Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel




НазваниеDie Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel
страница3/32
Дата29.01.2013
Размер1.19 Mb.
ТипДокументы
1   2   3   4   5   6   7   8   9   ...   32
Zweites Kapitel


Das Haus


I.


Wenn wir Pastor Thomas Marsham wieder zum Leben erwecken und in sein Pfarrhaus bringen könnten, wäre er am meisten überrrascht (abgesehen davon, dass er überhaupt wieder da wäre), dass das Haus praktisch unsichtbar geworden ist. Heute steht es in einem dichten Wäldchen, das zum Grundstück gehört und ihm eine ausgesprochen abgeschiedene Atmosphäre verleiht. 1851 stand es, brandneu, beinahe allein in freier Wildbahn, ein roter Backsteinbau an einem freien Feld.

Und obwohl dieser Backsteinbau natürlich nun einige Jährchen älter ist und ein paar elektrische Leitungen und eine Fernsehantenne dazugewonnen hat, ist er seit 1851 fast unverändert. Heute wie damals wird er als Wohnhaus genutzt. Und strahlt, wie es sich gehört, Geborgenheit aus.

Das kommt nicht von ungefähr. Alles an unserem Haus (und an jedem anderen auch) musste erst erdacht werden — Türen, Fenster, Schornsteine, Treppen —, und für vieles brauchte man, wie wir sehen werden, viel mehr Zeit und Herumexperimentieren, als man gemeinhin annimmt.

Eigentlich sind Häuser seltsame Dinger. Sie können nahezu jede Form und Größe haben, beinahe aus jedem Material sein und fast an jeder Stelle stehen. Doch einerlei, wo auf der Welt wir hingehen, Häuser und dass sich Menschen dort ein Zuhause geschaffen haben, erkennen wir sofort. Sie tun es auch schon seit unvordenklichen Zeiten, und einen ersten Hinweis auf diese bemerkenswerte Tatsache erhielt man zufällig genau in dem Jahr, als unser altes Pfarrhaus erbaut wurde, im Winter 1850. Da zog ein mächtiger Sturm über Großbritannien hinweg, ja, einer der schlimmsten seit Jahrzehnten, und hinterließ weit und breit eine Spur der Verwüstung. An den Goodwin Sands vor der Küste von Kent zerschellten fünf Schiffe, und alle Seeleute kamen um. Vor Worthing in Sussex ertranken elf Männer, die in einem Rettungsboot einem in Seenot geratenen Schiff zu Hilfe kommen wollten und deren Boot in einer gigantischen Welle kenterte. Vor Kilkee an der Westküste Irlands lief ein irischer Segler namens Edmund, unterwegs nach Amerika, aus dem Ruder, und Passagiere und Mannschaft mussten hilflos zusehen, wie ihr Schiff auf Felsen zutrieb und zerbarst. Sechsundneunzig Menschen ertranken, doch ein paar kämpften sich an Land, darunter eine ältere Dame, die sich auf dem Rücken des tapferen Kapitäns festklammerte, der Wilson hieß und Engländer war, wie die Illustrated London News mit grimmiger Genugtuung bemerkte. In der Nacht kamen mehr als zweihundert Menschen im Meer um die Britischen Inseln um.

Im Crystal Palace, an dem in London fleißig gebaut wurde, ruckelten und klapperten die neu eingesetzten Glasscheiben, blieben aber an Ort und Stelle, und das halb fertige Gebäude selbst widerstand den peitschenden Winden mit kaum einem Ächzen. Sehr zur Erleichterung von Joseph Paxton, der versprochen hatte, dass es sturmfest sei, sich aber freute, als sich das auch bestätigte.

Siebenhundert Meilen weiter im Norden tobte der Sturm auf den Orkney Inseln vor Schottland tagelang. In Bay o' Skaill riss er von einem großen, merkwürdig unregelmäßigen Hügel, den man dort oben howe nennt und der schon seit Menschengedenken als Wahrzeichen galt, die Grasdecke ab.

Als sich das Wetter endlich wieder beruhigt hatte und die Inselbewohner ihren umgemodelten Strand in Augenschein nahmen, sahen sie dort, wo der howe gestanden hatte, zu ihrer Verblüffung die Reste eines uralten Steindorfes, dessen insgesamt neun Häuser dicht zusammenstanden, keine Dächer mehr hatten, ansonsten aber wundersamerweise intakt waren und noch viele Dinge der ursprünglichen Bewohner bargen. Das Dorf war fünftausend Jahre alt, somit älter als Stonehenge und die Pyramiden — nur eine Handvoll Bauten auf Erden ist überhaupt älter —, und es erwies sich als unendlich selten und wichtig. Es heißt Skara Brae.

Dank der Vollständigkeit und des guten Erhaltungszustands wirkt es fast gespenstisch wohnlich. Nirgendwo bekommt man ein besseres Gefühl für das Leben in der Steinzeit als hier. Man hat wirklich den Eindruck, als hätten die Menschen es gerade erst verlassen. Allemal beeindruckt der hohe Entwicklungsstand. Die Häuser waren sehr geräumig und hatten verschließbare Türen, ein Abwassersystem und anscheinend sogar elementare sanitäre Anlagen wie zum Beispiel Schlitze in den Wänden, um Abfälle und Exkremente hinauszubefördern. Die noch stehenden Wände sind bis zu drei Meter hoch, es gab also genügend Kopffreiheit, und die Böden sind mit Steinen ausgelegt. Jedes Haus hat außerdem eingebaute Kommoden aus Stein, Nischen für Vorräte, kistenartige Teile, wahrscheinlich Betten, außerdem Wasserspeicher und Isolierschichten, die das Innere bestimmt gemütlich und trocken gehalten haben. Da die Häuser alle gleich groß und nach dem gleichen Plan gebaut sind, liegt die Vermutung nahe, dass hier eine Gemeinschaft lebte, die keine hierarchische Gliederung kannte. Zwischen den Häusern verliefen überdachte Gänge und führten zu einem Bereich, dessen Boden ebenfalls mit Steinen ausgelegt und der für Zusammenkünfte gedacht war — die ersten Archäologen nannten ihn den »Marktplatz«.

