheshire, mit sechzehn auskam, eine recht bescheidene Anzahl, wenn man bedenkt, dass es mehr als dreihundert Diener und Dienerinnen gab. Es kam eben immer auf die organisatorischen Vorlieben von Herr und Herrin, Butler und Haushälterin an.

Ein großes Landhaus hatte meist eine Waffenkammer, eine Lampenkammer, eine Destillierkammer, eine Backstube, eine Anrichte- oder Geschirrkammer, einen Lagerraum für Fisch, für Kohlen, Wild, eine Backstube, eine Braukammer, eine Messerkammer, eine Besenkammer, eine Schuhkammer und mindestens ein Dutzend mehr Räume und Kammern. Lanhydrock House in Cornwall hatte einen Raum, in dem man sich ausschließlich der Beschäftigung mit Bettpfannen hingab, während in einem Landhaus in Wales, berichtet Juliet Gardiner, ein Raum gänzlich dem Bügeln von Zeitungen vorbehalten war. Die nobelsten und ältesten Häuser hatten manchmal auch eine Saucenkammer, eine Gewürzkammer, Geflügelkammer, eine Spirituosenkammer und weitere noch exotischerer Provenienz, wie zum Beispiel eine Wasserkrugkammer, eine Kerzenkammer, eine Pferdefutterkammer, eine Linnenkammer und vieles mehr.

Außer in den bescheidensten Häusern warfen die Herrschaften nur selten einen Blick in die Küche oder überhaupt die Bereiche der Dienerschaft. Sie »wussten nur aus zweiter Hand, unter welchen Bedingungen ihre Bediensteten lebten«, meint Juliet Gardiner. Es war keineswegs unüblich, dass ein Haushaltsvorstand von seinen Dienern und Dienerinnen lediglich die Namen wusste und sonst nichts. Manch einer hätte sich in den verborgeneren Winkeln der Räume, in denen diese arbeiteten, auch gar nicht zurechtgefunden.

Überall galten strikte Hierarchien, und diese mussten von den Gästen des Hauses, der Familie sowie der Dienerschaft peinlich genau beachtet werden. Ein strenges Protokoll diktierte, welche Teile des Hauses man — je nachdem, ob man Gast oder enger Verwandter, Gouvernante oder Hauslehrer, Kind oder Erwachsener, Aristokrat oder Bürgerlicher, Mann oder Frau, Butler oder Lakai war — jeweils betreten, welche Flure und Treppen benutzen, welche Türen man öffnen durfte. Ja, es war alles derart starren Regeln unterworfen, bemerkt Mark Girouard, dass in einem Herrensitz der Nachmittagstee elf verschiedenen Kasten von Menschen an elf verschiedenen Orten serviert wurde. In ihrer Geschichte der Dienerschaft in Landhäusern schreibt Pamela Sambrook, dass zwei Schwestern, die im selben Haus arbeiteten, die eine als Haus-, die andere als Kindermädchen, nicht miteinander reden, ja, nicht einmal zeigen durften, dass sie sich kannten, weil sie in der Rangordnung der Bediensteten an unterschiedlichen Stellen standen.

Diener und Dienerinnen hatten wenig Zeit zur persönlichen Körperpflege, wurden aber ständig beschuldigt, schmutzig zu sein. Das war entschieden ungerecht, denn der typische Arbeitstag eines Dienstboten ging von halb sieben morgens bis zehn Uhr abends und noch später, falls eine Festivität der einen oder anderen Art stattfand. Die Autorin eines Handbuchs zur Haushaltsführung behauptete krokodilstränenreich, sie würde ihren Dienern ja liebend gern schöne Zimmer geben, doch leider herrsche dort immer gleich die schlimmste Unordnung. Weshalb sie zu dem Schluss gekommen sei: »Je schlichter das Zimmer eines Dieners, desto besser.« Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekamen Diener einen halbenTag pro Woche und einen ganzen pro Monat frei — nicht gerade generös, wenn man bedenkt, dass sie in dem bisschen Zeit eigene Einkäufe erledigen oder zum Friseur gehen mussten, vielleicht auch mal die Familie besuchen, sich nach einem Gatten oder einer Ehefrau umsehen, ausruhen oder ein paar Stunden kostbarer Freiheit sonst wie genießen wollten.

