Rudolf steiner gesamtausgabe




НазваниеRudolf steiner gesamtausgabe
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ist. Es können einem vier Menschen entgegentreten, die, sagen wir, irgendwie durch das Karma zusammengestellt sind. Wenn vier Menschen zusammengestellt sind, kann man verstehen, wie sie durch das Karma miteinander in bestimmte Beziehungen gebracht sind, wie aber auch der Strom des Karma im Weltenlaufe verfließt und wie diese Menschen gerade in einer bestimmten Weise durch ihr Karma sich haben hineinstellen wollen in die Welt. Man wird niemals etwas verstehen von Standpunkten, die heute möglich sind, wenn man solche karmischen Zusammenhänge nicht in der Welt zu sehen vermag.

Nun, nehmen Sie einmal die vier Brüder Dmitri, Iwan, Aljoscha Karamasow undSmerdjakow in Dostojewskis «BrüderKaramasow». Sie haben in diesen vier Brüdern Karamasow, wenn Sie mit seelischem Auge sehen können, wirklich vier Typen, die Sie nur verstehen können in der Art und Weise, wie sie durch das Karma zusammengetragen sind, so daß man weiß: Da trägt ein Strom des Karma vier Brüder in die Welt herein so, daß sie Söhne sein müssen eines typischen Lumpen der Gegenwart, aus einem der sumpfigsten Milieus, der diese vier Brüder zu seinen Söhnen hat. Da werden sie hereingetragen, indem sie sich gerade dieses Karma auswählen. Da werden sie aber auch nebeneinander gestellt, so daß man sieht, wie sie sich unterscheiden. So kann man sie nur begreifen, wenn man weiß: In dem einen überwiegt das Ich, in Dmitri Karamasow; in einem zweiten überwiegt der astraiische Leib, in Aljoscha Karamasow; bei dem dritten überwiegt der Ätherleib, in Iwan Karamasow; bei dem vierten, in Smerdjakow, überwiegt ganz der physische Leib. Und ein Licht von Lebensverständnis fällt auf die vier Brüder, wenn man sie von diesem Standpunkte aus betrachten kann. Und nun denken Sie sich, wie ein Dichter von Wilhelm Jordans Gaben, und mit einer geistigen Weltauffassung, wie es heute zeitgemäß sein müßte, solche vier Brüder nebeneinander stellen würde: Wie es ihm gelingen würde, sie in ihren geistigen Grundlagen und Grundbedingungen zu begreifen! Dostojewski — was begreift er ? Er begreift nichts anderes, als daß er diese vier Brüder hinstellt als die Söhne eines ganz typischen versoffenen Lumpen einer gewissen versumpften Gesellschaft der Gegenwart: Den ersten Sohn, Dmitri, als den Sohn einer halb abenteuernden, halb hysterischen Persönlichkeit, die aber, nachdem sie zuerst durchgegangen ist mit dem versoffenen alten Karamasow, ihn verprügelt, es endlich nicht bei ihm aushält und ihm nur den Sohn zurückläßt, den älteren, Dmitri. Alles ist nur auf die Vererbung gestellt mit der versoffenen und der verprügelnden Person, alles ist, ich möchte sagen, so gestellt, daß man den Eindruck hat: Hier schildert der Dichter so wie etwa der moderne Psychiater, der nur auf das Allergröbste des Vererbungsprinzips sieht und keine Ahnung hat von den geistigen Be-

dingungen, und auch «erbliche Belastung» vor unsere Seele hinbringen würde, dieses Tropf-Wort — ich meine nicht ein Wort, das tropft, sondern das von Tröpfen ersonnen worden ist im heutigen wissenschaftlichen Zusammenhange —. Dann haben wir die zwei nächsten Söhne: Iwan und Aljoscha. Sie sind von einer zweiten Frau, denn selbstverständlich muß die «erbliche Belastung» anders wirken bei diesen zwei Söhnen. Sie sind von der sogenannten Schrei -Lise, weil sie nicht halb, sondern ganz hysterisch ist und fortwährend Schreikrämpfe bekommt. Während die frühere den alten Säufer durchgeprügelt hat, prügelt der alte Säufer jetzt die Schrei-Lise durch. Der vierte Sohn, bei dem, ich möchte sagen, überwiegt alles dasjenige, was im physischen Leib steckt, ist Smerdjakow, eine Art Gemisch von weisem, bescheidenem und idiotischem Menschen, von ganz blödsinnigem und zum Teil auch ganz klugem Menschen. Der ist nun auch der Sohn des alten Säufers, des typischen Lumpen, aber mit einer stummen Person, die herumgeht in dem Orte, ein Dorftrottel, die die stinkende Lisaweta genannt wird und die vergewaltigt wird von dem alten Säufer. Sie stirbt bei der Geburt. Man weiß selbstverständlich nicht, daß es sein Sohn ist. Smerdjakow bleibt dann im Hause. Und nun spielen all die Szenen, die sich abspielen sollen, sich ab zwischen diesen Persönlichkeiten. Und Dmitri wird, durch «erbliche Belastung» selbstverständlich, ein Mensch, bei dem das ganz unterbewußte Ich stürmt und flutet und ihn im Leben weitertreibt, so daß er überall aus dem Unbewußten, aus der Besinnungslosigkeit heraus in das Leben taumelt, und er wird uns auch so gezeichnet, daß man im Grunde genommen es nicht zu tun hat mit einer gesunden, geistigen, sondern mit einer hysterischen Kunst. Aber es ist das mit aus der naturgemäßen Entwickelung der Gegenwart heraus, jener Gegenwart, die sich nicht beeinflussen und befruchten lassen will von demjenigen, was von einer geistigen Weltauffassung kommen kann. Alles dasjenige, was nicht recht weiß, was es will, unklare Instinkte, die ebensogut zur besten Mystik sich entfalten können wie zum äußersten Verbrechertum, ja, von dem einen zu dem anderen leicht den Übergang finden aus dem Unbewußten heraus, all das gibt gewissermaßen Dostojewski in

Dmitri Iwanowitsch Karamasow. Einen Russen will er schildern; denn immer will er wahres Russentum schildern.

Iwan, der andere Sohn, der nächste, der ist ein Westler. Westler nennt man diejenigen, welche mehr mit der Kultur des Westens bekannt geworden sind, während Dmitri nichts weiß von der Kultur des Westens, sondern ganz aus den russischen Instinkten heraus wirkt. Iwan war in Paris, hat allerlei studiert, hat die westliche Weltanschauung aufgenommen, diskutiert mit den Leuten — so will ihn uns Dostojewski zeigen — nun ganz erfüllt mit den Ideen der materialistischen Weltanschauung des Westens, aber mit der Grübelei des Russen. Er diskutiert mit den Menschen darüber, indem sich der Nebel der Instinkte hineinmischt in allerlei Gedanken der modernen geistigen Kultur. Er diskutiert: Soll man Atheist sein, soll man nicht Atheist sein, kann man einen Gott annehmen, kann man nicht einen Gott annehmen ? Dann kommt er dazu: Man kann doch einen Gott annehmen! Ja, den Gott akzeptiere ich — dafür tritt er zuletzt ja ein, den Gott anzunehmen —, aber die Welt kann ich nicht akzeptieren! Wenn ich schon den Gott akzeptiere, so kann ich nicht die Welt akzeptieren, denn diese Welt, wie sie da ist, wie sie auftritt, die kann nicht von Gott erschaffen sein. Ich nehme den Gott an, ich nehme aber nicht die Welt an! So gehen seine Diskussionen.

Der dritte, Aljoscha, wird früh Klosterbruder. Es ist derjenige, in dem der astralische Leib überwiegt. Aber es wird uns auch angezeigt, wie in ihm allerlei Instinkte wirken, auch durch die Mystik, die sich in ihm entwickelt, und wie er im Grunde genommen durch dieselben Instinkte, durch die sein älterer Bruder, Dmitri, der nur von einer anderen Mutter ist, eine eigentlich verbrecherisch veranlagte Natur ist, die sich bei ihm anders ausbilden, dazu kommt, Mystiker zu sein. Verbrechertum ist nur eine besondere Ausgestaltung derselben Instinkte, die auf der anderen Seite das Sichwundbeten und das Glauben an die göttliche Liebe, die alle Welt durchzieht, hervorrufen, denn beides kommt aus dem Niederen, aus den unteren Instinkten der Menschennatur, bildet sich nur nach verschiedener Weise aus.

