Rudolf steiner gesamtausgabe




НазваниеRudolf steiner gesamtausgabe
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Christian Morgenstern, er hat gerade diese Fußwaschung in ein schönes Gedicht gebracht. Dasjenige, was vor Jahren eben gesagt wurde im Zusammenhang mit der christlichen Einweihung, haben wir ja in Morgensterns letzter Gedichtsammlung, die nach seinem Tode erschienen ist, und die da heißt: «Wir fanden einen Pfad», in dem schönen Gedichte «Die Fußwaschung» wiedergegeben:

Ich danke dir, du stummer Stein, und neige mich zu dir hernieder: Ich schulde dir mein Pflanzensein.

Ich danke euch, ihr Grund und Flor und bücke mich zu euch hernieder: Ihr halft zum Tiere mir empor.

Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier, und beuge mich zu euch hernieder: Ihr halft mir alle drei zu Mir.

Wir danken dir, du Menschenkind, und lassen fromm uns vor dir nieder: Weil dadurch, daß du bist, wir sind.

Es dankt aus aller Gottheit Ein-und aller Gottheit Vielfalt wieder. In Dank verschlingt sich alles Sein.

Und Christian Morgenstern, der durch Jahre hindurch in unserer Mitte mit seinen Empfindungen gelebt hat, hat in tapferer Weise gerade in diesem seinem letzten Gedichtband sich bekannt zu demjenigen, was durch unsere Weltanschauungsströmung fließt. Soweit also das, was Christian Morgenstern betrifft, der selbstverständlich auch nicht im geringsten etwas kann für das Folgende, das ich nun zu sagen habe.

Denn würde Christian Morgenstern heute als physischer Mensch noch unter uns sein — er ist ja vor zwei Jahren durch die Pforte des Todes gegangen —, er würde heute ganz gewiß noch stärker und tapferer mit seinem ganzen Wesen für unsere Sache eintreten. Aber nun erscheint eine Kritik der Morgensternschen Gedichte. Mancherlei wird in dieser Kritik gesagt, selbstverständlich auch Gutes über Christian Morgenstern; denn man hat ja schon früher gewußt, bevor er gestorben ist, daß er ein bedeutender Dichter ist, warum sollte denn derjenige, der eine solche Kritik jetzt schreibt, das vergessen haben ? Da wird selbstverständlich nichts gesagt davon, wie Christian Morgenstern gerade mit all dem, was durch diesen Gedichtband fließt, ganz innerhalb unserer Strömung steht. Aber etwas anderes wird gesagt: Dieses Gedicht, das ich eben vorgelesen habe, wird angeführt, und über dieses Gedicht wird gesagt, man sehe daran, daß ein Mensch eine Anschauung haben könne, welche das Geistige im Gleichnis und doch wiederum ganz gleichnislos darstelle. Und Folgendes wird über dieses Gedicht gesagt: «In diesen wundersamen Strophen ist kein Bild; aber inmitten der leiblosen, ganz spirituellen Dichtungen wirkt dies Gedicht mit besonderer Kraft, weil das Irdische darin sichtbar wird: in ihm noch sichtbar ist. Wirklichkeithaft erscheint es, angeredet, nicht als Gleichnis. Der Weg des Menschen: gleichsam die früheren, erdischen Stücke; nun wandert er fort, jenseitige Strophen verkünden es. Dies verehrungswürdige Gedicht ist ein diesseitiges Gebild; und, darum vielleicht, für mein Gefühl das größte dieses Buches, das größte, das Morgenstern schuf, und eins der größten Gedichte, welche in der deutschen Lyrik jemals entstanden sind.»