Schlecht scheint das Leben der Bewohner Skara Braes nicht gewesen zu sein. Sie hatten Schmuck und Töpferwaren, bauten Weizen und Gerste an und konnten sich reichlich Schalentiere und Fische aus dem Meer holen, darunter bis zu siebzig Pfund schwere Kabeljaue. Sie hielten Rinder, Schafe, Schweine und Hunde. Das Einzige, was sie nicht hatten, war Holz. Zum Heizen verbrannten sie Seetang, der sehr schwer brennt, doch was für sie ein Problem war, ist für uns gut. Hätten sie ihre Häuser aus Holz gebaut, wäre nichts davon übrig geblieben, und wir hätten uns Skara Brae nicht einmal vorstellen können.

Man kann die Einzigartigkeit und Bedeutung von Skara Brae gar nicht genug betonen. Das prähistorische Europa war ein weitgehend leerer Kontinent. Auf den Britischen Inseln lebten vor fünfzehntausend Jahren vielleicht nicht einmal mickrige zweitausend Menschen. Bis in die Zeiten von Skara Brae stieg die Zahl unter Umständen bis auf zwanzigtausend, doch damit kam immer noch nicht mehr als ein Mensch auf siebeneinhalb Quadratkilometer. Was erklärt, weshalb es heutzutage recht aufregend ist, auf ein Lebenszeichen aus der Steinzeit zu stoßen. (Damals wäre es natürlich nicht minder aufregend gewesen.)

In Skara Brae gab es auch allerlei Merkwürdigkeiten. Ein Gebäude steht zum Beispiel ein wenig abseits von den anderen und ist von außen verriegelt, was eigentlich nichts anderes bedeuten kann, als dass jeder darin Befindliche eingesperrt war. Was wiederum den Eindruck trübt, dass hier alles Friede, Freude, Eierkuchen war. Warum man meinte, in einer solch kleinen Gemeinschaft jemanden in Haft halten zu müssen, kann man natürlich nach so langer Zeit nicht mehr sagen. Mysteriös sind auch die wasserdichten Vorratsbehältnisse, die man in allen Behausungen fand. Allgemein glaubt man, dass Napfschnecken darin gehalten wurden, Weichtiere mit hartschaligem »Napf«, die es in der Umgebung von Skara Brae massenhaft gibt. Warum aber jemand stets frische Napfschnecken vorrätig halten will, bleibt, selbst wenn man wild herumspekuliert, ein Rätsel, denn Napfschnecken sind zum Essen grauenhaft, sie enthalten nur eine Kalorie pro Tierchen und sind so gummiartig, dass man sie beim Kauen gar nicht richtig klein kriegt. Ja, man verbraucht mehr Energie zum Kauen, als man von ihnen bekommt.

Wir wissen absolut nichts über die Menschen von Skara Brae — woher sie kamen, welche Sprache sie sprachen, was sie dazu brachte, sich an einem so einsamen Außenposten am baumlosen Rand Europas niederzulassen —, doch allem Anschein nach existierte das Dorf ununterbrochen sechshundert gemütlich ruhige Jahre. Dann, um etwa 2500 v. Chr., verschwanden die Bewohner eines Tages, offenbar Hals über Kopf. Im Gang vor einem Haus fand man Schmuckperlen verstreut, die sicher für die Besitzerin oder den Besitzer wertvoll waren. Offenbar war eine Kette zerrissen und der Träger oder die Trägerin zu sehr in Panik oder Bedrängnis, um sie aufzulesen. Warum die glückliche Idylle Skara Braes ein derart jähes Ende fand, bleibt genauso im Dunkel wie vieles andere auch.

Nach der Entdeckung des Dorfs verging erstaunlicherweise mehr als ein Dreivierteljahrhundert, bevor es sich überhaupt mal jemand ordentlich anschaute. Nur der Entdecker William Watt aus dem in der Nähe gelegen Skaill House hatte ein paar Gegenstände gerettet, und an einem Wochenende im Jahr 1913 machte sich dann eine mit Spaten und anderen Werkzeugen bewaffnete Partygesellschaft aus Skaill House auf, plünderte fröhlich die Fundstätte und nahm, Gott weiß was, als Souvenir mit — furchtbar!

Intensiver beschäftigte man sich nicht mit dem Steinzeitdorf. Doch als 1924, auch wieder in einem Sturm, ein Teil eines Hauses ins Meer gespült wurde, begriff man, dass man den Ort wohl besser absichern und von Fachleuten begutachten lassen sollte. Den Job bekam ein in Australien geborener, interessant schräger, brillanter marxistischer Professor der Universität von Edinburgh, der Feldforschung hasste und nur hinausging, wenn er unbedingt musste. Er hieß Vere Gordon Childe.

Childe war kein ausgebildeter Archäologe. Das waren Anfang der 1920er Jahre nur wenige Leute. Während seines Studiums der Altphilologie und Philosophie an der Universität von Sydney entwickelte er eine leidenschaftlich tiefe und bleibende Liebe zum Kommunismus, die ihn für die Exzesse Josef Stalins lange blind, seine archäologischen Theorien aber interessant und überraschend lebendig machte. 1914 kam er nach Oxford, wo er sich dem Studium der frühen Völker widmete und zur führenden



Autorität auf diesem Feld wurde. 1927 ernannte ihn die Universität von Edinburgh zum neu geschaffenen Abercrombie Professor der Prähistorischen Archäologie. Damit war er der einzige akademisch bestallte Archäologe Schottlands, und wenn Stätten wie Skara Brae untersucht werden mussten, rief man natürlich ihn herbei. Im Sommer 1927 brach er per Bahn und Schiff gen Norden auf, zu den Orkney Inseln.