Es ist selbstverständlich nicht das Geringste dagegen einzuwenden, auch solche Gestalten in der Kunst zu verwenden, denn alles, was in der Wirklichkeit ist, kann Gegenstand der Kunst werden. Aber auf das Wie kommt es an, nicht auf das Was, sie müssen dann durchdrungen sein von dem Weben und Wesen des Geistigen. Durch die eigentümlichen Verhältnisse, die ich oftmals hier besonders in bezug auf die russische Kultur auseinandergesetzt habe, hat sich gerade in Dostojewski dasjenige zum Ausdruck gebracht, was die Menschheitsentwickelung sein muß, wenn im russischen Leben noch Spiritualität walten wird rein durch das Fortentwickeln der natürlichen Verhältnisse, wie ich es neulich im Gegensatz stellte zu den spirituellen Verhältnissen. Dostojewski war ja vom Anfange an der inkarnierte Deutschenhasser, der es sich instinktiv zur Aufgabe gemacht hat, nur ja nichts in seine Seele hereinfließen zu lassen von westeuropäischer Kultur, der nur dabei stehen bleiben wollte, im Taumel die Weltengestalten zu erfassen, die an ihm vorüberzogen, und der sorgfältig vermied, irgend etwas Spirituelles in dem physischen Menschengewoge zu schauen, das vor seiner Seele auf und ab wogte, und der, statt aus den Tiefen des Seelischen heraus die Gestalten zu fassen, sie aus den Untergründen der rein physischen Natur, die bei ihm selber krankhaft war, herausbrachte. Und das wirkte dann auf die Menschen, die vergessen hatten die Möglichkeit, heraufzukommen in das Geistige. Das wirkte auf die Menschen, daß noch eine Natur ihr, ich möchte sagen, krankhaftes Brodeln und Kochen, das in den Eingeweiden des Menschen wirkt, umzugestalten in der Lage war in der Kunst mit Ausschluß alles Geistigen. Das wirkte. Sonst würde natürlich die bloße Schilderung eben eine Schilderung, eine Beschreibung sein, würde strohern und hölzern sein. Aber dadurch, daß es aus einem Unterbewußtsein, das krankhaft, das hysterisch wirkt, heraus kommt, dadurch ist es interessant geworden, sogar in vieler Beziehung sehr interessant, namentlich durch jene Paradoxie, welche herauskommt, wenn man sich ohne einen Funken von spirituellem Leben, ich möchte sagen, mit Gemüt, denn das ist ja bei Dostojewski in höchstem Maße vorhanden, überläßt dem bloß physischen Dasein der Welt.

Und so ist denn in «Die Brüder Karamasow» hineinverwoben jene merkwürdige Episode von dem Großinquisitor, der uns vorgestellt wird so, daß vor ihm der wiederverkörperte Christus auftritt, so daß also einem Großinquisitor — es wird das so dargestellt, daß Iwan Karamasow diese Novelle geschrieben hat, und sie wird dann eingefügt in die «Brüder Karamasow» —, dem rechten Mann des orthodoxen Christentums seiner Zeit, denn er weiß, was im Christentum webt und lebt für seine Zeit, der wiederverkörperte Christus gegenübertritt. Nun denken Sie sich den Mann des Christentums, den rechten Mann der Orthodoxie, dem wiederverkörperten Christus selber gegenüberstehend. Was kann er anderes tun, der Großinquisitor, der das «rechte» Christentum vertritt, als selbstverständlich den Christus, der wiederverkörpert auftritt, einsperren zu lassen! Das ist das erste, das er tut. Dann hat er Inquisition zu üben, er hat ihn zu verhören. Es stellt sich auch heraus, daß der Großinquisitor, der die Religion im rechten Sinne vertritt, der weiß, was dem Christentum nottut in unserer Zeit, erkennt: Es ist der Christus wiedergekommen. Da sagt er: Ja, du bist wohl der Christus - ich kann das nur ungefähr darstellen —, aber in die Angelegenheit des Christentums, die wir zu vertreten haben, hast du jetzt nicht hineinzureden, davon verstehst du jetzt ganz und gar nichts. Dasjenige, was du geleistet hast: Hat es den Menschen irgend etwas gebracht, was sie glücklich gemacht hätte ? Wir mußten erst aus dem, was du in solcher Einseitigkeit, in solch unpraktischer Art an die Menschen herangebracht hast, das Rechte machen. Würde nur dein Christentum unter die Menschen gekommen sein, dann würden die Menschen nicht jenes Heil in dem Christentum gefunden haben, das wir ihnen gebracht haben. Denn man braucht, wenn man den Menschen wirklich Heil bringen will, eine Lehre, die auf den Menschen wirkt. Du hast geglaubt, daß die Lehre auch wahr sein muß. Mit solchen Dingen kann man aber den Menschen gegenüber nichts anfangen. Vor allen Dingen kommt es darauf an, daß die Menschen die Lehre glauben, daß sie ihnen so gegeben wird, daß sie gezwungen werden zu glauben. Autorität haben wir begründet.

Ja, es blieb wirklich nichts anderes übrig, als den wiederverkör-

perten Christus der Inquisition zu überliefern. Denn man kann doch in dem Christentum, das der Großinquisitor vertritt, den Christus nicht brauchen, wenn er sich unseligerweise wieder darin verkörpern sollte, nicht wahr ? Es ist eine grandiose Idee, noch grandioser ausgeführt. Aber sie ist hineingestellt in eine Dichtung, die nur eine hysterische Wiedergabe des Wirklichen ist, so daß nichts dabei herauskommt von den großen Impulsen, die durch das Weltengeschehen gehen, daß gar nichts anschaulich wird von irgend etwas Spirituellem bei Dostojewski, sondern nur jene Äußerlichkeit des Christus wiederverkörpert da auftritt und von dem Großinquisitor gewissermaßen zerschmettert wird.

Mit vielen anderen Dingen sind solche Dinge verwandt, und ich möchte sagen: Es gehört sich für diejenigen, die Geisteswissenschaft in ihrem Nerv verstehen wollen, diese Verwandtschaft zu fühlen, nicht allzuleicht die Dinge des Lebens zu nehmen. Nicht wahr, wozu wir es gebracht haben, das kann ja durch mancherlei charakterisiert werden. Man braucht zum Beispel nur an zwei Bücher zu denken, die vor gar nicht allzu langer Zeit erschienen sind, wovon das eine heißt: «Jesus, eine psycho-pathologische Studie», und das andere: «Jesus Christus vom psychiatrischen Standpunkte aus betrachtet». Da wird dasjenige, was in den Evangelien steht, so betrachtet, daß es hingeschleppt wird vor die Aufstellungen des Psychiaters der Gegenwart und nachgesehen wird, wie man die einzelnen Evangelien-Stellen, namentlich die Worte des Christus Jesus selber, dadurch erklären kann, daß man eben den pathologischen Zustand dieser Persönlichkeit, die da am Ausgangspunkt der neueren Entwickelung gestanden hat, die krankhafte Psyche des Christus Jesus ins Auge faßt. Der Irrenarzt, der Christus als einen abnormen Menschen prüft nach den Regeln der modernen Psychiatrie — er ist schon da! Es gibt Bücher darüber.

Mit diesen Erscheinungen sollte man doch zusammenhalten dasjenige, was einem sonst auch vor die Seele geleitet werden könnte. Wie viele Menschen gibt es demgegenüber, die den ganzen Sumpf, die ganze Verblödung einer solchen Geisteskultur wirklich fühlen, so fühlen, daß sie sie bis in ihre einzelnen Verzweigungen hinein

verfolgen wollen ? Muß man es denn nicht immer wieder und wiederum erleben: Da ist irgendwo ein großer Psychiater, die Leute laufen ihm zu. Er schreibt epochemachende Werke über die Psychiatrie, wird als ein großer Psychiater angesehen. Schüler oder Kollegen von ihm sind es, in gar nicht weiter Abzweigung, die eine psychopathologische Studie nicht nur über Goethe, Schiller, Nietzsche und allerlei Leute, die irgendeine Bedeutung gehabt haben und zur geschichtlichen Anerkennung gekommen sind, schreiben, sondern auch über den Christus Jesus selber! Und indem wir mit all der erheuchelten, ich will nicht sagen Ehrfurcht, mit all dem zwar nicht erheuchelten, aber gedankenlosen Autoritäts-Glauben die Schwelle eines Psychiaters oder irgendeines anderen naturwissenschaftlichen Weltanschauers überschreiten, bewegen wir uns in derselben Strömung, die, zu einem Extrem, zu einer Karikatur ausgebildet, die Welt in die Verblödung hineinführt. Die Lebenszusammenhänge klar sehen zu wollen, das ist ja gewiß etwas, was auf der einen Seite, gegen die Bequemlichkeiten des Lebens gehalten, gerne gemieden wird, was aber notwendig ist, angefacht zu werden.

