Rudolf steiner gesamtausgabe




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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE

VORTRÄGE

VORTRÄGE VOR MITGLIEDERN DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT


RUDOLF STEINER

Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste

Zwölf Vorträge, gehalten in Berlin vom 13. Februar bis 30. März 1916

1962

VERLAG DER RUDOLF STEINER-NACHLASSVERWALTUNG

DORNACH /SCHWEIZ

Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften

herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung

Die Herausgabe besorgten Robert Friedenthal und Wolfram Groddeck

1. Auflage (Zyklus 42) Berlin 1920 2. Auflage (Gesamtausgabe) Dornach 1962

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach / Schweiz

(c) 1925 by Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornach

renewed 1953 by Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach / Schweiz

Printed in Switzerland by Buchdruckerei Ariesheim AG.

ALS MANUSKRIPT GEDRUCKT

Über den Charakter dieser Privatdrucke äußert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang» (35. und 36. Kapitel, März 1925) folgendermaßen:

«Als mündliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen waren die Inhalte dieser Drucke gemeint.. .

Es ist nirgends auch nur in geringstem Maße etwas gesagt, was nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie wäre . . . Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken . . . von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hingenommen werden müssen, daß in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.

Ein Urteil über den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings nur demjenigen zugestanden werden können, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist für die allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was als ,anthroposophische Geschichte' in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.»


INHALT

Seite

erster VORTRAG Berlin, 13. Februar 1916

Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste . 10

zweiter VORTRAG Berlin, 7. März 1916

Das geistig-seelische Wesen des Menschen . . . . 30

dritter VORTRAG Berlin, 28. März 1916

Streiflichter auf die tieferen Impulse der Geschichte . . 57

vierter Vortrag Berlin, 4. April 1916

Zeichen, Griff und Wort 81

fünfter VORTRAG Berlin, 13. April 1916

Die Uroffenbarung der Menschheit 105

SECHSTER VORTRAG Berlin, 18. April 1916

Osterbetrachtung 139

siebenter Vortrag Berlin, 25. April 1916

Die Lebenslüge der heutigen Zeit 162

achter VORTRAG Berlin, 2. Mai 1916

Thomas Monis' «Utopia» 185

neunter VORTRAG Berlin, 9. Mai 1916

Kultus und Symbol. Der Jesuitenstaat in Paraguay . . 205

zehnter Vortrag Berlin, 16. Mai 1916

Die dem Geist widerstrebenden Kräfte. Grundwahrheiten

des Christentums 229

elfter VORTRAG Berlin, 23. Mai 1916

Ein Stück aus der jüdischen Haggada 253

zwölfter Vortrag Berlin, 30. Mai 1916

Homo ceconomus 276

Hinweise 301

Übersicht über die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . .310

Während der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner vor jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen Ländern die folgenden Gedenkworte gesprochen:

Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schützenden Geister derer, die draußen stehen auf den großen Feldern der Ereignisse der Gegenwart:

Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter, Eure Schwingen mögen bringen Unserer Seelen bittende Liebe Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, Daß, mit Eurer Macht geeint, Unsre Bitte helfend strahle Den Seelen, die sie liebend sucht.

Und zu den schützenden Geistern derer uns wendend, die infolge dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen sind:

Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter,

Eure Schwingen mögen bringen

Unserer Seelen bittende Liebe

Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,

Daß, mit Eurer Macht geeint,

Unsre Bitte helfend strahle

Den Seelen, die sie liebend sucht.

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geisteswissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten!

ERSTER VORTRAG

Berlin, 13. Februar 1916

Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste

Zuerst wollen wir heute eine Rezitation uns anhören aus Dichtungen von Friedrich Lienhard und von Wilhelm Jordan, und dann werde ich mir gestatten, anzuschließen an diese Rezitation einige anthro-posophisch-literarisehe Betrachtungen über die Gegenwart und deren Aufgaben. Das soll dann den Abschluß unseres Abends bilden. Vorausschicken möchte ich nur ein paar Worte.

