Universiteit Utrecht Block 2-4, 2010-2011




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НазваниеUniversiteit Utrecht Block 2-4, 2010-2011
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Дата10.09.2012
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ТипДокументы
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Bei der Betrachtung der beiden Textausschnitte überwiegt in der niederländischen Fassung das Wort „Jude“. Wenn man einen Blick auf die von Anneliese Schütz übersetzte Fassung wirft, kommt dieses Wort „Jude“ sehr viel weniger vor und wurde es auch öfters von dem neutraleren „sie“ ersetzt. Die Folgen dieses Auslassens von „Jude“ und des Ersetzens durch „sie“ werden im nächsten Kapitel noch ausführlicher besprochen. Ein weiteres Beispiel vom Auslassen eines Wortes, das auch von Lefevere in seiner Analyse angesprochen wird (vgl. Lefevere: 353f), ist das Wort „Faschist“ (NL: 42). In Annes Phantasie wächst der Eindringling, der ins Hinterhaus einbrechen will, zu einem Riesen und Faschisten heran. Schütz berichtet in ihrer Übersetzung zwar auch vom Riesen, aber der Riese ist bei ihr kein Faschist; sie lässt dieses Wort einfach weg (S: 42). Der „Faschist“ ist laut Levefere verschwunden, um die Verkaufszahlen nicht unnötig zu senken (vgl. Lefevere: 354).

Wenn es um Streitereien geht, nimmt Anne kein Blatt vor den Mund und schreibt in der niederländischen Fassung „ze zullen nog opkijken en gauw hun grote bek houden [...] Barbaars gewoon!“ (NL: 33). Hier erkennt man in der Übersetzung deutlich die ältere Frau in Anneliese Schütz, die „grote bek“ übersetzt als „ihre große Fr.... halten!“ (S: 35). Sie schreibt das Wort „Fresse“ also mit Pünktchen, und die Worte „Barbaars gewoon!“ übersetzt sie gar nicht. Hieraus lässt sich eindeutig eine mildernde und abschwächende Wirkung in der Übersetzung erkennen. Weiter versucht Schütz auch mildernd mit dem Thema „Familie“ umzugehen. Im Tagebucheintrag vom 7. November 1942 schreibt Anne; „Ik klamp me aan vader vast, omdat hij de enige is die mijn laatste restje familiegevoel ophoudt.” (NL: 45). In der Übersetzung von Schütz ist zwar Annes Vater derjenige, der ihr Familiengefühl hochhält, aber vom „laatste restje“ spricht sie nicht (S: 45). Annes Gefühl für Dramatik wird hier so eingeengt.

Wer Annes Tagebuch liest, erkennt gleich ihre Vorliebe für Listen. Sie macht Listen über alles Mögliche, und so fertigt sie auch einen Prospekt und Leitfaden vom Hinterhaus an. In diesem Prospekt fallen zwei große Auslassungen auf. Erstens die Auslassung der verbotenen Radiosender und zweitens die Auslassung über das Sprechen der Sprachen. In der Auslassung der Radiosender schreibt Anne in der niederländischen Fassung: „Dit toestel staat vanaf zes uur ‘s avonds alleen inwonenden ter beschikking, waarbij geen verboden zenders bestaan met dien verbande, dat alleen bij uitzondering naar Duitse stations mag worden geluisterd, b.v. naar klassieke muziek en dergelijke.” (NL: 51). In der deutschen Fassung von Anneliese Schütz steht der Apparat den Bewohnern – also nicht nur den Bewohnern – zur Verfügung (S: 50), und hat sie das ganze Stück über die deutschen Sender weggelassen. Was die Stelle über die Sprachen angeht, so wird diese im RIOD (Barnouw, David; Stroom, Gerrold van der: 85) und bei Lefevere (vgl. Lefevere: 354) ebenfalls als Beispiel angeführt. „Gebruik van taal: Vereist is te allen tijde zacht te spreken, toegestaan zijn alle cultuurtalen, dus geen Duits” (NL: 52). Die Stelle “dus geen Duits” wird von Schütz umgeformt in “Alle Kultursprachen … aber leise!“ (S: 50). An eine solche Auslassung und Umänderung ist gewiss noch am meisten auszusetzen, da Anneliese Schütz hier wirklich bewusst dafür gewählt hat, Annes Abneigung den Deutschen gegenüber zu verschleiern. Eine kleinere Auslassung im Prospekt betrifft noch die Ferien. Die „fallen bis auf weiteres aus“ (S: 50), „voor zover het betreft het verblijf buitenshuis” (NL: 51). Die Stelle über die Welt außerhalb des Hinterhauses ist hier ganz weggelassen. Wenn man sich also als Leser die Welt, in der Anne lebte – das Hinterhaus – vorstellen möchte, dann ist eine solche Auslassung als Eingriff in die Interpretation der deutschen Leser zu betiteln.