Christian Morgenstern wäre selbstverständlich der erste, der da sagen würde, daß dieses Gedicht niemals aus jenem Geisteszusam-menhange heraus hätte entstehen können, aus dem Ernst Lissauer diese Kritik geschrieben hat, sondern Christian Morgenstern würde selbstverständlich tapfer eintreten dafür, daß dieses Gedicht aus einem ganz anderen Geisteszusammenhange heraus geschrieben ist. — Da haben Sie ein Beispiel, in welcher Lebenslüge wir leben. So werden die Dinge anerkannt, wenn man nicht nötig hat, einzu-

stehen für den Boden, aus dem sie entsprießen, wenn man sich noch vorbehalten kann, solche Dinge für die schönsten Blüten des Geisteslebens zu halten und den Boden, aus dem sie entsprießen, eine Träumerei, eine Phantasterei, eine Schwindelei weiter nennen darf!

Das sind die Dinge, meine lieben Freunde, innerhalb derer wir leben. Wahrhaftig, ich würde Ihnen gerne als Osterbetrachtungen anderes, vielleicht Erbaulicheres noch sagen. Aber unsere Zeiten, unsere blutigen Zeiten, machen notwendig, daß wir es uns so recht in die Seele schreiben, daß wir so recht empfinden, in welcher karmischen Entwickelung wir eigentlich drinnen leben. Ernst sind diese Zeiten, und man muß ein Verständnis haben für den Ernst dieser Zeiten. Das ist schon das etbaulichste Gefühl, das wir uns in diesen Zeiten aneignen können. Und man muß mit offenen Augen die Dinge ansehen. Sehen wir uns Einzelnes an, sehen wir uns zum Beispiel an, was wir täglich, stündlich erleben können von Urteilsfähigkeit, die sich aus der in dem neunzehnten Jahrhundert, in das zwanzigste herein entwickelten Geistfähigkeit ergeben hat. Man kann jeden Tag seine Erfahrungen auf diesem Gebiete machen. Nur einzelne Beispiele seien Ihnen angeführt.

Bald nach Ausbruch des Krieges ist mir immer wieder und wiederum zugeschickt oder auf den Vortragstisch gelegt worden ein Gedicht, von dem behauptet worden ist, daß es im Nachlaß Robert Hamerlings als eine Prophetie der gegenwärtigen Zeit gefunden worden sei. Man brauchte nur ein wenig sich eingelebt zu haben in die Art und Weise der Dichtkunst Robert Hamerlings, um zu wissen, daß auch nicht eine Zeile in diesem Gedichte von Robert Hamerling herrühren könnte. Trotzdem ging durch eine ganze Reihe von Zeitungen immer wieder und wiederum bewundernd die Rede, wie Hamerling vor seinem Tode — er ist ja 1889 gestorben — die gegenwärtige Zeit voraus besungen hat. Mancherlei Geister sind darauf hereingefallen in einer Zeit, in der man sogar schon hat wissen können, daß das Gedicht erschwindelt ist. Ich war erstaunt, wie verhältnismäßig spät erst zum Beispiel Maximilian Harden in der «Zukunft» hereingefallen ist auf dieses Gedicht. Und «schöne» Worte — schön mit Gänsefüßchen — braucht Harden, um zu sagen,

wie man die Muse Robert Hamerlings durch die edlen Verse dieses Gedichtes durchfühle. Vor einigen Tagen nun konnte man hier ein Abendblatt kaufen, da wurde in einem Leitartikel die bittere Pille besprochen, die uns als Osterpille in die gegenwärtige Zeit hereingefallen ist. Und man konnte den Ernst, mit dem das Zeitungsblatt diese Sache besprach, daran ermessen, daß in diesem Leitartikel, wo eine bitter-ernste Angelegenheit besprochen wird, zum Schlüsse wiederum dieses Gedicht «von Robert Hamerling» angeführt wird! Das ist so recht ein Beispiel, wie ernst auch jede andere Zeile zu nehmen ist da, wo solche Urteilskraft oder vielmehr solches Gegenteil von aller Urteilskraft vorhanden ist.