Das Schlimmste an dem Job war aber vielleicht, dass man mit Menschen zu tun hatte und von ihnen abhängig war, die absolut auf einen herabsahen. Virginia Woolfs Tagebücher sind beinahe zwanghaft voll von ihrer Dienerschaft und wie anstrengend es sei, die Geduld mit ihnen zu bewahren. Von einer Dienerin schreibt sie: »Sie ist im Naturzustand: ungeschult, ungebildet [...] so dass man dabei zusieht, wie sich ein menschlicher Verstand unbekleidet windet.« Als gesellschaftliche Klasse seien sie so irritierend wie »Küchenfliegen«. Woolfs Zeitgenossin Edna St. Vincent Millay drückte es noch unverblümter aus: »Die einzigen Menschen, die ich wirklich hasse, sind Diener«, schrieb sie. »Eigentlich sind es gar keine Menschen.«

Ja, eine seltsame Welt. Diener bildeten eine Klasse von Menschen, die im Grunde einzig dazu da war, für eine andere Klasse von Menschen alles, was diese wünschte, mehr oder weniger sofort zu tun oder zu beschaffen. Die Nutznießer dieses Arrangements erwarteten, dass ihnen so gut wie alles abgenommen wurde. Als der zehnte Herzog von Marlborough in den 1920er Jahren seine Tochter in einem Haus besuchte, das zu klein war, als dass er seine Diener hätte mitnehmen können, tauchte er in einem Zustand hilfloser Verwirrtheit aus dem Badezimmer auf seine Zahnbürste schäumte nicht richtig! Es stellte sich heraus, dass sein Kammerdiener ihm immer die Zahnpasta auf die Bürste getan hatte und der Herzog nicht wusste, dass Zahnbürsten sich nicht automatisch mit Zahnpasta belegen.

Zum Dank wurden Diener und Dienerinnen oft erschreckend schlecht behandelt. Gern testeten Herrinnen zum Beispiel ihre Ehrlichkeit, indem sie ein Objekt der Versuchung dort hinterließen, wo es garantiert gefunden wurde, wie eine Münze auf dem Boden, und dann bestraften sie denjenigen, der es einsteckte. Die Absicht, die dahintersteckte, war natürlich, dass die Diener sich stets von einer höheren allwissenden Macht beobachtet und verfolgt fühlen sollten. Man verdächtigte sie auch häufig, Einbrechern Beihilfe zu leisten, indem sie ihnen Insiderinformationen gaben und Türen nicht verschlossen. Dass das alles nicht zum Wohlbefinden auf beiden Seiten beitrug, versteht sich von selbst. Besonders in kleineren Häusern fanden die Diener ihre Herrschaften über Gebühr anspruchsvoll, die Herrschaften ihre Diener faul und unzuverlässig.

Demütigungen, beiläufig einfach mal ausgeteilt, waren täglich Brot für Dienstboten. Manchmal mussten sie einen neuen Namen annehmen, damit zum Beispiel der Unterlakai in einem Haus immer »Johnson« gerufen werden konnte und die Familie sich nicht der Mühe unterziehen musste, jedes Mal, wenn einer in Rente ging oder unter die Räder der Kutsche kam, einen neuen Namen zu lernen. Mit Butlern verhielt sich die Sache etwas heikler. Man verlangte von ihnen Haltung und Benehmen eines Gentleman und entsprechende Kleidung, doch oft mussten sie sich in ihrer Garderobe vergreifen — eine Hose tragen, die nicht zum Jackett passte —, damit ihre untergeordnete Stellung sofort zu erkennen war.*

In einem Handbuch standen sogar Anweisungen, ja ein verwendbarer Dialog dazu, wie man einen Diener oder eine Dienerin vor einem Kind zum Besten beider erniedrigen konnte. In dem Modellszenario wird ein Knabe ins Arbeitszimmer beordert,*

 Übrigens spiegelt unser Bild von Dienerinnen in schwarzer Tracht mit Rüschenhaube, gestärkter Schürze und dergleichen nur eine sehr kurzlebige Realität . Uniformen für Dienstpersonal wurden erst mit dem Anstieg der Baumwollimporte in den 1850er Jahren üblich. Davor war die Kleidung der Oberschicht qualitativ derart deutlich sichtbar besser als die der arbeitenden Klassen, dass man Diener nicht durch Uniformen unterscheiden musste.

wo seine Mutter mit dem leise weinenden, beschämten Kindermädchen steht.