Es sei demnach festzuhalten, dass erstens Worte wie „Jude“ und „Faschist“ umgangen werden. Zweitens werden Schimpfwörter abgemildert und dramatisch ausgerichtete Aussagen wie „Barbaars gewoon!“, welche die Familie schlecht hinstellen können, werden abgeschwächt. Drittens werden im Prospekt und Leitfaden vom Hinterhaus mehrere Textstellen über Deutsch und den Deutschen gestrichen. Diese drei Punkte kommen im Kapitel der Übersetzerinterpretation noch zur Sprache.


4. Auslassungen und 5. Hinzufügungen; ein Beispiel;

Eine Auslassung kann vielleicht noch an manchen Stellen als ein unbewusster oder ungewollter Eingriff betrachtet werden. Man kann als Übersetzer vielleicht ein Wort übersehen haben. Die meisten Auslassungen in der Übersetzung von Anneliese Schütz sind jedoch bewusste Eingriffe in den Leseprozess und die Deutung des Lesers. Was man als Übersetzer jedoch keinesfalls unbewusst und unbeabsichtigt machen kann, ist Sachen hinzufügen. Eine Hinzufügung ist immer eine beabsichtigte Handlung. Solche bewusste Veränderungen tauchen in der Übersetzung von Anneliese Schütz auch regelmäßig auf. So ist der Tagebucheintrag vom 9. Oktober 1942 eine regelrechte Mischung von Auslassungen und Hinzufügungen.

Jodenwet volgde op Jodenwet. Joden moeten een Jodenster dragen. Joden moeten hun fietsen afgeven. Joden mogen niet in de tram, Joden mogen niet meer in auto’s rijden. Joden mogen alleen van 3-5 uur boodschappen doen en alleen in Joodse winkels, waar “Joods lokaal” opstaat. Joden mogen vanaf 8 uur ’s avonds niet op straat zijn en ook niet in hun tuin zitten, noch bij kennissen. Joden mogen zich niet in schouwburgen, bioscopen of andere voor vermaak dienende plaatsen ophouden, Joden mogen in het openbaar generlei sport beoefenen, ze mogen geen zwembad, tennisbaan, hockeyveld of andere sportplaats betreden. Joden mogen ook niet bij Christenen aan huis komen. Joden moeten op Joodse scholen gaan en nog veel meer van dergelijke beperkingen. (NL: 5)

Ein diktatorisches Gesetz folgte dem anderen, und speziell für die Juden wurde es besonders schlimm. Sie mußten den Stern tragen, sie mußten ihre Fahrräder abgeben, sie durften nicht mehr mit der Elektrischen fahren, von Autos gar nicht zu reden. Juden durften nur zwischen 3 und 5 Uhr – und dann nur in jüdischen Geschäften – einkaufen. Sie durften nach 8 Uhr abends nicht mehr auf die Straße und sich nach dieser Zeit auch nicht im Garten oder auf dem Balkon aufhalten. Juden durften weder ins Theater noch ins Kino gehen noch andere’ Vergnügungsstätten besuchen. Sie durften auch nicht mehr schwimmen, Tennis und Hockey spielen, überhaupt keinen Sport mehr treiben. Juden durften nicht mehr zu Christen zu Besuch gehen. Und so häufen sich die Bestimmungen. (S: 12)

Heb je wel eens van gijzelaars gehoord? Dat voeren ze nu als nieuwste strafsnufje voor saboteurs in. Het is het meest vreselijke dat je je kunt voorstellen. Onschuldige vooraanstaande burgers worden gevangen gezet, om op hun veroordeling te wachten. Als iemand gesaboteerd heeft en de dader wordt niet gevonden, zet de Gestapo doodleuk een stuk of 5 gijzelaars tegen de muur. Vaak staan er doodsberichten van deze mannen in de krant. Als een “noodlottig ongeval” wordt deze misdaad betiteld. Fraai volk, de Duitsers. [...] En trouwens, er bestaat geen groter vijandschap op de wereld dan tussen Duitsers en Joden. (NL: 40)