Wir kommen wahrhaftig nicht dadurch vorwärts, daß wir uns zusammensetzen und mit einer gewissen Sensationslust oder mystischen Schwärmerei Geisteswissenschaft auf uns wirken lassen, sondern dadurch kommen wir vorwärts, daß diese Geisteswissenschaft in uns lebendig wird, daß wir das Leben nach dem betrachten lernen, was sie in uns an Impulsen wirken kann. Wir sind noch nicht Geisteswissenschafter dadurch, daß wir uns jede Woche einmal das, was über Elementargeister, über Hierarchien und so weiter gesagt werden kann, wie einen kalten Schauer oder wie einen warmen Schauer — ich weiß nicht, wie das ist! — über den Rücken laufen lassen, sondern dadurch werden wir wirkliche Geisteswissenschafter, daß die Dinge in uns lebendig werden, daß wir sie in alle Einzelheiten des Lebens hineintragen können und daß wir wirklich auch soweit kommen können, daß uns zum Beispiel vor dem Kunstsumpf der Gegenwart deshalb, weil wir Geisteswissenschafter sind, ekeln kann, wenn wir nicht etwa auf dem Standpunkt stehen, daß wir ja als Theosophen verpflichtet sind, allgemeine Menschenliebe walten

zu lassen und wir deshalb auch das Versumpfte und Schlechte selbstverständlich nicht mit dem wahren Namen belegen dürfen. Es ist merkwürdig, wie die Menschen ungeneigt sind in der Gegenwart, wirklich die Augen aufzumachen. Freilich, es ist nicht immer die Schuld des einzelnen, sondern es ist die Schuld des ganzen geistigen Lebens der Gegenwart. Es wird dem einzelnen recht schwer gemacht, deutlich zu sehen, denn die ganze öffentliche Erziehung geht vielfach darauf hin, solche Dinge, wie diejenigen sind, auf die sich gerade heute an diesem herausgerissenen episodischen Abend aufmerksam machen wollte, zu übergehen. So wie man sonst sagt, man wird auf etwas gestoßen, so werden Menschen gleichsam vorbeigezogen, nicht darauf gestoßen, sondern weggezogen von den Dingen. Wir leben jetzt wirklich auch in dieser Beziehung in einer der größten Schulzeiten der Menschenentwickelung drinnen und dürfen nicht, ich möchte sagen, einfach unempindlich sein gegenüber der Schule, die wir in dieser Beziehung durchleben. Denken Sie doch nur einmal, wie man es zustande gebracht hat, vor kurzer Zeit noch alles, ich möchte sagen, durcheinander zu genießen, ohne einzugehen auf die Art und Weise, wie sich die Menschen der heutigen Gegenwart gegenüberstehen. Zum Beispiel darf das Prinzip, daß keine Unterschiede existieren, ja nicht dahin führen, wie ich schon einmal oder öfter gesagt habe, alle Differenzierungen zu ver wischen, alles unklar zu machen, so wie es von der Leiterin der «Theosophical Society» geschehen ist, die sich bemüht hat, die Unterschiede der verschiedenen Religionen möglichst auszulöschen, so daß nur noch das Hindu-Wesen etwa in besonderer Glorie prangen konnte. Aber sonst hat sie die Sache ausgelöscht nach einer Logik, die ich ja öfter verglichen habe damit, daß einer sagt: Ich muß alles dasjenige, was als Zutaten auf dem Tische steht, in gleicher Weise als Zutaten behandeln und nicht auf die Unterschiede sehen. So würde dieses Verfahren, alle Religionen gleich zu behandeln, keinen Unterschied zwischen ihnen zu sehen, ebenso sein, wie wenn einer sagte: Salz ist ist eine Speisezutat, Zucker eine Speisezutat, Pfeffer auch, denn alles ist das gleiche, alles ist Speisezutat. Man soll nur versuchen, ob es das gleiche ist: man pfeffere sich den Kaffee und

zuckere sich die Suppe und papriziere sich einmal die Torte oder sonst etwas! Dieselbe Logik liegt aber zugrunde auf jener Seite, es liegt zugrunde die Unfähigkeit, die konkrete Entwicklung zu sehen.

Und so werden viele Dinge eben so genommen, daß man auch schon alles tut, um, ich möchte sagen, die Menschen in einen Taumel, in einen Traum, in einen Rausch hineinzureiten. Man wird, wenn man solche Dinge sagt, nur allzu leicht mißverstanden. Deshalb sage ich ausdrücklich: Jeder, der mich längere Zeit gehört hat, weiß, welche Größe ich in Tolstoi sehe. Aber deshalb sollte niemals vergessen werden, wie in Tolstoi selbstverständlich etwas lebt, was nicht grau in grau neben das Westeuropäische hingestellt werden darf. Ich habe früher öfter auf solche Unterschiede aufmerksam gemacht bei Vorträgen über Tolstoi. Man kann die Größe eines Menschen wie Tolstoi deshalb doch anerkennen und braucht nicht das etwa zu tun, was nun bei Tolstoi wirklich geschehen ist. Hätte man nämlich Tolstoi einigermaßen aufmerksam gelesen in der Zeit, wo er viel gelesen worden ist, namentlich wo seine umfassenden Werke, seine ersten großen Kunstwerke gelesen worden sind, so hätte man vielleicht — vielleicht, sage ich — sich gesagt: Da haben wir einen großen Geist des Ostens, der aber voller bittersten Hasses und voller Verachtung sogar vom Deutschtum spricht. — Man hat es nicht getan, wie Sie wissen, man hat das gar nicht bemerkt. Warum nicht? Weil die ersten Übersetzer Tolstois ins Deutsche diese Stellen weggelassen oder anders gestellt haben, so daß, bis auf die Übersetzung, die dann Raphael Löwenfeld gemacht hat, die erst den richtigen Tolstoi gegeben hat, die aber zu spät kam, die deutsche Literatur einen gefälschten Tolstoi hatte.

Es handelt sich darum, daß man die Dinge wirklich weiß, oder aber nicht urteilt! Aber worüber man urteilt, das sollte man wirklich kennen. Man braucht Tolstoi nicht zu überschätzen. Man kann dasjenige, was er ist, gerade daraus herausfinden, daß er erstens eine Größe, zweitens eine Natur war, die ganz aus seinem Volkstum heraus sich gebildet hat. Aber man sollte sich ganz klar sein darüber, daß man nicht einfach dasjenige machen darf, was die Zwerg-Kritiker des verpesteten Journalismus der Gegenwart so sehr häufig

tun, die, während sie auf der einen Seite diesen oder jenen groß nennen, meinetwillen den Goethe oder den Schiller, mit denselben Worten zum Beispiel Dostojewski groß nennen, ohne daß sie ein Gefühl dafür hervorrufen, daß gegenüber, sagen wir, dem «Wilhelm Meister» oder den «Wahlverwandtschaften» oder auch nur gegenüber solchen Dingen, wie sie Lienhard geschaffen hat, Dostojewski, selbst «Die Brüder Karamasow», für dasjenige, was wir als ästhetische Prinzipien haben müssen aus früherer Zeit, dennoch Hintertreppen-Literatur ist. Zum klaren, präzisen, konkreten Urteilen bringt es einen, wenn man hineinsieht in dasjenige, was ist, und wir leben heute in einer Zeit, wo wir unser Urteil schärfen müssen, wo wir hineinsehen müssen in dasjenige, was ist. Wir leben heute in einer Zeit, in der mit jedem Tage der Haß der Völker gegeneinander größer wird. Man sollte verstehen lernen, wenn man urteilen will, wie dieser Haß sich herausentwickelte aus dem, was lange, lange da war.

Das sind Dinge, die einmal ausgesprochen werden müssen, damit wirklich ein bißchen unter uns eine Empfindung entsteht dafür, welche Bedeutung das geisteswissenschaftliche Streben haben sollte. Es kann immer wieder ein bitteres Gefühl in einem hervorrufen, wenn einem jedes beliebige, manchmal törichte Wort, das da oder dort in einer Zeitung oder in einem Journal oder in einem Buche steht, gebracht und gesagt wird, wie da schon Theosophie waltet und so weiter, während es gerade darauf ankäme, allerdings ohne Fanatismus, das ganz Fundamentale, dasjenige, was Geisteswissenschaft sein will, wirklich zu fassen, um es hineinstellen zu können in die Kultur der Gegenwart, einzusehen, wie wenig eigentlich der Mensch der Gegenwart dasjenige lieben kann, was Geisteswissenschaft will, weil er auch nur die wenigen Schritte einfach nicht aufbringen kann, die manchmal notwendig werden, um herauszufinden aus der äußersten Frivolität, die heute vielfach das geistige Kulturleben durchzieht. In ernster Stunde auch ernste Betrachtungen anzustellen, scheint doch vielleicht berechtigt zu sein. Denn welche Stunde der Weltgeschichte wäre geeigneter, ernste Betrachtungen anzustellen, als diese Stunde heute, von der man sagen darf, daß im

Verlaufe der Menschheitsentwickelung sich nichts Schrecklicheres, Furchtbareres _ selbstverständlich zugleich als Großes, als Notwendiges — entwickelt hat, welche Stunde sollte geeigneter sein, ernste Töne in unserer Seele zur Wirksamkeit zu bringen, als diese gegenwärtige Stunde! Man braucht sich ja nur vor Augen zu stellen, daß Leute, die es wissen können, ausgerechnet haben, daß bei einem einzigen größeren Gefecht im Juni oder Juli des verflossenen Jahres im nördlichen Teile der Westfront an einem Tag so viel Munition verschossen worden ist, als im ganzen deutsch-französischen Kriege 1870/71 zusammen. Und wahrscheinlich ist bald der Zeitpunkt erreicht — so urteilen einige Leute, die sachverständig sind —, wo in diesen gegenwärtigen Verwickelungen der Welt so viel verschossen worden sein wird an Munition, wie in allen bisherigen Kriegen, seit mit Pulver geschossen wird, zusammen!

