Zur Bedeutung der antiken ethnographischen und konstitutionellen Berichte über die sogenannten Germanen für die Entstehung und Ausprägung des deutschen




НазваниеZur Bedeutung der antiken ethnographischen und konstitutionellen Berichte über die sogenannten Germanen für die Entstehung und Ausprägung des deutschen
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Дата09.09.2012
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8. Der deutsche Weg in den teilweisen germanophilen Biologismus


Gegen Ende des 19. Jhs. hatte sich der nostalgische Germanismus bei den Gebildeten, in den Wissenschaften und bei den politisch Verantwortlichen weiter ausgebreitet. Das Germania-Denkmal am Rhein und das Hermanns-Denkmal bei Detmold waren errichtet, das Römerkastell Saalburg zu restaurieren begonnen worden. Ludwigs II. Schlösser zierten Bilder aus der germanisch-nordischen Sagenwelt, Richard Wagners germanisch-nordische musikalische Mythologien ge-nossen hohe Anerkennung, Friedrich Nietzsche hatte die Metapher von der blonden Bestie geprägt, in den Schulen gehörte Gustav Freytags Ingo und Ingraban zur Standardlektüre, Wilhelm II.65 praktizierte mehr einen säbelrasselnden Germanismus als ein aufgeklärtes Preußentum usw.66 Der Darwinismus hatte sich bis zum Ende des 19. Jhs. endgültig durchgesetzt, die Genetik begann ihren wissenschaftlichen Aufstieg. Und es erfolgte jetzt, teilweise später als in anderen europäischen Ländern, dafür aber umfänglicher, die Institutionaliserung der deutschen Anthropologie als eigenständige Wissenschaft an den Universitäten, die ihren Einfluß bisher weitgehend durch die zahlreichen anthropologischen Gesellschaften, durch eigenständige Publikationen, durch die verschiedenen neu gegründeten Zeitschriften und im Rahmen anthropologischer Abteilungen anatomischer Institute ausgeübt hatte.


Anfangs entwickelte sich diese Universitäts-Anthropologie noch im Einflußbereich der Anatomie und Völkerkunde. Eine spätere Gründung von symptomatischer Bedeutung wurde die Einrichtung des Kaiser-Wilhelm-Institutes für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem, symptomatisch für die beginnende Verschwisterung von Anthropologie und Humangenetik, die sich schon früher, wie erwähnt, angedeutet hatte. Diese Tendenz der Anthro-pologie hin zur Genetik wiederum förderte die Bestrebungen, die ethnohistorische Entwicklung der mitteleuropäischen Bevölkerung wie ein anderes biologisch-historisches Phänomen zu analysieren. Damit begann bei einem Teil der deutschen Gelehrten endgültig der Weg in einen germanophilen Human-Biologismus. Denn die Evolutionslehre und die Vererbungslehre hatten gezeigt, daß es in der Welt des Lebens mehr und minder anpassungsfähige, leistungsfähige und vermehrungsintensive Arten/Rassen/Gruppen und Individuen gab/gibt und daß Populationen durch Auslesen und Fortpflanzungssiebungen einem ständigen Differenzierungs- und Veränderungsprozeß unterworfen sind. Es drängte manche Vertreter dieses Human-Biologismus, diese Erkenntnisse auch auf die historischen und rezenten menschlichen Populationen Mitteleuropas anzuwenden. Dabei stand weiterhin als ethno-historische Vergleichs- und Ausgangsbasis das Konstitutionsbild der frühgeschichtlichen Populationen im Hintergrund. Es schien diesen Vertretern eines Human-Biologismus von großer Wichtigkeit für die Beurteilung der historischen, kulturellen, soziologischen, politischen und demographischen Entwicklung der mitteleuropäischen Bevölkerungen zu sein, wenn man auf naturwissenschaftlich-statistischem Wege herausdifferenzieren könnte, welche europäischen Gruppen, Sozialschichten und Rassen mehr oder weniger kulturell erfolgreich, welche konstitutionell überlegener, welche leistungsfähiger, welche kriegerischer usw. gewesen waren/seien, welche demographischen Entwicklungen sie im Verlauf der Geschichte genommen hätten usw.