Und heute abend werden sich unzählige Menschen unterrichten aus einem Abendblatte, wie die Verhältnisse in der Schweiz liegen. Schön wird auseinandergesetzt: die Wege der Schweizer. Die Leute werden nun wissen, was die Schweizer eigentlich jetzt für politische, für militärische, für volkswirtschaftliche Nöte haben. Das wird ihnen auseinandergesetzt. Ich möchte einmal wissen, ob selbst diejenigen, die es könnten, die Unterschrift dieses Artikels lesen und ihn danach beurteilen: Max Hochdorf steht darunter — jener Mann, der jenen blöden Artikel geschrieben hat über unsere Sache; ich habe ihn angeführt in einem öffentlichen Vortrage des Architektenhauses. Dieselbe Wahrheitsliebe, die man dort finden kann, wenn er über uns schreibt, sollte man selbstverständlich auch in einem solchen Artikel suchen. Und wenn man solche Schlüsse ziehen würde, dann würde man finden, auf welchem Wege eigentlich heute die Schädel zurechtgehämmert werden, um die Zeit zu beurteilen, welche Stumpfheit und Gedankenlosigkeit im Leben der Menschen ist, die sich einhämmern lassen ein Urteil über die Zeit und über dasjenige, was in der Zeit wirkt und lebt. Vergleichen muß man, überall nachgehen, dann wird man sehen, wie wertlos alles dasjenige ist, was heute aus der Zeitbildung heraus und aus den Zeitverhältnissen heraus in die Menschenschädel hineingehämmert wird.

Gar mancherlei wird da hineingehämmert. Man sollte glauben, daß heute wenigstens ein elementarisches Verständnis vorhanden sein könnte für jenen Fortschritt, den wir gemacht haben in Europa

und im Abendlande überhaupt, indem wir übergegangen sind von den gewiß höchst verehrten, ja vielleicht sogar in eine Urweisheit hineinragenden germanisch-mythischen Göttern in das Christentum. Man sollte glauben, daß dafür wenigstens ein elementarisches Verständnis vorhanden sein könnte. Dennoch findet man in einer Zeitschrift, die eben jetzt erschienen ist, über die Tatsache, daß sich das alte Germanentum in das Christentum hineingefunden hat, folgendes Bedauern ausgesprochen:

«Der Zwiespalt unseres Denkens, in den wir Deutsche durch die Einführung der christlichen Religion gekommen sind, war für unsere Ahnen nicht vorhanden. Ihre Welt- und Lebensanschauung kannte den Kampf in der Natur als das ewige Gesetz des Lebens; er erschien als das Natürliche; so wie der Kampf des Lichts gegen die Finsternis, dauert ewig der Kampf der Lichtsöhne gegen die Kinder der Finsternis, der Guten gegen die Schlechten. Sie wußten, daß ihre Götter nur Bilder waren» — denken Sie nur: solches Blech! — «unter denen sie die Erscheinungswelt auffaßten; die Welt ihres Glaubens und ihrer Sache war zugleich die ihrer Poesie» — nun, dabei leckt er sich natürlich die Finger ab, weil er so gescheit ist! —

«Sind wir heute wirklich über sie hinausgekommen ? Ich fürchte

nein; und die Schwierigkeiten der Altgläubigen, die Probleme des gegenwärtigen furchtbaren Weltgeschehens zu lösen, zeigen uns nur, daß die starken Wurzeln unserer Kraft in der heroischen Welt-und Lebensansicht unserer Ahnen liegen.»

Also möglichst schnell Wiedereinführung des Wotan- und des Thordienstes? Es ist allerdings eine Zeitschrift, in der auch einstmals die schmählichsten Angriffe gerade gegen unsere Sache erschienen sind. Es ist den Menschen schon heute nicht gestattet, sich einzuschließen in die Sehsphäre, die zwischen gewissen Scheuledern liegt und dann zwischen diesen Scheuledern allerlei Weltanschauungsprinzipien geltend zu machen. Was wird alles als Weltanschauungsprinzipien heute hoch verehrt! Ja, da macht man seine sonderbaren Erfahrungen. Und ganz frei, meine lieben Freunde, ist ja keineswegs diejenige Weltanschauung, die man so trivial die «theo-sophische» nennt, von dem Teilnehmen an diesem, sagen wir, all-