Hast du schon mal etwas von Geiseln gehört? Da haben sie wieder etwas Raffiniertes erfunden. Es ist beinahe noch schrecklicher als alles andere. Unschuldige Bürger werden wahllos verhaftet und nicht mehr freigelassen. Wird dann irgendwo >>Sabotage<< konstatiert, und die Täter werden nicht gefunden, dann hat man einen Grund, eine Anzahl dieser Geiseln zu erschießen. Das wird dann in der Zeitung warnend veröffentlicht. Welch ein Volk, diese Deutschen! [...] Und eine größere Feindschaft als zwischen diesen Deutschen und den Juden gibt es nicht auf der Welt! (S: 40)

Hast du schon mal was von Geiseln gehört? Das führen sie nun als neueste Strafmethode für Sabotage ein. Etwas Schrecklicheres kann man sich nicht vorstellen. Angesehene, unschuldige Bürger werden verhaftet und warten auf ihre Ermordung. Wird irgendwo sabotiert und der Täter nicht gefunden, stellt die Gestapo seelenruhig so fünf Geiseln an die Wand. Oft stehen die Todesmeldungen in der Zeitung. Ein >>schicksalhaftes Unglück<< wird dieses Verbrechen dann genannt. Ein schönes Volk, die Deutschen [...] Und im Übrigen gibt es keine größere Feindschaft auf dieser Welt als zwischen Deutschen und Juden. (P: 65)


In der niederländischen Fassung schreibt Anne, dass man etwas Raffiniertes „voor saboteurs“ (NL: 40) gefunden hat, dass „Onschuldige vooraanstaande burgers“ (NL: 40) verhaftet werden und dass die Gestapo „doodleuk een stuk of 5 gijzelaars“ (NL: 40) gegen die Wand stellt. Wie man aus der Übersetzung von Schütz herauslesen kann, tauchen die Worte „für Sabotage“ (P: 65), „Angesehene, unschuldige Bürger“ (P: 65) und „seelenruhig“ (P: 65) nicht auf. Hier wird demnach das Bild, welches man von den Geiseln formt, verzerrt wiedergegeben und wird der sarkastische Ton in der Übersetzung unterdrückt. In der Zeitung wird dies dann laut Schütz „warnend veröffentlicht“ (S: 40), obwohl dies in der niederländischen Fassung nicht als Warnung hingestellt wird, sondern als „noodlottig ongeval“ (NL: 40) herausgebracht wird. Hier entsteht doch ein ganz anderer Eindruck vom Geschehen, da die Deutschen laut Anne ihre Taten in der Zeitung maskieren und es als „schicksalhaftes Unglück“ (P: 65) abtun, obwohl laut Schütz in der Zeitung wirklich davor gewarnt wird, sich der Sabotage nicht anzuschließen. Hierzu passen auch die Stellen, die Schütz hinzugefügt hat, nämlich „Unschuldige Burger werden wahllos verhaftet“ (S: 40) und „dann hat man einen Grund“ (S: 40), diese Bürger gegen die Wand zu stellen. Indem Schütz das Wort „wahllos“ hinzufügt, entsteht der Eindruck, dass es egal sei, wer verhaftet werden würde. Anne schreibt jedoch von angesehenen und unschuldigen Bürgern. In ihrer Fassung entsteht ganz klar der Eindruck, dass vorher darüber nachgedacht wurde, wer verhaftet werden sollte. Bei Schütz könnte es jeder gewesen sein, dem dieses Los traf. Indem Schütz noch „dann hat man einen Grund“ hinzufügt, wird in der Übersetzung ganz klar eine Rechtfertigung für die Taten der Deutschen gegeben. Anne rechtfertigt die Taten aber nicht, sie verurteilt sie. Der oben zuletzt zitierte Satz „Und eine größere Feindschaft als zwischen diesen Deutschen und den Juden gibt es nicht auf der Welt!“ (S: 40), gilt bei allen Kritikern der Übersetzung als der schlimmste Fehler, den Schütz in ihrer Übersetzung des Tagebuchs begangen hat (vgl. Schroth: 151; Barnouw, David; Stroom, Gerrold van der: 85; Lefevere: 352). Simone Schroth beschreibt die Hinzufügung des Bestimmwortes „diesen“ als schwerwiegendsten Eingriff, denn laut ihr hieße, diesen Eingriff in die Aussage des Originaltextes als „mildernd“ zu bezeichnen, seine Tragweite zu verkennen. Sie meint mit Recht:


[d]ie Einfügung und Betonung des Bestimmwortes verkehrt vielmehr seine Bedeutung ins Gegenteil, denn auf diese Weise entsteht der Eindruck, Anne Frank habe in ihrem Urteil eine Differenzierung vorgenommen. Für eine Unterscheidung zwischen „Nazis“ und „Nicht-Nazis“, die Anneliese Schütz geradezu gewaltsam in den Text einarbeitet, gibt es jedoch im Original keinen Anhaltspunkt (Schroth: 151).


