Universiteit Utrecht Block 2-4, 2010-2011




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Universiteit Utrecht Block 2-4, 2010-2011

Seminar: Bachelorarbeit

Leitung: Prof. Dr. A.B.M. Naaijkens, Mw.dr. Jattie Enklaar-Lagendijk



Anne Frank

Zu der Übersetzung ins Deutsche; Beeinflussung der Übersetzerinterpretation durch language-shifts


vorgelegt von: Annouchka Vergeer

Studiengang: Duitse Taal en Cultuur

3. Studienjahr

Stud.Nr: 3364747

E-Mail: A.Vergeer1@students.uu.nl


Abgabedatum: 16-08-2011

Wörterzahl: 17.160

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung .......................................................................................................... 2

2. Analyse

2.1. Zur Entstehung des Tagebuchs; die verschiedenen

Textversionen und Ausgaben ........................................................ 4

2.2. Die Übersetzung von Anneliese Schütz (1950) ............................. 13

2.2.1. Kriterien zur Untersuchung der Tagebuchübersetzung ....... 13

2.2.2. Analyse der Übersetzung von Anneliese Schütz (1950)...... 17

2.3. Zur Interpretation der Tagebuchübersetzung ................................ 34

3. Schlussfolgerung ............................................................................................... 47

4. Bibliographie ..................................................................................................... 48


1. Einleitung


Die Tagebücher der Anne Frank sind auf der ganzen Welt berühmt und dementsprechend auch in vielen verschiedenen Sprachen übersetzt worden. Als Übersetzer eines Textes hat man eine gewisse Verantwortung dem Text, dem Urheber des Textes und dem Lesepublikum gegenüber. Diese Verantwortung bringt jedoch auch eine gewisse Art der Macht mit sich, weil man als Übersetzer über bestimmte Freiheiten beim Übersetzen verfügt, die allerdings auch missbraucht werden können.

Die erste Fassung des in Deutschland herausgegebenen Tagebuches der Anne Frank wurde 1950 von Anneliese Schütz aus dem Niederländischen produziert und im Heidelberger Verlag Lambert Schneider veröffentlicht. Jedoch erkannte bereits Otto Frank, dass diese Übersetzung fehlerhaft wäre und nicht den Ton des Originals träfe (vgl. Lefevere, André zit. nach Naaijkens, Ton 2004: 352). Einerseits habe Anneliese Schütz einige Ausdrücke aus dem Niederländischen nicht richtig verstanden. Andererseits habe sie bewusst in den Text eingegriffen und Veränderungen vorgenommen. Diese Veränderungen werden als sogenannte „language shifts“ bezeichnet, beziehungsweise als sogenannte Verschiebungen in der Übersetzung im Vergleich zum Primärtext. Eine solche Verschiebung kann kleine aber auch große Folgen für die Interpretation eines Textes mit sich tragen. Je eingreifender eine solche Verschiebung ist, desto mehr wird die Intention des Primärtextes umgeformt. Für den Leser entsteht so ein anderes Bild des Textes. Dadurch wird auch das Bild – von Anne, der Deutschen, der Juden usw. – welches beim Leser entsteht, in der Interpretation beeinflusst.

Folglich ist das Ziel dieser Arbeit, das verzerrte Bild in der Übersetzung von Anneliese Schütz aufzudecken, zu untersuchen, wie weit der Einfluss dieser Verschiebungen bei der Interpretation des Textes reicht und die Folgen davon zu analysieren. Um zu einem kritischen Vergleich des Primärtextes der Tagebücher und der Übersetzung von Anneliese Schütz zu kommen, ist zuerst eine geschichtliche Einordnung des Forschungsgegenstands – die Tagebücher der Anne Frank – vonnöten. Was man als Leser als „Das Tagebuch“ kennt, ist so nicht in dieser Form des Lesetagebuches, als Manuskript von Anne Frank selbst verfasst worden. Deswegen wird die Gliederung dieser Arbeit so aussehen, dass zuerst die Entstehung der verschiedenen Textversionen und Ausgaben der Tagebücher dargestellt wird. Daraus ergibt sich ein Einblick in die Entstehung der deutschen Übersetzungen – darunter auch die Übersetzung von Anneliese Schütz. Folglich wird daraufhin die Übersetzung von Anneliese Schütz auf kritische Weise unter die Lupe genommen. Bei der Analyse wird dementsprechend auch die neuere Übersetzung des Tagebuchs von Mirjam Pressler zu Rate gezogen. Letztendlich wird auf die Übersetzerinterpretation der Tagebücher – das heißt, das Original und die Übersetzung von Anneliese Schütz im Vergleich zu einander – eingegangen. Die daraus entstandenen Deutungsmöglichkeiten bilden den Schluß dieser Arbeit.

2. Analyse


2.1. Zur Entstehung des Tagebuchs; die verschiedenen Textversionen und Ausgaben

Anne Franks Tagebuch ist wohl das berühmteste Tagebuch, das von einem heranwachsenden Mädchen verfasst worden ist. Es ist nicht nur in viele verschiedene Sprachen übersetzt worden, sondern es sind auch immer wieder neue Auflagen und neue Fassungen des Tagebuchs veröffentlicht worden. Die Entstehung des Tagebuchs selbst und die verschiedenen Textversionen und Ausgaben sollen in diesem Kapitel veranschaulicht werden.