»Nurse Mary«, wendet sich die Mutter an den Sohn, »wird dir nun erzählen, dass es keinen schwarzen Mann gibt, der sich im Dunklen ins Zimmer unartiger kleiner Knaben schleicht und sie wegträgt. Ich möchte, dass du gut zuhörst, wenn Nurse Mary dir das nun selbst erzählt, denn sie geht heute, und du wirst sie vermutlich nie wiedersehen.«

Dann werden der Kinderfrau alle ihre närrischen Geschichten vorgehalten, und sie muss sie eine nach der anderen widerrufen.

Der Knabe hört genau zu und streckt der Angestellten zum Abschied die Hand hin. »Danke, Nurse«, sagt er mutig. »Ich hätte keine Angst haben sollen, aber ich habe dir geglaubt.« Dann versichert er seiner Mutter (nun angemessen männlich): »Jetzt habe ich keine Angst mehr, Mutter«, und das Leben geht weiter — nur für das Kindermädchen nicht, das vermutlich nie wieder eine gute Stellung findet.

Entlassen zu werden war besonders für Frauen die Katastrophe, vor der sie am meisten Angst hatten, denn es bedeutete den Verlust des Broterwerbs, den Verlust des Dachs über dem Kopf, den Verlust von Zukunftsperspektiven, den Verlust von allem. Mrs. Beeton allerdings warnte ihre Leserinnen mit Vorliebe davor, sich von irgendwelchen Gefühlen, christlicher Nächstenliebe oder sonstigen Mitleidsregungen verleiten zu lassen, einer entlassenen Angestellten ein falsches oder irreführendes Zeugnis auszustellen. »Beim Schreiben einer Referenz muss die Herrin sich selbstredend von dem Gefühl strikter Gerechtigkeit leiten lassen. Es gehört sich nicht, wenn eine Dame einer anderen eine Dienerin oder einen Diener empfiehlt, die oder den sie selbst nicht behalten will«, schrieb sie, und mehr Gedanken musste man auch nicht daran verschwenden.

fleißig, pflichtbewusst und stets sorgsam war, sondern auch so weit wie möglich unsichtbar. In ihrer Geschichte der britischen Gärten erwähnt Jenny Uglow einen Landsitz, auf dem, wenn die Familie anwesend war, die Gärtner gehalten waren, einen Umweg von eineinhalb Kilometern zu machen, wenn sie ihre Schubkarren leeren mussten. Die Herrschaften wünschten einen ungestörten Ausblick. In einem Haus in Suffolk mussten die Diener mich mit dem Gesicht an die Wand drücken, wenn Familienmitglieder vorbeigingen.

Man baute auch die Häuser zunehmend so, dass das Personal außer Sichtweite und bis auf die absolut notwendigen Ausnahmefälle getrennt von der Familie war. Der architektonische I Feinsinn, der diese Trennung recht beförderte, war die Erfindung der Hintertreppe. »Der Adel konnte nun die Treppe hinaufgehen, ohne seinen Fäkalien der letzten Nacht zu begegnen, die die T1 Treppe herunterkamen«, brachte Mark Girouard die Sache auf den Punkt. Und Robert Kerr meinte in dem erwähnten Haus des Gentleman, dass »beide Seiten Privatheit sehr geschätzt« hätten. Wir allerdings gehen sicher nicht fehl in der Annahme, dass Mr. Kerr mit den Gefühlen derjenigen, die die Nachttöpfe füllten, vertrauter war als mit denen derjenigen, die sie leeren mussten.

In den höheren Sphären der gesamtgesellschaftlichen Hierarchie mussten sich nicht nur die Diener, sondern auch die Gäste und ständigen Mitglieder des Haushalts so unsichtbar machen wie möglich. Wenn Königin Victoria im Park von Oshorne House auf der Isle ofWight ihren Nachmittagsspaziergang machte, durfte ihr niemand, einerlei wie hochmögend, begegnen. Man konnte also immer genau erkennen, wo sie herlief, weil man sah, wie Leute in panischer Hast vor ihr flohen. Einmal befand sich Schatzkanzler Sir William Harcourt auf offenem Gelände, und zum Verstecken gab es nichts als ein winziges Gestrüpp. Da Harcourt 1,93 Meter groß und sehr stattlich war, konnte es nicht mehr als eine symbolische Geste sein, wenn er versuchte, sich unsichtbar zu machen. Aber Ihre Majestät vollbrachte das Wunder: Sie sah ihn nicht; sie war eine Meisterin darin, nicht hinzusehen. Waren auf den Huren des Hauses Begegnungen unvermeidlich, starrte sie unbeirrt geradeaus oder brachte jeden, der ihr entgegenkam, mit herrscherlich blitzendem Blick zum Verschwinden. Nur das ihr allervertrauteste Dienstpersonal durfte sie direkt anschauen.