Es ist eine ernste Zeit, keine Zeit, die uns erlaubt, hinwegzugehen über dasjenige, was auch geistig als eine große Krise durch die geistige Entwickelung der Menschheit geht, so einschneidend, daß es unverzeihlich wäre, sich nicht in solch ernster Stunde die ganze Bedeutung desjenigen, was geschehen muß für die Menschheitsentwickelung, vor Augen zu stellen, wenn man durch ein Nahekommen in bezug auf die geisteswissenschaftlichen Lehren in der Lage ist, dies zu tun.

Ich wollte dies als eine Art anthroposophisch-literarischer Betrachtung noch an die Rezitationen des heutigen Abends anschließen.

ZWEITER VORTRAG

Berlin, 7. März 1916

Das geistig-seelische Wesen des Menschen

Ich möchte heute, teils zurückkommend auf manches in der letzten Zeit und öfter schon Besprochene, teils manches erweiternd, zunächst einzelne Ausführungen machen über des Menschen Inneres, über des Menschen seelisch-geistiges Wesen. Sie wissen, wir sprechen zunächst von demjenigen Gliede des inneren Menschen, das wir mit einem abstrakten Ausdrucke als den Ätherleib bezeichnen. Und während der physische Leib des Menschen für die äußeren Sinne wahrnehmbar ist, für die äußere Wissenschaft, die an den Verstand und ihre Beobachtungen gebunden ist, zugänglich ist, wissen wir, daß der Ätherleib ein Übersinnliches ist. Ferner sprechen wir von dem nächsten Gliede der menschlichen Wesenheit als dem sogenannten astralischen Leibe. Wir erinnern uns, wie oft wir betont haben, daß man ja nicht sagen kann als Mensch, das Innere des Menschen sei dem Menschen vollständig unbekannt: der Mensch nimmt ja wahr in der physischen Welt innerhalb seines leiblichen Daseins sein Denken, sein Fühlen, sein Wollen. Er erlebt es innerlich, und er erlebt dieses Denken, Fühlen und Wollen durchstrahlt, durchleuchtet von dem Ich. Man kann sagen, dieses Denken, Fühlen und Wollen nimmt der Mensch innerlich wahr. Aber man kann doch nicht sagen — wie Sie sich allmählich zu denken angeeignet haben werden —, daß der Mensch seinen astralischen Leib wirklich wahrnimmt. Und man kann auch nicht einmal sagen, daß er sein Ich wirklich wahrnimmt. Denn dieses Ich — wir haben darauf gerade im Verlaufe der letzten Vorträge aufmerksam gemacht —, von dem der Mensch spricht, das mit jedem Einschlafen in die Unbewußtheit zurückfällt, ist nur ein Bild des wahren und wirklichen Ichs. So daß also in einem gewissen Sinne schon geschlossen werden kann, daß auch mit diesem Ich, mit dem Denken, Fühlen und Wollen, in einer ähnlichen Weise nur ein Ausdruck, eine Offenbarung des eigent-

liehen Inneren des Menschen gegeben ist, wie mit dem physischen Leibe eine Offenbarung, ein Ausdruck des Geistigen gegeben ist, desssen, was wir als den Ätherleib bezeichnen. Nun, der Mensch ist selbstverständlich froh, wenn er über irgendein Wissensgebiet so eine hübsche Einteilung hat, die er so recht, man möchte sagen, in geistige Schachteln packen und aufbewahren kann. Daher sind manche so zufrieden, wenn sie nun das ganz außerordentlich phänomenale Wissen haben, daß der Mensch besteht aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem astralischen Leib, dem Ich. Aber im Grunde genommen hat man — das ist ja auch schon oftmals hier betont worden — mit diesen vier Worten eben nicht viel mehr als Worte, nicht viel mehr als Ausdrücke hat man. Und wenn man zur wirklichen Betrachtung schreitet, dann muß man in einer gewissen Weise immer überschreiten die Grenzen, die durch diese Ausdrücke so leicht festgesetzt werden.

Gewiß, wenn man so im allgemeinen spricht, kann man sagen: Denken, Fühlen und Wollen gehen im astralischen Leibe vor sich. Aber damit ist nur in einer recht einseitigen, recht abstrakten Weise die Tatsache des Denkens erschöpft. So, wie wir als Menschen zunächst in der physischen Welt darinnen stehen, so ist allerdings der Impuls zu unserem Denken im astralischen Leibe, sogar im Ich, gegeben. Aber das Denken entwickelt sich als Vorstellung, als Gedanke nur dadurch, daß wir den beweglichen Ätherleib haben. Hier, als physische Menschen, würde unser ganzes Denken unbewußt bleiben, wenn nicht der astralische Leib seine Impulse, seine Denkimpulse in den Ätherleib hinein senden würde und der Ätherleib in seiner Beweglichkeit eben aufnehmen würde die Denkimpulse des astralischen Leibes. Und jeder Gedanke wiederum würde einfach vorübergehen, ohne daß eine Erinnerung bliebe, wenn wir nicht einen physischen Leib hätten. Man kann nicht sagen, daß der physische Leib der Träger des Gedächtnisses ist; das ist schon der Ätherleib. Aber für uns Menschen im physischen Leibe würde dasjenige, was im Ätherleib vorhanden bleibt von unserem Denken, verfließen, wie die Träume verfließen, wenn es sich nicht eingraben könnte in die physische Materie des physischen Leibes. So daß un-

sere Gedanken hier im physischen Leibe sich behaupten können dadurch, daß wir eben diesen physischen Leib haben.

Sie sehen also, was für ein komplizierter Prozeß dieses Denken eigentlich schon ist. Es hat seine Impulse im astralischen Leibe, eigentlich schon im Ich. Diese Impulse setzen sich als Kräfte in den Ätherleib hinein fort, rufen da die Gedanken hervor, und die Gedanken graben wiederum ihre Spuren in den physischen Leib ein. Und dadurch, daß sie eingegraben sind, können sie immer wiederum aus der Erinnerung während des physischen Lebens herausgeholt werden.

Nun betrachten Sie noch einmal dasjenige — wir haben ja schon von der Sache öfter hier gesprochen —, was eigentlich die Erinnerung für den Menschen hier im physischen Leibe ist. Nicht wahr, der Mensch hat Erlebnisse. Diese Erlebnisse verarbeitet er. Er geht dann von diesen Erlebnissen hinweg. Es kommt eine Zeit, wo solche Erlebnisse sich so verhalten können zu uns Menschen, als ob wir gar nichts von ihnen wüßten, als ob sie in gar keinem Verhältnisse mehr zu uns stünden. Dann aber kommt wieder die Zeit, wo wir aus un-serm Innern die Vorstellungen an solche Erlebnisse heraufholen. Wir vergegenständlichen uns dann in Erinnerungsform dasjenige, was wir erlebt haben.

Nun sehen Sie, zunächst muß der Mensch mit Recht glauben: Dieser Vorgang der Erinnerung gehört ihm, der gehört seiner Seele. Wenn wir als Mensch durch die Straßen gehen, in Gesellschaften gehen, kann uns ja keiner zunächst mit äußeren, physischen Sinnesorganen ansehen, was wir in uns für Erinnerungen bergen, das heißt was wir für Erlebnisse gehabt haben. Das tragen wir in unserer Seele. Ich möchte sagen, die Hülle des physischen Leibes, sie ist so da, daß wir in unserer Seele verhüllt, wie in dem Mantel des physischen Leibes, aufbewahren unsere Erinnerungen. Sie gehören uns, und durch das ganze Leben hindurch arbeiten wir so an uns. Wir machen gewissermaßen die Außenwelt zu unserer inneren Welt. Wir tragen dann diese Außenwelt in der Form der Erinnerungen mit uns durch das Dasein. Als unser ureigenstes Eigentum tragen wir diese Erinnerungen dahin. Nun wäre es ein großer Irrtum, wenn

man glaubte, daß dieses Tragen der Erinnerungen durch das Leben wirklich schon den ganzen Vorgang umfaßte. Das ist nicht der Fall. Es hat Darwin zum Beispiel mit Recht gefallen, einmal zu untersuchen, ob denn solche Tiere wie die Regenwürmer nicht eine besondere Aufgabe haben, und er hat gefunden, daß die Regenwürmer nicht bloß da sind, um sich des Daseins zu erfreuen, sondern daß sie eine sehr bedeutende Aufgabe haben, indem sie zur Fruchtbarkeit des Bodens, den sie durchwühlen, Wesentliches beitragen. Das sind so Dinge, die die Naturwissenschaft gewiß heute zugibt, und das ist ein Boden, auf dem sich die Naturwissenschaft sicher glaubt. Die Naturwissenschaft soll dabei gar nicht getadelt werden, denn von der Naturwissenschaft ist es schön, wenn sie sich auf die einzelnen Dinge einläßt. Nur baut man auch Weltanschauungen auf solche Dinge. Da muß dann selbstverständlich der Spruch in Betracht gezogen werden von dem Mann, der gierig nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn er Regenwürmer findet. Nun aber, ins Geistige gewandt, kann man fragen: Hat denn wirklich diese Tätigkeit des Menschen, durch die er sein ganzes Leben hindurch Erlebnisse zu Gedanken formt und in Erinnerungen bewahrt, für das gesamte Weltall gar keine Bedeutung ? Ist dieser Erinnerungsvorgang wirklich nur ein Vorgang, der in uns sich abspielt?