Fast alle Zeitgenossen, die Childe beschrieben haben, widmeten sich beinahe liebevoll seinem merkwürdigen Gebaren und sonderbaren Aussehen. Sein Kollege Max Mallowan (der, wenn überhaupt, der Nachwelt als zweiter Gatte Agatha Christies bekannt ist) meinte, Childe habe ein »so hässliches Gesicht, dass es einem wehtat, es anzuschauen«. Ein anderer Kollege erinnerte sich an Childe als »groß, ungelenk und hässlich, exzentrisch gekleidet und abrupt in seiner Art, eine seltsame, oft beunruhigende Persönlichkeit«. Gewiss, die wenigen erhaltenen Fotos Childes bestätigen, dass er keine Schönheit war — dürr und kinnlos, Eulenaugen hinter großen Brillengläsern und ein Schnauzbart, der aussah, als werde er jeden Moment lebendig und davonkriechen —, doch die Leute mochten noch so Unfreundliches über das äußere Erscheinungsbild seines Kopfes sagen — das Innere war eine Schatzkammer. Childe hatte ein wunderbar aufnahmefähiges Gedächtnis und eine außergewöhnliche Sprachbegabung. Er las mindestens ein Dutzend lebender und toter Sprachen, so dass er zu jedem Thema, das ihn interessierte, sowohl alte als auch moderne Texte durchforsten konnte—und es gab kaum Themen, die ihn nicht interessierten. Die Mischung aus schrägem Aussehen, nuscheligem Sprechen und Schüchternheit, körperlicher Unbeholfenheit und geradezu überwältigender Intelligenz war eben mehr, als viele Leute ertragen konnten. Ein Student erinnerte sich, wie Childe sich an einem eigentlich geselligen Abend in einem halben Dutzend Sprachen an die Anwesenden wandte, demonstrierte, wie man mit römischen Ziffern schriftlich dividierte, sich kritisch über die chemischen Methoden zur Altersbestimmung von Bronzezeitfunden ausließ und des Langen und Breiten aus einer Unzahl klassischer Dichtungen in der Originalsprache zitierte. Viele Leute fanden ihn einfach nervig.

Das Ausgraben selbst interessierte ihn, gelinde gesagt, nicht die Bohne. Beinahe ehrfürchtig bemerkte sein Kollege Stuart Piggott, dass Childe »unfähig ist, archäologisches Beweismaterial im Feld zu würdigen und die Vorgehensweise zu beachten, wie man es birgt, erkennt und interpretiert«. Fast alle Bücher Childes basieren auf Lektüre und nicht auf persönlicher Erfahrung. Selbst die vielen Sprachen beherrschte er nur eingeschränkt. Er konnte sie zwar einwandfrei lesen, bediente sich aber beim Sprechen einer selbstgemachten Aussprache, so dass ihn niemand, der die Sprache konnte, verstand. Als er in Norwegen einmal seinen Kollegen imponieren wollte und sich an der Bestellung von Himbeeren versuchte, bekam er zwölf Bier.

Ungeachtet seines kuriosen Aussehens und Verhaltens trieb er die Sache der Archäologie voran. Im Verlaufe von dreieinhalb Jahrzehnten verfasste er sechshundert Artikel und Bücher, sowohl populäre als auch wissenschaftliche, unter anderem die Bestseller Triebkräfte des Geschehens: Die Menschen machen ihre Geschichte selbst (1936, dt. 1949) und Stufen der Kultur: Von der Urzeit zur Antike (1942, dt. 1952), die viele Archäologen nach eigenem Bekunden bewogen haben, den Beruf zu ergreifen. Vor allem aber war er ein origineller Denker, und genau zu der Zeit, als er in Skara Brae herumstocherte, hatte er die vielleicht größte und originellste Idee der Archäologie des zwanzigsten Jahrhunderts.

Traditionell wird die Vergangenheit der Menschen in drei sehr unterschiedlich lange Epochen unterteilt: die paläolithische (oder altsteinzeitliche), die vor 2,5 Millionen Jahren begann und bis vor ungefähr zehntausend Jahren ging, die mesolithische (mittelsteinzeitliche), die die Periode des Übergangs von der Jäger-und-Sammler-Lebensweise zum weitverbreiteten Beginn des Ackerbaus bezeichnet und viertausend Jahre dauerte, und die neolithische

(neusteinzeitliche), die die letzten, extrem kreativen circa zweitausend Jahre bis zur Bronzezeit umfasst. Innerhalb aller drei Perioden gibt es viele weitere Unterteilungen — Oldowan, Mousterien, Gravettien und so weiter —, doch sie interessieren hauptsächlich Spezialisten und sollen uns hier nicht weiter beschäftigen.

Festhalten lässt sich aber, dass wir in den ersten 99 Prozent unserer Geschichte als Menschen nicht viel mehr getan haben, als uns fortzupflanzen und zu überleben. Dann jedoch entdeckten Menschen überall auf der Welt Ackerbau und Viehzucht, die Kunst der Bewässerung, das Schreiben, die Architektur, das Regieren und all die anderen Raffinessen des Seins, die zusammen das ausmachen, was wir liebevoll Zivilisation nennen. Dieser Moment ist oft als folgenreichstes Ereignis in der menschlichen Geschichte beschrieben worden, und der Erste, der das in vollem Umfang erkannte und den gesamten komplexen Prozess begrifflich fasste, war Vere Gordon Childe. Er sprach von der »neolithischen Revolution«.

Sie bleibt eines der großen Mysterien der Menschheitsentwicklung. Die Wissenschaftler können uns genau sagen, wo und wann sie passierte, aber immer noch nicht, warum. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (na ja, meinen wir zumindest) spielten große Klimaveränderungen eine Rolle. Vor etwa zwölftausend Jahren begann sich die Erde recht schnell zu erwärmen und wurde dann für ein ganzes Jahrtausend aus unbekannten Gründen abrupt wieder bitterkalt, als schnaufte die Eiszeit noch ein letztes Mal auf. Diese Periode wird von den Wissenschaftlern Jüngere Dryas genannt. (Nach einer arktischen Pflanze, der Silberwurz oder Dryas octopetala, die zu den Ersten gehört, die nach dem Abtauen einer Eisplatte anfängt, wieder zu wachsen. Es gab auch eine Ältere Dryas, doch die war für die menschliche Entwicklung belanglos.) Nach zehn weiteren Jahrhunderten beißender Kälte jedenfalls erwärmte sich die Erde abermals rasch und ist seitdem vergleichsweise warm geblieben. Fast alles, was wir als höher entwickelte Wesen geschaffen haben, passierte in diesem kurzen Zeitraum klimatischer Herrlichkeit.