Diese Analysen historischer und rezenter deutscher/ mitteleuropäi-scher Bevölkerungen nach den vorwiegend biologischen Kriterien der konstitutionellen Merkmale, der historischen Durchsetzungsfähigkeit, der Vermehrungsintensität und der Fortpflanzungssiebungen waren noch kein Rassismus, sondern eine konsequente Anwendung der Biologie auf den Menschen, aber die Grenze zum Rassismus war nahe, weil nicht nur die rein wissenschaftliche biologische Erkenntnis hinter diesen Bevölkerungsanalysen stand, sondern auch das ethnologisch wertende nostalgische Germanenbild der antiken Berichterstatter und der skelettanthropoogischen Befunde.67


Die früheste und statistisch exakteste bevölkerungsanthropologische Analyse im Sinne des beginnenden germanophilen Human-Biologismus hat gegen Ende des 19. Jhs. der Badener Privatgelehrte O. Ammon vorgelegt.68 Seine Untersuchungen an badischen Populationen der 2. Hälfte des 19. Jhs. und seine Interpretationen wurden zum Muster für spätere ähnliche human-biologistische Untersuchungen und statistische Aufgliederungen mitteleuropäischer Bevölke-rungen nach äußeren Merkmalen, morphologischen Größen und kranialen Indices. Ammon hat seine badischen Populationen auch nach soziologischen Erfolgskriterien untergliedert, und er weist stellenweise auf interessante Verknüpfungsmöglichkeiten mit den damaligen Lebens-, besonders mit den Ernährungs- und Arbeitsverhältnissen hin. Aber trotzdem konnte er sich eine größere konstitutionelle Plastizität menschlicher Populationen aufgrund unterschiedlicher exogener Einflüsse nicht vorstellen. Und weiterhin blieben auch bei O. Ammon die Körpergrößen und die kranialen Längen-Breiten-Indices die zentralen Untersuchungsgrößen, denn sie stellten die eigentliche morphologische Vergleichsbasis zu den frühgeschichtlichen Vorbild-Populationen dar.69 Bei Ammon wird auch das bereits erwähnte anthropologische Mißtrauen aus konstitutionellen Gründen den jüdischen Minderheiten gegenüber erkennbar. Sorgfältig statistisch getrennt von den übrigen Badenern hat er die Anthropologie der badischen jüdischen Minderheiten nach metrischen, farblichen und sozialen Aspekten bearbeitet. Bei den meisten Lesern dürfte der Eindruck entstanden sein, daß die damalige aktuelle Gefahr für den in Baden bereits offensichtlich deutlich beeinträchtigten ger-manischen Konstitutionstypus nicht mehr von romanischen Migrationen drohte (durch die Entstehung sich abgrenzender Nationalstaaten im 19. Jh. schienen unkontrollierte größere Einwanderungs-ströme damals weitgehend gebannt), sondern durch eine Mischung mit den verstreuten jüdischen Minderheiten im eigenen Land. Dieses anthropologische Mißtrauen hat zusammen mit dem traditionellen kirchlichen, kulturellen und wirtschaftlich-sozialen Mißtrauen seit dem Mittelalter die spätere Judendiskriminierung im NS-System zwar so nicht gewollt, aber mit vorbereitet.


Die gegen Ende des 19. Jhs. zahlenmäßig überwiegenden Untersuchungen über die Körper-größenverhältnisse in Mitteleuropa vor Untersuchungen über die damals vorkommenden Schädelformen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß weiterhin das anthropologisch-ethno-historisch bedeutsamere Thema die historische Brachykranisation und die Populationsdiagnose und Analyse von Populationsmischungen mit Hilfe der kranialen Maße geblieben war. Die ersten anthropologischen Lehrbücher haben versucht, alle diese bisherigen anthropologischen Untersuchungen an deutschen und auch an anderen europäischen historischen und rezenten Bevölkerungsgruppen zusammenzustellen und erste Bilanzen zu ziehen.70