Der Materialist ist ja darauf angewiesen, zu sagen: Selbstverständlich ist das ein Vorgang, der sich nur in uns abspielt. Mit dem Tode legen wir unsern physischen Leib ins Grab, und dann ist es mit dem, was wir als Erinnerung bewahrt haben, selbstverständlich aus wie mit einer erloschenen Sache. Wir gehen jetzt nicht auf eine solche materialistische Erwiderung ein, wir haben das öfter getan, aber wir wollen auf etwas anderes eingehen. Wir wollen die Frage aufwerfen: Ist denn dieser unser Gedanken- und Erinnerungsvorgang nicht vielleicht noch etwas ganz, ganz anderes als das, was sich da in unserem Erinnern abspielt ? Und so ist es. Während wir denken, wahrend wir uns aus den Erlebnissen Gedanken bilden und diese als Erinnerungen bewahren, während dieser Zeit beschäftigen wir uns nicht bloß mit unseren Gedanken, sondern mit unseren Gedanken beschäftigt sich die ganze Welt der Hierarchien, die wir als die

dritte Hierarchie bezeichnen, als die Hierarchie der Angeloi, Archan-geloi, Archai. Wir denken nicht bloß für uns, wir denken und bewahren unsere Gedanken in unserm Innern auf, damit ein Betätigungsfeld schaffend für Angeloi, Archangeloi, Archai. Während wir glauben, unsere Gedanken lebten nur in uns, beschäftigen sich drei geistige Hierarchien mit unseren Gedanken. Das Wenigste von dem, was wir mit unseren Gedanken vornehmen, ist dasjenige, worauf es ankommt bei unseren Gedanken. Auch während wir die Gedanken vergessen haben, die wir später wiederum aus der Erinnerung hervorrufen, sind sie in uns. Und ebenso, wie wir uns als Menschen mit unseren Maschinen auf der Erde befassen oder mit Essen und Trinken, so beschäftigen sich Angeloi, Archangeloi und Archai mit einem Gewebe, das aus unseren Gedanken geflochten, gesponnen, gebildet wird; die arbeiten fortwährend an diesen unseren Gedanken. Es ist also nur die uns zugewendete Seite der Gedankentätigkeit, von der wir wissen. Es gibt dazu eine uns abgewendete Seite, und diese uns abgewendete Seite sieht sich für das geistige Anschauen so an, daß wir sehen: Während wir da unsere Gedanken in unserem Innern haben, beschäftigen sich von außen her die genannten geistigen Wesenheiten mit unseren Gedanken und weben sie, so daß wir, wenn wir diese Erkenntnis erlangen, uns sagen können: Unser Denkvorgang ist wahrhaftig nicht etwas Unnötiges in der Welt, unser Denkvorgang ist nicht etwas bloß für uns, unser Denkvorgang steht drinnen in der ganzen Weitenentwickelung und trägt bei, daß Neues immerfort einverwoben wird der Weitenentwickelung. Wenn wir nicht als einzelner geboren wären, gedacht hätten, Erinnerungen bewahrt hätten, so würde bei unserem Tode das Stück, das gewoben werden kann aus unseren Gedanken, das wir nicht selber weben, für die Weitenentwickelung verloren sein. Und wenn wir dann durch die Pforte des Todes gehen — den elementarischen Vorgang haben wir ja öfter beschrieben —, wir wissen: Unsern physischen Leib legen wir ab, der wird den Elementen der Erde auf irgendeine Weise übergeben. Unser Ätherleib bleibt uns noch eine kurze Zeit. Für unser Inneres stellt er sich zunächst so dar, daß er ein großes Lebenstableau vor uns aufrollt. Alles das-

jenige, dessen wir sonst in der Zeit uns erinnern, das wird gleichzeitig wie in einem gewaltigen Panorama um uns herum aufgestellt in einem mächtigen Lebenstableau. Dann aber wird unser ätherisches Wesen von uns losgelöst, es wird gleichsam aus uns herausgezogen. Wer tut denn das? Ja, das tun schon die Wesenheiten der drei genannten Hierarchien, und die weben es allmählich dem Weltenäther ein, so daß dieses Gewebe des Weltenäthers nach unserm Tode aus dem besteht, was wir während unseres Lebens zwischen Geburt und Tod hinzugefügt haben und was verarbeitet worden ist von den Wesen der drei nächsthöheren Hierarchien. Hinweggenommen von uns wird also dasjenige, was wir so hinzuverwoben haben zu dem, was vor unserer Geburt noch nicht da war, und einverwoben wird es dem ganzen Weltall. Die Erkenntnis davon hat jeder Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Denn für den Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, tritt ja jetzt etwas ein, was wir nicht anders bezeichnen können als mit den folgenden Worten. — Sehen Sie, der Ätherleib des Menschen ist losgelöst worden von ihm, sein ätherisches Gewebe ist dem allgemeinen Weltenäther einverwoben worden, dasjenige, was er Zeit seines Lebens in sich getragen hat, das ist jetzt draußen; das ist wichtig. Und derjenige, der solche Dinge kennt, bezeichnet das mit einem kurzen Worte, das man sich immer wieder und wieder meditativ vor die Seele rufen soll, denn es bezeichnet kurz einen wichtigen und wesentlichen Vorgang. — Man kann sagen: Das Innere wird ein Äußeres, das heißt, dasjenige, was wir immer gefühlt haben als ein Inneres, als unser Gedankenleben, wird ein Äußeres, wird Außenwelt. So wahr uns hier umgeben Flüsse und Berge und Bäume und Wolken und Sterne, so wahr tritt etwas ein nach unserem Tode, was man so charakterisieren kann: Das, was Zeit unseres physischen Lebens in uns gelebt hat, ist nun ein Stück Außenwelt geworden, so daß es von uns angeschaut werden, von uns betrachtet werden kann. Aber nun haben wir außer diesem Ätherleibe die Welt unseres astralischen Leibes. Die Welt unseres astralischen Leibes kommt uns zunächst so zum Bewußtsein, daß wir sie fühlen als Denken. Aber das Denken habe ich ja gerade charakterisiert, das sendet seine Im-

pulse in den Ätherleib hinab, so daß im astralischen Leib das Denken selber nicht bewußt werden kann. Erst das Fühlen und Wollen kann im Astralleibe bewußt werden. Unser ganzes Leben fühlen und wollen wir wiederum. Wir hegen über gewisse Erlebnisse gewisse Empfindungen. Das sind Vorgänge in unserem astralischen Leibe. Das ist wiederum sein eigenartiges Weben, aber jetzt nicht ein Weben in Gedanken, wie ich es vorher beschrieben habe, sondern ein Weben in Empfindungs- und Willensimpulsen, Antrieben zum Willen. Auch an dem, was wir das ganze Leben hindurch fühlen und als Willensantriebe haben, auch daran arbeiten höhere Wesenheiten, auch das ist das Arbeitsfeld für höhere Wesenheiten. Wie an unserem Denken die Wesenheiten der dritten Hierarchie arbeiten, so arbeiten an unserem Fühlen und an unseren Willensimpulsen die Wesenheiten der zweiten Hierarchie, einschließlich sogar der Throne.

Denken Sie, wie wir in der Welt stehen, wenn wir diese Dinge wissen, wie wir uns hineinversetzt fühlen in die geistige Welt. Wir sagen uns auf der einen Seite: Du Mensch, du gehst denkend durch die Welt, aber dein Denken, indem es dir seine innere Seite zuwendet, das ist nur die eine Seite des Denkens. Dasjenige, was du denkst, ist Stoff für die Arbeit der Angeloi, der Archangeloi, der Archai. Und indem wir fühlen und wollen, schaffen wir Stoff für die Geister der Form, die Geister der Bewegung, die Geister der Weisheit, die Throne oder Geister des Willens. Wie der Mensch die Erde umgräbt und bearbeitet und auch nicht weiß, während er die Erde bearbeitet, daß er nur die eine Seite bearbeitet, daß dann an der anderen Seite wesentliche Vorgänge sind, wie er mit dem normalen Bewußtsein das nicht weiß, so glaubt der Mensch, seine Gefühle, seine Willensimpulse seien bloß seine eigenen. Aber ein Feld sind sie für die Arbeit der genannten Wesen der höheren Hierarchie. Wir sind wahrhaftig nicht bloß als physischer Leib so da, daß dieser unser physischer Leib mit der Umgebung in Verbindung steht, sondern wir sind auch als seelisch-geistiges Wesen so da, daß dieses seelisch-geistige Wesen mit der Umgebung in Verbindung steht. Man denkt ja gewöhnlich nicht daran, wie auch unser

physischer Leib zu der ganzen Umgebung gehört. Aber das ist leicht vorzustellen. Nicht wahr, in irgendeinem Augenblicke, wenn Sie sich selber sich körperlich vorstellen, so haben Sie nicht bloß Knochen, Blut und Muskeln und so weiter, sondern Sie haben auch einen gewissen Luftstrom in sich, den Sie eben eingeatmet haben und den Sie gleich wieder ausatmen werden. Der gehört, während Sie eingeatmet haben, zu Ihnen. Der war im vorigen Augenblicke außer Ihnen, im nächsten Augenblicke ist er wieder außer Ihnen. Denken Sie sich ohne diesen Luftstrom! Es ist unmöglich, sich ohne ihn zu denken, er gehört zu uns dazu. Es ist schon unsinnig, auch nur den physischen Leib so zu denken, als ob er nur in der Haut eingeschlossen wäre, während er ja darauf angewiesen ist, mit der ganzen Luftumgebung zu leben. Aber ebenso, wie wir durch unseren physischen Leib mit der Luftumgebung und mit der Wärmeumgebung leben, ebenso leben wir durch unsere Gedanken mit der Umgebung der Hierarchie der dritten Ordnung, und wir leben durch unsere Gefühle und unsere Willensimpulse mit den Wesenheiten der Hierarchie der zweiten Ordnung und mit den Geistern des Willens. So stehen wir im Weltenall drinnen.