Friedrich Lienhard ist einer derjenigen Dichter der Gegenwart, von denen wir schon sagen können, daß sie mit ihrem eigenen Streben dem Streben der Geisteswissenschaft in einer gewissen Beziehung nahe kommen. Am 4. Oktober des verflossenen Jahres 1915 beging Friedrich Lienhard seinen fünfzigsten Geburtstag. Auch wir haben dazumal von Dornach aus uns angeschlossen den zahlreichen Begrüßungen, die diesem geisterfüllten Dichter der Gegenwart von allen Seiten zugekommen sind, und ich glaube, wir haben besondere Gründe, gerade bei dem Dichter Friedrich Lienhard, der sich ja in einer gewissen Weise unserer Bewegung angeschlossen und freundlich gezeigt hat, ein wenig hinzublicken auf den eigentlichen Inhalt und auf den Kunstgehalt seines dichterischen Wesens. Er sagt ja selber, daß er, der aus einer französisch-elsässischen Wiege stammt, sich unter manchen Schwierigkeiten hat hindurchringen müssen zu dem, was er seine Weltanschauung nennt, die er versuchte, immer mehr und mehr herauszugebären, herauszuentwickeln aus mitteleuropäischem deutschem Wesen, aber so, daß in seinen Dichtungen wirklich von ihm angestrebt wird, den eigentümlichen Wellenschlag dieses mitteleuropäischen deutschen Wesens zur Wirksamkeit zu bringen. Und da muß man bei Friedrich Lienhard vor allen Dingen sehen, wie wirklich in ihm dasjenige lebt, was er als seinem Wesen so innig Verwandtes, wie ich es gerade zu charakterisieren versuchte, angestrebt hat. Es lebt in ihm vielleicht ein Element, das nur in der

richtigen Weise zu würdigen ist von dem künstlerisch-geistigen Ausgangspunkte der Geisteswissenschaft her. Da haben wir vor allen Dingen in Lienhards Dichtungen wunderbare Naturschilderungen, Naturlyrik, aber eine Naturlyrik ganz besonderer Art. Naturlyrik ist es aber auch bei Friedrich Lienhard, wenn er versucht, die Menschen zum Sprechen zu bringen. Auch da ist etwas wie von der Natur der Menschen unmittelbar auf natürliche Weise ausgehend und den Geist im Naturdasein zeigend. Woher kommt dieses ? Es kommt von etwas, das man vielleicht nur richtig bemerken kann bei Friedrich Lienhard, wenn man — und das sollte man ja bei aller Kunst, nur ist es heute schon, ich möchte sagen, ganz und gar aus dem Bewußtsein der Menschen verschwunden, die Kunst so zu betrachten, namentlich die Dichtung — nicht bloß das Inhaltliche, das Vorstellungsmäßige seiner Kunst auf sich wirken läßt, sondern das eigentlich Künstlerisch-Formale. Wie sich in ihm die Gefühle, die Vorstellungen bewegen, wie sie sich entwickeln, wie sie sich schürzen und lösen, in diesem eigentümlichen Wogen seiner in dichterischer Sprache zum Ausdruck kommenden Seelenerlebnisse merken wir etwas wie das Walten elementarischer Geistigkeit, ein Mitgehen der dichterischen Seele mit demjenigen, was nach unseren Anschauungen in der Ätherwelt draußen in der Natur elementarisch lebt hinter dem bloß sinnlichen Dasein, und was lebt in der Ätherwelt, wenn sich Menschliches auf naturgemäße Weise zum Ausdrucke bringt, wie zum Beispiel in dem Ausdrucke des kindlichen Seelenlebens. Verfolgt man die Worte Friedrich Lienhards, so erscheinen sie einem förmlich so, wie wenn aus diesen Worten sich weiterbewegen würden gerade die Elementargeister, von denen wir wissen, daß sie alle Naturerscheinungen durchrieseln, durchwärmen, durchleben, durchweben. Und dieses Durchrieseln und Durchwärmen und Durchleben und Durchweben der elementarischen Wesenheiten in bezug auf die Natur, das setzt sich gerade bei einem solchen Dichter, der nun wirklich versteht, mit dem Geiste der Natur zu leben, in seine Dichtung hinein fort.