»Wahrhaftig, die Teilung in Klassen ist äußerst gefährlich und verwerflich und vom Naturgesetz niemals so vorgesehen, und die Königin tut allzeit das Ihre, um es zu ändern«, schrieb sie dennoch einmal und übersah geflissentlich, dass dieses noble Prinzip in ihrer eigenen königlichen Gegenwart ins Gegenteil verkehrt wurde.

Der erste Diener im Haushalt war der Butler. Sein weibliches Gegenstück war die Haushälterin. Nach ihnen kamen der Küchenmeister und der Koch und eine Reihe Dienstmädchen, Zimmermädchen, Kammerdiener, Lakaien und Laufburschen. Lakaien waren ursprünglich Fußsoldaten oder Männer, die zu Fuß neben der Sänfte oder der Kutsche ihrer Herrschaften hertrabten, herrlich anzuschauen waren und unterwegs alle notwendigen Dienste leisteten. Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts wurden sie wertgeschätzt wie Rennpferde, und manchmal ließen ihre Herren sie auch um hohe Einsätze gegeneinander antreten und rennen. Lakaien erledigten meist die »öffentlichen« Aufgaben im Haus — öffneten die Tür, bedienten am Tisch, trugen Mitteilungen aus und wurden deshalb oft nach Größe, Haltung und Sex-Appeal ausgesucht, sehr zur Entrüstung von Mrs. Beeton. »Wenn eine Dame der guten Gesellschaft ihren Lakaien nur nach Größe, Figur und wohlgeformten Waden wählt, sollte es sie nicht überraschen, wenn sie einen Domestiken findet, der keine Bindung zur Familie verspürt«, schrieb sie naserümpfend.

Affären zwischen Lakai und Herrin galten als typisch für die entspannteren Familien der Nation. In einem sehr bekannten Fall entdeckte Viscount Ligonier of Clonmell, dass seine Gattin sich mit einem italienischen Adligen eingelassen hatte, dem Grafen Vittorio Amadeo Alfieri. Wie es der Ehrenkodex gebot, forderte Ligonier den Conte zum Duell, die beiden Männer liehen sich in einem nahe gelegenen Laden ein Paar Schwerter und schritten zu etwas Duellähnlichem im Green Park in London. Ein paar Minuten lang kreuzten sie klirrend die Klingen, merkten aber dann, dass sie mit dem Herzen doch nicht dabei waren. Vielleicht, weil sie ahnten, dass die kapriziöse Lady Ligonier es nicht wert war, dass man ihretwegen sein Blut vergoss. Der Verdacht bestätigte sich prompt, als sie kurz danach mit ihrem Lakaien durchbrannte. Woraufhin im ganzen Land manch anzüglich-anerkennender Spruch und einige geniale Verse geschmiedet wurden, von denen ich folgenden Zweizeiler anbieten kann:

Seht, die knackige Ligonier mag lieber ihren Burschen als ihren Peer.

Ausschließlich und ständig schlimm war das Leben der Diener aber auch nicht. In den großen Häusern auf dem Land lebte die Herrschaft nur zwei, drei Monate im Jahr, so dass manche Diener lange, vergleichsweise angenehme Phasen hatten, die von Zeiten schwerer Arbeit und sehr langer Arbeitstage unterbrochen wurden. Für die Dienerschaft in der Stadt galt natürlich das Gegenteil.

Doch Bedienstete mussten nicht frieren, hatten genug zu essen, Kleidung und jede Nacht einen Platz zum Schlafen, was in der Zeit alles sehr viel bedeutete. Wenn man die Pluspunkte in klingende Münze umrechnet, verdiente ein altgedienter, ranghoher Diener in heutigem Geld etwa 50 000 Pfund im Jahr. War man mutig und raffiniert genug, gab's auch was obendrauf. In Chatsworth, wo das Bier aus dem Brauhaus durch eine Leitung ins Haus geschickt wurde, die durch Joseph Paxtons großen Wintergarten lief, entdeckte man zum Beispiel bei einer routinemäßigen Wartung, dass ein einfallsreiches Mitglied des Haushalts sie ebenso routinemäßig anzapfte.

