Zur Bedeutung der antiken ethnographischen und konstitutionellen Berichte über die sogenannten Germanen für die Entstehung und Ausprägung des deutschen




НазваниеZur Bedeutung der antiken ethnographischen und konstitutionellen Berichte über die sogenannten Germanen für die Entstehung und Ausprägung des deutschen
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Дата09.09.2012
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3. Erste Ansätze zu einer ethno-darwinistischen Legenden- und

Mythologiebildung im Mittelalter


Aber erst, als diese ethnographischen Berichte über die Völker nörd-lich der Alpen ab dem Frühmittelalter in den west- und mitteleuropäischen Klöstern gesammelt und vervielfältig wurden, begannen sie, erste Ansätze einer ethno-darwinistischen Mythologie zu begründen. Denn für die mittelalterlichen Leser und Hörer nördlich der Alpen fehlte in der Regel die kleinergewachsene, grazilere mediterrane Vergleichsbevölkerung und damit die Vergleichs-relationen für die Beschreibungsmerkmale 'großgewachsen, kräftig' usw. Denn auf den antiken Internationalismus und auf die völkerwanderungszeitlichen Migrationen folgte ab dem Frühmittelalter eine relativ seßhafte Geschichtsphase ohne größere Migrationen, von den regelmäßigen Heereszügen über die Alpen nach Norditalien abgesehen. Diese Kriegszüge und Reisen in der Gefolgschaft der Könige, Kirchenfürsten und Herzöge und auch die damaligen Handelsunternehmungen führten meistens nur nach Oberitalien, selten bis nach Rom. In Oberitalien begann sich aber durch die Vermischung von Kelten, Langobarden, rückflutenden Goten und Romanen ab dem Frühmittelalter ein relativ großgewachsener norditalienischer Typus herauszubilden, zwar überwiegend dunkelhaarig infolge der genetischen Dominanz der dunklen Pigmentierung, aber sonst nicht unähnlich den Konstitutionstypen nördlich der Alpen.13


Den mittelalterlichen Lesern/Hörern blieb also weitgehend nur der Text, der sich damit inhaltlich verselbständigte. Die mittelalterlichen Leser nahmen deshalb die antiken Texte in wissenschaftlicher Ehrfurcht mit allen Zahlen und Angaben wörtlich. Denn zeitliche und räumliche Distanz und Ungebildetheit mindern relativierende Einordnungen und fördern unkritische Übernahmen. So schien ihnen bereits damals bei konstitutionellen Vergleichen zwischen der norditalienischen Bevölkerung und ihnen selber, daß ihre germanisch-nordischen Vorfahren erheblich größer und kräftiger als sie selber gewesen sein müßten, denn diese wurden ja in der antiken Literatur vergleichs-weise als wahre Hühnen beschrieben. Nur in einigen Adelsfamilien schien noch das alte konstitutionelle Erbe erhalten geblieben zu sein. So besaß nach Notker Balbulus aus St. Gallen z.B. noch Ludwig der Deutsche jenen überragenden Körperbau und den Mut der früheren Germanen.14 Damals im beginnenden Hochmittelalter begann also jene konstitutionelle Vergangenheitsnostalgie der Deutschen, die dann in der 2. Hälfte des 19. und in der 1. Hälfte des 20. Jhs. kulminieren sollte.


Diese ab dem Hochmittelalter bei den deutschen Gebildeten beginnende Sorge vor einem Verlust traditioneller konstitutineller Qualitäten, der sich negativ auf den Bestand und die Ordnung des jungen ostfränkischen Reiches auswirken könnte, war nicht unbegründet. Das Frühmittelalter war nicht nur der Beginn einer neuen staatlichen und kulturellen Ordnung in Mitteleuropa, sondern aus verschiedenen Gründen auch der Anfang konstitutioneller Veränderungen, beginnend in den westlichen, südlichen und mittleren Siedlungsräumen. Die Zunahme der körperlichen Belastungen im Rahmen der Intensivierung des Ackerbaus, die relative Abnahme der Viehzucht und die damit verbundenen Ernährungsumstellungen, die häufigen Hungersnöte infolge von Bürgerkriegen, Plünderungszügen und Mißernten hatten, wie die skelettanthropologischen Befunde belegen, gebietsweise erste Minderungen in den mittleren Körperhöhen und Abnahmen in der körperlichen Kräftigkeit zur Folge.15 Nur im norddeutschen Tiefland blieben die traditionellen hochgewachsenen, kräftigen frühgeschichtlich-völkerwanderungszeitlichen Konstitutionstypen bis ins Spätmittelalter hinein erhalten.16