Wenden wir das wiederum an auf den Durchgang durch die Todespforte, dann können wir sagen: Wenn der Mensch durch die Todespforte durchgeht, so wissen wir, daß, wenn sein ätherischer Leib dann weggenommen ist von ihm, wenn die Einverwebung beginnt in den allgemeinen Weltenäther, er ja dann sein physisches Leben in einer Zeit, die dreimal so schnell verlebt wird wie das physische Leben zwischen Geburt und Tod, zurückzuleben hat, indem er die Wirkungen davon wahrnimmt. Also dasjenige, was wir in uns erlebt haben während unseres physischen Lebens, das nehmen wir dann nicht wahr; das haben wir hier im physischen Leben wahrgenommen. Wenn wir jemandem eine Beleidigung zugefügt haben: Das Gefühl, aus dem wir die Beleidigung getan haben, das haben wir hier im physischen Leben durchlebt, das steht als Ursache da und trägt sich in das Karma ein. Was wir nicht erlebt haben hier im physischen Leben, das ist der Eindruck, den die Beleidigung auf die andere Seele gemacht hat. Wir erleben hier überhaupt nicht das-

jenige, was unsere Taten, unsere Handlungen, unsere Gedanken für Wirkungen in der äußeren Welt machen. Hier im physischen Leben erleben wir das nicht, das erleben wir jetzt bei der Rückwärtswanderung in der Zeit vom Tode bis zu der Geburt. Da leben wir alles, was draußen ist, durch, nicht so, wie es von uns erlebt worden ist, sondern so, wie es von der Außenwelt erlebt worden ist, mit der wir zusammen waren. Wirklich alles dasjenige, was die Menschen empfunden haben durch unsere Gedanken, durch unsere Worte, wir erleben es durch. Und das ist deshalb, weil jetzt das Äußere ein Inneres werden muß. Mit unseren Gedanken, haben wir sagen können, ist es so, daß das Innere ein Äußeres wird. Bei diesem Leben jetzt ist es so, daß das Äußere, die Wirkungen unserer Gedanken, unserer Taten im Leben, ein Inneres wird, das heißt ein innerlich Erlebtes, ein vom Geistmenschen nach dem Tode Erlebtes. Denn er muß sich ja jetzt in die Welt einleben, in der er unbewußt während der Zeit seines Lebens lebt, indem er einen astralischen Leib hat und die Geister der zweiten Hierarchie an seinem astralischen Leibe arbeiten, er muß sich jetzt in die Welt einleben, in der es eben so zugeht, daß sein astraüscher Leib allmählich sich auflöst in dem Äußeren, aber er das Äußere jetzt innerlich durchlebt, richtig innerlich durchlebt. Er muß lernen, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in der Sphäre zu arbeiten, in der die Geister der zweiten Hierarchie arbeiten, in der sie dasjenige vorbereiten, was ihn dann wiederum zu einer neuen Inkarnation führen kann. Und dann, wissen wir ja, wird der astralische Leib nach einiger Zeit eben so, daß er sich verflüchtigt in die äußere Welt und der Mensch mit seinem eigentlichen Inneren in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt weiterlebt.

Nun, wenn wir verstehen wollen einiges von diesem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, so müssen wir immer viele Gesichtspunkte geltend machen. Das ist ja überhaupt unser Ziel, nicht einseitig zu sein, sondern viele Gesichtspunkte geltend zu machen, so daß allmählich sich ein umfassendes Verständnis dieser Vorgänge eröffnen kann. Fassen Sie also ins Auge: So, wie der Mensch durch seine Geburt eintritt in die Naturvorgänge, die um ihn herum vorgehen im Mineralreich, Pflanzen-, Tierreich, so tritt er

in die Welt ein, die um ihn vorgeht durch die Wesenheiten der genannten Hierarchien. Er ist gewissermaßen eingefaltet in deren Tätigkeit, und dasjenige, was er ihnen mitgebracht hat, das weben sie zusammen, so daß es die Grundlage werden kann zu seiner nächsten Inkarnation.

Sehen Sie, auf diesem Gebiete ist es, ich möchte sagen, besonders schwierig, der Gegenwart richtige Begriffe zu geben, aus Gründen, die ja auch schon öfter dargelegt worden sind. Die Gegenwart arbeitet gerade mit den verkehrtesten Begriffen auf diesem Gebiete. Wenn ein Mensch durch die Geburt ins physische Dasein tritt, so tritt er ja mit gewissen Eigenschaften in dieses physische Dasein, Die Gegenwart bestrebt sich, bloß von Vererbung zu sprechen, und meint die physische Vererbung, und man spricht so von dieser physischen Vererbung, daß man sagt: Ein Mensch zeigt diese oder jene Eigenschaften, man muß also diese oder jene Eigenschaften bei den Vorfahren suchen. Es gibt zum Beispiel heute ein sehr fleißig gearbeitetes Buch über Goethe, worinnen Goethes Eigenschaften so dargestellt werden, daß, soweit man nur hinaufgehen kann, man das eine, was er hatte, sucht bei diesen Vorfahren, das andere bei jenen Vorfahren, bei einer Ur-Urgroßmutter das, bei einem Ur-Urgroß-vater jenes, und so habe sich alles vererbt. — Ich habe schon öfter gesagt: Eine Weisheit ist das, die man bildlich veranschaulichen kann dadurch, daß man zeigt, wie billig sie eben zu haben ist. Denn es ist nicht gescheiter, zu sagen, daß das Kind die Eigenschaften der Eltern hat, als zu sagen, daß ein Mensch naß ist, wenn er ins Wasser gefallen ist und herausgezogen wird. Er hat das Wasser selbstverständlich an sich, wenn er herausgezogen wird. So hat er die Eigenschaften seiner Vorfahren an sich, weil er durch sie seine Seele durchgeleitet hat. Es ist keine größere Weisheit darinnen. Und so auf Ursachen zurückzuschließen, das für logisch zu erklären, ist nun schließlich das Allerunlogischste, das man nur irgendwie machen kann: Man will beweisen, daß sich die seelisch-geistigen Eigenschaften vererben, indem man zeigt, ein Genie wie Goethe habe die gleichen Eigenschaften, wie seine Vorfahren sie gehabt haben. Aber, wie gesagt, das ist nicht gescheiter als die Behauptung, daß ein

Mensch naß ist, wenn er ins Wasser gefallen ist. Beweisen, daß das Genie und die genialischen Eigenschaf ten mit der Vererbung etwas zu tun haben, würde man, wenn man die Nachkommen des Genies aufweisen und an ihnen zeigen würde, wie sich die Eigenschaften des Genies auf die Nachkommen vererbt haben. Das würde ein Beweis sein. Das wird man aber wohl bleiben lassen. Man wird zum Beispiel nicht gerade darauf ausgehen, zu zeigen, wie sich in Goethes Sohn die genialischen Eigenschaften seines Vaters vererbt haben, nicht wahr? Gewiß, manchmal kann es ja vorkommen, daß man wie mit Fingern auf solche Dinge hindeutet. Es gibt da in der europäischen Welt gegenwärtig einen Staatsmann, der der Sohn eines Vaters ist, der auch ein Staatsmann war. Da kann man sagen, da haben sich die genialischen Eigenschaften des Staatsmannes vom Vater auf den Sohn vererbt. Aber es könnte die Lösung auch darinnen bestehen, daß sie alle beide keine Genies waren!