Interessant an der Neolithischen Revolution ist, dass sie überall auf der Erde stattfand, unter Menschen, die keine Ahnung davon hatten, dass weit von ihnen entfernt andere genau das Gleiche taten. Ackerbau und Viehzucht wurden unabhängig voneinander mindestens sieben Mal erfunden — in China, Neuguinea, den Anden, Mexiko, Westafrika, im Nahen Osten und im Amazonasbecken. Auch Stadtsiedlungen entstanden gleichzeitig an sechs verschiedenen Orten — in China, Ägypten, Indien, Mesopotamien, Mittelamerika und in den Anden. Dass das überall auf dem Globus geschah, oft ohne dass die Menschen irgendeine Möglichkeit zu Kontakten hatten, ist auf den ersten Blick beinahe unheimlich. Ein Historiker drückte es so aus: »Als Corts in Mexiko landete, fand er Straßen, Kanäle, Städte, Paläste, Schulen, Gerichtshöfe, Märkte, Bewässerungsanlagen, Könige, Priester, Tempel, Bauern, Handwerker, Armeen, Astronomen, Kaufleute, Sport, Theater, Malerei, Musik und Bücher vor« — alles vollkommen unabhängig von ähnlichen Entwicklungen auf anderen Kontinenten entstanden. Manche Dinge sind auch auf den zweiten Blick unheimlich. Hunde wurden zum Beispiel in grob der gleichen Zeit an Orten domestiziert, die so weit voneinander entfernt lagen wie England, Sibirien und Nordamerika.

Die Vorstellung, dass auf dem ganzen Globus allen Menschen zur gleichen Zeit plötzlich ein Licht aufging, ist zwar verlockend, doch weit übertrieben. Diese Entwicklungen brauchten meist sehr, sehr lange. Versuch und Irrtum und erneute Anpassung folgten aufeinander, oft über einen Zeitraum von Tausenden von Jahren. Mit dem Ackerbau begann man vor 11 500 Jahren in der Levante, vor achttausend Jahren in China und vor etwas mehr als fünftausend Jahren in großen Teilen des amerikanischen Doppelkontinents. Die Menschen lebten auch schon seit viertausend Jahren mit domestizierten Tieren, bevor jemand auf die Idee kam, die größeren Tiere arbeiten, nämlich einen Pflug ziehen zu lassen; im Abendland quälte man sich noch weitere zweitausend Jahre mit einem schweren, unhandlichen, höchst ineffizienten Pflug mit gerader Schar ab, bis jemand mit der einfachen gekrümmten Pflugschar ankam, die die Chinesen schon von jeher einsetzten. In Mesopotamien wurde das Rad erfunden und sofort benutzt, doch im benachbarten Ägypten wartete man zweitausend Jahre, bevor man es auch zum Einsatz brachte. Unabhängig davon erfanden die Maya in Mittelamerika ebenfalls das Rad, doch da ihnen keinerlei praktische Anwendung dafür einfiel, nahmen sie es ausschließlich als Kinderspielzeug. Die Inka hatten überhaupt keine Räder. Auch kein Geld oder Eisen und keine Schrift. Kurzum, der Fortschritt schritt alles andere als vorhersehbar und gleichmäßig fort.

Lange dachte man, dass die sogenannte Sesshaftwerdung mit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht Hand in Hand ging. Man nahm an, dass die Menschen aufhörten, als Nomaden umherzuziehen, und Land bebauten und Haustiere hielten, um sich verlässlichere Nahrungsquellen zu verschaffen.Wilde Tiere zu erlegen ist schwierig und riskant, und die Jäger kamen bestimmt manches Mal mit leeren Händen nach Hause. Da ist es doch viel besser, die Kontrolle über seine Nahrungsmittel selbst in die Hand zu nehmen und diese dauerhaft und bequem in Reichweite zu haben. Doch die Forscher begriffen schon sehr früh, dass auch das Sesshaftwerden keineswegs glatt und reibungslos verlief. Ungefähr zu der Zeit, als Childe in Skara Brae buddelte, arbeitete eine Archäologin namens Dorothy Garrod von der Universität Cambridge in Palästina und entdeckte in der Skubah-Höhle eine uralte Kultur, die sie Natufien nannte, nach dem Wadi An Natuf, einem in der Nähe gelegenen trockenen Flussbett. Die Menschen des Natufien bauten die ersten Dörfer und gründeten Jericho, das zur ersten echten Stadt der Welt wurde. Diese Menschen waren also sehr sesshaft. Doch sie betrieben weder Ackerbau noch Viehzucht. Was alle überraschte. Aber bei anderen Grabungen überall im Nahen Osten entdeckte man dann, dass es gar nicht ungewöhnlich war, dass Menschen sich, lange bevor sie sich produzierenden Wirtschaftsweisen zuwandten, in dauerhaften Gemeinwesen niederließen — manchmal bis zu achttausend Jahre früher.

Doch wenn die Menschen nicht sesshaft wurden, weil sie Landwirtschaft betreiben wollten — warum begannen sie dann mit dieser komplett neuen Lebensweise? Wir kennen den Grund nicht — das heißt, wir können viele Gründe nennen, aber wir wissen nicht, ob einer davon richtig ist. Felipe Fernández-Armesto behauptet, es gebe mindestens achtunddreißig Theorien, die erklären, warum die Menschen in festen Siedlungen zu leben begannen: Manche besagen, sie seien durch Klimaveränderungen dazu gezwungen oder von dem Wunsch getrieben worden, bei ihren Toten zu bleiben; andere, dass sie das übermächtige Bedürfnis verspürten, Bier zu brauen und zu trinken, und dass das nur möglich gewesen sei, wenn man an einem Ort blieb. Eine offenbar ernsthaft vorgebrachte These (die Jane Jacobs in ihrem grundlegenden Werk von 1969, Die Ökonomie der Städte, zitiert) lautet, dass »zufällige Schauer« kosmischer Strahlen Mutationen verursachten, die das Gras veränderten und plötzlich zu einer leckeren Nahrungsquelle machten. Die kurze und bündige Antwort dazu: Niemand weiß, warum sich die Landwirtschaft überhaupt und in dieser Weise entwickelte.