Den mittelalterlichen Zeitgenossen blieb dieses beginnende Körperhöhen- und Konstitutions-gefälle nicht verborgen. Auch in den konstitutionellen Notizen der mittelalterlichen Bericht-erstatter schlug es sich nieder. Der früh- bis hochmittelalterliche zentralfränkische Gelehrte Hrabanus Maurus schrieb zwar noch traditionell pauschalisierend, daß im Vergleich mit den südeuropäischen Bevölkerungen die Völker Germaniens gewaltige Körper hätten.17 Sein Schüler, der Berichterstatter Rudolf von Fulda, ebenfalls aus dem mittelrhein-fränkisch Raum, schränkte bereits 1 Generation später diese Pauschalisierung ein und bezog die zitierten konstitutionellen Kennzeichen des Tacitus nur noch auf die norddeutsche Bevölkerung, auf die Sachsen: "Die Sachsen haben Vermischungen mit anderen Völkern vermieden und haben deswegen ihre typische körperliche Eigenart bewahrt, nämlich diesselbe Gestalt und Körpergröße und Haarfarbe, soweit das bei einem so großen Volk möglich ist".18 Damit wird innerhalb der damaligen mitteleuropäischen Bevölkerung ein Konstitutiongefälle von Nord nach Süd angedeutet. Der norddeutsche Berichterstatter Widukind von Corvey bestätigte ein Jahrhundert später dieses Gefälle, indem er stammesbewußt herausstrich, daß die Franken bereits den überlegenen Körperbau und Mut der Sachsen bewunderten.19 Gleichzeitig blickten die damaligen Mitteleuropäer besorgt und bewundernd zugleich nach Norden auf die skandi-navische Bevölkerung. Die Normanneneinfälle beunruhigten ganz Mittel- und Westeuropa und die Kämpfer der Wikinger beeindruckten konstitutionell die Chronisten. In den Annalen des Klosters Fulda wird berichtet, daß bei einem Gefecht zwischen Normannen und Deutschen auf Seiten der Normannen solche Männertypen gefallen seien, wie man sie bezüglich Körpergröße und Schönheit niemals zuvor gesehen habe.20. Dieses sich im Früh- und Hochmittelalter herausbildende Konstitutionstypengefälle ist auch skelettanthropologisch erkennbar und verstärkte sich im Laufe des Spätmittelalters noch mehr.21


Die Adelsschicht allerdings blieb bis zum Ende des Mittelalters von diesen konstitutionellen Einbußen weitgehend verschont. Der welt-liche und geistliche Adel blieb weitgehend eine Siebungsgruppe auf konstitutionelle Überlegenheit, besonders auf überdurchschnittliche KÖrperhöhe und Kraft. Das ist sowohl nach den zeitgenössichen schriftlichen Quellen als auch nach den skelettanthropologischen Befunden erkennbar und galt um so ausgeprägter, je sozial höher-stehend die betreffende Person war. Das hing damit zusammen, daß sich das ganze Mittelalter hindurch die Menschen das Fürstenheil (also Erfolgsgarantie und Durchsetzungs-fähigkeit) als sichtbare konstitutionelle Eigenschaften vorstellten.22 Diese Sozialschicht der konstitutionell hervorgehoben Adeligen war es nun, die das im Verlauf des Mittelalters schwächer gewordene konstitutionelle Überlegenheitsgefühl der nordisch-germanisch-frühdeutschen Populationen gegenüber den Nachbarvölkern am Leben erhielt. Nach einem süddeut-schen Chronisten prahlte z.B. einmal ein Adeliger des 9. Jhs. aus dem Bodenseeraum anläßlich seiner Erzählung über eine Teilnahme an einem Kriegszug Ludwigs d. Deutschen gegen die östlich siedelnden Wenden: "Was konnten diese Fröschchen gegen mich ausrichten? 7 oder 8 oder gar 10 habe ich mit meiner Lanze auf einmal durchbohrt und fortgetragen. Völlig unnütz haben unser König und wir gegen solche Würmchen unsere Kraft vergeutet".23