Weil die skandinavischen Bevölkerungen noch am deutlichsten die ehemaligen frühge-schichtlichen und völkerwanderungszeitlichen konstitutionellen Merkmale behalten hatten (obwohl auch in Skandinavien Brachykranisatinsvorgänge und historische Körperhöhenminde-rungen festgestellt wurden) und weil Skandinavien damals immer noch als Urheimat aller frühgeschichtlichen mitteleuropäischen Populationen galt, wurde immer häufiger anstelle der Bezeichnung germanischer Typus der Terminus nordischer Typus benutzt. Für alle Maßnahmen, die in der Zukunft geeignet schienen, das äußere Erscheinungsbild der mitteleuropäischen Populationen wieder in Richtung des ursprünglichen frühgeschichtlichen Typus hin zu verschie-ben, bürgerte sich deshalb ab dem Beginn des 20. Jhs. allmählich die Bezeichnung Aufnordung ein. Aufnordung wurde u.a. auch ein Wunschziel einiger Vertreter der sich neu konstituieren-den Disziplin der sogen. Rassenhygiene. Diese so brisante Randdisziplin, die sich als eine germanophil orientierte, angewandte Genetik verstand, wollte einmal die Weitergabe kranken und weniger wertvollen Erbgutes verhindert wissen, darüberhinaus teilweise aber auch Empfehlungen für eine Aufnordnung oder zumindest für eine Verhinderung einer weiteren Entnordnung erarbeiten. Diesem Programm der Aufnordung konnte man nun leicht eine diffuse rassistische Wertung geben, wenn man mit einer weiteren Entnordung die künftige weitere Vermischung mit dunklerpigmentierten, kleinergewachsenen und rundköpfigeren Populationen verstand und wenn man die nachweisbaren historischen Mischungsanteile mit solchen Populationen für den politischen und kulturellen Niedergang Deutschlands seit der frühen Neuzeit verantwortlich machte. Dahinter stand letztlich immer die Sorge, die in Teilen ihres Erbgutes zwar rezessiven, aber trotzdem sehr wertvollen und deshalb erhaltenswerten germanisch-nordischen Population wären bei Vermischungen mit andersgearteten Bevölke-rungsgruppen im Erbgang unterlegen, während diese genetisch teilweise dominanten, aber weniger wertvollen Fremdpopulationen ihnen ihren genetischen Stempel aufdrücken würden.71 Bei der spe-zifisch deutschen nordisch-germanophilen Konstellation des im 19. Jh. neu entstandenen nationalen Selbstbewußtseins der deutschen Gebildeten war also die Entwicklung von einer germanophilen Romantik über eine germanophile Anthropologie, über einen germanophilen Human-Biologismus und über eine germanophile Rassenhygiene hin zu einem germanophilen Rassismus leicht möglich. So wurden bereits kurz nach der Jahrhundertwende von frühen rassismusnahen Autoren, in der Regel keine anerkannten anthropologischen Wissenschaftler, Untersuchungen darüber veröffentlicht, inwieweit berühmte euro-päische Persönlichkeiten von der Antike bis zum Ende des 19. Jhs. Repräsentanten des nordischen Typus gewesen wären, inwieweit also geistig-schöpferische Leistungen in der europäischen Geschichte mit nordischen Körpermerkmalen korreliert hätten.72


Es muß fairnißhalber aber bemerkt werden, daß sich die meisten damaligen deutschen und mitteleuropäischen Anthropologen und Humanbiologen von Rang und Namen aus persönlicher Überzeugung in Distanz zu solchen rassistischen Strömungen hielten und sich nur als ana-lysierende Wissenschaftler empfanden, die bei ihrer bisherigen konkreten Forschungstradition bleiben wollten, nämlich das festzuhalten, was man bevölkerungshistorisch konkret heraus-arbeiten, beschreiben und statistisch darstellen konnte. Der Übergang von einer naturwissen-schaftlich orientierten, exakten biologischen Wissenschaft zu einer biologistisch-rassistischen Ideologie war den meisten zu unwissenschaftlich. Deshalb alle damaligen deutschen Anthropologen, Konstitutionsforscher, Humanbiologen und Rassenforscher usw. rückwirkend pauschal als Rassisten und Vorläufer des Nationalsozialismus einzuordnen, beweist mangelnde oder oberflächliche wissenschaftshistorische Sachkenntnis. Der berechtigte Vorwurf, daß die deutsche Wissenschaft vom Menschen früher und intensiver vor dem um sich greifenden Rassismus und vor der NS-Ideologie hätte warnen müssen, ist eine andere Feststellung.