gemeinen Dusel. Dieser allgemeine Dusel ist eigentlich recht groß. Das mannigfaltigste Überhandnehmen dieses oder jenes Triebes, der durch das Überwuchern eines Teiles des Ätherleibes bewirkt wird — jetzt können Sie sich ja nach dieser Schilderung, die ich heute gegeben habe, das vorstellen —, das kommt zum Vorschein. Nicht wahr, Hochmut zum Beispiel, das ist ja etwas, was durch unser ganzes gegenwärtiges Schrifttum geht. Jeder läßt sich anmerken, wie bedeutend er eigentlich ist. Ohne das kann man ja heute schon fast gar nicht mehr schreiben, als daß sich die Leute anmerken lassen, wie bedeutend sie eigentlich sind. Ich habe oftmals gesagt: Darin besteht ein Teil der esoterischen Entwickelung, daß man einen Unsinn nicht bloß logisch als einen Unsinn empfindet, sondern daß man körperlichen Schmerz dabei empfinden kann. Diesen körperlichen Schmerz, der einen fast bis zur Verzweiflung bringen könnte, man kann ihn heute wahrhaftig recht, recht häufig spüren, wenn man dies oder jenes, sonst vielleicht ganz gescheite Dinge, durchliest.

Dafür ein kleines Beispiel: Da habe ich ein Büchelchen, über den Inhalt will ich weiter nicht sprechen. Der Verfasser ist Thomas Mann, einer derjenigen, die heute von vielen als die erleuchtetsten Geister angesehen werden. Er spricht auch über die Art und Weise, wie man den gegenwärtigen Krieg in seinen Ursachen zu betrachten habe. Nun, ich will in diese Sache nicht eingehen. Aber indem er auf die Urteile der anderen blickt, sagt er: «Ein wenig Mut zur Geistesklarheit, meine Herrschaften!» — Er findet, daß die anderen nicht Mut haben zur Geistesklarheit. Also bescheiden ist der Mann nicht! Und jetzt kommt das, wobei man wirklich vor Schmerz aufspringen könnte. Jetzt will er beweisen, wo die Ursachen liegen. Da sagt er: «Zum Kriegführen gehören zwei oder mehrere, und wenn nur Deutschland bereit gewesen wäre, es auf die ultima ratio ankommen zu lassen, wenn nicht auch die anderen den Krieg, wie die korrekte Redensart lautet,
lieh, das ist die Logik, mit der man heute denkt. Also das heißt: Wenn einer angreift, und nicht zwei da sind, die wollen, da kommt kein Krieg. Zum Kriegführen gehören zwei, da müssen zwei wollen. Das ist die Logik, meine lieben Freunde, eine Logik, die man noch dadurch besonders unterstreicht, daß man sagt: «Mut zur Geistesklarheit, meine Herrschaften!» Solche Erscheinungen spüren manche, und sie erziehen sich dann zur Demut, zur Bescheidenheit. Aber oftmals kommt einem diese Bescheidenheit so vor, daß man es charakterisieren könnte, mit einem Gedichte von Matthias Claudius, einem schönen Gedicht über die Bescheidenheit, der man sich hingibt. Ich will nicht über die Bescheidenheit sprechen, sondern dieses Gedicht sprechen lassen. Das Gedicht heißt — verzeihen Sie —: «Der Esel».

Hab nichts, mich dran zu freuen,

Bin dumm und ungestalt,

Ohn Mut und ohn Gewalt;

Mein spotten und mich scheuen

Die Menschen, jung und alt;

Bin weder warm noch kalt;

Hab nichts, mich dran zu freuen,

Bin dumm und ungestalt;

Bescheiden ist er, nicht wahr!

Muß Stroh und Disteln käuen;

Werd unter Säcken alt —

Ah, die Natur schuf mich im Grimme!

Sie gab mir nichts als eine schöne Stimme.