Um darstellen zu können, wie genau das Tagebuch zustande gekommen und zusammengesetzt ist, müssen die verschiedenen Ausgaben des Tagebuchs – vor allem die neueren, wissenschaftlichen Ausgaben – herangezogen werden. Sowohl im Niederländischen wie auch im Deutschen sind in den Jahren 2009 und 2010 Fassungen von Otto Frank und der Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler erschienen. Hier ist die Rede von der beim niederländischen Verlag Prometheus erschienenen Ausgabe Anne Frank: Het achterhuis (Frank, Anne 2009). Diese Ausgabe wurde ein Jahr darauf von Mirjam Pressler ins Deutsche übersetzt und beim Fischer Verlag herausgegeben als Anne Frank: Tagebuch (Frank, Anne 2010). In den Vor- und Nachworten dieser Fassungen des Tagebuchs wird möglichst vollständig versucht, darzustellen aus welchen Teilen das Tagebuch der Anne Frank zusammengestellt worden ist. Vor allem ist die wissenschaftliche Ausgabe des RIOD (2004) sehr aufschlussreich, da diese Ausgabe ein sehr umfangreiches Hintergrundwissen in Bezug auf die Geschichte von Anne selbst sowie das Entstehen und die Entwicklung des Tagebuchs vermittelt. Um die hieraus ersichtlich gewordenen Informationen zum Tagebuch zu vervollständigen sind außerdem drei Studien zum Tagebuch sehr aufschlussreich. Im Jahr 1992 erschien bei Routledge der Artikel Translation: ideology. On the construction of different Anne Franks von André Lefevere. Dieser Artikel erschien 2004 in der niederländischen Übersetzung von Cornelie van Rinsum im Buch Denken over vertalen. Knappe vierzehn Jahre später erschien eine etwas umfangreichere Studie im Waxmann Verlag von Simone Schroth, in der die verschiedenen Übersetzungen des Tagebuchs aus dem Deutschen, Englischen und Französischen als Untersuchungsgegenstand dienten. Jedoch werden in den beiden zuletzt genannten Quellen nicht alle Seiten der Tagebuchgeschichte vollständig beleuchtet. Deswegen ist Sylke Kirschnicks Anne Frank und die DDR eine sehr interessante zusätzliche Quelle, die aufschlussreiche Informationen zur DDR-Verlagsgeschichte enthält.

Da die Darstellung der Entstehungsgeschichte des Tagebuchs ein wenig kompliziert erscheint, ist eine möglichst chronologische Vorgehensweise erforderlich. Zu ihrem 13. Geburtstag erhielt Anne Frank ein Poesiealbum, welches sie ab dem 12. Juni 1942 anfing, als Tagebuch zu verwenden. Darin schrieb die Jugendliche Briefe an ihre imaginäre Freundin Kitty, in denen sie unverblümt ihre Gedanken mitteilte. Ihr Tagebuch sollte viel mehr sein als nur Papier. Im Eintrag vom 20. Juni 1942 schrieb Anne, dass ihr Tagebuch ihr eine Freundin sein solle (vgl. Schroth, Simone 2006: 29). Ihre Briefe schrieb sie anfangs nur für sich, obwohl sie den Wunsch hegte, später einmal Schriftstellerin zu werden. Anne verfasste auch kleine Geschichten, die sie in ihrem „Geschichtenbuch“ zu den Einträgen im Tagebuch dazu schrieb. Dies änderte sich jedoch, als Anne 1944 Gerrit Bolkestein, den damaligen Erziehungsminister der niederländischen Exilregierung, in einer Radioansprache sprechen hörte. Er rief die Menschen über Radio Oranje dazu auf, alle persönlichen Schriftstücke aufzubewahren, die das Leiden des niederländischen Volkes unter deutscher Besatzung vermittelten. Als Beispiel nannte er auch Tagebücher. Unter dem Eindruck dieser Rede fing sie an, ihr eigenes Tagebuch, das in ihrem Poesiealbum und Notizbüchern aufgeschrieben stand, auf separaten Bogen umzuschreiben und zu verbessern (vgl. Lefevere, André 1992: 347 und Frank, Anne 2009: 5). Dabei ließ sie Passagen weg, die ihr nicht interessant genug erschienen, aber fügte auch Dinge aus ihrer Erinnerung hinzu. Gleichzeitig hielt sie allerdings nicht auf, ihr ursprüngliches Tagebuch weiterzuführen. Wenn ihr Tagebuch einmal veröffentlicht werden sollte, müsste es den Titel „Het Achterhuis“ tragen. In wissenschaftlichen Kreisen wird Annes ursprüngliches Tagebuch als Version A angemerkt; ihr überarbeitetes Tagebuch wird als Version B bezeichnet (vgl. Frank 2009: 5). Laut Lefevere hatte Anne Frank zwei Gründe für die Überarbeitung. Diese Gründe waren sowohl persönlich wie auch literarisch (vgl. Lefevere: 348). Die persönlichen Änderungen betreffen beispielsweise Äußerungen im Bezug zur Mutter, wie im Eintrag vom 2. Januar 1944 - hier in der Übersetzung von Mirjam Pressler;


Als ich heute Morgen nichts zu tun hatte, blätterte ich mal in meinem Tagebuch und stieß mehrmals auf Briefe, die das Thema >>Mutter<< in so heftigen Worten behandelten, dass ich darüber erschrak und mich fragte: >> Anne, bist du das, die über Hass gesprochen hat? O Anne, wie konntest du das?<< (Frank, Anne 2010: 157).


Auf dem literarischen Gebiet verarbeitet Anne eher die Klischees aus den Zeitschriften über Filme, die sie so begierig las (vgl. Lefevere: 348). Als Beispiel führt Lefevere den Eintrag vom 14. Februar 1944 an, in dem sie ein Treffen mit Peter beschreibt. Zuerst hieß es „terwijl ik haast voor zijn voeten zat“, was sie später umschrieb als “Ik … ging op een kussen op de grond zitten, sloeg m’n armen om m’n opgetrokken benen en keek hem opmerkzaam aan” (Frank, Anne 1947: 147 zitiert nach Lefevere: 348). Schon aus diesen beiden Beispielen ihrer Umänderungen werden Annes Ambitionen, später einmal eine Schriftstellerin zu werden, deutlich. Sie änderte bestimmte Passagen bewusst, aus persönlichen Gründen, aber auch um es für den Leser attraktiver zu machen, ihr Tagebuch später einmal zu lesen. Annes letzter Eintrag stammt vom 1. August 1944. Ihr überarbeitetes Tagebuch reichte nur bis zum Datum vom 29. März 1944. Ihr war es offensichtlich nicht vergönnt gewesen, ihre Überarbeitung fertigzustellen.