9. Das teilweise Abgleiten der deutschen anthropologischen Forschung in den Rassismus.


Zu Beginn des 20. Jhs. hatte die deutsche und mitteleuropäische anthropologische Forschung am historischen und rezenten Menschen weiterhin bevorzugt Rekrutierungsstatistiken, Meßreihen an aktiven Soldaten und historische Skelettpopulationen in morphologischer und, sofern möglich, in pigmentbezogener Hinsicht bearbeitet. Aber nach der weitgehenden Demobilisierung ab 1919 wandte man sich vermehrt Sportler-, Krankenhaus-, Versicherten- und Studentenpopulationen zu, begann lokale Studien an dörflichen und städtischen Bevölkerungen und bemühte sich um differenziertere skelettanthropologische Untersuchungen an historischen Populationen. Das anthropologische Datennetz über rezente und historische Populationen Mitteleuropas wurde dadurch dichter. Aber für die Anfertigung von detaillierten anthropologischen Merkmalsverbreitungskarten, von Rassenmerkmalskarten oder Rassen-karten, wie sie jetzt zunehmend erschienen, reichte der Datenbestand bei weitem noch nicht aus. Die Verfasser solcher Karten ließen zweifelsohne subjektive Einschätzungen in größerem Umfang mit in ihre Karten einfließen. Und zusätzlich stammte das rezente Datenmaterial von unterschiedlichen Generationen und war deshalb wegen der beginnenden Akzelerations-prozesse nicht mehr wie in früheren Jahrzehnten in größerem zeitlichem Umfang zusammen-faßbar. Denn im Rahmen dieses beginnenden Akzelerationsgeschehens73 deutete sich an, daß nicht nur die Körpergrößen, sondern auch andere morphologische Maße einschließlich der kranialen Indices in Bewegung gerieten.


Die offizielle mitteleuropäische anthropologische Forschung am re-zenten und historischen Menschen war zu Beginn des 20. Jhs. aus dem Pionierstadium heraus und wurde weniger als im 19. Jh. von fachfremden Wissenschaftlern oder von interessierten Laien betrieben. Sie wurde dadurch bei denen, die nicht dem germanophilen Biologismus zuzuordnen waren, und das war die Mehrzahl der offiziellen Wissenschaftler, spürbar entemotionalisiert und entgermanisiert. Der Entdeckungsrausch der eigenen ethnischen und konstitutionellen Vergangenheit war einer zunehmend neutraleren Wissenschaftlichkeit gewichen. Das wissenschaftliche Handwerkszeug war standardisiert und verfeinert worden. Lehrbücher hatten begonnen, den bisherigen anthropologischen Wissensstand zusammenzufassen und ein einheitlicheres Selbstverständnis als Wissenschaft aufzubauen.


Der politische Umbruch nach 1918 wirkte ernüchternd und desillusionierend auf die bisherige nostalgische germanophile Stimmung vieler deutscher Wissenschaftler. Die anthropologische Forschung zwischen 1919 und 1933 wurde dadurch zu einer Phase zunehmender Sachlichkeit und Zurückhaltung gegenüber emotionalen Themen. Morphologische und konstitutionelle Untersuchungen, z.B. über das Ausmaß der beobachteten kontinuierlichen Körperhöhen-progressionen seit dem Ende des 19. Jhs., blieben zwar weiterhin ein Schwerpunkt der dama-ligen anthropologischen Forschung, aber das bisherige mythische populationshistorische Vergleichsbild der germanisch nordischen Bevölkerungsgruppen wurde blasser. Man analysierte nun Studenten- und Sportlerpopulationen ohne den andauernden direkten oder immanenten Vergleich mit den frühgeschichtlichen Vorfahren. Man begann sich vermehrt für anthropolo-gische Themen zu interessieren, die nicht mehr mit der eigenen Ethnohistorie oder mit militärtauglichen Fragen zusammenhingen, z.B. damit, welche Wirkungen körperliche Arbeitsbelastungen und sportliche Tätigkeit auf das Wachstum haben. Die offizielle deutsche Forschungsliteratur dieser Zeitspanne ließ die rassistische Entwicklung ab 1933 nicht vorausahnen.74


Spätestens jetzt hatten sich so viele verschiedene anthropolo-gische Forschungsrichtungen entwickelt, daß man von 'den anthro-pologischen Wissenschaften' sprechen könnte, nämlich von einer Prähistorischen und Historischen Anthropologie, einer Bevölkerungsbiologie, einer Rassenkunde, einer Rasseneugenik, einer Rassenhygiene, einer Konstitutionsforschung, einer Sozialanthro-pologie, einer Sportanthropologie, einer Pädagogischen Anthro-plogie, einer anthropologischen Wachstumsforschung usw.