So bescheiden kommt einem mancher vor, der heute eine Weltanschauung begründet. Er ist bescheiden in allen Dingen, selbst bescheiden in dem, was man zu lernen hat, um eine Weltanschauung zu erhalten. Aber er weiß genau: die Natur gab ihm die Fähigkeit des Mutes zur Geistesklarheit, wie — verzeihen Sie — dem Esel die schöne Stimme.

Wie gesagt, diese Dinge müssen, so sehr sie auf dem Boden der

Alltäglichkeit zu spielen scheinen, schon durchaus beachtet werden, man muß schon den Blick darauf hinwenden. Denn viel wichtiger ist, daß man die Fähigkeit des beweglichen Denkens erlangt, als der Besitz einzelner geisteswissenschaftlicher Wahrheiten. Bei der Kraft der Klarheit des Denkens und bei der Weite und Beweglichkeit des Denkens, die nötig ist, um sich hineinzufinden in das Anerkennen der geisteswissenschaftlichen Wahrheit, kann man nicht anders, als spüren und empfinden, wo heute das vorhanden ist, was ich als Lebenslüge, Hochmut und alle möglichen Dinge dieser Art charakterisiert habe, die heute so vielfach das Leben beherrschen. An den breiten Menschenmassen liegt es nicht. Derjenige, meine lieben Freunde, der das Menschenleben kennt, der weiß, daß wenn es nur auf die menschlichen Naturen ankäme, es ebensogut möglich wäre, daß, wie Ihre Zahl hier Geisteswissenschaft aufnimmt, zwei Drittel von Berlin Geisteswissenschaft aufnehmen würden! An den Menschen als solchen, an der breiten Menschenmasse liegt es nicht. Es liegt an den Verhältnissen und an den führenden Persönlichkeiten. Das muß klar und deutlich empfunden werden. Und nicht einmal so sehr an den führenden Persönlichkeiten als an den Strömungen, in die diese führenden Persönlichkeiten eben durch die Zeit hineingepfercht sind, und wobei es dahin gekommen ist, daß heute jeder glaubt, über alles ohne eine Grundlage der Einsicht in die Welterscheinungen ein Urteil haben zu können. Man sagt ja, es werde heute viel Geistreiches geschrieben, wenn man auf dem Standpunkt der ganz gescheiten Leute steht. In Wahrheit wird viel gekohlt. Man könnte hier auch sagen, es wird viel «gekohlert»; denn der Professor Dr. Kohler ist Professor an der Berliner Universität, Rechtslehrer, und ist Neu-Hegelianer. Daher könnte man auch das Wort «kohlen» durch «kohlern» ersetzen. Ja, sehen Sie sich nur das an von einem etwas gründlichen Standpunkte, was von solchen Neu-Hegelianern zusammengekohlert wird! Wie gesagt, notwendig ist es, ein offenes Auge und einen freien Sinn zu haben für dasjenige, was da lebt in unserer Zeitbildung, im Zeitdenken.

Denn wahrhaftig, ebenso wie die Menschen heroisch ihr Blut vergießen, ebenso würden sie dem Geiste sich zuneigen, wenn dieser

Geist in der richtigen Weise an sie herankommen könnte. An den Menschen liegt es nicht. Das zeigt all dasjenige, was an großen Opfern und großen Taten in unserer Gegenwart verrichtet wird.