Die Schuld muss jedoch nicht ganz auf die Schultern Schütz’ geladen werden, denn sowohl bei Schroth als auch in der RIOD-Ausgabe, zu der Schroth verweist, wird davon gesprochen, dass Anneliese Schütz und Otto Frank diese Hinzufügung zusammen eingefügt haben. Beide kamen nämlich zum Schluss, dass Anne


die trotz der grossen Bedrängnis, in die sie durch die Judenverfolgung geraten war und die sie auch schon in ihrem jugendlichen Alter empfunden hatte, durchaus nicht alle Deutschen in einen Topf warf. Denn wir hatten [ so sagt Otto Frank ] und das wusste auch sie, selbst in der damaligen Zeit viele gute Freunde unter den Deutschen (Barnouw, David; Stroom, Gerrold van der: 85).


Lefevere schreibt dazu, dass dieser Fehler, der von ihm als Schütz berühmtester Fehler angemerkt wird, aus seiner Sicht nichtsdestotrotz lediglich einer von vielen sei, und dass dieser am Besten als ideologischer Fehler begründet werden könnte (vgl. Lefevere: 352). Wie er meint, sei es eine Mischung aus einer altertümlichen Ideologie die auf eine bestimmte Weltanschauung basiert sei, zusammengefügt mit der zeitgenössischen Ideologie purer und einfacher Profitgier. Er schreibt weiterhin auch, dass wenn man ein Buch in Deutschland verkaufen möchte, es laut Schütz keine Beleidigungen gegen Deutsche enthalten dürfe (vgl. Lefevere: 352). Aber egal, ob Anneliese Schütz dies nun mit Otto Frank besprochen hatte oder nicht, letztendlich ist es doch eine eigensinnige Veränderung des Originals, der Einfluss auf die Interpretation des deutschen Lesers hat und ihr somit angerechnet werden muss. Der deutsche Leser braucht sich durch die Hinzufügung des Wörtchens „diesen“ folglich nicht persönlich angesprochen zu fühlen, da der Leser ja nicht einer „dieser Deutschen“ sein muss, die von Anne gemeint wurden.


5. Hinzufügungen;

Im Allgemeinen tauchen kleinere und größere Hinzufügungen - wie das soeben besprochene hinzugefügte Wort „diesen“ - auf, die Einfluss auf das von Anne im Original intendierte Bild was übertragen werden sollte, haben. Beispielsweise wird das Bild der Schwester Margot im positiveren Sinne verändert, indem „Zoals mijn begaafde zuster“ (NL: 29) zu „meine kluge, begabte Schwester“ (S: 32) umgeändert wird. Auch ist Moortje „mijn klein poesje“ (NL: 16) auf einmal „Mohrchen, mein lieber kleiner Kater“ (S: 21) geworden. Zwar ist es vom Bild her, das zum Leser übertragen wird, was Mohrchen betrifft eine Veränderung von weniger gravierendem Einfluss. Margot wird aber bewusst noch positiver hingestellt, wodurch sich das Bild das der Leser von Margot bekommt, ebenfalls verändert. Mohrchen wird auch viel positiver und lieblicher hingestellt und ist auf einmal ein „Kater“, obwohl „poes“ im Niederländischen für „Katze“ steht, was auf beide Geschlechter hindeuten könnte. Margot und Mohrchen werden also durch die Hinzufügungen von Schütz in der Übersetzung positiver hingestellt, als Anne es im Original beabsichtigt hatte. Es gibt aber noch ein solches Beispiel, nämlich vom Vater Otto Frank. Im Tagebucheintrag vom 10. März 1943 spricht Anne davon, dass so viel geschossen wird und sie tierische Angst im Dunkeln hat. Ihr Vater möchte aber nicht, dass das Licht angeschaltet wird. Daraufhin erwidert Annes Mutter: „Anne is toch geen oude soldaat“ (NL: 68). In der deutschen Fassung fügt Schütz noch „wie Du!“ (S: 64) hinzu. Hier wird also bewusst noch einmal darauf hingedeutet, dass Annes Vater früher einmal Soldat gewesen ist. Hierdurch entsteht für den Leser auch ein positiveres Bild vom Vater, da in den fünfziger Jahren, in der Entstehungszeit der Tagebuchübersetzung, oftmals in der Literatur versucht wurde, die von der NS-Macht „sauber gebliebenen“ Soldaten als pflichtsbewusst, kameradschaftlich und patriotisch hinzustellen (vgl. Weiß, Matthias 2011: 22-23). Aber nicht nur Personen werden in der Übersetzung von Schütz manchmal besser hingestellt. Im Eintrag vom 9. November 1942 spricht Anne von Stalingrad. In der niederländischen Fassung ist die Rede von „Stalingrad, de Russische stad“ (NL: 47). In der Übersetzung von Schütz ist Stalingrad „die große russische Stadt“ (S: 46). Von der in der niederländischen Fassung neutralen Äußerung über die Stadt Stalingrad wird in der deutschen Fassung eine „große“ Stadt gemacht. Hierdurch verliert diese Äußerung die Neutralität, die in der niederländischen Fassung noch vorhanden war. Schütz ergreift somit Partei, indem Stalingrad als groß und somit imposant und positiv hingestellt wird.