Am 4. August 1944 wurden die acht untergetauchten Juden von der Grünen Polizei verhaftet. Bei der Verhaftung wurden viele Wertsachen der Familie beschlagnahmt. Man kann es nur dem Zufall verdanken, dass Miep Gies (1909 – 2010) die Aufzeichnungen von Anne, die auf dem Boden verstreut lagen, sicherstellen konnte (vgl. Schroth: 30 und Frank 2010: 5). Sie bewahrte sie in ihrem Schreibtisch auf, damit sie sie Anne später, wenn der Krieg zu Ende wäre, zurückgeben konnte. Jedoch sollte es nicht so sein. Nur Otto Frank, Annes Vater, überlebte als einziger der acht Untergetauchten den Krieg. Daraufhin überreichte Miep Gies ihm das von ihr ungelesene Tagebuch von Anne.

Nachdem er es gelesen hatte, fasste Otto Frank den Entschluß, dass seine Verwandten in der Schweiz das Tagebuch lesen sollten. Er schickte jedoch nicht einfach so Annes Aufzeichnungen in die Schweiz. Er tippte die Tagebucheinträge auszugsweise ab und übersetzte sie für seine Verwandten ins Deutsche. Dazu enthält Ottos Fassung noch vier Geschichten aus Annes „Geschichtenbuch“1. Ottos Aufzeichnungen sind demnach eine Mischung aus Annes Version A und Version B und wird von Simone Schroth „Typoskript I“ genannt (vgl. Schroth: 31). Typoskript deshalb, weil Ottos Version noch nicht fehlerfrei war. Deswegen legte er es seinem alten Freund, dem Dramaturgen und Ehemann seiner ehemaligen Sekretärin, Albert Cauvern vor, der auf Ottos Bitte hin, Fehler in Orthographie, Interpunktion, Syntax und Ausdruck verbessern sollte. Diese verbesserte Version wurde vermutlich 1946 von Isa Cauvern in Reinschrift abgetippt. Nach der Verbesserung wird dies als „Typoskript II“ bezeichnet (vgl. Schroth: 31 und Barnouw, David und Stroom, Gerrold van der 2004: 74-75). Anne Frank war nicht die Einzige, die ihr Tagebuch bearbeitete. Wie bereits erwähnt, tippte ihr Vater ihr Tagebuch nur auszugsweise ab und nicht ganz. Ein wichtiger Grund dafür, bestimmte Formulierungen oder ganze Passagen zu streichen, war, dass er das Andenken an seine Frau und die anderen Schicksalsgenossen aus dem Hinterhaus nicht schaden wollte (vgl. Frank 2010: 6).

In der Schweiz waren Otto Franks Verwandte so vom Tagebuch beeindruckt, dass sie Otto ermutigten, dem Wunsch seiner Tochter nachzukommen, und das Tagebuch zu veröffentlichen. Erstmals erhielt Otto viele Absagen, worunter von Meulenhoff (vgl. Lefevere: 350). Nach einer Weile fand er jedoch einen Verlag, der Interesse zeigte, Uitgeverij Contact in Amsterdam. Bevor jedoch veröffentlicht werden konnte, mussten noch mehrere Eingriffe vorgenommen werden. Es wurden mehrere Passagen gestrichen, in denen sich Anne zu ihrer sexuellen Entwicklung äußert. Es war nämlich noch nicht üblich, so frei und ungezwungen über sexuelle Themen zu schreiben. Auch nahm man mehrere Kürzungen vor, um das Tagebuch einer Reihe des Verlagsprogramms anzupassen. So erschien die erste Ausgabe von Het Achterhuis aus dem Jahr 1947 in den Niederlanden, die auch als Version C namhaft ist (vgl. Schroth: 32 und Frank 2010: 5-6).

Wie bereits erwähnt, ist die niederländische Ausgabe des Tagebuchs nicht nur von Otto Frank, sondern auch vom Contact Verlag angepasst worden. Die deutsche Ausgabe weist jedoch einige Unterschiede im Vergleich zur niederländischen Ausgabe auf. Der Grund dafür ist, dass Otto Frank sich bereits vor der Zusage des Contact Verlags, um eine Übersetzung ins Deutsche bemühte. Für die erste Übersetzung des Tagebuchs ins Deutsche bat Otto Frank deswegen die Berliner Journalistin Anneliese Schütz, die ebenso wie die Familie Frank vor dem Krieg in die Niederlande emigriert und mit der Familie bekannt gewesen war, sein Typoskript II zu übersetzen. Da für die deutsche Übersetzung nicht die redigierte Fassung des Contact Verlags – nämlich Version C – benutzt wurde, sondern das Typoskript II, ist die deutsche Erstausgabe im Lambert Schneider Verlag umfangreicher und enthält demnach mehrere Passagen, die im Niederländischen weggelassen worden sind (vgl. Schroth: 32). Anneliese Schütz übersetzte jedoch auch nicht präzise Wort für Wort, was Otto Frank im Typoskript II zusammengestellt hatte. Auch die deutsche Übersetzung weist etliche Kürzungen auf und an manchen Stellen hatte sie zusammen mit Otto Frank den Wortlaut der Aufzeichnungen verändert (vgl. Kirschnick, Sylke 2009: 8). Auch weist die Übersetzung von Anneliese Schütz mehrere gravierende Mängel auf. Nicht nur, dass sie einige niederländische Ausdrücke nicht richtig verstanden hatte, und demnach auch falsch übersetzt hatte, sie nahm auch nachträgliche bedeutungsverändernde Eingriffe im Text vor (vgl. Lefevere: 352 und Kirschnick: 62). An dieser Stelle wird jedoch nicht genauer auf diese beiden Vorwürfe eingegangen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird hiervon noch ausführlich berichtet. Demnach ist im deutschen Sprachraum ebenso wie im niederländischen Sprachraum – Version C im Contact Verlag und die von Anneliese Schütz ins Deutsche übersetzte Version – eine umgeänderte Fassung entstanden. In den wissenschaftlichen Quellen sind keine Verweise zur deutschen Übertragung aufzufinden, die diese veränderte Fassung mit einer eindeutigen Bezeichnung andeuten. Demnach ist hieraus zu schließen, dass es eine Version C im Niederländischen gibt, die aus der redigierten Fassung des Contact Verlags besteht, und dass es ebenso eine Version C im Deutschen gibt, die von Anneliese Schütz und Otto Frank angepasst worden ist. Hierbei ist es von wesentlicher Bedeutung im Hinterkopf zu behalten, dass es sich bei den veröffentlichten Fassungen sowohl im Niederländischen wie auch im Deutschen nicht um die Fassung handelt, die Anne Frank selbst zu veröffentlichen beabsichtigte. Die veröffentlichten Texte wurden angepasst, erweitert und gekürzt. Dabei weisen die niederländische und die deutsche Fassung große Unterschiede auf, da beide Fassungen zwar vom Typoskript II abgeleitet wurden, jedoch beide Fassungen auf unterschiedliche Weise redigiert worden sind.