Ein schöner Zusatzverdienst waren die Trinkgelder. Wenn Gäste sich nach einer Dinnerparty verabschiedeten, mussten sie gewöhnlich an einer Reihe von fünf, sechs Bediensteten entlanggehen, von denen jeder seinen Shilling erwartete; eine Dinnereinladung wurde also unter Umständen eine für alle (außer die Diener) teure Angelegenheit. Auch Wochenendgäste wurden auf diese Weise zur Kasse gebeten. Die Diener konnten sich ebenfalls etwas dazuverdienen, wenn sie Besucher herumführten. Im achtzehnten Jahrhundert entstand der Brauch, vorbeikommenden — anständig gekleideten — Menschen eine Besichtigungstour anzubieten, und für gute Bürger wurde es zur Gepflogenheit, genau wie heute, Adelssitze auf dem Land zu besuchen. In Wilton House konnte man im August 1776 die 3025. Besucherin in dem Jahr begrüßen.

Manche Anwesen waren so überlaufen, dass man es streng organisieren musste, damit die Dinge nicht aus dem Ruder liefen. Chatsworth öffnete an zwei festgesetzten Tagen in der Woche, auch Woburn, Blenheim, Castle Howard, Hardwick Hall und Hampton Court richteten Öffnungszeiten ein, um die Besucherscharen in Grenzen zu halten. Horace Walpole wurde in seinem Haus Strawberry Hill in Twickenham derart heimgesucht, dass er Eintrittskarten und eine lange, ziemlich ungnädige Liste von Regeln zu Erlaubtem und Unerlaubtem drucken ließ.Wenn jemand zum Beispiel vier Eintrittskarten erbat, dann aber fünf Leute auftauchten, wurde überhaupt keiner hereingelassen. Andere Häuser waren entgegenkommender. Rokeby Hall inYorkshire richtete sogar einen Tea Room ein.

Am schwersten mussten Diener eigentlich in kleineren Haushalten arbeiten, in denen einer die Aufgaben von zwei oder dreien zu verrichten hatte. Und zur Zahl der Diener, die man je nach finanzieller Situation und sozialem Status halten konnte, hatte Mrs. Beeton, wie könnte es anders sein, ebenfalls eine Menge zu sagen. Einem Adligen, befand sie, standen mindestens fünfundzwanzig zu, jemandem mit einem jährlichen Einkommen von 1000 Pfund fünf: eine Köchin, zwei Hausmädchen, ein Kindermädchen und ein Laufbursche. Minimum für einen akademischen, bürgerlichen Haushalt waren drei: Zimmermädchen, Hausmädchen und Köchin. Selbst jemand, der jährlich nur 150 Pfund verdiente, galt als reich genug, ein Mädchen für alles zu beschäftigen (und damit war wirklich alles gemeint!). Mrs. Beeton selbst leistete sich vier Bedienstete. In Wirklichkeit hatten jedoch die meisten Leute offenbar nicht annähernd so viel Personal, wie Mrs. Beeton es für richtig hielt.

Ein viel typischerer Haushalt war der von Thomas und Jane Carlyle, des Historikers und seiner Frau, die in der Great Cheyne Row Nummer 5 in Chelsea ein einziges Mädchen beschäftigten. I )fiese wenig geschätzte arme Seele musste nicht nur kochen, putzen, das Geschirr spülen und wegstellen, die Kamine am Brennen halten, die Asche wegbringen, Besucher einlassen (oder abweisen), sich um Einkauf und Vorratshaltung kümmern, sondern auch jedes Mal, wenn die Carlyles baden wollten — und das wollten sie oft —, bis zu vierzig Liter Wasser holen, erhitzen, drei Treppen hochtragen, nach Gebrauch hinuntertragen und entsorgen.