Zur frühen Neuzeit hin verlor sich nach den skelettanthropologischen Befunden zunehmend sozialschichtenspezifische Konstitutionsunterschiede und damit die Berechtigung für ein konstitutionell begründetes Überlegenheitsgefühl in den deutschen Adelskreisen. Auch in den

Chroniken und Viten sind keine auffälligen und ethnokonstitutionell oder sozialanthropologisch bedeutsamen diesbezüglichen Bemerkungen wie aus der Spätantike bekannt geworden. Parallel dazu setzten sich in allen Sozialschichten, vom Süden und Westen Mitteleuropas begin-nend, immer rundere Kopfformen durch, ein morphologischer Tatbstand, der bis heute bezüglich seiner Genese noch ungeklärt ist und in der 2. Hälfte des 19. und in der 1. Hälfte des 20. Jhs. weitreichende und folgenschwere Diskussionen auslösen sollte.24 Aber ab der frühen Neuzeit, also ab ca 1400 n. Zr., ist nicht nur eine im statistischen Mittel feststellbare sozialanthropologische konstitutionelle Nivellierung und Verrundung der Kopfform feststellbar, sondern zusätzlich ein weiteres Absinken der Körperhöhen auf Mittelwerte zwischen 165 bis 170 cm). Das müßte eigentlich das endgültige Ende des früheren konstitutionellen Überlegenheits- und Überheblichkeitsgefühles bei den mitteleuropäischen Populationen zur folge gehabt haben. Höch-stens rückblickende nostalgische Wehmut über die Heldenvorfahren dürfte noch in den frühneuzeitlichen Schriften der Gebildeten begegnen. Bei dem Humanisten Ulrich v. Hutten ist eine solche nostal-gische Äußerung zu finden. Er verglich den Adel seiner Zeit mit dem des Hochmittelalters und bemerkte bissig-traurig: "Oder war es etwa zum Spott und nicht aus Achtung vor ihrer Überlegenheit, daß die anderen Völker unseren Ahnen die Kaiserkrone übertrugen und damit die Hegemonie einräumten? Sicherlich waren jene Generationen, denen man eine solche Ehre erwies, aus anderem Holz gemacht wie dieses moderne Geschlecht, über das man sich allenthalben lustig macht... Da waren doch, zu unserer Schande sei es gesagt, die alten Deutschen andere Kerle".25 Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann auch diese Germanen- und Mittelalternostalgie gänzlich verblas-sen und durch andere Orientierungswerte für eine kollektive Selbstwertsteigerung ersetzt werden würde.


4. Rückbesinnung auf die germanische und mittelalterliche deutsche

Geschichte in der frühen Neuzeit durch die deutschen Humanisten

und Kirchenreformer


Von völlig unerwarteter Seite und mit anderer Zielsetzung wurde diese Vorfahrennostalgie aber neu belebt, nämlich von Seiten der deutschen Humanisten und Kirchenreformer. Die deutschen Humanisten ärgerte die damalige kulturelle und auch finanzielle Abhängigkeit der damaligen Deutschen von der römischen Kirche, insbesondere vom Papsttum. Sie wollten ihr Bemühen um eine kulturelle und kirchliche Eigenständigkeit und um ein neues geschichtliches und politisches Selbstbewußtsein der Deutschen durch eine Rückbesinnung auf die germanische und mittelalterliche Geschichte und dabei besonders durch einen Rückgriff auf die in der frühen Neuzeit im Kloster Hersfeld entdeckte Abhandlung des Tacitus über die germanischen Völkerschaften, kurz Germania genannt, stützen. Der Elsässer Historiker J. Wimpfeling begründe deshalb seinen im Jahre 1501 erstmals erschienenen Versuch eines Abrisses der bisherigen deutschen Geschichte mit folgenden Worten: "Alle Deutschen sollen in diesem Ab-riß die Vergangenheit Deutschlands vor Augen haben, das Leben unserer Kaiser lesen und der Deutschen Ruhm, Geist, Kriege und Triumphe, Erfindungsgabe, Adel, Glaube, Standhaftigkeit und Wahrhaftigkeit erfahren".26 J. Aventinus sammelte speziell die Berichte über die frühgeschichtlichen und völkerwanderungszeitlichen Germanen, wobei er bewußt programmatisch in den Titel seines Werkes die Redewendung von den Taten der uralten Teutschen mit aufnahm.27