Nahrung aus Pflanzen zu gewinnen ist ungeheuer schwierig. Die Verwandlung von Weizen, Reis, Mais, Hirse, Gerste und anderen Gräsern in Grundnahrungsmittel ist eine der großen, wirklich erstaunlichen Leistungen der Menschheit. Betrachten Sie doch nur den Rasen vor Ihrem Fenster, und Sie sehen sofort, dass das Gras dort für uns Nichtwiederkäuer als Futter nicht in Frage kommt. Gras kann man für Menschen überhaupt nur mit viel Findigkeit zum Verzehr geeignet machen. Nehmen Sie Weizen. Weizen kann man erst essen, wenn man ihn zu etwas viel Komplexerem und Anspruchsvollerem verarbeitet hat wie zum Beispiel Brot, und das kostet keine geringe Mühe. Man muss die Körner herauslösen, zuerst zu grobem, dann zu feinem Mehl vermahlen und dann das mit anderen Zutaten wie Hefe und Salz zu einem Teig vermischen. Der Teig wiederum muss so lange geknetet werden, bis er eine bestimmte Konsistenz hat, und zum Schluss muss der entstandene Klumpen sorgsam und präzise gebacken werden. Allein beim letzten Arbeitsgang kann man so vieles falsch machen, dass in allen Gesellschaften, in denen Brot eine Rolle spielte, das Backen schon sehr früh Profis überlassen wurde.

Ackerbau und Viehzucht haben übrigens die Lebensqualität nicht großartig gehoben. Die Kost des typischen Jägers und Sammlers war abwechslungsreicher, und er nahm mehr Proteine und Kalorien zu sich als seine sesshaften Artgenossen. Er nahm auch fünfmal so viel Vitamin C auf als ein Durchschnittsmensch heute. Selbst in der eisigsten Eiszeit — das wissen wir jetzt — aßen nomadisch lebende Menschen verblüffend gut und gesund. Im Gegensatz dazu wurden sesshafte Menschen von einem viel kleineren Angebot an Nahrungsmitteln abhängig, das Ernährungsmängel zwangsläufig mit einschloss. Die drei großen Getreidearten, die damals angebaut wurden, waren Reis, Weizen und Mais, doch als Grundnahrungsmittel hatten sie alle erhebliche Nachteile. John Lanchester schreibt dazu: »Reis beeinträchtigt die Wirkung von Vitamin A; Weizen enthält eine chemische Substanz, die die Aufnahme von Zink hemmt und zu vermindertem Wachstum führen kann, und Mais hat zu wenige lebenswichtige Aminosäuren, aber Phytat, das die Eisenaufnahme verhindert.« In den Anfangszeiten der Landwirtschaft im Nahen Osten sank die Durchschnittsgröße der Menschen um fünfzehn Zentimeter. Selbst auf den Orkney-Inseln, wo man in der Vorgeschichte vermutlich so gut lebte, wie es in der Zeit nur möglich war, erwies sich nach einer Analyse von dreihundertvierzig Skeletten, dass kaum jemand älter als zwanzig geworden ist.

Die Bewohner der Orkney-Inseln starben aber nicht an Mangelernährung, sondern an Krankheiten. Bei eng zusammenlebenden Menschen ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass sich ringsum immer alle anstecken; auch in der trauten Gemeinschaft mit den domestizierten Tieren konnten sie sich die Grippe (von Schweinen oder Geflügel), Pocken und Masern (von Kühen und Schafen) und Milzbrand (unter anderem von Pferden und Ziegen) holen. Soweit wir heute wissen, haben sich praktisch alle ansteckenden Krankheiten erst verbreitet, als die Menschen anfingen zusammenzuleben. Sich gemeinsam niederzulassen führte außerdem zu einer horrenden Zunahme an »Kommensalen« — Mäusen, Ratten und anderen Tierlein, die mit und von den Menschen leben und sehr, sehr häufig als Krankheitsüberträger fungieren.

Sesshaftigkeit brachte also schlechtere Ernährung, mehr Krankheiten, reichlich Zahnschmerzen und Zahnfleischerkrankungen und früheren Tod mit sich. Wahrhaft erstaunlich ist aber, dass alles, was von unseren jungsteinzeitlichen Vorfahren angepflanzt wurde, noch heute verspeist wird. Von den dreißigtausend Sorten essbarer Pflanzen auf Erden machen gerade mal elf Mais, Reis, Weizen, Kartoffeln, Maniok, Sorghumhirse, Hirse, Bohnen, Gerste, Roggen und Hafer — ganze dreiundneunzig Prozent unserer Ernährung aus, und alle elf gab es damals schon. Absolut das Gleiche gilt für die Viehhaltung. Die Tiere, die wir heute zum Verzehr halten, essen wir nicht, weil sie besonders lecker oder nahrhaft sind oder weil es ein Vergnügen ist, sie um sich zu haben, sondern weil sie die ersten waren, die in der Steinzeit domestiziert wurden.

So gesehen sind wir immer noch Steinzeitmenschen. Da können wir noch so viel Lorbeerblätter und gehackten Fenchel auf unsere Speisen streuen. Und wenn wir krank werden, leiden wir an Steinzeitkrankheiten.

II.


Wenn man Sie vor zehntausend Jahren gefragt hätte, wo sich wohl später einmal die größte Zivilisation herausbilden würde, hätten Sie sich vermutlich für den einen oder anderen Teil Mittel- oder Südamerikas entschieden, denn mit Nahrungsmitteln stellte man dort absolut Erstaunliches an. Die Wissenschaftler nennen diesen Teil der Neuen Welt Mesoamerica, ein gefällig vager Terminus, mit dem man Mittelamerika bezeichnen kann plus so viel oder so wenig von Nord- oder Südamerika, wie man braucht, um eine Hypothese zu untermauern.