Der Sache selbst Hegt ein viel, viel tieferer Vorgang zugrunde. Sehen Sie, das wollen die Menschen ja durchaus nicht anerkennen in unserer Zeit, daß dasjenige, was äußerlich geschieht, eben nur die Außenseite zeigt von Vorgängen, die zugleich innerlich sind, von Vorgängen, die aus dem Geistigen herausfließen. Und was gesagt werden soll, machen wir uns einmal durch folgenden hypothetischen Vergleich anschaulich. Nehmen wir an, es gäbe Wesen, welche zwar einen gewissen Verstand hätten, aber keine Anlagen, die Menschen zu sehen. Das ist selbstverständlich durchaus eine Hypothese, aber Sie können ja einmal annehmen, daß es Wesen gäbe, die alles sehen, nur nicht Menschen. Solche Wesen sähen zum Beispiel Uhren. Also denken Sie sich einmal ein Wesen, das keinen Menschen sieht und die Tätigkeit der Menschen nicht sieht, das würde durch Berlin gehen und sehen, wie überall Uhren entstehen würden. Das Wesen müßte sich selbstverständlich sagen: Die Uhren entstehen ganz von selber. Nicht gescheiter, als ein solches Wesen, das schließen würde, die Uhren entstehen von selber, ist der Mensch, der sagt: Man braucht ja nicht weiter zu erklären, warum Menschen physisch in die Welt hereinkommen, das geschieht ganz von selber im Laufe der Fortpflanzung, im Laufe der Generationen. — So kann

nur gedacht werden, weil die Menschen nicht sehen, daß das, was hier in der physischen Weit geschieht, nur der äußere Ausdruck ist für eine Tätigkeit, die fortwährend aus der geistigen Welt herunterfließt, so wie die Tätigkeit der Uhrmacher in die Uhren hineinfließt. Wenn es zum Beispiel eigens eine Wissenschaft gäbe vielleicht der Maulwürfe, so könnten diese schon zu der Anschauung kommen, daß die Uhren von selber entstünden, wenn die Maulwürfe so intelligent wären, die Uhren als so etwas anzusehen, was durch Intelligenz geschaffen ist.

Dasjenige aber, was sich hier auf der Erde vollzieht, wovon die Menschen in ihrer Torheit glauben, es geschähe ganz von selbst, es sei nur ein äußerlicher physischer Vorgang, das wird dirigiert, gerade so wie die Uhrmachertätigkeit eine dirigierende ist, aus der geistigen Welt. Und wirklich, von dem Moment an, den ich im vierten Mysteriendrama genannt habe die Mitternachtsstunde des Daseins, von dem Moment an, der mitten drinnen eigentlich schon liegt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, von da ab beginnt bereits die Tätigkeit, von der geistigen Welt gewissermaßen sich herabzuneigen in die physische Welt, um nach Jahrhunderten den Menschen ins physische Dasein wieder zu geleiten. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, ist zunächst die Tätigkeit, die in der geistigen Welt ausgeübt wird, ein Verarbeiten desjenigen, was im letzten Leben hier vom Menschen erlebt, erarbeitet worden ist. Das geschieht so in der ersten Hälfte. Aber von der Hälfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt an beginnt schon die Vorbereitung für die nächste Inkarnation. Und nun ist es wirklich so, daß man sich vorstellen kann: Derjenige, der geboren wird, hat Eltern, die Eltern haben wieder Eltern, diese Eltern haben wieder Eltern. Denken Sie sich, wie das durch die Breite hinaufgeht, wenn Sie durch dreißig Generationen gehen. Aber wenn Sie so durch dreißig Generationen hindurchgehen würden, so würden Sie finden, daß gewissermaßen in vielen Leuten schon die Tendenzen liegen, die zuletzt dazu führen, daß der Mann A und die Frau B zusammengebracht werden, die dann einem Menschen das Dasein geben. Und wenn nicht das Ganze so stattgefunden hätte durch dreißig Genera-

tionen hindurch, wenn nicht da die Leute immer so geheiratet hätten, daß zuletzt der A und die B zusammengekommen wären, so würde eben nicht jene Zweiheit sich ausgebildet haben, die dann der Mensch aufsuchen kann, der hinuntersteigt zu einer physischen Inkarnation. An diesem ganzen Zusammenwirken vieler Menschen, die zuletzt in den zweien ausgipfeln, da arbeitet schon die geistige Welt mit nach dem, was die einzelne Individualität des Menschen ist. Wenn wir also sehen, daß der Sohn die Eigenschaft seines Vaters, seiner Mutter hat, dann wiederum die Mutter und der Vater auf Eigenschaften zurückführen von Großvater und Großmutter, Urgroßvater, Urgroßmutter und so weiter, so ist das deshalb, weil sich zu dem Ur-Ur-Urgroßvater und der Ur-Ur-Urgroßmutter, die dreißig Generationen nach aufwärts, etwa schon niedergeneigt hat diejenige Individualität, die dann später, nach Jahrhunderten, geboren werden will und bestimmt hat den Plan, nach dem durch Generationen hindurch die Menschen sich finden. Das wirkt alles schon mit. Und daß da vererbte Ähnlichkeiten sind, das rührt davon her, daß durch dreißig Generationen schon die Kraft herunterwirkt durch die geistige Welt, die zuletzt in einem bestimmten Menschen zum Vorschein kommen will; die wirkt schon in Vater, Mutter, Großvater, Großmutter, Urgroßvater, Urgroßmutter. Da wirkt sie schon immer und gibt einem zuletzt die Eigenschaften, die zum Vorschein kommen sollen. Nicht die physische Strömung macht die Vererbung, sondern der physischen Strömung wird die Vererbung auf diese Weise eingefügt. Gerade das Umgekehrte ist wahr von dem, was in bezug auf die physische Vererbung von der äußeren, sogenannten naturwissenschaftlichen Weltanschauung behauptet wird. Damit zuletzt Goethe zum Vorschein gekommen ist durch den Johann Kaspar Goethe und die Frau Rat Aja, wurden die Menschen immer schon von den Wesenheiten der zweiten Hierarchie durch dreißig Generationen so zusammengeführt, daß das zuletzt zu Goethe führen konnte. Das gilt natürlich nicht nur für das Genie, das gilt für jeden einzelnen. Sie können sagen: Das ist schwer vorzustellen, und Sie können auch fragen, wie verträgt sich das mit der menschlichen Freiheit, wenn da schon dreißig Generationen, bevor wir herunterkommen,

durchaus bestimmt werden, wie wir dann sein sollen? Ja, aber für unsern Vater war es ebenso und für die Großväter ebenso! Und wenn das jemandem zu kompliziert ist zu denken, dann soll er nur sich noch dazudenken, daß ihm dieses Denken eben für das normale Bewußtsein des Erdendaseins erspart geblieben ist, denn es ist nicht ihm übertragen, sondern in Gemeinsamkeit mit den Geistern der Form, mit den Geistern der Bewegung und so weiter wird dieses bewirkt, so daß die Freiheit gar nicht beeinträchtigt wird. Da gehört natürlich schon jene höhere Weisheit dazu, die diesen Hierarchien entspricht. Aber die Sache ist so.

Und so wird zusammengearbeitet dasjenige, was wir als Gedanken dem Weltenäther übergeben können, mit dem, was wir in unserem Gefühls-, in unserem Willensleben ausleben während unseres physischen Daseins. Wirklich, Geisteswissenschaft soll nicht bloß eine Summe von Wissen in uns anregen, sondern sie soll vor allen Dingen eine gewisse Gemütsstimmung hervorzubringen vermögen. Ich habe versucht, diese Gemütsstimmung in den ersten Partien des zweiten Mysteriums anzudeuten, in der Begegnung zwischen Capesius und Benediktus, wie wirklich zu dem Ziele, daß der Mensch hier als ganzes Menschenwesen auf der Erde leben kann, Götter und Götter, Geister und Geister zusammenwirken, daß der Mensch für Götter und Götter, Geister und Geister ein Ziel ist. Dieses Gefühl, ich möchte sagen der Dankbarkeit dem geistigen Universum gegenüber, dieses Gefühl, sich drinnen zu wissen im geistigen Universum, das muß uns auch durch Geisteswissenschaft in unsere Seele hineinfließen. Es muß uns so natürlich werden, wie dem Menschen natürlich ist, sich in Zusammenhang mit der physischen Welt zu wissen. Darauf achtet er ja gewöhnlich nicht. Aber heute ist die Wissenschaft so weit, daß jeder das Bewußtsein davon hat, daß er die Luft braucht, also daß er nicht bloß für sich leben kann, sondern daß er ein Glied in der ganzen Umgebung ist. Aber wenn er Hunger hat oder Durst hat, dann achtet er schon darauf, daß die Außenwelt seinem Dasein in physischer Weise nötig ist, daß er im Grunde genommen in einem universellen Vorgange drinnen steht in der Außenwelt. So aber steht auch der Mensch in einem universellen

Vorgange in der geistigen Welt drinnen, und indem er zu denken vermag, steht er mit Angeloi, Archangeloi, Archai, indem er zu fühlen und zu wollen versteht, mit der nächsthöheren Hierarchie in einem geistigen Zusammenhange. Wahrhaftig, so wie die Luft, wie die Natur in seinen physischen Leib hereinstreicht, so wirken in sein Geistiges und in seine Seele hinein die Tätigkeiten der genannten Hierarchien.