Bei den Carlyles hatte das Hausmädchen kein eigenes Zimmer, sondern lebte und schlief in der Küche, überraschend normal in kleineren Häusern, selbst in einem so kultivierten wie dem der Carlyles. In der Great Cheyne Row war die Küche im Souterrain und wenn auch ein wenig dunkel, so doch behaglich und warm, aber selbst das bisschen Raum hatte das Hausmädchen nicht für sich. Auch der Hausherr fand es nämlich zum Lesen abends sehr gemütlich dort; dann verbannte er das Mädchen in die »hintere Küche«, was nicht zu schrecklich klingt, jedoch nur eine ungeheizte Vorratskammer war. Dort hockte dann das arme Ding zwischen Säcken mit Kartoffeln und allem möglichen anderen, bis es, oft sehr spät, hörte, dass Carlyle mit dem Stuhl ruckte, die Pfeife auf dem Kaminrost ausklopfte und sich zurückzog. Erst dann konnte es sich endlich in sein spartanisches Bett legen.

In den zweiunddreißig Jahren in der Great Cheyne Row hatten die Carlyles vierunddreißig Dienstmädchen — und dabei war die Arbeitslast insofern nicht ganz so arg, als sie kinderlos und von Natur aus einigermaßen geduldig und mitfühlend waren. Trotzdem fanden sie beinahe nie junge Frauen, die ihren hohen Ansprüchen gerecht wurden. Manchmal benahm sich freilich auch das Personal spektakulär daneben. Eines Nachmittags 1843 kam Mrs. Carlyle nach Hause und fand ihre Haushälterin sturzbetrunken »neben einem umgekippten Stuhl und inmitten eines vollkommenen Chaos von schmutzigem Geschirr und lauter Scherben« auf dem Küchenfußboden. Ein anderes Mal hörte sie entsetzt, dass ein Mädchen in ihrer Abwesenheit im unteren Empfangszimmer ein uneheliches Kind geboren hatte, und war insbesondere erbost, dass es »alle meine guten Servietten« benutzt hatte. Die meisten Mädchen im Hause Carlyle gingen aber oder wurden gegangen, weil sie nicht so schwer schuften wollten, wie es verlangt wurde.

Diener waren eben auch nur Menschen und besaßen selten ausreichend Verstandesschärfe, Durchhaltevermögen und Geduld, die endlosen Launen ihrer Herrschaften zu ertragen. Wer über die vielen Talente verfügte, die man brauchte, um ein brillanter Diener zu sein, wollte bestimmt nicht als solcher arbeiten.

Am schlimmsten dran waren Bedienstete, weil sie sich praktisch nicht wehren konnten. Fast alles konnte man ihnen in die Schuhe schieben; bequemere Sündenböcke gab es nicht, wie die Carlyles selbst bei einer berühmten Gelegenheit am Abend des sechsten März 1835 erlebten. Sie waren erst kurz zuvor aus ihrem heimatlichen Schottland nach London gezogen, weil sie hofften, dass Thomas sich dort als Schriftsteller werde etablieren können. Thomas war achtunddreißig Jahre alt und hatte sich schon mit einer Arbeit über eine schwer verständliche persönliche Philosophie mit dem Titel Sartor Resartus einen bescheidenen Ruf gut, einen sehr bescheidenen — erworben. Sein Opus magnum, eine vielbändige Geschichte der Französischen Revolution, sollte folgen. Nach großen Mühen und Plagen beendete er im Winter 1835 den ersten Band und gab das Manuskript seinem Freund und Mentor John Stuart Mill mit der Bitte um seine geschätzte Stellungnahme.

An einem kalten Abend Anfang März nun erschien ein aschfahler Mill an Carlyles Haustür; hinter ihm, in einer Kutsche, wartete Harriet Taylor, seine Geliebte. Sie war die Gattin eines Geschäftsmannes, der die Dinge nicht so eng sah und sie sich mehr oder weniger mit Mill teilte, ja, dem Paar für seine Rendezvous sogar ein Cottage westlich von London, in Walton-on-Thames, zur Verfügung stellte. Lesen Sie, was Carlyle selbst erzählt:

Ein Klopfen an der Tür, Mill trat ein, blass, unfähig zu sprechen, stieß er nur hervor, meine Frau möge nach draußen gehen und ein Wort mit Mrs. Taylor wechseln; dann trat er (geführt von meiner Hand und meinem erstaunten Blick) näher, ein Bild purer Verzweiflung. Nach verschiedenen Äußerungen, unverständlich und verständlich, Letztere alle gleichen Inhalts, teilt er mir mit, dass mein Erster Band (den er fahrlässigerweise beim oder nach dem Lesen hatte herumliegen lassen) bis auf vier oder fünf Blattfetzen unwiederbringlich VERNICHTET sei! Ich kann mich — auch heute noch — an kein Werk erinnern, das ich mit so viel harter Plackerei geschrieben habe, aber aus dem ich mich an so wenig erinnern kann. Es ist fort. Die ganze Welt und ich mit ihr im Rücken könnten es nicht zurückholen: ja, sogar der alte Mut ist dahin ... Fort ist er und wird nicht wiederkommen.