Ein weiteres Element bei Friedrich Lienhard ist, daß er gerade durch sein Erfassen großer Menschheits- und Weltenzusammen-

hänge, denen er, ich möchte sagen, mit seinem Gefühle innig verwandt ist, ohne in irgendein engherzig Nationales zu verfallen, die treibenden, wirkenden Kräfte und Wesenheiten des Volkslebens zu erfassen sucht, und wiederum das Volksleben nicht aus der Einzelheit der zufälligen Individuen heraus, sondern aus dem ganzen Walten und Wogen des Volksseelenprinzips heraus zu erfassen versucht, und die einzelnen Gestalten hineinstellt in den großen geistigen Zusammenhang, in dem sie im Volksleben drinnenstehen können. Dadurch ist Friedrich Lienhard imstande, eine solche Gestalt, die von einer Art atavistischem Hellsehertum durchgeistigt ist wie der Pfarrer Oberlin vom elsässischen Steintal, in einer auf der einen Seite wirklich ganz plastischen und auf der anderen Seite doch wiederum außerordentlich intim-seelischen Weise zu erfassen und darzustellen. Und aus diesem Impulse heraus wußte er die Göttergestalten der Vorzeit in die Gegenwart wiederum heraufzurufen, nicht so, daß er etwa von den alten Göttersagen, von den alten Heldensagen nur das Inhaltliche nimmt, sondern indem er wirklich versucht, in der Sprache der Gegenwart die Möglichkeit zu finden, das, was als Wellenschlag dieses alte Leben durchlebt hat und bis in unsere heutige Zeit heraufschlägt, wiederum zu erwecken. Dadurch ist in gewissem Sinne Friedrich Lienhard wirklich einer der vornehmen Dichter der Gegenwart, weil andere Dichter der Gegenwart so sehr gesucht haben, mit Absehen, möchte ich sagen, von allem Künstlerisch-Geistigen auf das Naturalistische und Realistische sich zu verlegen und dadurch etwas Neues zu schaffen; während der wirkliche Poet nicht in diesem Sinne durch naturalistische Schrullen in unserer Gegenwart das Neue schaffen will, sondern es schaffen will dadurch, daß er den ewigen Strom der ewigen Schönheit in einer neuen Weise erfaßt, so aber, daß die Kunst wirklich Kunst bleibt. Und wirkliche Kunst kann eben niemals ohne Geistigkeit sein.

Dadurch ist es wohl auch, daß Friedrich Lienhard näher gekommen ist demjenigen, was er nennt «Wege nach Weimar». Er hat ja lange Zeit eine in freien Zeiträumen erscheinende Zeitschrift herausgegeben, «Wege nach Weimar», wo er versuchte, zu den großen

Ideen und Kunst-Impulsen der großen Zeit von der Neige des achtzehnten und dem Beginne des neunzehnten Jahrhunderts sich hinzuwenden, um zu erkennen, was in dieser gerade heute in vieler Beziehung, wie wir in der Schlußbetrachtung vielleicht sehen werden, vollständig oder zum großen Teil doch vergessenen und ver-klungenen großen Periode wirklich Wert hat. Daher suchte er nun wieder seine späteren künstlerischen Perioden zu vertiefen, ich möchte sagen, zu verinnerlichen, so daß zuletzt eben so wunderbar innerliche Dichtungen herauskommen konnten wie diejenigen, die sich auf Gestalten wie etwa die Odilia beziehen und dergleichen. Mit all dem weiß er dann zu verbinden im echten, wahren Sinne die christlichen Impulse, die durch die Menschheit wallen und weben. Und merkwürdig ist es, daß er sich, nicht durch den äußeren Inhalt seines dichterischen Schaffens, sondern durch die Art und Weise, wie die elementarischen Wesen ihn tragen, bis ins Einzelne hinein nähert einem Elemente, das, wie es schien, ganz verloren gegangen war der deutschen Dichtung, daß er sich nähert — Sie werden es bemerken können aus der Rezitation heraus an manchen Stellen — dem alliterierenden Kunstelemente, der Alliteration.