Die theoretischen Einwände, die von Seiten unserer materialisti-stischen Gegenwart kommen, wir haben sie ja oftmals besprochen. Diese theoretischen Einwände, die sind eben durch Erkenntnisbetrachtungen und dergleichen aus dem Felde zu schlagen. Aber dann kommen ja die Materialisten sehr häufig noch mit der Praxis und sagen: Ja, mag es selbst richtig sein, daß es solch eine geistige Welt gibt, was hilft es uns aber, von dieser geistigen Welt etwas zu wissen, auch wenn du schon sagst, daß das Denken, Fühlen und Wollen mit den höheren Hierarchien in Verbindung steht? Um zu denken, brauchen wir ja nichts zu wissen von diesen Hierarchien. Wir denken ja schon in der Welt, ohne daß wir etwas davon wissen. Der Mensch atmet ja auch, Gott sei Dank, denn wenn er hätte warten müssen, bis er den Vorgang des Atmens theoretisch ganz genau kennen gelernt hätte, könnte er heute noch immer nicht atmen, denn das, was er heute physikalisch, physiologisch weiß vom Atmungsprozeß, würde gar nicht ausreichen, um den Atmungsvorgang zu bewirken. Aber auch ohne daß man die «verschrobene Seite» hat — werden die Leute sagen —, denken kann man schon, ohne von irgendwelchen Hierarchien, die da mitarbeiten, etwas zu wissen.

Wir aber stellen die Gegenfrage: Kann man wirklich denken, ohne daß man das hat ? — Gegenwärtig, sehen Sie, arbeiten die Menschen eben noch mit den Erbgütern der alten Zeit, sie arbeiten wirklich mit dem, was sie geerbt haben, und damit haben sie mancherlei noch erfinden können, sogar so komplizierte Maschinen, wie man sie gegenwärtig zum Menschentöten verwendet und so weiter. Aber das alles ist Erbgut noch aus einer früheren Zeit. Schon daß es Erbgut ist, wollen die Leute natürlich nicht leicht zugeben, denn mancher Mensch — es ist ja ganz merkwürdig in dieser Beziehung —,

der behauptet, daß man es so herrlich weit gebracht habe, meint das im Grunde genommen doch nur deshalb, weil man eingesehen habe, daß alles Denken in der früheren Zeit kindisch war und die Menschen jetzt sich bewußt geworden seien, wie man nüchtern, nicht mehr kindisch denkt. Man könnte heute wirklich schon rein äußerlich, ich möchte sagen, sich überzeugen davon, daß dies ein Unsinn ist, und daß die Menschen dieses Denken, das sie jetzt haben, erst seit ein paar Jahrhunderten haben.

Wir waren da neulich in Hamburg, haben ein Bild aus dem dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert gesehen von dem Meister Bertram. Über dieses Bild mochte ich Ihnen das Folgende erzählen. Gehen wir zurück zu der biblischen Erzählung vom Sündenfall, die wir in der Geisteswissenschaft nennen die luziferische Versuchung. Wenn heute ein Maler der aufgeklärten Zeit den Sündenfall malt, so wird er Adam und Eva malen zu beiden Seiten des Baumes, und dann eine Schlange an den Baum malen, eine Schlange selbstverständlich. Je nachdem er Impressionist oder Kubist oder Expressionist oder irgend ein anderer «Ist» ist, wird er sie mehr oder weniger scheußlich malen — schön malen, meine ich! Aber er wird eine Schlange so malen, wie eine Schlange ist, die im Grase kriecht. Nun ja, das ist Realismus. Ist es denn wirklich Realismus? Es ist nicht eigentlich Realismus; denn wie soll man denn als realistischer Mensch voraussetzen, daß diese Schlange, die da im Grase herumkriecht, es fertig gebracht habe, die Eva, mag sie noch so einfältig gewesen sein — was sie gar nicht gewesen sein soll —, zu verführen? Ich denke, es gibt keine so einfältige Frau, daß sie sich von einer bloß im Grase schleichenden Schlange verführen lassen würde. Nicht wahr, das geht doch nicht! Also naturalistisch ist die Sache nicht gerade. Wir wissen aus unserer Geisteswissenschaft, daß Luzifer ein Wesen ist, das auf der Mondenentwickelung stehen geblieben ist. Luzifer kann also selbstverständlich, da während der Mondenentwickelung noch nicht so gesehen worden ist wie hier während der Erdenentwickelung, nicht mit physischem Auge gesehen werden. Das kann keine Schlange sein, die mit physischem Auge gesehen wird. Er muß innerlich gesehen werden, Luzifer.

Sehen Sie, wenn wir den Menschen genauer studieren — Sie können es an jedem Skelett —, so gliedert sich deutlich schon das Skelett aus zwei Teilen: aus dem Schädel mit dem daran anhängenden Rückgrat — natürlich ist das nicht Skelett, es ist das Hirn darinnen, und das Rückenmark im Rückgrat —, und daran ist wie angehängt das andere des Menschen. Es ist ja wirklich kaum anders zu nennen als angehängt. Das ist aus dem Grunde — wir werden auch darüber einmal ausführlicher sprechen —, weil das, was wir als Haupt an uns tragen, wirklich ein sehr kompliziertes Gebilde ist. Das ist eine richtige kleine Weltkugel. Da muß man auch sagen: Gott sei Dank, daß der Mensch durch seine Weisheit nichts beizutragen hat zu der Geburt, und daß dieses Haupt zustande kommen kann. Denn das würde schön ausschauen, wenn er durch seine jetzige Anatomie oder Physiologie irgend etwas dazu beitragen sollte, daß dieser Wunderbau des menschlichen Hauptes zustande komme. Das kommt auf ganz andere Weise zustande, es kommt dadurch zustande, daß während der Zeit vom Tode bis zu einer neuen Geburt wie in einer gewaltigen Sphäre, die wir vergleichen können mit unserer blauen Himmelssphäre, das, was in unserem Karma geschrieben ist, verwoben wird und eine ganze Anordnung getroffen wird, die dann, indem es gegen die Inkarnation zu geht, immer kleiner und kleiner wird und sich dann mit dem, was von der Mutter kommt, vereinigt. Aus dem ganzen Weltall heraus wird gewoben durch unzählige Wesen vieler Hierarchien das, was dann unser Haupt wird, was eine Weisheit von ungeheuerster Größe und ungeheuerstem Umfang in sich schließt, eine Weisheit, die aufgebaut ist auf all den Erfahrungen, die durch Saturn, Sonne und Mond gewonnen worden ist. Und das, was daran hängt, das ist Erdenerzeugnis. Unser Haupt ist eigentlich Erbstück von Saturn, Sonne und Mond. Die Erde mit ihren Kräften hat nur das zustande bringen können, was daran hängt. Der andere Mensch, nicht das Haupt mit dem Rückenmark, sondern was daran hängt, das ist eigentlich der Erdenmensch.

Wie wird man denn nun, wenn man, innerlich geschaut, den Luzifer darstellen will, also eigentlich ein Mondenwesen darstellen müssen ? Man wird ein menschliches Haupt darzustellen haben und

etwas wie schlangenförmig daran hängend: das noch nicht verknöcherte Rückgrat. So stellt jener Meister Bertram aus dem dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert den Luzifer dar auf dem Baum zwischen Adam und Eva. Im Hamburger Museum können Sie das Bild so dargestellt sehen. Würden die Menschen heute denken können, so würden sie sich sagen: Der Maler hat das gemalt, also war dazumal noch lebendig das Wissen von der geistigen Welt. Bis zu dem Wissen von der Gestalt des Luzifer war lebendig das Wissen von der geistigen Welt.

So kurz ist es her, daß das, was wir altererbtes, atavistisches Hellsehen nennen, verloren gegangen ist für die Menschen. Aber das Denken, das ist ja nicht sehr verbreitet heute. Autorität gilt ja allerdings heute als etwas, was nichts ist, Autoritätsgefühl darf heute der freie Mensch nicht haben. Heute denkt man über alles nach, heute hat jeder seine eigenen Meinungen. Meist bedeutet allerdings die eigene Meinung haben nichts weiter, als daß man vergessen hat, in welcher Broschüre oder gar in welcher Zeitung man die betreffende Meinung gelesen hat, nicht wahr? Das hat man vergessen, und dann ist es eine eigene Meinung geworden, wenn man das vergessen hat. Würde man aber denken, würde man die Dinge zusammenhalten, dann würde man aus einer solchen Tatsache, daß ein Maler des dreizehnten, vierzehnten Jahrhunderts den Luzifer richtig malt, wissen, was die Menschen vor wenigen Jahrhunderten noch gewußt haben, und wie sie sich wiederum zu diesem Wissen hindurchringen müssen.

Ich möchte noch von einer anderen Seite das Thema betrachten, damit wir sehen, wie es mit der Behauptung der materialistisch gesinnten Menschheit sich verhält, daß man das alles nicht braucht, was da hereinkommt aus der geistigen Welt und sich unseres Denkens und Fühlens so bemächtigt, wie die Luft unseres Atmens, wie die Nahrung unseres Hungers und Durstes. Ja, wenn man durchaus diese Behauptung aufrecht erhalten will, daß man das alles nicht braucht, dann könnte man sagen: Gerade unter dem Einflüsse dieser Anschauungen sind ja gewisse materialistische Lehren heraufgezogen, die ganz unwiderleglich sind. Öfter schon habe ich den bedeu-

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