Anfangs hatte Otto Frank große Schwierigkeiten damit, einen Verleger für die deutschsprachige Übersetzung zu finden. Er selbst wollte auf keinen Fall in einem ostdeutschen Verlag publizieren, da er den Kommunismus ablehnte (vgl. Kirschnick: 59). Deswegen machte er sich auf die Suche nach einem westdeutschen Verlag, der publizieren wollte. Auch in Deutschland hielten sich die Verlage noch zurück. Der Fischer Verlag wies Ende der vierziger Jahre das Manuskript noch zurück. Im Jahr 1949 erhielt Otto Frank glücklicherweise eine Zusage aus Heidelberg. Der Verlag Lambert Schneider wollte das Tagebuch publizieren, jedoch ging man davon aus, dass es kein Verkaufsschlager werden würde. Der Absatz verlief demnach auch schleppend, auch wenn es eine sehr aufwendig gestaltete Ausgabe war, mit Fotografien von Anne selbst, ihrer letzten Tagebuchseite und von dem drehbaren Bücherregal vor dem Versteck der Familie (vgl. Kirschnick: 59-60). Trotzdem erschien beim Lambert Schneider Verlag 1954 eine zweite Auflage. Erst nachdem das Theaterstück zum Tagebuch der Anne Frank erschien, stiegen die Verkäufe und damit auch die Auflagen an. Im Jahr 1959 war bereits die sechste Auflage des Tagebuchs erschienen. Im Fischer Verlag sollte auch eine Taschenbuchausgabe erscheinen, was 1955 auch geschah.

In der DDR bestand jedoch auch großes Interesse am Tagebuch. Nachdem Otto Frank bemerkte, dass in der C.S.R. innerhalb von fünf Wochen 10.000 Bücher abgesetzt wurden, und vor Weihnachten noch einmal 10.000 Exemplare gedruckt werden sollten, wollte er den Lesern in der DDR das Tagebuch auch nicht mehr vorenthalten (vgl. Kirschnick: 67). Der Union Verlag, der 1951 gegründete Parteiverlag der CDU, hatte Interesse und schrieb Lambert Schneider eine Anfrage. In der Deutschen Demokratischen Republik war eine Veröffentlichung jedoch nicht so einfach, wie es im Westen der Fall war. Der Verlag musste zuerst einen Antrag auf Druckgenehmigung von dem Amt für Literatur und Verlagswesen bzw. der Hauptverwaltung Verlagswesen, auch bekannt als die Zensurbehörde, zugewiesen bekommen. Das Gutachten dazu stammt vom 15. November 1956 und die Auslieferung war eigentlich für März 1957 vorgesehen. Alles um die Publikation des Tagebuchs in der DDR war genauestens berechnet. Sogar das Papier wurde minutiös ausgezählt; nämlich 2.504 Tonnen (vgl. Kirschnick: 70-71). Der Druckgenehmigungsvertrag wurde dann am 3. Dezember 1956 unterzeichnet. Weil die Auflagenhöhe der Exemplare jedoch immerzu verdoppelte bzw. verändert wurde, dauerte es eine ganze Weile, bis das Tagebuch der Anne Frank endlich in der DDR erscheinen konnte. Die Auslieferung war eigentlich für März 1957 vorgesehen. Allerdings kam die gedruckte Papierausgabe des Tagebuchs erst im Herbst in die Buchläden (vgl. Kirschnick: 72). Hierbei ist es auch wichtig, zu erwähnen, dass es sich bei der DDR-Ausgabe um eine Lizensausgabe des Verlags Lambert Schneider handelt. Es wurde demnach auch keine neue Übersetzung angefertigt, sondern die Übersetzung von Anneliese Schütz wurde vom Union Verlag übernommen. Über viele Jahrzehnte hinweg wurde im deutschen Sprachraum nur die Übersetzung von Anneliese Schütz publiziert.

Otto Frank hatte in seinem Testament die Tagebuchaufzeichnungen seiner Tochter dem RIOD vermacht2. Als er 1980 verstarb, erhielt das Institut die Dokumente (vgl. Frank 2009: 6). Ein Team von Wissenschaftlern stellte sich die Aufgabe, eine wissenschaftliche Edition zu entwickeln, die die drei verschiedenen Fassungen möglichst vollständig enthalten sollte. Daneben gibt es auch verschiedene Kapitel, in denen Geschichte der Familie Frank beschreiben, sowie die verschiedenen Ausgaben zum Tagebuch und deren Interpretation. Auch gab es immer wieder Spekulationen von Seiten der Rechtsextremisten, dass das Tagebuch gefälscht sei. Deswegen sind außerdem Untersuchungen zur Authentizität der Tagebuchtexte enthalten (vgl. Schroth: 33). Die wissenschaftliche Ausgabe des Tagebuchs aus dem Jahr 1986 ist so strukturiert, dass die drei verschiedenen Fassungen unter einander abgedruckt worden sind. Diese drei Fassungen werden jeweils auch mit A, B und C angedeutet.