Während sich die offizielle anthropologische Forschung entemotio-nalisierte, hatte die Lebendigerhaltung und Verbreitung der Germanen-Nostalgie und nordische-Rasse-Schwärmerei des 19. Jhs. zuneh-mend eine breitenwirksame Halbwissenschaft übernommen. Es handelte sich weitgehend um die volkspädagogisch motivierten, halbwissenschaftlich denkenden, durch den verlorenen 1. Weltkrieg emotional gesteigerten Schülergenerationen des wissenschaftlichen Germanis-mus des späten 19. Jhs., die in Schulen, Literatur, Publizistik und Politik die Erinnerungen an die frühgeschichtlichen und mit-telalterlichen Vorfahren wachzuhalten versuchten und durch Vereinfachungen, Entstellungen und Schlagworte der NS-Ideologie und der NS-Herrschaft den Weg erleichterten. Zusätzlich erreichte erst jetzt die germanophile Unterhaltungsliteratur des 19. Jhs. ihre eigentliche Wirkungsbreite.


Bei der emotionalen Suche in Deutschland nach den Ursachen für den verlorenen Krieg begann auch das Mißtrauen gegen die jüdische Minderheit wieder zuzunehmen. Die für die bisherige historische Dunkellung, Brachykranisation und zeitweisen Körperhöhendegressionen vermutlich verantwortlichen Fremdpopulationen konnte man nicht mehr greifbar machen. Diese Prozesse waren historische Tatbestände geworden. Und um die eigenen dunkelhaarigen Mitbürger, eventuell eigene Familienangehörige oder sogar sich selber nicht unnötig biologisch-ethnisch abzuwerten, erweiterte die Halbwissenschaft nun auch in Deutschland unter Hinweis auf die hohen Kulturleistungen aller Indoeuropäer die rassenbiologische Qualitätsbasis von den nordisch-germanischen Völkerschaften auf die Arier allgemein, ohne auf das nationale Kernziel zu verzichten, die deutsche Bevölkerung vor weiterer rassischer Entartung zu bewahren und möglichst Aufnordungsprozesse zu fördern. Dieser Ariermythos war bereits im 19. Jh. entstanden, hatte aber in Deutschland noch keine Breitenwirkung erlangt, denn das 19. Jahrhundert war in Deutschland ein nostalgisch-germanophiles Jahrhundert gewesen. Die bisherigen historischen Fremdbeimischungen in Mitteleuropa schie-nen nun aus artverwandten arischen Populationen bestanden zu haben und deshalb doch nicht so rassenqualitätsmindernd gewesen zu sein.


Aber die Juden gehörten nicht zur großen arischen Völkerfamilie. Wenn sich nun durch sie artfremde, nichtarische Populationen der rassenbiologisch gefährdeten deutschen Bevölkerung beimischten, mußte dann nicht jene im 19. Jh. befürchtete rassische Qualitäts-minderung durch Fremdpopulationen drohen? Die demographisch wachstumsstarken jüdischen Minderheiten in Mitteleuropa bedeuteten eine jedem sichtbare Vermischungsgefahr. Sie waren keine historisch-nebulösen Fremdpopulationen, sondern überall gegenwärtig und auf-zeigbar. Was hatten sich bisher die weniger gebildeten deutschen Bevölkerungsteile unter den vermuteten historischen Fremd-Beimischungen vorstellen können? Die konstitutionelle Andersartigkeit der Juden konnte man jedem einfachen Deutschen veranschaulichen. Und verdrängten nicht Juden zunehmend Deutsche aus den führenden bürgerlichen Positionen? Hatten vielleicht jüdische internationale Finanzkreise Interesse an der Verhinderung des Aufstieges Deutschland zur Weltmacht gehabt? So wurde schon vor 1933 ein Teilanliegen dieser halbwissenschaftlichen, nun arisch-germanophilen rassistischen Ideologen, das deutsche Volk vor einer weiteren, rassen-konstitutionell verändernden und die rassische Qualität diesmal vermutlich mindernden Vermischung mit den zur Assimilation bereiten jüdischen Minderheiten zu bewahren. Der deutsche germanophile Nationalismus des 19. Jhs., der seine Bedrohung von Populationen außerhalb des deutschen Siedlungsraumes gesehen hatte, begann sich zum ariophilen Nationalismus zu wandeln und entdeckte die angeblich eigentliche konstitutionelle und genetische Bedrohung von Seiten interner Minderheiten. Dieser Wandel im ethnischen Feindbild des deutschen Nationalismus verband sich mit traditionellen Ressentiments gegen die jüdischen Minderheiten. Das Ursachenbündel von religiöser Diskriminierung, kultureller Intoleranz, wirtschaftlicher Mißgunst und rassischen Ängsten bereitete in Deutschland den Boden für den NS-Antisemitismus.