Notwendig ist es, meine lieben Freunde, daß wir aus solchen Dingen der Geisteswissenschaft heraus, wie sie auch heute wiederum besprochen worden sind, den Willen bekommen, wirklich ein offenes Urteil und einen freien Sinn für dasjenige zu haben, was in unserer Umgebung lebt. Ich habe Ihnen vor kurzem darüber gesprochen, wie man in vieler Beziehung nur aneinander vorbeiredet. An einem epochemachenden Buch des Professors Schleich habe ich Ihnen angeführt, an einem besonderen Beispiel, wie man aneinander vorbeireden kann. Lesen sie wenigstens einzelne Kapitel dieses Buches. Es ist dieses Buch so recht ein Beispiel, wie in Wahrheit es sich ganz anders verhält als nach den menschlichen Meinungen. In Wahrheit arbeiten schon die wirklich redlichen Menschen so, wie man in einem Tunnel arbeitet: von zwei Seiten her, so daß man sich in der Mitte begegnet. Lesen Sie zum Beispiel gerade das Kapitel, an dessen Ende das steht von dem Goetheschen Zettel, der erst noch gefunden werden soll, der aber schon seit dem Jahre 1892 gefunden ist, dieses Kapitel über den «Mythos vom Stoffwechsel im Gehirn» — so nennt Schleich dieses Kapitel —, dann werden Sie spüren, wie ein redlicher ernster Forscher, der zu gleicher Zeit ein Denker ist, durch die Notwendigkeiten seiner anatomisch-chirurgischen Untersuchungen, die er in zahlreichen Fällen machen konnte, weil sie ihm chirurgisch auferlegt waren, dazu kommt, etwas zu schildern. Lesen Sie dieses Kapitel, Sie werden sehen, was Schleich eigentlich schildert von der anderen Seite her: Den Ätherleib des Kopfes schildert er in Wirklichkeit! Er ist gedrängt, gezwängt durch die notwendigen Tatsachen, diesen Ätherleib zu schildern.

Segen wird einmal erst da sein, wenn man wissen wird, daß von der anderen Seite her die Geisteswissenschaft arbeitet. Denn man wird nichts machen können mit alledem, was da von der einseitigen Naturwissenschaft her gebracht wird. Wenn man immer wieder und wiederum sehen muß — oh, es ist schmerzlich —, daß die Naturforscher eigentlich von der anderen Seite her arbeiten und das be-

schreiben, so weit sie eben kommen können, von der anderen Seite, worauf die Geisteswissenschaft aus einer breiten, umfassenden Weltanschauung kommt, da hat man das Gefühl: die Leute haben ja dasjenige in der Hand, um das es sich handelt. Aber wie haben sie es in der Hand? Sie haben es in der Hand wie einer, der ein Magneteisen in der Hand hat, einen Hufeisen-Magneten, und der da sagt: Da behauptest du mir, da sei eine magnetische Kraft drinnen; ich sehe das stoffliche Eisen! — und der dieses stoffliche Eisen nimmt und damit das Pferd beschlägt. Denken Sie sich einmal: Gerade so verhalten sich die bloß auf dem Boden der Naturforschung stehenden Menschen, wie der, der ein Pferd beschlägt, statt den Magnetismus zu verwenden, woraus dann etwas ganz anderes entstehen könnte als ein Hufeisen, das man einem Pferd annagelt; dazu braucht das Eisen eben nicht magnetisch zu sein, es ist vielleicht gar nicht gut, wenn es magnetisch ist. Denken Sie, was anderes entstehen würde aus alledem, was unsere Naturwissenschaft gebracht hat, wenn es möglich wäre, daß die Leute ohne Vorurteile und unbefangen sich wirklich begegnen würden mit dem, was die Geisteswissenschaft ihnen entgegenbringt. Und denken Sie, wie das auf allen Gebieten so ist. Wie hilflos, wie grenzenlos hilflos sind die volkswirtschaftlichen Untersuchungen der gescheiten Leute der Gegenwart! Sie ahnen nicht, was aus der gegenwärtigen Volkswirtschaft würde, wenn man sich begegnen wollte mit dem, was die Geisteswissenschaft zu geben vermag. Und so auf allen, allen Gebieten. Überall ist es so, daß man sieht: Die Leute haben das Eisen, sie wissen nur nicht, daß es magnetisch ist, daß eine unsichtbare Kraft in dem ist, was sie in der Hand haben. Das ist dasjenige, was wir fühlen, was wir empfinden müssen. Überall werden die Menschen durch die Notwendigkeit der Entwickelung an den Geist herangedrängt. Aber die Meinung ist so befangen, daß sie diesen Geist nicht anerkennen können.