Die Mesoamerikaner waren die größten Bauern aller Zeiten, doch von all ihren vielen Errungenschaften war keine so wichtig und wundersam wie die Züchtung von Mais. Wie sie das genau angestellt haben, ist uns immer noch ein Rätsel. Wenn man primitive Arten von Gerste, Reis oder Weizen mit ihren modernen Pendants vergleicht, sieht man die Verwandtschaft sofort. Doch nichts in der wilden Natur ähnelt auch nur im Geringsten dem modernen Mais. Genetisch ist sein nächster Verwandter ein flauschiges Gras namens Teosinte, doch über die Chromosomen hinaus gibt es keine erkennbare Verwandtschaft. Mais wächst als kräftiger Kolben an einem einzelnen Stängel, seine Körner stecken in schützenden steifen Hüllblättern. Eine Teosintenähre ist im Vergleich dazu nicht einmal zweieinhalb Zentimeter lang, hat keine Hüllblätter und wächst an einer Vielzahl von Stängeln. Als Nahrung ist sie für uns fast wertlos; ein Maiskorn enthält mehr Nährwerte als eine ganze Teosintenähre.

Es liegt jenseits unserer Vorstellungskraft, wie die Menschen aus einer derartig dünnen, wenig vielversprechenden Pflanze Maiskolben züchten konnten — ja, wie sie überhaupt darauf kamen, es zu versuchen. In der Hoffnung, die Angelegenheit ein für alle Mal zu klären, trafen sich 1969 Lebensmittelwissenschaftler aus aller Welt an der Universität von Illinois zu einer Konferenz »Zum Ursprung des Maises«, doch die Debatten wurden so aggressiv, bitter und sogar persönlich, dass sich die Versammlung in völligem Durcheinander auflöste und niemals ein Ergebnis veröffentlichte. Etwas Ähnliches hat man seitdem nie wieder versucht. Heute sind sich die Wissenschaftler aber einigermaßen sicher, dass Mais zum ersten Mal im mexikanischen Hochland kultiviert wurde, und hegen, dank der Wunderwaffe Genetik, schon gar keine Zweifel mehr daran, dass er auf irgendeine Weise aus Teosinte ins Dasein gelockt wurde. Doch wie das geschah, ist und bleibt ein Geheimnis.

Aber die Menschen haben es geschafft! Sie erschufen die erste voll von Menschen gemachte Pflanze der Welt — und zwar so gründlich, dass die Pflanze heute ohne uns gar nicht überleben könnte. Maiskörner lösen sich nicht spontan vom Kolben; wenn sie nicht abgestreift und ausgepflanzt werden, wächst kein neuer Mais. Nur weil man ihn kontinuierlich seit Tausenden von Jahren hegt und pflegt, ist er nicht ausgestorben. Die Erfinder des Mais erschufen nicht nur eine neue Pflanze, sondern auch — eigentlich aus dem Nichts — ein neues Ökosystem, das es sonst nirgends auf der Welt gab. Denn im Gegensatz zu Mesopotamien, wo schon überall natürliche Wiesen wuchsen und es bei der Züchtung in der Hauptsache darum ging, natürliche Kornfelder in besser gemanagte zu verwandeln, kannte man im ariden Buschland Mittelamerikas keine Wiesen und Felder. Menschen, die dergleichen noch nie gesehen hatten, erschufen sie! Das war, als hätte jemand in einer Wüste Rasenflächen imaginiert.

Heute kann man auf Mais weit weniger verzichten, als den meisten Leuten klar ist. Maisstärke wird bei der Herstellung von kohlensäurehaltigen Getränken, Kaugummi, Eis, Erdnussbutter, Ketchup, Autolack, Balsamierflüssigkeit, Schießpulver, Schädlingsbekämpfungsmitteln, Deodorants, Seife, Kartoffelchips,Verbänden, Nagellack, Fußpuder, Salatsoßen und Hunderten anderer Dinge verwendet. Um mit Michael Pollan zu sprechen: Es ist weniger so, dass wir den Mais fortentwickelt haben, als vielmehr so, dass der Mais uns fortentwickelt hat.

Im Moment allerdings steht zu befürchten, dass die Pflanze die sie schützende genetische Variabilität verliert. Fährt man heute an einem Maisfeld vorbei, sieht man, dass alle Stängel identisch sind. Sie sehen einander nicht nur extrem ähnlich, sie sind vor allem auch gentechnisch identisch. Gruselig! Die Replikanten leben in perfekter Harmonie, weil keiner mehr mit dem anderen ums Überleben kämpfen muss. Aber sie sind auch alle in gleicher Weise anfällig. Als 1970 die sogenannte Blattfleckenkrankheit überall in den Vereinigten Staaten den Mais vernichtete und man begriff, dass praktisch die landesweite Ernte aus Samen mit genetisch identischem Zellplasma bestand, geriet die Maiswelt in helle Panik. Wäre das Zellplasma direkt betroffen oder die Krankheit bösartiger gewesen, würden heute Ernährungswissenschaftler auf der ganzen Welt vor ein paar Teosintenähren sitzen und sich am Kopf kratzen, und wir würden alle Kartoffelchips und Eis essen, die nicht so schmeckten, wie wir es gewöhnt sind.

Das andere große Nahrungsmittel aus der Neuen Welt, die Kartoffel, stellt uns vor viele ebenso faszinierende Rätsel. Kartoffeln gehören zur Familie der Nachtschattengewächse, die, wie allseits bekannt, giftig sind. Sie strotzen in ihrer wilden Form von giftigen Glykoalkaloiden, eben dem Zeugs, das, in geringeren Dosen, Koffein und Nikotin den Pep verleiht. Um wilde Kartoffeln essbar zu machen, musste man das Glykoalkaloid auf ein Fünfzehntel bis ein Zwanzigstel des normalen Gehalts reduzieren. Da ergeben sich jede Menge Fragen, und die offensichtlichste lautet: Wie hat man das gemacht? Und woher wusste man, dass man es richtig anstellt? Wie merkt man denn, ob man den Giftgehalt um zwanzig oder fünfunddreißig Prozent oder irgendwas dazwischen gesenkt hat? Wie misst man, ob man wirklich weiterkommt? Aber vor allem: Woher wusste man, dass die ganze Übung sinnvoll war und am Ende ein ungiftiges, nahrhaftes Lebensmittel herauskam?

Eine ungiftige Kartoffel hätte natürlich auch spontan entstehen und vielen Generationen experimentelles selektives Züchten ersparen können. Doch selbst dann, woher wussten die Menschen, dass die Kartoffel mutiert war und dass unter all den giftigen wilden Kartoffeln um sie herum hier endlich eine war, die man ohne Gefahr für Leib und Leben verspeisen konnte?