Die Reformatoren erinnerten an den Freiheitswillen der frühgeschichtlichen Germanen, an ihren Widerstand gegenüber allen Versuchen, sie zu unterwerfen, besonders gegenüber den römischen Eroberungsversuchen. Denn die Reformatoren empfanden die religiöse Abhängigkeit von der päpstlichen Curie als eine Art fortdauernde Abhängigkeit vom römischen Joch.28


Natürlich ging es den Humanisten wie Kirchenreformern nicht um die konstitutionellen Vorbilder der deutschen Frühgeschichte, aber mit der von ihnen geförderten Verbreitung der antiken und mittelalter-lichen Schriften über die Germanen und mittelalterlichen Deutschen nunmehr in Druckform verbreiteten sie nebenbei auch die Kenntnis von den konstitutionellen Lobeshymnen auf ihre frühen Vorfahren und hielten damit auch eine konstitutionshistorische Nostalgie am Leben.


Je mehr während und nach der nationalen Katastrophe des 30jährigen Krieges das Deutsche Reich politisch zerfiel und je mehr die führenden Sozialschichten sich kulturell bevorzugt an Frankreich orien-tierten, desto intensiver versuchten im 17. und 18. Jh. national gesinnte Gebildete an die urwüchsigen, einfach lebenden, unverdorbenen, rauhen Vorväter der frühen Geschichte zu erinnern. Die suggestiv-nostalgische Wirkung der antiken Berichte über die germani-schen Lebensformen, Konstitutionen und Taten förderte weitere Zusammenstellungen aller damals erreichbaren Textstellen über die Germanen und völkerwanderungszeitlichen Stämme.29Aber wenn auch der überwiegende Teil der damaligen Gebildeten mehr die zeitgleichen, fremd-ländischen Kulturen als die eigene bewunderte und imitierte, so ver-breitete sich doch durch solche Publikationen, die auch in den Schulen und auf den Univer-sitäten benutzt wurden, die Kenntnis von den frühen Vorfahren und von deren bewunderten Konstitutionen, und es war nur eine Frage der Zeit, wann irgendeine historische Erschütte-rung diese Fremdorientiertheit der deutschen Gebildeten in eine retroperspektivische germanophile Nostalgie und Besinnung auf die eigene frühe und mittelalterliche Geschichte würde umschlagen lassen. Denn es ist eine Erfahrung der deutschen Geschichte, daß die deutschen Gebildeten nur schwer einen ausgewogenen mittleren Standpunkt durchzuhalten vermögen, daß die deutsche Geschichte zwischen extremen Tendenzen hin und her zu pendeln neigt.


5. Der Beginn einer kulturellen und nationalistischen Germanen- und

Mittelalternostalgie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts


Diese historische Erschütterung kam mit den napoleonischen Eroberungskriegen und mit den Befreiungskriegen. Die raschen Niederlagen der Österreicher und Preußen 1805/1806 gegen Napoleon erschütterten nicht nur das mitteleuropäische politische System, sondern auch das bisherige frankophile Selbstbewußtsein der deutschen Gebildeten und bestärkten die nationalen Reformer darin, daß nur eine Rückbesinnung auf die frühe und mittelalterliche deutsche Geschichte ein neues nationales Selbstgefühl würde hervorrufen und eine Alternative zur damaligen kulturellen Fremdorientiertheit würde sein können. Armini-us, der Befreier Germaniens, wurde zu einer der Leitfiguren der Befreiungskriege und der frühen nationalen Einigungsbestrebungen. Die Siege über Napoleon ab 1813 riefen eine neue, bisher unbekannte nationale Begeisterungswelle hervor. Um dieser ein historisches Fundament und eine historische Orientierung zu geben, beschloß der Kreis der Reformer um den Freiherrn vom und zum Stein, alle schrift-lichen Quellen zur deutschen Geschichte von der germanischen Früh-zeit bis zur frühen Neuzeit in den Monumenta Germaniae Historica (MGH) zusammenzustellen und den Gymnasiasten, Studenten und Gebil-deten zugänglich zu machen. Die deutsche Geschichtsschreibung über die eigene Frühgeschichte und mittelalterliche Geschichte sah sich zu dem pädagogischen Auftrag berufen, durch Rückgriff auf jene alten Quellen unter der heranwachsenden gebildeten Jugend einen neuen Nationalgeist zu wecken, um so notwen-diger, als die damaligen Fürstenhäuser nationale Einigungsbestrebungen zu unterdrücken versuchten. Dazu sollten auch volkstümlich abgefaßte germanophile Schriften und Theater-stücke dienen.30 Die 1815 in Jena neu gegründeten und national orientierten Burschen-schaften wählten sich in Anlehnung an die völkerwanderungszeitlichen Stämme teilweise germano-phile Namen. Und weil zeitlicher Abstand idealisiert und die Bildung von Mythen fördert und weil vergleichbare, relativierende skelett-anthropologische Datensammlungen noch fehlten, begannen sich mythische Vorstellungen von einer ehemals hünen- und heldenhaften frühgeschichtlichen Vorfahrenbevölkerung auszubreiten.