  • Unter A findet man die erste von Anne geschriebene Version ihres Tagebuchs.

  • Unter B ist die von Anne geschriebene Version auf den separaten Bogen aufgenommen worden.

  • Unter C findet man die 1947 publizierte Version aus dem Contact Verlag, die als „Het Achterhuis“ namhaft geworden ist. Bei der deutschen Ausgabe erscheint die Übersetzung von Anneliese Schütz als Version C (vgl. Barnouw, David en Stroom, Gerrold van der 2004: 215).

Obwohl man möglichst vollständige Informationen anbieten wollte, mussten auf Wunsch einiger direkt Beteiligter einiges gestrichen werden. Dies wird jedoch ausdrücklich in der wissenschaftlichen Ausgabe vermerkt (vgl. Schroth: 33-34). Zwölf Jahre nach dem ersten Erscheinen der wissenschaftlichen Ausgabe tauchten noch fünf Seiten aus dem Tagebuch auf. Diese fünf fehlenden Seiten werden in der Ausgabe von 2001 neu integriert, um die Ausgabe zu vervollständigen (vgl. Frank: 7). Demnach ist hier festzustellen, dass die wissenschaftliche RIOD-Ausgabe die Versionen A, B und C – sowohl im Niederländischen wie auch im Deutschen – enthält.

Darüber hinaus gibt es seit 1991 noch eine weitere Fassung des Tagebuchs. Von der wissenschaftlichen Ausgabe, die soeben besprochen wurde, ist im Auftrag des Anne Frank-Fonds eine Neuausgabe zusammengestellt worden. Sowohl im Niederländischen wie auch im Deutschen trägt diese Fassung den Vermerk „Samengesteld door Otto Frank en Mirjam Pressler“ bzw. „Zusammengestellt von Otto Frank und Mirjam Pressler“ (Schroth: 37 und Frank 2009/2010). Diese Neuausgabe des Tagebuchs, bei der die RIOD-Ausgabe als Grundlage dient, ist als die vierte Fassung – Version D – anzumerken und ist von der Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler zusammengestellt und übersetzt worden. Durch den ausdrücklichen Vermerk auf der Innenseite der Neuausgabe entsteht der Eindruck, Mirjam Pressler hätte unmittelbar mit Otto Frank zusammenarbeiten können. Dies erweist sich jedoch als eine Unmöglichkeit, da Otto Frank zur Zeit der Entstehung der Neuausgabe bereits über zehn Jahre tot war. Von einer Zusammenarbeit kann demnach auch keine Rede sein. Der Vermerk ist dennoch erklärlich, denn Mirjam Pressler hat Otto Franks Version, sein Typoskript II, als Grundlage für ihre Übersetzung benutzt. Laut Simone Schroth musste Mirjam Pressler alle Textstellen übernehmen, die Otto Frank zur Veröffentlichung vorgesehen hatte. Desweiteren erweiterte sie sein Typoskript II um einige Passagen aus Anne Franks Version A und B. Es handelt sich bei dieser Ausgabe demnach keineswegs um eine wissenschaftliche Ausgabe, wobei Mirjam Pressler in ihrer Einleitung ausdrücklich auf die RIOD-Ausgabe verweist. Darüber hinaus musste sich Mirjam Pressler ebenso an eine vorgegebene Seitenzahl des Verlags halten (vgl. Schroth: 37). Version D des Tagebuchs der Anne Frank wäre eher als Leseausgabe zu betiteln. Außerdem handelt es sich hierbei um die zweite Übersetzung in deutscher Sprache, wobei die erste Übersetzung von Anneliese Schütz aus lizenzrechtlichen Gründen bis heute noch gedruckt wird.


Abbildung 1



Anne Frank







Otto Frank



A. Cauvern









Isa Cauvern



Contact Verlag
















Anneliese Schütz





RIOD-Ausgabe

Die Tagebücher der Anne Frank (1988)



RIOD-Uitgave

De dagboeken van Anne Frank (1986)


RIOD




M
Anne Frank: Het achterhuis (1991)

(Version D)

Anne Frank: Tagebuch (1991)

(Version D)
irjam Pressler







Vgl. Barnouw, David en Stroom, Gerrold van der 2004: 77 und Schroth, Simone: 294


Abbildung 2




1
1942
2. Juni 1942




5
1943
. Dezember 1942





22. Dezember 1943

1944

29. März 1944

17. April 1944




1. August 1944





1986










Mai 1986



1991


1991

Version A Version B Version C RIOD-Ausgabe Version D


Vgl. Barnouw, David en Stroom, Gerrold van der 2004: 72 und Schroth, Simone: 293

2.2. Die Übersetzung von Anneliese Schütz (1950)

2.2.1. Kriterien zur Untersuchung der Tagebuchübersetzung

Das Übersetzen eines Textes ist immer eine heikle Angelegenheit. Es stellt sich nämlich immerzu die Frage nach der Priorität des Übersetzers; wann kann eine Übersetzung als wirklich gut bezeichnet werden? Wenn Wort für Wort übersetzt wird? Oder wäre vielleicht das Übertragen von Bedeutung für Bedeutung oder gar Gedanke für Gedanke die bessere Lösung? Jeder Übersetzer muss diese Entscheidung für sich persönlich fällen. Wenn man dann aus kritischer Sicht versucht, Aussagen über eine Übersetzung und deren Qualität zu formulieren, muss man sich immer vor Augen führen, dass nicht nur aus einer bestimmten Sicht übersetzt, sondern auch aus einer bestimmten Sicht Kritik geübt werden kann. Im Falle, dass zweier Übersetzungen einander gegenüberstellt werden, muss immer versucht werden, eine wissenschaftlich fundierte Basis der Kritik zu formulieren.