Es bleibt dabei: Die Menschen in der Urzeit haben oft Dinge getan, die nicht einfach nur überraschend, sondern geradezu unfasslich sind.

Während die Mesoamerikaner Mais und Kartoffeln ernteten (und Avocados, Tomaten, Bohnen und ungefähr hundert weitere Pflanzen, die wir heute nur ungern missen würden), bauten die Menschen auf der anderen Seite des Planeten die ersten Städte. Und auch die sind mysteriös und verblüffend.

Wie verblüffend, zeigte sich einmal wieder bei einer Entdeckung in der Türkei im Jahre 1958. Da fuhr eines Tages der junge britische Archäologe James Mellaart mit zwei Kollegen durch die Einöde Zentralanatoliens und bemerkte einen unnatürlich aussehenden, »distelbewachsenen Buckel«, der sich über die rappeldürre Ebene zog. Er war gut fünfzehn Meter hoch und sechshundert Meter lang und bedeckte insgesamt eine Fläche von etwas mehr als 133 000 Quadratmetern — ein rätselhafter, ziemlich großer Hubbel in der Landschaft. Mellaart kehrte nach einem Jahr zurück, polkte probeweise ein wenig dort herum und entdeckte zu seinem Erstaunen, dass in dem Hügel eine uralte Stadt lag.

Die hätte es in Anatolien eigentlich gar nicht geben sollen. Uralte Städte kamen, wie sogar Laien wussten, in Mesopotamien und in der Levante vor, aber nicht in Anatolien. Doch hier war eine der allerältesten, womöglich die allerälteste Stadt der Welt mitten in der Türkei und von bisher nie erlebter Größe. fatal Höyük (was »gegabelter Hügel« bedeutet) war neuntausend Jahre alt, gut tausend davon durchgehend bewohnt gewesen und hatte zu Hochzeiten achttausend Einwohner gehabt.

Mellaart bezeichnete es als erste Stadt der Welt, und diesem Urteil verlieh Jane Jacobs noch einmal zusätzliches Gewicht und Aufmerksamkeit in dem schon genannten Die Ökonomie der Städte. Das ist aber in zwei Punkten inkorrekt. fatal Höyük war nämlich keine Stadt, sondern wirklich nur ein sehr großes Dorf. (Für Archäologen besteht der Unterschied darin, dass Städte nicht nur eine bestimmte Größe, sondern auch eine erkennbare Verwaltungsstruktur haben.) Relevanter allerdings ist, dass andere Gemeinwesen — Jericho im palästinensischen Autonomiegebiet, Ain Mallaha in Israel, Abu Hureyra in Syrien — nachweisbar beträchtlich älter sind. Nur erwies sich keines als seltsamer als fatal Höyük.

Vere Gordon Childe, Namensgeber der Neolithischen Revolution, erlebte diese Entdeckung leider nicht mehr. Kurz zuvor war er nach fünfunddreißig Jahren zum ersten Mal wieder zu Besuch in seine australische Heimat gefahren. Mehr als die Hälfte seines Lebens war er fort gewesen. Beim Wandern in den Blue Mountains sprang oder stürzte er in den Tod. Er wurde jedenfalls am Fuß eines Felsvorsprungs gefunden, der Govett's Leap heißt. Dreihundert Meter darüber fand ein Spaziergänger sein sorgfältig gefaltetes Jackett, darauf ordentlich abgelegt Brille, Kompass und Pfeife.

Was hätte Çatal Höyük Childe fasziniert, denn eigentlich passte dort nichts zusammen. Die Stadt hatte keine Straßen oder Gassen. Die Häuser drängten sich mehr oder weniger dicht aneinander. Diejenigen in der Mitte konnte man nur erreichen, wenn man über die sämtlichst unterschiedlich hohen Dächer anderer Häuser kraxelte — ein umwerfend unbequemes Arrangement. Es gab keine Plätze und Marktplätze, keine städtischen oder sonstigen Verwaltungsgebäude — überhaupt keine Anzeichen einer gesellschaftlichen Organisiertheit. Wer bauen wollte, errichtete vier neue Wände, wenn nötig, an schon existierenden Wänden. Es sieht ganz so aus, als hätten die Menschen in fatal Höyük noch nicht herausgefunden, wie kollektives Leben genau funktioniert. Was ja durchaus sein kann. Auf jeden Fall gemahnt es uns daran, dass die Funktion eines Gemeinwesens und der dazugehörigen Gebäude nicht von vornherein festgelegt ist. Für uns mag es normal sein, dass Türen auf ebener Erde und Häuser durch Straßen und Gassen voneinander getrennt sind, doch die Menschen in Çatal Höyük sahen das offenkundig anders.

Es führten im Übrigen auch keine Straßen und Wege zu dem großen Dorf oder von ihm weg. Es war in einem Überschwemmungsgebiet erbaut, also auf morastigem Boden. Meilenweit darum herum gab es unendlich viel Platz, und doch drängten sich die Menschen dicht aneinander, als würden sie von allen Seiten von hereinströmenden Fluten bedroht. Absolut nichts gibt einen Hinweis darauf, warum sie dort zu Tausenden zusammenhockten, obwohl sie auch in der Umgebung hätten siedeln können. Denn ihre Felder und Viehweiden lagen mindestens zehn Kilometer entfernt. Das Land um das Dorf herum war kein gutes Weideland, Obst- und Nussbäume wuchsen dort nicht, genauso wenig gab es andere Nahrungsquellen. Es mangelte auch an Holz zum Heizen. Mit einem Wort: Es gab keinerlei sichtbaren Grund für Menschen, sich dort niederzulassen, und trotzdem taten sie es in großer Zahl.

Dabei war fatal Höyük nicht primitiv, sondern für seine Zeit auffallend entwickelt und zivilisiert. Es gab Weber, Korbmacher, Zimmerleute, Schreiner, Perlenmacher, Bogenmacher und viele andere Handwerker mit spezialisierten Fähigkeiten. Auch die Kunstwerke hatten ein beachtliches Niveau, und es gab nicht nur Stoffe, sondern eine Vielzahl stilistisch wunderschönerWebarten. Die Bewohner konnten sogar Streifen weben — was bekanntermaßen nicht leicht ist. Außerdem legten sie Wert auf gutes Aussehen. Ist es nicht verblüffend, dass die Menschen gestreifte Stoffe ersannen, bevor sie an Türen und Fenster dachten?