In einer Übersetzung hat man nicht nur Einfluss darauf, wer positiv hingestellt wird. Man kann eine Person auch viel weniger gut hinstellen. Im Eintrag vom 3. Oktober 1942 schreibt Anne „maar dat doe ik niet“ (NL: 38). In der Übersetzung von Schütz wird noch das Wort „doch“ hinzugefügt: „aber ich tue es doch nicht“ (S: 39). Dieses Wort hat Einfluss darauf, wie Anne selbst im Tagebuch dargestellt wird. Im Ton wird Anne so viel kindlicher dargestellt, wodurch der Leser in seiner Deutung der Person Anne beeinflusst wird, was übrigens auch für den Eintrag vom 7. November 1942 gilt. Demnach kann man als Übersetzer eine Person besser, aber auch weniger gut darstellen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, für den Leser einen solchen Abstand zum Text zu kreieren, dass er sich nicht mehr mit dem Text zu identifizieren braucht. Im Eintrag vom 12. bzw. 13. Dezember 19425 verändert Schütz den Originalsatz „Tussen haakjes, van Joden gesproken“ (NL: 60) um in „Übrigens von den Juden gesprochen“ (S: 57), indem sie „den“ hinzufügt. Hier kreiert die Hinzufügung „den“ beim Leser eine ganz andere Sichtweise, da „den Juden“ für den Leser die Sichtweise eines Außenseiters verkörpert. Anne spricht in der deutschen Fassung wie eine Außenseiterin von „den Juden“, obwohl sie selbst eine Jüdin ist. Schütz hat demnach in ihrer Übersetzung Einfluss darauf ausgeübt, wer besser und wer weniger gut hingestellt wurde. Hierdurch hat sie in ihrer Übersetzung bedeutungsverändernde Eingriffe vorgenommen, die im wesentlichen Sinne die Interpretation des Lesers beeinflusst haben.