Als die Hitlerbewegung im Verlauf der Weltwirtschaftskrise kontinuierlich an Boden gewann und die NS-Ideologen sich zunehmend um die Unterstützung von Seiten der Wissenschaften vom Menschen be-mühten, wurde eine Auseinandersetzung der offiziellen Anthropolo-gie, Konstitutionsforschung, Rassenhygiene usw. mit der Ideologie des Nationalsozialismus notwendig. Einmal sah man die langersehnte verlockende Möglichkeit, von politischer Seite in großem Umfang gefördert zu werden und eine große Partei als Multiplikator der eigenen Forschungsmotivationen und Forschungsergebnisse zu gewinnen, andererseits versuchte man, mäßigenden Einfluß auf die NS-Ideologie auszuüben. Diese Doppelhaltung der offiziellen deutschen anthropologischen Wissenschaften wird in einem Beitrag des Rassenhygienikers F. Lenz zur Rassenideologie des Nationalsoszialismus deutlich. Lenz warnte davor, daß "zweifellos zu einseitig und übertrieben" die Juden für fast alle Zersetzungserscheinungen der Gegenwart verantwortlich gemacht würden. Wie Gobineau und H.St. Chamberlain übertreibe auch Hitler die schädlichen Folgen von Rassenmischungen. Es sei zwar richtig, "daß die Rassenhygiene sich die Erhaltung und Förderung jener Rassenelemente, die unsere Kul-tur geschaffen haben, angelegen sein lassen muß...Nun ist es aber in einer gemischten Bevölkerung wie der unseren nicht möglich, nach äußeren Merkmalen die Zugehörigkeit des wesentlichen Teiles der Erbmasse festzustellen. Blondes Haar verbürgt nicht edle Rasse und dunkles schließt sie nicht aus". Nach dem Hinweis auf Hitlers Bemerkung in seinem Buch 'Mein Kampf', daß der politische Redner seine Rede nicht auf das Niveau von Gebildeten, sondern auf das der einfachen Masse einzustellen habe, bemerkte dann Lenz weiter: "Dieses Umstandes wird man stets eingedenk sein müssen, wenn man gewisse Auslassungen Hitlers über wirtschaftliche Forderungen, über Möglichkeiten der Außenpolitik und auch über die Judenfrage liest, über die man manchmal den Kopf schüttelt". Und er schloß seinen Beitrag mit einer ernsten Mahnung. Die angestrebte totalitäre Herrschaft der NS-Partei nach dem Vorbild des italienischen Faschismus berge ernste Gefahren. Es werde sich zeigen müssen, ob die Hitlerpartei reich genug an Persönlichkeiten sei, die mäßigend die Kunst des Möglichen garantierten. Er als Arzt und Biologe wisse, "daß in allen extremen Bewegungen Psychopathen eine große und meist verderbliche Rolle spielen". Für den Erfolg des Nationalsozialismus wäre es notwendig, "die nationalsozialistische Be-wegung frei vom Einfluß solcher Elemente zu halten und zu errei-chen, daß sie sich 'von allen Illusionen frei macht und die Ver-nunft als alleinige Führerin gelten läßt'", wie das Hitler selber in seinem Buch als Grundsatz ausgesprochen habe.75 Das waren mutige Worte von einer Seite, von der man sie nicht erwartet hätte.