Über die beste Art des Übersetzens sind schon seit vielen Jahrhunderten Aussagen gemacht und Texte publiziert worden. Über die zwiespältige Haltung Übersetzungen gegenüber sind in Denken over vertalen verschiedene Meinungen vertreten. Hiëronymus meint beispielsweise zu diesem Thema, dass jeder Übersetzer seine eigenen Auffassungen und den eigenen kulturellen Hintergrund im Text mit einfließen ließe (vgl. Hiëronymus, Sophronius Eusebius 395: 11f). Demnach ist man als Übersetzer, aber auch als Kritiker, nie frei von Einflüssen und kann nie eine wirklich neutrale Übersetzung bzw. Übersetzungskritik entstehen. Desweiteren erklärt Hiëronymus, dass man keine Worte, sondern Gedanken übersetzen solle, wobei immer ein möglichst nahes Äquivalent zwischen Ausgangs- und Zielsprache gefunden werden sollte (vgl. Hiëronymus: 11f). Hiëronymus Auffassungen zum Übersetzen können demnach als plausibel angemerkt und auch beigepflichtet werden. Pierre Daniel Huets Meinung muss ebenfalls zugestimmt werden, der bekundet, dass die beste Art des Übersetzens die folgende sei:


De beste manier van vertalen is volgens mij die waarbij de vertaler eerst en vooral de gedachte van de auteur en vervolgens ook, als het wezen van beide talen dat toelaat, de woorden zelf zo nauwgezet mogelijk volgt en uiteindelijk ook de persoonlijke stijl van de auteur in de mate van het mogelijke weergeeft en waarbij hij maar één doel nastreeft: getrouw de auteur voor ogen stellen in een volmaakte reproductie, zonder verkorting door weglatingen of uitbreiding door toevoegingen. (Huet, Pierre Daniel 1661: 33).


Neben den Auffassungen von Hiëronymus und Huet sind jedoch auch Meinungen vertreten, die eine Wort für Wort Übersetzung als die einzig Richtige bezeichnen. Deswegen musste sich Martin Luther dem gegenüber in seinem Sendbrief vom Dolmetschen verteidigen, weil er das Wort „sola“ in seiner Übersetzung des Neuen Testaments hinzugefügt hatte (vgl. Luther, Martin 1530: 15-24). Als weiteres Beispiel ist Madame Dacier zu erwähnen, die beispielsweise die „klassischen Übersetzungen“, in denen eine wortwörtliche Übersetzung bevorzugt wird, favorisiert (vgl. La Motte, Antoine Houdar de 1714: 26 und 29). Ton Naaijkens fasst die verschiedenen Standpunkte zum Übersetzen folgendermaßen zusammen: Der eine meint anscheinend, dass der Charakter des Urprünglichen so viel wie möglich bewahrt werden muss; für den anderen muss eine derartige Übersetzung vorzugsweise so nahe wie möglich an das moderne Sprachempfinden des normalen Lesers herangebracht werden. Wieder andere meinen, dass nur die Übersetzungen als gelungen bezeichnet werden können, die dem modernen Leser einen Eindruck des alten Griechisch und Lateinisch vermitteln können (vgl. Naaijkens, Ton 2001: 109). An dieser Stelle zeigt sich demnach die große Schwierigkeit, welche Position vorzugsweise eingenommen werden sollte.

Jeder Text ist unterschiedlich und demnach ein Unikat. Das ist nicht nur beim Originaltext so, dies gilt auch für die Übersetzung eines Textes. Man kann also nicht alle Texte und alle Übersetzungen auf die gleiche Art und Weise beurteilen. Es muss immer spezifisch von Fall zu Fall anders vorgegangen werden. Dieser Meinung pflichtet auch Simone Schroth bei (vgl. Schroth: 82f und 119-120). Für die Untersuchung der Übersetzung des Tagebuchs der Anne Frank von Anneliese Schütz sollen demnach dem Vorbild Simone Schroths folgend, individuelle Beurteilungskriterien formuliert werden, die der Untersuchung der Übersetzung angemessen sind. Es ergeben sich folgende sieben Kriterien (vgl. Schroth: 119-120), die im Folgenden näher spezifiziert werden:


  1. Fehler in der Übersetzung;

  2. Vokabular: Niederlandismen, Neologismen, Kriegs- und Besatzungsvokabular sowie Kauderwelsch;

  3. Sprichwörter und Redensarten;

  4. Auslassungen;

  5. Hinzufügungen;

  6. Register, Ton: Ausdruck von Zu- oder Abneigung, Humor, Ironie usw.

  7. Syntax und eventuelle Glättungen, Interpunktion;


Als Übersetzer sieht man sich erst einmal der Aufgabe gestellt, die Botschaft die im Sprachsystem der einen Sprache formuliert wurde, in das Sprachsystem der anderen Sprache zu gießen. Die Botschaft soll für die Leser beider Sprachen gleichermaßen deutlich sein und es soll selbstverständlich auch die gleiche Botschaft wie im Original vermittelt werden. Die hier formulierte Reihenfolge der Beurteilungskriterien ergibt sich aus dem Schwierigkeitsgrad, dem man sich als Übersetzer(in) gegenübergestellt sieht. Der hier formulierte Aufbau der Analyse folgt deswegen einem roten Faden, der beginnt bei den einfachen kleinen, oft ungewollt gemachten Fehlern, der sich dann ausstreckt zu den im Übersetzungsprozess oft viel schwierigeren Hürden wie Sprichwörtern und Redensarten, bis hin zu den bewusst vorgenommenen Hinzufügungen und Auslassungen bzw. den willentlich gemachten stilistischen Glättungen, die den Originaltext demnach auch ver- bzw. umformen.