Getragen von dieser aufblühenden germanophilen und mittelalterorientierten nationalen Begeisterung entwickelte sich in Deutschland nach 1815 auch eine starke mittelalterorientierte romantische kulturelle Strömung, eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den germanischen Sprachen, ein literarisches Interesse an der germanischen Sagenwelt und an der mittelalter-lichen Dichtung und eine Beschäftigung mit der volkstümlichen Märchenwelt. Denn Riesen, Zwerge, Ritter, Heldentaten, Märchenkönige, Prinzessinnen, Burgen und Schlösser paßten zum aufblühenden nostalgischen, heroisierten Geschichtsklischee von der Germanenzeit und vom deutschen Mittelalter. Deshalb fanden auch die neu entstandenen historischen Romane Walter Scotts und seiner Nachahmer in Deutschland so breiten Widerhall. Aber nach der Mitte des 19. Jhs. kamen in der deutschen Dichtung als zusätzliche und spezi-fisch deutsche Komponenten des historischen Romanes Themen aus der germanischen Frühgeschichte und Völkerwande-rungszeit hinzu. Diese Romane waren bewußt nicht nur als Unterhaltungsdichtung angelegt, sondern verstanden sich vor allem als volkspädagogische Schriften, die den deutschen Lesern die eigene heldenhafte frühe Geschichte als Vorbild nahebringen sollten. Die bekanntesten dieser germanophilen Schriftsteller, Gustav Freytag und Felix Dahn, haben sich in den Einleitungen zu ihren Romanen offen zu ihren volkspädagogischen Ab-sichten bekannt.31 Gustav Freytags Romanfolge "Die Ahnen" und Felix Dahns "Ein Kampf um Rom" haben bis ins 20. Jh. hinein Gymnasiasten und Studenten beeindruckt. Um ihre Verbundenheit mit den freien ger-manischen Vorfahren zu bezeugen und um gegenüber den Landesfürsten sichtbar zu dokumentieren, daß man sich als freier Deutscher fühle, bürgerte es sich bereits in der 1. Hälfte des 19. Jhs. an den Universitäten bei Professoren und Studenten ein, gemäß der Beschreibung des Tacitus über die Haartracht der Freien bei den germanischen Stämmen lange Haare zu tragen.32 Diese Mode hielt sich teilweise bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.


Erleichtert wurde dieses Aufblühen einer nostalgischen kulturellen Retroperspektive in Deutschland durch eine entsprechende romantische Mittelalternostalgie auch in Großbritannien und Frankreich. Diese Mittelalterromantik hatte steng genommen in Europa bereits gegen
Ende des 18. Jhs. begonnen, aber sie war bisher mehr ein Kunststil in Opposition zur nüch-ternen Aufklärung als eine nationalistisch-germanophile mentale und politische Bewegung gewesen. Das wurde die typisch deutsche Ausprägung dieser Kulturströmung im Verlauf des 19. Jhs. Aber auch in anderen europäischen Nachbarländern mit Bevölkerungsteilen germanisch-nordischer Abstammung kam es zu ähnlichen Tendenzen, allerdings ohne daß die konstitutionelle Heroisierung der frühgeschichtlichen Typen diese Intensität und Breiten-wirkung wie in Deutschland erlebte. Graf Gobineau wurde zu seinen germanophilen rassis-tischen Theorien über die Ungleichheit der Rassen 33 u.a. durch die Sorge angeregt, die französische Oberschicht und die staatstragende nordfranzösische Bevölkerung überwiegend fränkisch-burgundisch-nordkeltischer Herkunft würden durch fortschreitende Vermischungen mit den mittel- und südfranzösischen gallo-romanischen Bevölkerungsgruppen ihr historisches genetisches Potential schmälern. Und welche abenteuerlichen Vorstellungen auch unter französischen Gebildeten vor 1850 über die Körperkonstitutionen der frühgeschichtlichen nord- und mitteleuropäischen Völkerschaften kursierten, möge folgender Hinweis belegen. Als im Jahre 1613 Arbeiter in der Dauphiné ein riesiges Skelett ausgruben und als nicht weit davon römische Münzen und Gemmen mit dem Bildnis des Marius gefunden wurden, nahm man an, die Knochen stammten von dem angeblich riesigen teutonischen König Teutobold, der hier im Jahre 102 v. Zr. in der Nähe von Aix-les-Bains von Marius besiegt worden war. Die Knochen wurden in Paris aufgehoben und gaben zu manchem Gelehrtenstreit Anlaß. Erst im Jahre 1853 wies der französische Wis-senschaftler De Blainville vor der französischen Akademie der Wis-senschaften endgültig nach, daß es sich bei diesen Skeletteilen um Reste eines Mastodons, eines tertiären Waldelefanten, handelte.34