6. Register, Ton: Ausdruck von Zu- oder Abneigung, Humor, Ironie usw.

Als vorletzten Punkt der Kriterienliste müssen Register und Ton in der Übersetzung näher betrachtet werden. Wie bereits im vorherigen Stück über die Auslassungen und Hinzufügungen von Seiten Schütz erwähnt wurde, können Auslassungen und Hinzufügungen eine bedeutungsverändernde Rolle spielen. Dies bezieht sich zum Teil auch auf den Ton in der Übersetzung. Oben wurde bereits die kindlichere Darstellung von Anne in der Übersetzung erwähnt. Dadurch, dass Anneliese Schütz gewisse Sachen hinzugefügt hat, entsteht auch ein klares Bild von Zu- oder Abneigung, beispielsweise Margot und den Eltern gegenüber. Im Tagebucheintrag vom 20. Juni 1942 erzählt Anne, sie hätte „lieve ouders [...] lieve tantes en ooms [en] een goed thuis” (NL: 3-4). In der deutschen Fassung erzählt Anne aber, sie hätte „liebe, gute Eltern [...] reizende Tanten und Onkels [und] ein schönes Zuhause“ (S: 11). Ihre Eltern sind also nicht nur „lieb“, sondern auch noch „gut“. Auch sind ihre Tanten und Onkels nicht nur „lieb“, sondern sogar „reizend“ und ist ihr Zuhause nicht nur „gut“, sondern sogar „schön“. In der Übersetzung von Anneliese Schütz findet man eine viel deutlichere Zuneigung Annes, ihrer eigenen Familie gegenüber. Annes Abneigungen bestimmten Leuten gegenüber, werden in der Übersetzung von Schütz vielfach mildernd und abgeschwächt präsentiert. Wenn Anne beispielsweise am 21. September 1942 davon redet, dass sie laut allen Leuten im Hinterhaus „toch nog erg dom“ (NL: 28) sei, wird dies von Schütz als „daß ich noch viel lernen müßte“ (S: 32) übersetzt. Dies ist also eine grobe Abschwächung davon, was Anne zu dem Zeitpunkt empfand. Annes Abneigung ihrer Mutter gegenüber wird in der Übersetzung aber viel verschärfter hingestellt. Im Eintrag vom 27. September 1942 schreibt Anne, dass es zwischen ihr und ihrer Mutter „leider“, „jammer genoeg“ (NL: 30) in letzter Zeit nicht so gut geht. Mit diesem „leider“ drückt Anne aus, dass sie es schade fände, dass ihr Verhältnis zu ihrer Mutter nicht so gut sei. Aber dadurch, dass Anneliese Schütz das „leider“ (S: 33) in ihrer Übersetzung weglässt, lässt sie auch Annes Bedauern weg, wodurch Anne schlechter dargestellt wird.

Neben dem „schlechter und besser“ Hinstellen durch klare Zu- und Abneigungen kommen auch viele Verharmlosungen vor. Als gutes Beispiel dient dazu der Eintrag vom 28. September 1942. Im Tagebucheintrag spricht Anne davon, dass eine „Diskussion“6 bei den Leuten im Hinterhaus ein anderes Wort dafür ist, dass man Streit hat. Anstatt das dies von Schütz auch in ihrer Übersetzung übernommen wird, schreibt sie zwar dass „Diskussion“ ein anderes Wort für „Krach“ sei (S: 35), aber wenn es um die Wortkombination „Tafel-discussie“ (NL: 33) geht, schreibt Schütz von einer „Tischunterhaltung“ (S: 35). Auch wird im Eintrag vom 7. November 1942 mildernd von der Mutter gesprochen. In der niederländischen Fassung ist Mutter „verschrikkelijk zenuwachtig“ (NL: 44), wohingegen in der deutschen Fassung von Schütz die Mutter lediglich „sehr nervös“ (S: 44) ist. Zwar ist die Mutter in beiden Fällen nervös, es besteht aber ein Unterschied zwischen „sehr“ nervös und „schrecklich“ oder „entsetzlich“ nervös. Um es mal grob zu skizzieren, ist die Stufe der Nervösität in der niederländischen Fassung viel höher und weist das Original demnach mehr Dramatik auf. Auf der einen Seite versucht Schütz, die Dramatik von Anne ein wenig abzumildern. Dahingegen kommt es bei der Beschreibung der Zerstörung des Carlton-Hotels vor, dass Schütz mehr Dramatik verwendet als Anne. Anne schreibt nämlich, dass das Hotel „kapot“ (NL: 77) sei, während Schütz von einer „völlig[en] [Z]erstör[ung]“ (S: 71) spricht. Wenn Anne von den Holländern spricht, ist Schütz in ihrer Übersetzung auch resoluter. Im Original ist noch die Rede davon, dass es „Aan de Hollanders [...] heus niet“ (NL: 9) liegt, dass es den Juden so schlecht gehe. Anstatt dieses „heus“, wie Pressler als „wirklich nicht“ (P: 26) zu übersetzen, schreibt Schütz, dass es „bestimmt nicht“ (S: 15) an den Holländern liegen würde. Das Wort „bestimmt“ drückt eine viel größere Vehemenz aus. Folglich zeigt sich hier durch die Wahl der Worte in der Übersetzung, eine deutliche Parteinahme von Anneliese Schütz. Annes Gefühl für Dramatik zeigt sich desweiteren in ihrem Sarkasmus und in ihrer Ironie. Es stellt sich hier jedoch heraus, dass in der Übersetzung oftmals viel weniger Sarkasmus und Ironie als im Original auftaucht. Beispielsweise spricht Anne im Eintrag vom 1. Oktober 1942 vom „heer gemaal“ (NL: 37) der Frau v. Daan, was als eine ziemlich sarkastische Bemerkung angesehen werden kann. Der Sarkasmus ist in der Übersetzung „von ihrem Mann“ (S: 38) jedoch ganz verschwunden. Somit wirkt die Übersetzung von Anneliese Schütz viel abgemildeter. Als letzter Punkt über den Ton der Übersetzung wird nochmal auf die Aussage von Lefevere zurückgegriffen, dass Anneliese Schütz zu alt gewesen sei, um den richtigen Ton in ihrer Übersetzung treffen zu können (vgl. Lefevere: 352). Es tauchen mehrfauch Wörter und Ausdrücke auf, die ein wenig veraltet klingen. Beispielsweise übersetzt Schütz „stomkop“ (NL: 24) mit „Döskopp“ (S: 28) anstatt „Dummkopf“ (P: 44), ist Peter ein „Jüngling“ (S: 29) und klingt „Jungfer Schnatterbeck“ (S: 37) doch ein wenig veraltet. Weiter fällt was den Ton angeht auf, dass vieles abgemildert wurde, wie zum Beispiel Beschimpfungen, Aussagen über die Familie und vieles was den Deutschen und Juden betrifft.