Das nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten festzustellende getrennte wissenschaftliche Nebeneinander einerseits und die beginnende Zusammenarbeit andererseits zwischen den bisherigen offiziellen anthropologischen Wissenschaften vom rezenten und historischen Menschen und der NS-Rassenideologie und den NS-Dienststellen für Rassenfragen soll hier nicht genauer dargestellt werden.76 Der neue, staatlich geförderte nordisch-arische Germa-nismus hat natürlich manchen Anthropologen, Konstitutions- und Erbforscher usw. nicht unbeeinflußt gelassen. Rassenkunde wurde nun offizielles Unterrichtsthema an den Schulen. Die Schüler übten die damaligen Zuordnungskriterien zu den europäischen Rassen-typen an sich selber, analysierten ihre Schädelformen und die phänotypischen Merkmale von Rassenmischung . Trotzdem hatte dieser neue inhumane, rassistische Germanismus nicht mehr jenen eigenständi-gen, alle Bildungsschichten erfassenden historisch-nostalgischen Schwung wie im 19. Jh. Er wirkte im Vergleich zu propagandistisch aufgebauscht. So hat die Mehrzahl der kritischen Vertreter der anthropologischen Wissenschaften, einerseits korrumpiert durch die großzügige staaatliche Förderung ihrer Forschungsgebiete, ander-erseits verunsichert und bedrückt durch die Verfolgungen fremder ethnischer Minderheiten und Andersdenkender, ein innerlich bela-stetes Forscherleben geführt. Wer glaubte damals an ein relativ rasches Zusammenbrechen des NS-Staates, der ein neues 1000jähriges Reich zu errichten versprach? So hat sich damals mancher deutsche Wissenschaftler aus pragmatischen Gründen oder in seiner wissenschaftlichen Eitelkeit geschmeichelt in Themen-, Wort- und auch Arbeitsplatzwahl unnötig eng an die NS-Ideologie und an deren Institutionen angelehnt.77


Die meisten der so neutral wie möglich gebliebenen deutschen Anthropologen, Konstitutions-forscher, Genetiker usw. zogen sich in die gesicherte Tradition einer ethnohistorischen, volkskundlichen und humanbiologischen Datenerhebung zurück. Man ergriff die staatlich großzügig angebotenen Möglichkeiten der planmäßigen anthropologischen und volkskundlichen Erfassung ländlicher und städtischer Bevölkerungsgruppen. Der alte Wunschtraum R. Virchows aus dem 19. Jh., die mitteleuropäische Bevölkerung systematisch anthropologisch zu erfassen und nach ihren ethnischen Teilkomponenten zu differenzieren, schien verwirklichbar. Zusätzlich erhoffte man sich Aufschlüsse über die Wirkungen des modernen Stadtlebens auf die körper-liche Entwicklung. Die von E. W. Koch ab 1935 in Gang gebrachte sogen. Akzelerationsdebatte hatte auf Urbanisierungseffekte hingewiesen. Die alte Frage der Rekrutierungsstatistiker des ausgehenden 19. Jhs., ob die Urbanisierung Deutschlands im Rahmen seiner Industrialisierung eine konstitutionelle Beein-trächtigung der heranwachsenden Jugend zur Folge habe und damit die Wehrkraft des Reiches schwäche, wurde mit erweiterter Fragestellung wieder aufgegriffen. Und weiterhin wagten einige anthropologische Wissenschaftler der Frage nachzugehen, ob die histori-sche Brachykranisation der mitteleuropäischen Bevölkerungen eventuell auch ein Zivilisationseffekt sein könnte.78 Für alle diese Forschungen benötigte man umfangreiche Untersuchungen und Datenerhebungen.79