Diese Alliteration und dasjenige, was sie für das deutsche Wesen Verwandtes hat mit der ganzen mitteleuropäischen deutschen Volkssubstanz, bringt ihn eben einem Dichter nahe, der, zum Teil durch seine Schuld, aber hauptsächlich durch die Schuld der Zeit und ihrer Abwege wenig hat verstanden werden können, und den wir Ihnen im zweiten Teil durch die Rezitation heute nahebringen wollen: Wilhelm Jordan. Wilhelm Jordan versuchte gerade durch den Stabreim, die Alliteration, wieder zu erneuern, wie er meint, den «alten Redestrom der rauschenden Vorzeit». Er konnte gar nicht anders, als dieses Formale der alten Dichtung wiederum hereinzutragen in die Gegenwart, die er zu erheben versuchte über das Kleine des Alltags hinaus zu den großen bewegenden Impulsen. Und man muß sagen: Es ist förmlich ein Jammer, obwohl es nicht ganz ohne die Schuld Jordans geschehen ist, daß solch eine Dichtung wie der «Demiurg», wo versucht wird, die weltbewegenden Geist-Prinzipien mit dem Menschheitsgeschehen auf der Erde in wahren Zusammen-

hang zu bringen, so ganz vorübergehen konnte ohne eine Wirkung. Sie ist in den fünfziger Jahren, wie ich sagte, nicht ganz ohne die eigene Schuld Wilhelm Jordans, vorübergegangen. Aus dem Grunde sage ich das, weil die naturalistisch-naturwissenschaftliche Art, die Dinge anzuschauen, allerdings ja schon hineinfiel in bezug auf seine eigene Weltanschauung, und er sich dadurch vieles verdorben hat. Vieles verdorben hat ja auch in den «Nibelungen», daß da statt der früher in viel tieferer Weise angesehenen Prinzipien die naturalistischen Prinzipien der Vererbung walten, der stoffliche Übergang der Kräfte der Vererbung von einer Generation auf die andere, daß, ich möchte sagen, statt der Seele zu sehr das Blut waltet. Dadurch hat gewiß Wilhelm Jordan seinen Tribut abgetragen an die naturalistisch-naturwissenschaftliche Auffassung der Gegenwart. Er hat aber auf der anderen Seite seinen Dichtungen dasjenige genommen, was vielleicht schon in einer früheren Zeit den Kunstbestrebungen der Menschheit die großen geistigen Impulse hätte geben können, so daß nicht alles hätte versinken müssen in dem unkünstlerischen Barbarentum, das vielfach in der späteren Zeit an die Stelle früherer geistiger Prinzipien getreten ist. Wir können da ja sehen, wie heute nur noch gespottet wird über dasjenige, was Wilhelm Jordan wollte. Aber, ich möchte sagen, an uns ist es, diese großen Impulse, wo immer sie aufgetreten sind, wirklich auf unsere Seele wirken zu lassen, denn es wird dennoch für diese Impulse die Zeit kommen, wo sie eine gewisse Mission im ganzen Welten-Menschheitswerden werden zu erfüllen haben.

Gewiß, der Dichter Friedrich Lienhard wird in weiten Kreisen anerkannt. Aber dasjenige, was vielleicht gerade innerhalb unserer Kreise in ihm gefunden werden kann, das sollen wir versuchen herauszufinden, denn das wird es ja vor allen Dingen sein, was, ich glaube, seine künstlerischen Bestrebungen zusammen mit der Woge der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen in die Zukunft tragen wird. Und jetzt wollen wir zunächst Friedrich Lienhards Dichtungen und einiges aus der Nibelungen-Dichtung Wilhelm Jordans, der Siegfried-Sage selber, anhören.

(Rezitation der folgenden Gedichte Friedrich Lienhards durch Frau Dr. Steiner:

«Glaube», «Morgenwind», «Waldgruß», «Das schaffende Licht», «Einsamer Fels», «Habt ihr es auch erfahren?», «All die zarten Blumenglocken». «Seelenwanderung». «Elfentanz». «Sommernacht». Odilienlieder: «Herbst auf Odilienberg». «St. Odilia». — Rezitation aus dem «Nibelungenlied» von Wilhelm Jordan.)