1. Zu den Fehlern in der Übersetzung;

In einer Übersetzung werden Flüchtigkeitsfehler, aber auch Fehler wegen mangelnder Kenntnis schnell gemacht. Man schaut entweder nicht genau genug im Wörterbuch nach, oder es kann passieren, dass es für ein und dasselbe Wort mehrere Übersetzungsmöglichkeiten gibt, aus denen sich der Übersetzer vielleicht das falsche Wort für den vorliegenden Kontext aussucht. Auch wegen „falscher Freunde“ können Fehler in einer Übersetzung gemacht werden. Dies passiert dem Übersetzer oft nicht bewusst, aber Fehler solcher Art können Einfluss auf den Lesefluss und auf die Rezeption bzw. Interpretation des Textes haben.

2. Zum Vokabular;

Ein kleiner Schritt in der Schwierigkeit weiter ist das Vokabular der beiden Sprachen. Niederländisch und Deutsch sind sich ziemlich ähnlich, wodurch Niederlandismen in der Übersetzung für Probleme sorgen können. Diese ließen sich jedoch auch durch „falsche Freunde“ erklären. Neologismen und Kauderwelsch bieten der Phantasie eines Schriftstellers viel mehr Freiraum, ein Übersetzer kann darüber jedoch stolpern. Man möchte schließlich auch im Ton des Originals bleiben. Aber man möchte jedoch auch ein möglichst präzises und vor allem vollständiges Äquivalent des aus dem Original stammenden Wortes vermitteln. Das Vokabular ist sowieso ein ganz schwieriges Thema. Am Vokabular einer Person erkennt man nicht nur aus welcher Zeit diese Person stammt, sondern auch zu welchem sozialen Umfeld die Person gezählt werden kann. Wenn man dieses Vokabular bewusst oder mehr oder weniger ungewollt verändert, entsteht für den Leser auch ein ganz anderer Blick auf die Person und so wird folglich auch die Interpretation beeinflusst.

3. Zu den Sprichwörtern und Redensarten;

Sprichwörter und Redensarten sind überhaupt ein schwieriges Thema, welches deswegen auch gesondert behandelt wird. Als Übersetzer muss man sich nämlich nicht nur der hintergründigen Bedeutung des Sprichwortes in der eigenen Sprache bewusst sein, man muss sich auch damit auseinandersetzen, ob dieses Sprichwort wohl oder nicht in der anderen Sprache existiert, und ob es die gleiche Bedeutung innehat. Auf alle Fälle muss man als Übersetzer, Sprichwörter und Redensarten unbedingt erkennen können. Wenn Sprichwörter nicht erkannt werden, kann darauf in der Übersetzung auch nicht eingespielt werden und wäre es möglich, dass eine Wort für Wort Übersetzung entstehen könnte. Dies könnte dann wiederum zu skurrilen und Lachen erregenden Wortbildungen führen, die dem Leser im Lesefluss stören könnten.

4. und 5. Zu den Auslassungen und Hinzufügungen;

Eine der eingreifendsten Angelegenheiten beim Übersetzen ist die Treue zum Originaltext hin. Als Übersetzer hält man gewissermaßen die Macht in Händen, wie der Text in der Zielsprache aussehen wird. Man kann dem Original treu bleiben, aber es besteht auch die Möglichkeit, direkt in den Text einzugreifen. Dies kann auf zweierlei Arten passieren; nämlich mit Auslassungen und Hinzufügungen. Wenn etwas weggelassen wird, verschweigt man im gewissen Sinne den eigentlichen Gedanken des Autors. Und wenn etwas hinzugefügt wird, legt man dem Autor die eigenen Worte in den Mund. Selbstverständlich haben Auslassungen und Hinzufügungen gravierende Einflüsse auf die Interpretation eines Textes. Im Grunde wird der Autor betrogen und werden die Leser getäuscht. Ob dies in der Übersetzung von Anneliese Schütz auch passiert, wird folglich im nächsten Kapitel untersucht.

6. Zu Register und Ton;

Der nächste Punkt der Kriterienliste betrifft Register und Ton der Übersetzung. Dies sind wesentliche Werkzeuge eines Schriftstellers, um Personen gewissermaßen sympatisch oder unsympatisch darstellen zu können. Nun hat natürlich der Autor, seine bzw. ihre eigene Meinung, was bestimmte Personen angeht. Als Übersetzer kann man in diesen Ausdrücken von Zu- oder Abneigung mitgehen und dem Originaltext nach alles sinngetreu wiedergeben. Jedoch kann der Übersetzer auch die Entscheidung treffen, bestimmte Dinge zu verstärken oder abzuschwächen. So können die Personen, die im Tagebuch vorkommen, auch positiver oder gar schlechter hingestellt werden. Hieraus ist demnach zu schlussfolgern, dass dieser Punkt der Kriterienliste ebenfalls großen Einfluss auf die Interpretation des Tagebuchs der Anne Frank ausüben kann.

  1. Zur Syntax und den eventuellen Glättungen;

Als letzten Punkt muss noch auf den allgemeinen Eindruck des Textes eingegangen werden. Hierbei ist die Syntax ein wichtiges Merkmal, das gleich ins Auge springt und an dem sich die ganze Struktur der bewussten Glättungen und Umformungen gut zeigen lässt. Stilistische Glättungen werden meistens mit Rücksicht auf die Leser durchgeführt. Es ist jedoch auch kennzeichnend für die Kontrolle, die die Übersetzerin über den Originaltext auszuüben und zu behalten scheint.

Diese in sieben Punkten aufgeführten Kriterien sollen im hierauffolgenden Kapitel als Leitfaden für die Untersuchung der Übersetzung von Anneliese Schütz dienen.