Eventuelle Kritik von offizieller wissenschaftlicher Seite an der NS-Ideologie mußte vorsichtig dargestellt, geschickt innerhalb des Textes plaziert und möglichst volkskundlich verpackt werden. Das gilt z.B. für den Versuch, den nordisch-germanischen NS-Mythos dadurch zu mindern, daß man die Kelten auf Kosten der sog. Nord-völker konstitutionell und als Kultur-schöpfer aufwertete. Solche Versuche hatte es zwar schon vor 1933 gegeben.80 Aber sie wurden jetzt wieder aufgegriffen, z.B. von O. Reche, der versteckt zu degermanisieren versuchte:" Für unsere Fage nach der Rasse der Kelten gewinnen wir...folgende Gesichts-punkte: erstens müssen die Kelten, mindestens eine sehr breite Führungsschicht, einer unge-heuer aktiven Rasse angehört haben, einer Rasse mit großer, weit ausgreifender Unterneh-mungslust und Wagemut...Es ist...nicht möglich, mit Sicherheit überall Germanen und Gallier voneinander zu trennen, weder mit rein sprachlichen Mitteln, noch auf kulturellem oder rassischem Gebiet...Die alten Schriftsteller berichten, daß zur Zeit des ersten Auftretens erobernder Kelten diese den Germanen körperlich und geistig-seelisch durchaus geglichen

hätten und von diesen nicht zu unterscheiden gewesen wären"81


Die geplante Publikation der noch mehr relativierenden Zusammenstellung aller konstitutions-historischen Mitteilungen der antiken Schriftsteller über die verschiedenen Völkerschaften nördlich der Alpen von S. Feist wurde unterdrückt und konnte erst nach 1945 erscheinen.82 K. Saller83 hat an verschiedenen Stellen seiner damaligen Publikationen darauf hingewiesen, daß Erbe und Umwelt gemeinsam an der Ausgestaltung angeblich rassen- und stammestypischer regionaler Merkmalsausprägungen beteiligt seien, daß aber sehr verwickelte Zusammenhänge angenommen werden müßten. Er wollte mit solchen Hinweisen ähnlich wie die Schule um Eugen Fischer die Einseitigkeit der rassischen NS-Erbanlagenhypothese mindern und den nordisch-germanischen Schematismus der NS-Rassenideologie abschwächen. So schrieb er z.B. 1933:" Das Erscheinungsbild der Rassen ist...nichts anderes als eine Art Gleichgewichts-zustand zwischen den Auswirkungen von Erbanlagen und Umwelteinflüssen... Die Rassen-verhältnisse Niedersachsens und überhaupt ganz Europas könnten sich mit der Seßhaftig-werdung der Völker stabilisiert haben, und wenn seither Formänderungen erfolgten, so könnten sie nicht so sehr die untersuchten Erbanlagen der Rassen als ihre phänotypische Auswirkung betroffen haben...Denn wir können in der Rassengeschichte und damit auch für die gegen-wärtigen Rassen nicht mehr eindeutig feststellen, inwieweit ein Formwandel tatsächlich einem Rassenwandel entspricht oder nur Ausdruck veränderter Auswirkungen der rassischen Erbmerkmale unter veränderten Umweltbe-dingungen ist".84 Und an anderer Stelle schrieb K. Saller 1934:" Das Problem (der Brachykranisation; Anm. d. Verfassers) liegt auch hier, ebenso wie bei der Domestikation und ihren Folgen, im allgemeinen darin, festzustellen, wie weit die gefundenen Unterschiede wirklich auf Unterschiede von Erbanlagen beruhen, wie weit sie nur auf Unterschiede in der phänotypischen Ausgestaltung der Erbanlagen zurückzuführen sind"85 Aber die Faszination, die von den propagandistisch neu in die Bevölkerung getragenen Ger-manenschilderungen der antiken Berichterstatter und von der emotionalen NS-Halbwissen-schaft ausging, die noch zu lückenhaften historisch-morphologischen Datenbe-stände und die noch zu geringe Forschungsintensität über die Einflüsse der physikalischen Umwelt und der Lebensverhältnisse auf die Ausgestaltung der historischen und rezenten anthropologischen Typen ermöglichten noch keine wirksame Auseinandersetzung mit der damaligen NS-Ideologie und ihren Hypothesen, weder im Inland noch im Ausland. Die NS-Zeit bedeutete den aggressiven rassistischen Gipfel jenes emotionalen, nostalgischen, nationalistischen, ethnohistorischen Human-Biologismus, wie er in dieser Breitenwirkung nur in Deutschland zur politischen Geltung gekommen war und kommen konnte. Mit der Niederlage des 3. Reiches fiel er genau so schnell in sich zusammen wie das NS-Regime und sein ideologisches Gebäude.

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