Es wird immer wiederum gut sein, dichterische Kunst gerade solcher Art auf sich wirken zu lassen. Wir haben ja in Friedrich Lienhard einen Dichter vor uns, der versucht, wirklich in die Gegenwart noch hereinzutragen geistig-idealistische Seelenerlebnisse, die er stark genug ist, mit Naturerlebnissen zu verbinden. Und bei solchen Dingen spürt man noch etwas davon, daß es mehr ankommt auf das Wie in der Kunst, denn auf das Was. Wie wunderbar zieht sich hin der Zauber über die Gegend um den Odilienberg herum, und wie schön wird lyrisch unmittelbar gegenwärtig die Empfindung, welche diese Schutzpatronin Odilia des Klosters vom Odilienberg ausstrahlt. Daß sie einstmals von ihrem grausamen Vater verfolgt worden ist, geblendet worden ist, und daß sie gerade durch den Verlust des Augenlichtes die mystische Fähigkeit erlangte, Blinde zu heilen, sehend zu machen, das ist ja die Sage, um die sich alles übrige herumgliedert. Und alles dasjenige, was an wahrer, tiefer Mystik sich um diese Sage gliedert, lyrisch verbunden mit der Natur um den elsässischen Odilienberg herum, findet sich gerade in den Ihnen rezitierten Gedichten Friedrich Lienhards. Gedichte aber von solcher Kraft und zu gleicher Zeit von solcher Intimität, von solch seelisch-geistiger Art, können Sie viele, viele bei ihm finden. Und er gibt wirklich Veranlassung, durch dasjenige, was, ich möchte sagen, elementarisch schwingt und webt mit der Form seines Dichtens, sich zu erinnern des wirklich viel verkannten Wilhelm Jordan.

Aus der kleinen Probe, die wir haben heute hören können, werden Sie auf der einen Seite ersehen haben, wie sehr sich dieser Dichter bemüht, die Gestalten, die er hinstellt vor uns, aus dem großen

geistigen Weben des Lebens heraus zu schaffen und mit dem, was uns in der äußeren physischen Welt entgegentritt, zugleich mitleben zu lassen dasjenige, was webt und wirkt aus der wogenden Geisteswelt heraus. Gerade bei Wilhelm Jordan kann man erfahren, denke ich, wie die dichterische Seele sich verbinden kann mit einem weltgeschichtlichen Strömen, so daß in dem, was uns dichterisch-künstlerisch entgegentritt, wirklich das Streben lebt, das als geistige Strömungen das Weltenwerden durchschwirrt und durchwirkt.

Ich habe das letzte Mal, als wir hier beisammen waren am letzten Dienstag, darauf hinweisen müssen: Was würde aus der Fortentwickelung der Menschheit auf der Erde, wenn kein geistiger, kein spiritueller Einschlag sich hineinfinden könnte in dasjenige, was sozusagen durch das rein äußere physische Dasein veranlagt ist ? Und nicht nur auf dem äußeren Gebiete des Wissens, der Wissenschaft, des sozialen Lebens und so weiter, sondern auch auf den Gebieten der Kunst tritt uns stark entgegen, daß wir in einer kritischen Zeit leben, insofern als eine Krisis sich vollzieht, nicht in dem Sinne, wie das Wort «Kritik», das mit Krisis auch zusammenhängt, in der Zwergenliteratur der Gegenwart verwendet wird. Denn wenn nicht das Lebendige der Geisteswissenschaft das menschliche Seelenleben erfaßt, muß die Kunst, die ohne Geist nicht sein kann, der Menschheit verloren gehen, muß verschwinden in der Art, wie sie noch herübertönt von Gestalten wie Wilhelm Jordan, und wie sie festgehalten zu werden versucht wird von Gestalten wie Friedrich Lienhard. Heute sehen die Menschen noch nicht diese drohende Gefahr des künstlerischen Niederganges ein, weil in vieler Beziehung auch auf diesem Gebiete jener Rausch waltet und jenes Traumleben, von dem ich am letzten Dienstag hier gesprochen habe, obwohl man heute schon vieles sehen könnte, wenn man nur Auffassungs-Organe dafür hätte. Wünschen möchte man, daß immer mehr und mehr Leute gerade aus einem geisteswissenschaftlichen Empfinden heraus einsehen würden, was es eigentlich heißt für die Gegenwart, daß eine noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit wirklich vorhandene Kunst, die Schauspielkunst, versumpft und verdirbt in demjenigen, was der Gegensatz von allem künstlerischen Sinn ist. Der Rein-

hardtianismus ist Vorzeichen von dem, wozu Kunst verkommen wird, wenn es nichts weiter geben wird als jenes Sichabkehren von allem geistigen Leben und geistigen Empfinden, das immer mehr und mehr um sich greift. Zu den traurigsten Erscheinungen der Gegenwart gehört es, daß eine größere Anzahl von Menschen sich heute finden kann, die überhaupt solche Gaukelei, wie der Reinhardtianismus ist, noch als Kunst anzusprechen vermögen.