Dieses Gefühl uns anzueignen, wahrhaftig, ein Zeichen dafür ist dasjenige, was wir als im Sinne der Zeitgeschichte und als Zeitereignisse jetzt erleben. Und was ist das, was ich schon neulich anführte? Dadurch zeichnet sich unsere Zeit besonders aus, daß die

Verhältnisse, die Ereignisse, kompliziert geworden sind, und die Gedanken diese komplizierten Ereignisse nicht im entferntesten umspannen können. Und so zersplittert sich alles. Die Leute gehen aneinander vorbei. Alles zersplittert sich. Jeder findet auf seinem besonderen Gebiete seine eigene Methode und ahnt nicht, daß die geschichtliche Notwendigkeit vorliegt, alles das wirklich beleuchten zu lassen von der Geisteswissenschaft aus.

Nun, ich habe es oftmals hier ausgesprochen: Jedes physische Ereignis hat schon seine geistige Seite. Wie verwandt wir mit der Welt sind, zeigt sich, indem wir der Welt zurückgegeben werden, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen. Das, was ich über den Ätherleib gesagt habe, bezieht sich auf die Zeit zwischen Geburt und Tod. Anders wird es, wenn unter dem Halt des Ich und des astralischen Leibes zunächst während einiger Tage nach dem Tode der Ätherleib zusammengehalten und dann dem Kosmos übergeben wird. Dann wirkt er so, wie ich das oftmals dargestellt habe. Viele solche Ätherleiber — ich habe es oft gesagt — von jung durch die Pforte des Todes Gegangenen sind gegenwärtig in der geistigen Sphäre und bleiben dort mit all dem geistigen Inhalte, der da kommt von dem Opfertode. Das können Helfer sein für die Vergeistigung der Menschheit in der Zukunft. Aber hier auf der Erde werden Menschenseelen sein müssen, welche verstehen, was ätherisch um den Menschen herumschwebt als teuer-werter Überrest der durch den Opfertod Gegangenen. Das wird ein realer, nicht bloß ein abstrakter Erinnerungsprozeß sein. Und an den Menschen, die hier sind, wird es sein, daß sie diese Kräfte, die von den noch jungen Ätherleibern kommen können, in den Dienst der Menschheit stellen, wo sie hin wollen. Wenn die Menschenseelen hier nicht dazu reif sein werden, dann werden diese Kräfte in ahrimanisch-luziferische Strömungen einlaufen müssen. Nicht nur Erkenntnisse, nicht nur Gefühle, meine lieben Freunde, sondern auch Verantwortungen zeigt uns die Geisteswissenschaft, Verantwortungen, die wir treulich, in unserer Seele lebendig machen sollen.

Und im Grunde genommen ist es das rechte Ergebnis einer solchen Betrachtung, wie wir sie heute nach der einen und nach der

anderen Richtung gepflogen haben, wenn wir fühlen lernen die Verantwortung, die auch das Seelische des Menschen hat gegenüber der Zeit, die sich entwickelt, die die Ereignisse entwickeln muß, da, wo sie sich werden abspielen müssen über blutgedüngtem Boden. Nur wenn wir so, nicht in leichtem, sentimentalem Sinn, sondern in echtem, ernstem Sinne uns erbauen an der Betrachtung des Zusammenhanges von Mensch und Welt, wie die Geisteswissenschaft es geben kann, dann verstehen wir recht die Worte, die oftmals hier gebraucht sind und die uns zur Seele rufen sollen die Gefühle, die in den gegenwärtigen Menschen so notwendig sind angesichts der großen Zeitereignisse:

Aus dem Mut der Kämpfer, Aus dem Blut der Schlachten, Aus dem Leid Verlassener, Aus des Volkes Opfertaten Wird erwachsen Geistesfrucht — Lenken Seelen geistbewußt Ihren Sinn ins Geisterreich!

ACHTER VORTRAG

Berlin, 2. Mai 1916

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