All das zeigt nur noch einmal, wie wenig wir über die Lebensweise und Gewohnheiten der Menschen wissen, die in der Steinzeit gelebt haben; ja, wie wenig wir sie auch nur erraten können. Dessen eingedenk gehen wir nun endlich ins Haus und sehen dort, wie wenig wir auch über das Haus selbst wissen.



Aber auch wenn man Fleisch in Hülle und Fülle gehabt hätte, wäre sein Verzehr die meiste Zeit verboten gewesen. Im Mittelalter mussten die Leute drei Fischtage in der Woche einlegen, dazu kamen vierzig Tage Fastenzeit und viele andere religiöse Feiertage, an denen der Verzehr von Vierbeinern verboten war. I )ie Summe der Tage mit Essbeschränkungen änderte sich über die Jahre, doch in den schlimmsten Zeiten waren fast die Hälfte im Jahr »schmale« Tage. Im Übrigen gab es kaum einen Fisch oder sonst ein schwimmendes Viech, das nicht verzehrt wurde. In den Küchenbüchern des Bischofs von Hereford steht, dass man in seinem Haushalt Hering, Kabeljau, Schellfisch, Lachs, Hecht, Brassen, Makrelen, Leng, Seehecht, Plötzen, Aale, Neunaugen, Stockfisch, Schleie, Forellen, Elritzen, Gründlinge, Knurrhahn und viele andere zubereitete — mehr als zwei Dutzend Arten insgesamt. Ebenfalls häufig auf dem Speiseplan standen Barben, Hasel und sogar Tümmler. Bis in die Zeiten Heinrich VIII. drohte — zumindest theoretisch — die Todesstrafe auf Nichtbeachtung der Fischtage. Nach dem Bruch mit Rom wurden die Fischtage abgeschafft, doch von Elisabeth I. zur Unterstützung der englischen Fischereiflotte wieder eingeführt. Auch die Kirche war erpicht darauf, die Fischtage beizubehalten, weniger aus irgendeiner religiösen Überzeugung heraus als vielmehr, weil sie ein einträgliches Nebengeschäft daraus machte, Zuwiderhandelnden Ablässe zu verscherbeln.

Schlafgewohnheiten waren sehr informell. Heutzutage »machen wir ein Bett«, weil es im Mittelalter hauptsächlich das war: Man rollte eine Art dünne Matratze aus oder häufte einen Strohhaufen auf, suchte sich eine Decke oder sonst etwas zum Darüberlegen und machte es sich so bequem es eben ging. Wie man schlief, wurde offenbar sehr lange sehr locker gehandhabt. In den C anterbury Tales wird das Abenteuer der Müllersfrau erzählt, die hei sich zu Hause in ein falsches Bett steigt, was ihr wohl kaum passiert wäre, wenn sie jede Nacht am selben Ort geschlafen hätte. Bis weit ins siebzehnte Jahrhundert hinein bedeutete im



Glas Champagner, zwei Gläsern Portwein und einem Glas Kognak« — und das nahm er zu sich, als er ein wenig angeschlagen war. Pastor Sydney Smith, obgleich Geistlicher, sagte deutlich etwas über den Geist der Zeit, als er sich mit folgenden Worten weigerte, das Tischgebet zu sprechen: »Wenn man sich einer orgiastischen Lust hingeben will, scheint es mir höchst ungehörig zu sein, kurz vorher noch einem religiösen Gefühl Ausdruck verleihen zu wollen. Welch eine Verwirrung des Zwecks, das Lob Gottes aus einem Mund auszusprechen, in dem einem das Wasser zusammenläuft.«

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts waren überall enorme Portionen üblich. Mrs. Beeton schlug folgendes Menü für eine kleine Dinnerparty vor: Falsche Schildkrötensuppe, Steinbuttfilets in Sahnesauce, Seezunge in Anchovissauce, Kaninchen, Kalbfleisch, geschmortes Rumpsteak, gebratenes Geflügel, Kochschinken, eine Platte mit gebratenen Tauben oder Lerchen und zum Abschluss Rhabarbertörtchen, Baiser, Götterspeise, Sahne, Eispudding und ein Soufflee. Das Ganze für sechs Personen.

Drittes Kapitel
1   2   3   4   5   6   7   8   9   ...   32

Похожие:

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel icon«Können die Bücher mit dem Fernsehen konkurrieren?» Referat
«Können die Bücher mit dem Fernsehen konkurrieren?»
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconDie Geodäsie ab dem Internationalen Geophysikalischen Jahr und Helmut Moritz

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconDie große eBook-Bibliothek der Weltliteratur
«Das habe ich an mir selber erfahren und die ersten Anregungen zu diesen»Wanderungen durch die Mark«sind mir auf Streifereien in...
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconDirektorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconEnthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconNiedersächsische bibliographie
Otto Wilhelm. Gifhorn: Landkreis 1975. (Die Landkreise in Nieders. Bd. 26, ) (Die deutschen Landkreise.)
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconZur Bedeutung der antiken ethnographischen und konstitutionellen Berichte über die sogenannten Germanen für die Entstehung und Ausprägung des deutschen

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel icon11 сентября: когда башни упали / 9/11: After The Towers Fell 2010 г., Документальный
Апокалипсиса / 7 Signs of the Apocalypse / Die Zeichen der Apokalypse [2008 г
Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconPreservation of the qualitative properties in the vertical advection-diffusion dem sub-model of the air pollution process

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel iconBearb V. Osteneck, Volker, unter Mitwirk V. Königs, Hans. 1978. 197 S., 185 Abb., 15 (teils Falt-) Pläne, 30 cm. (Denkmälerverz d. Landeskons. Rheinl., 1/2)

Разместите кнопку на своём сайте:
Библиотека


База данных защищена авторским правом ©lib.znate.ru 2014
обратиться к администрации
Библиотека
Главная страница