Um hier auf diesem Gebiete klar zu sehen, dazu gehört heute schon jener starke Impuls, der aus dem von der Geisteswissenschaft entflammten künstlerischen Empfinden heraus kommen kann. Denn dasjenige, was heute gerade modernes Leben auf künstlerischem Gebiete genannt wird, das ist vielfach nichts anderes, als ein wirres Taumeln durch die Welt. Wenn man nur versucht, wirklich das Leben der Gegenwart zu erfassen, kann man schon, ich möchte sagen, die Stelle bezeichnen, wo heute hineinplumpst das vom Materialismus ganz zerfressene Leben gerade in das Sumpfgebiet der Kunst, oder, von der anderen Seite angesehen, in das Vergessen alles desjenigen, was Kunst eigentlich ist. Denn damit wirklicher künstlerischer Sinn in der Entwickelung der Menschheit fortgepflanzt werden kann, dazu ist notwendig, daß dasjenige, was von früher gekommen ist, was zum Beispiel auch in Lienhards Dichtungen lebt und was in einer gewissen Weise eine Art von Natur-Pantheismus und Geistes-Pantheismus ist, ins Konkrete hinein sich entwickeln kann, daß die Menschen verstehen lernen die Mannigfaltigkeit des Lebens so, daß sie sehen neben dem Sinnlichen das Ätherische und das Astralische und das Geistige. Denn ohne dieses Sehen bleibt die Menschheit blind, blind gerade in bezug auf das Künstlerische. Und die Welt veranlagt sich, könnte man sagen, gerade in bezug auf die künstlerische Anschauung dazu, nur noch das ganz derbe äußere Sinnliche zu nehmen und dieses anzuschauen, wie es ist, und es unmittelbar zu beschreiben.

Nun ist es allerdings kaum möglich, solche Beschreibungen oder solche Nachbildungen anders zu geben als dadurch, daß etwas auftritt, was, ich möchte sagen, Unklarheit in bezug auf die Erfassung des Lebens ist, Rausch- und Traumzustände, in denen man im

Grunde genommen nirgends weiß, was man eigentlich vor sich hat. Und so kann man es denn erleben, daß gerade dieses unsinnige, unklare Taumeln gegenüber den Erscheinungen des Lebens heute vielfach feine Psychologie genannt und als feine Psychologie angesehen wird. Und das Herz tut einem so oftmals weh, wenn man sieht, daß so wenig Menschen geeignet sind, auf diesem Gebiete stark genug zu empfinden, und dagegen irgendwie sich aufzulehnen. Sehen wir uns Menschen an, wie sie uns entgegentreten dann, wenn wir sie anblicken — und der Künstler muß sie ja anblicken sehend, indem er sie hineinstellen kann in das tiefere Leben der Welt — mit denjenigen Seelenorganen, die schon einmal die Entwickelungs-geschichte der Menschheit an den Tag gebracht hat, so brauchen wir die Möglichkeit, zu sagen: Da ist ein Mensch, der ist so und so geartet, der erlebt dies oder jenes, weil wir wissen, dieser ist mehr in dem physischen Leib steckend, ein anderer steckt mehr in dem Ich, ein anderer mehr in dem astralischen Leib. Und wir müssen ein lebendiges Gefühl davon haben, wie sich die Charaktere der Menschen verteilen, indem der eine mehr vom Physischen, der andere mehr vom Ätherischen, mehr vom Astralischen, mehr vom Ichlichen ergriffen wird. Und wenn man das in der Gegenwart nicht kann, und will die Menschen etwa in der Dichtung künstlerisch beschreiben, so kommt eben das Taumeln heraus, das heute vielfach als Kunst genommen wird.

Sehen Sie, man muß schon, ich möchte sagen, an den bedeutenderen Erscheinungen die Sache anfassen, damit ein Verständnis erweckt werden kann von dem, was eigentlich
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