Die Entstehung des historischen mittelalterlichen Romanes in Groß-britannien gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jhs. durch Walpole und Scott hatte keine Germanenidealisierung und kein weh-mütiges Nachtrauern um mittelalterliche politische Größe als Ursa-chen, sondern die dortige zunehmende Historisierung der Unterhal-tungsliteratur hing mehr mit der zunehmenden Erschließung der mit-telalterlichen Quellen durch die Geschichtsforschung und mit dem Tatbestand zusammen, daß der historische Roman als eine Art früher Sozialroman vor dem Leser die ganze Breite der kulturgechichtlichen Ereignisse zu entrollen versuchte, die die damalige trockene politi-sche und dynastische offizielle Geschichtsschreibung dem Leser vor-enthielt. Sie löste dann allerdings auch in Großbritannien eine gewisse Mittelalternostalgie aus und führte dann bei dem Engländer-Deutschen Houston Stewart Chamberlain in Anlehnung an Gobineau zu arisch-germanophilen rassistischen Vorstellungen.35


An der nostalgischen Hinwendung zur frühgeschichtlichen eigenen Ver-gangenheit in weiten Kreisen des deutschen Bürgertums hatte auch die neuhumanistische Schulreform Anteil. Die Gymnasialreformer Wilhelm v. Humboldt und vor allem Friedrich August Wolf hatten eine höhere Schulbildung gefordert, die ihren Schwerpunkt auf die griechisch-römischen Bildungsinhalte legen sollte. Latein und Griechisch, nicht mehr Französisch, sollten die wichtigsten Fremdsprachen werden. An ihnen sollten die Lernenden ihre Geistes- und Gemütskräfte schärfen. Durch die neuhumanistische Bildungsreform wurde für ca 100 Jahre das Bildungsideal an die griechisch-römische Antike gebunden. Für diesen humanistischen Unterricht in den zahlenmäßig zunehmenden Gymnasien und später in den Realgymnasien mit Lateinunterricht benötigte man geeignete Texte. Und neben den traditionellen antiken Passagen bei Herodot, Thykidides, Plutarch, Cicero, Caesar, Sallust usw. wurden nun zunehmend die Berichte der antiken Chronisten über die frühge-schichtlichen und völkerwanderungszeitlichen germanisch-nordischen Stammesverbände gelesen, z.B. bei Caesar, Tacitus, Ammianus, Gregor v. Tours, Sidonius Appollinaris, Paulus Diaconus usw. und stellen-weise auch die durch die Zusammenstellung in den Monumenta Germaniae Historica verfügbaren mittelalterlichen Chronisten. Gleichzeitig waren die Griechisch- und Lateinkenntnisse der damaligen Studenten und Gymnasiasten in den oberen Klassen so gut36, daß sie sich auch in privater Lektüre mit den Texten über die deutsche Frühgeschichte befassen konnten. So verlagerte sich in der 1. Hälfte des 19. Jhs. der Schwerpunkt der fremdsprachlichen Lektüre in den deutschen Schulen fort von französischen Schriften hin zu antiken griechischen und lateinischen Texten mit einer zunehmenden Berücksichtigung der eigenen frühgeschichtlichen und mittelalterlichen Quellen. Lehrpläne und Schulbücher trugen diesen neuen Schwerpunkten Rechnung.

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