  1. Syntax und eventuelle Glättungen, Interpunktion;

Um zu dem letzten Punkt der Kriterienliste über zu gehen, wird im Folgenden zuletzt noch auf den allgemeinen Eindruck der Übersetzung eingegangen, indem die Syntax näher beleuchtet wird. Die Verwendung der Syntax ist nämlich ein wichtiges Merkmal, das sich als roter Faden durch die ganze Übersetzung von Anneliese Schütz hindurchzieht. Am ersten Tagebucheintrag vom 12. Juni 1942 lässt sich dies deutlich veranschaulichen.


Ik zal hoop ik aan jou alles kunnen toevertrouwen, zoals ik het nog aan niemand gekund heb, en ik hoop dat je een grote steun aan me zult zijn. (NL: 1)

Ich hoffe, daß ich Dir alles anvertrauen kann, wie ich es bisher noch niemals konnte, und ich hoffe, daß Du mir eine große Stütze sein wirst. (S: 9)

Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein. (P: 11)


Aus diesen drei Tagebucheinträgen lässt sich herauskristallisieren, dass Mirjam Pressler versucht, sich möglichst genau an den Originaltext zu halten. Dabei übernimmt sie die von Anne Frank vorgegebene Reihenfolge der Haupt- und Nebensätze, sowie die jeweiligen Konjunktionen. Dies pflichtet auch Simone Schroth in ihrer Untersuchung bei.


Mirjam Pressler hält sich genau an den Originaltext; bis auf den dritten Satz, den sie nach dem ersten Komma zweiteilt, folgt sie Anne Franks Konstruktionen. Dabei übernimmt sie exakt die vorgegebene Reihenfolge von Haupt- und Nebensätzen sowie die jeweiligen Konjunktionen. Am ende der Passage wird deutlich, daß Mirjam Pressler bewußt auf stilistische ‚Korrekturen’ verzichtet: Sie lässt den letzten Satz genauso ‚holprig’ klingen, wie er im Original erscheint (Schroth: 125).


Anneliese Schütz nimmt im Gegensatz zu Pressler durchgängig verschiedene Umstrukturierungen vor, die vermutlich den Text übersichtlicher und stilistisch glätter erscheinen lassen sollen. Schütz versucht in ihrer Übersetzung, die langen Sätze von Anne Frank so aufzuteilen, dass der Text leserfreundlicher erscheint. So teilt sie im Tagebucheintrag vom 20. Juni 1942 folgenden Satz in zwei Teile auf:


Nicht nur, dass ich noch nie geschrieben habe, sondern ich denke auch, dass sich später keiner, weder ich noch ein anderer, für die Herzensergüsse eines dreizehnjährigen Schulmädchens interessieren wird (P: 18)

Nicht allein, weil ich noch nie >>geschrieben<< habe. Ich nehme an, daß später weder ich noch jemand anders Interesse haben wird an den Herzensergüssen eines dreizehnjährigen Schulmädchens (S: 11).
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