Eine Dienerin, erklärte /VIA habe das Manuskript vorm Kamin liegen sehen und zum Feueranzünden benutzt. Dass diese Erklärung nicht koscher war, liegt auf der Hand. Erstens sieht ein handgeschriebenes Manuskript, egal, wo es sich befindet, recht bedeutend aus; zweitens waren alle Dienerinnen im Mill'schen I laushalt an den Anblick von Manuskripten gewöhnt und garantiert auf deren Wichtigkeit und Wert eindringlich hingewiesen worden; drittens braucht man zum Feueranzünden kein ganzes Manuskript. Damit ein solches verbrennt, muss man geduldig immer ein paar Seiten auf einmal in den Kamin legen. Man handelt im Grunde nur dann wie von Mill behauptet, wenn man das Manuskript vernichten will. Kurzum, dass ein Hausmädchen, und sei es noch so dumm und gedankenlos, ein solches Werk in seiner Gänze versehentlich vernichten könnte, ist unvorstellbar.

Vorstellen konnte man sich allerdings, dass Mill das Manuskript in einem Anfall von Neid oder Wut selbst ins Feuer geworfen hatte. Mill war Experte, was die Französische Revolution betraf, und hatte Carlyle erzählt, auch er wolle einmal ein Buch darüber schreiben. Neid war also ein mögliches Motiv. Außerdem steckte Mill zu der Zeit in einer persönlichen Krise. Mrs. Taylor hatte ihm gerade erklärt, dass sie ihren Mann nicht verlassen und auf jeden Fall an ihrem eigentümlichen Dreiecksverhältnis festhalten wolle, und es ist denkbar, dass Mill sich in einer erheblichen seelischen Schieflage befand. Andererseits passte ein derart rücksichtsloser zerstörerischer Akt weder zu seinem bisher unbescholtenen Charakter noch zu seinem anscheinend echten Entsetzen und Schmerz über den Verlust, womit nur die Möglichkeit blieb, dass Mrs. Taylor, die der spießige Carlyle nicht besonders mochte, in irgendeiner unerklärlichen Weise ihre Hand im Spiel gehabt hatte. Mill hatte den Carlyles erzählt, dass er ihr in Walton große Teile des Werks vorgelesen hatte, da konnte der Verdacht aufkommen, dass sie sich zur Zeit der Katastrophe mit dem Manuskript beschäftigt und aus irgendeinem unseligen Grunde das Übel herbeigeführt hatte.

Leider konnte Carlyle die Geschichte nicht hinterfragen, nicht einmal nur hypothetisch, auch wenn er noch so verzweifelt war. Die Regeln der Höflichkeit verlangten, dass er die Tatsachen akzeptierte, wie Mill sie ihm schilderte, und keine weiteren Fragen danach stellte, wie dieses schreckliche, erstaunliche, unerklärliche Unglück geschehen konnte. Eine namentlich nicht genannte Dienerin hatte Carlyles Manuskript aus Achtlosigkeit komplett zerstört, und damit hatte es sich.

Carlyle blieb nichts anderes übrig, als sich hinzusetzen und das Ruch nach bestem Wissen und Gewissen noch einmal zu schreiben — was insofern erschwert wurde, als er keine Notizen mehr hatte. Er hatte die bizarre, unsinnige Angewohnheit, die Notizen jedes Mal, wenn er ein Kapitel beendet hatte, zur Feier des Tages zu verbrennen. Mill drängte Carlyle eine Entschädigung von einhundert Pfund auf, von denen der ein Jahr leben konnte, während er das Buch neu schrieb, doch die Freundschaft der beiden Männer litt, wen wundert's, sehr darunter. Drei Wochen nach der Katastrophe klagte Carlyle in einem Brief an seinen Bruder, dass Mill nicht einmal so taktvoll gewesen sei, ihn und Jane in ihrem Kummer allein zu lassen, sondern »rücksichtslos fast bis Mitternacht geblieben ist, und meine arme Frau und ich mussten dasitzen und über Belanglosigkeiten reden und konnten erst dann unserem Leid freien Lauf lassen«.

Man wird nie erfahren, wie sich die neu erarbeitete Version von der ursprünglichen unterschied. Das Buch ist allerdings eines der unlesbarsten, das jemals die Wertschätzung seiner Zeit errang. Es ist weitgehend im Präsens in einer seltsamen, überdrehten Sprache geschrieben, die immer am Rande der völligen Inkoheränz entlangtänzelt. Hören Sie, wie Carlyle den Mann hinter der Guillotine beschreibt:

Und der ehrenwerte Doctor Guillotin, den wir ein anderes Mal zu sehen hofften? Falls er nicht hier ist, sollte er hier sein. Wir sehen ihn mit dem Auge der Prophezeiung: denn die Pariser Deputierten sind alle ein wenig spät. Einzigartiger Guillotin, angesehener Arzt; von einem sarkastischen Schicksal zu dieser wahrhaft einzigartigen, unsterblichen Ehre verdammt! [...] Unglücklicher Doctor! Zweiundzwanzig Jahre lang unguillotiniert, wird er nichts hören als die Guillotine; dann sterbend, soll er durch lange Jahrhunderte wandern, im Grunde ein untröstlicher Geist, auf der falschen Seite von Styx und Lethe, sein Name wird wohl Cäsars überleben.

Solch kühner, intimer Schreibe waren Leser noch nie in einem Buch begegnet, sie fanden es aufregend. Dickens behauptete, er habe das Werk fünfhundert Mal gelesen und es sei die Inspiration zu seiner Geschichte aus zwei Städten. Oscar Wilde verehrte Carlyle. »Zum ersten Mal in unserer Sprache hat er Geschichte in Gesang verwandelt«, schrieb er. »Er war unser englischer Tacitus.« Ein halbes Jahrhundert lang war Carlyle für Literaten ein Gott.

Er starb 1881. Seine Geschichtswerke überlebten ihn nur kurz, doch seine persönliche Geschichte geht munter weiter, vor allem dank der außerordentlich umfangreichen Korrespondenz, die er und seine Gattin hinterließen — ausreichend für dreißig Bände dichtbedruckter Seiten. Thomas Carlyle wäre sicher erstaunt und bekümmert, dass seine Bücher heute eigentlich nirgendwo mehr gelesen werden, er selbst aber bekannt ist wegen der detaillierten Schilderung seines Alltagslebens, insbesondere seiner jahrzehntelangen kleinlichen Klagen über Diener und Bedienstete. Die Ironie dabei ist natürlich, dass er und seine Frau nur deshalb die Muße hatten, all diese Briefe zu schreiben, weil sie viele »undankbare Diener« hatten.

Was Besonderes waren die Klagen über das Dienstpersonal nicht. Zwei Jahrhunderte früher beschäftigten Samuel Pepys und seine Frau Elizabeth während der achteinhalb Jahre, die er Tagebuch führte, eine schier endlose Reihe von Dienern und Dienerinnen. Kein Wunder, denn Samuel verbrachte ein Gutteil seiner Zeit damit, die Frauen zu begrapschen und die Burschen zu verprügeln — recht bedacht, verprügelte er auch die Mädchen nicht selten. Einmal nahm er einen Besen »und drosch« seine Dienerin Jane, »bis sie schröcklich schrie«. Ihr Verbrechen? Sie war unordentlich. Einen Jungen hielt Pepys sich anscheinend nur zu dem Zweck, dass er bequem in Reichweite jemanden zum Verdreschen hatte — »mit einem Stock oder einer Rute, einer Peitsche oder einem Seilende und einmal sogar mit einem gepökelten Aal«, berichtet Liza Picard.

Im Entlassen der Unglücklichen war Pepys einsame Spitze. Eine setzte er auf die Straße, weil sie angeblich »schnippische Worte« gesagt hatte, eine andere, weil sie eine Klatschbase sei. Von einer, die bei Dienstantritt neue Kleidung bekommen und sich gleich in der Nacht davongemacht hatte, holte er sich, nachdem w
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