2.2.2. Analyse der Übersetzung von Anneliese Schütz (1950)

Bevor näher auf die Kriterienliste, und damit auf die Tagebuchübersetzung von Anneliese Schütz eingegangen werden kann, muss noch vermerkt werden, dass, wie bereits in der Einleitung erwähnt, die neuere Übersetzung von Mirjam Pressler (1991) zum Vergleich in der hier folgenden Analyse an manchen Stellen zu Rate gezogen wird. Dabei muss der Leser jedoch davon ausgehen und differenzieren, dass die beiden Übersetzerinnen aus verschiedenen Hintergründen heraus übersetzt haben. Mirjam Pressler gilt als professionelle Übersetzerin und Schriftstellerin, die das Tagebuch der Anne Frank im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit übersetzt hat. Anneliese Schütz hingegen übersetzte nicht aus einer beruflichen Perspektive, sondern war mit der Familie Frank bekannt und hatte das Anliegen, das Tagebuch für die in der Schweiz lebende Großmutter von Anne Frank zugänglich zu machen (vgl. Schroth: 122). Hieraus kann gefolgert werden, dass die fachlichen Voraussetzungen der beiden Übersetzerinnen verschieden waren, woraus sich eventuell auch die Unterschiede bzw. Verschiebungen in den beiden Versionen der Übersetzungen erklären ließen.


  1. Fehler in der Übersetzung;

Um dem ersten Punkt der Kriterienliste zu folgen, wird im Folgenden zuerst auf die Fehler3 die in der Übersetzung gemacht wurden, eingegangen. Deswegen wird zuallererst ein Blick auf die Vorwürfe geworfen, die von Otto Frank, Andre Lefevere und Gerrold van der Stroom in der RIOD-Ausgabe geäußert wurden. Lefevere stimmt Otto Frank in seiner Aussage zu, dass seine Beurteilung von Schütz’ Übersetzung, wie oben bereits geschildert wurde, leider angemessen sei (vgl. Lefevere: 352), da laut ihn Anneliese Schütz zu alt sei, den richtigen Ton zu treffen und sie manche Ausdrücke nicht richtig verstanden hätte. Auch hat sie öfters nicht das richtige Äquivalent gefunden oder schlichtweg Flüchtigkeitsfehler gemacht. Dabei wundert es Lefevere, dass dies dem Verlag bei der Kontrolle der Übersetzung nicht aufgefallen sei. Als Beispiel führt Lefevere den Eintrag vom 21. Juni 1942 an, wo „zulke uilen“ als „solche Faulpelze“ übersetzt wird (vgl. ebd.: 352) anstatt dass dies als „solche Trottel“ (P4: 24) richtig übersetzt wurde. Simone Schroth zitiert Gerrold van der Stroom und Lefevere in ihrer Untersuchung (vgl. Schroth: 128), wenn sie als Beispiel anführt, dass „de hele rataplan“ von Schütz als „das ganze Rattennest“ anstatt als „der ganze Haufen“ übersetzt wird. Auch kann als Flüchtigkeitsfehler der Eintrag vom 14. Juni 1942 angeführt werden, in dem Anneliese Schütz in ihrer Übersetzung vergaß, das Datum mit zu übersetzen (vgl. ebd.: 129). Meistens stimmen die Uhrzeiten in Schütz’ Übersetzung nicht mit dem Original überein. Dies vermerkt Simone Schroth (vgl. ebd.: 129) ebenfalls als Flüchtigkeitsfehler. Genauso wie die Tatsache, dass Schütz sechs Mal „Niederland“ anstatt mit –e, also „Niederlande“, schreibt (vgl. ebd.: 132). Es kann aber auch so sein, dass der Flüchtigkeitsfehler mit den Uhrzeiten kein Fehler von Seiten Schütz gewesen ist. In der niederländischen RIOD-Ausgabe finden sich Aussagen darüber, dass das Typoskript II für die niederländische Originalausgabe des Tagebuchs den Hausregeln des Contact Verlags angepasst wurde. Darunter finden sich auch zeitliche Änderungen im Tagebuch (vgl. Barnouw, David en Stroom, Gerrold van der 2004: 82). Hierdurch ist es auch plausibel, dass die niederländische Ausgabe und die deutsche Übersetzung von Anneliese Schütz von einander abweichen, da für die niederländische Ausgabe zeitliche Änderungen vorgenommen wurden, und Anneliese Schütz das Typoskript II von Otto Frank für ihre Übersetzung als Grundlage benutzt hat.

Ein weiterer Fehler betrifft den Eintrag vom 1. Oktober 1942. Darin spricht Anne davon, dass sie „nogal jaloers uitgevallen“ (NL: 38) ist. In der Übersetzung bekennt sich Anne aber nicht zu ihrer Eifersucht, sondern bestreitet sie sogar. Denn: „Ich bin bestimmt nicht eifersüchtig“ (S: 39) schreibt Schütz. Ob Schütz diese Stelle vielleicht falsch interpretiert hat, oder ob sie mit Absicht diese Stelle falsch übersetzt hat, bleibt ungewiss. Zu vermuten ist aber, dass es sich hier um einen Flüchtigkeitsfehler handelt. Weitere Beispiele können noch hinzugefügt werden, nämlich, dass „een gezelschapsspel“ (NL: 2) als „ein Geduldsspiel“ (S: 10) übersetzt wurde, anstatt als „ein Gesellschaftsspiel“ (P: 11), oder dass „wakkerhoudmiddel“ (NL: 10) als „Belebungsmittel“ (S: 16) also als ein „oplevingsmiddel“, übersetzt wurde anstatt als „Wachhaltemittel“ (P: 27) wie es Mirjam Pressler richtig übersetzt hat. Im Eintrag vom 29. Oktober 1942 ist Anne laut Anneliese Schütz nicht „ongerust“ (NL: 43) weil ihr Vater krank ist, sondern „unruhig“ (S: 43), was eigentlich im Niederländischen „onrustig“ bedeutet. Auch ist der „stomverbaasde man“ (NL: 50) Dussel nicht „verblüfft“ (P: 75) wie es in Mirjam Presslers Übersetzung heißt, sondern „sprachlos[...]“ (S: 49). Im Tagebucheintrag vom 1. Mai 1943 heißt es bei Schütz, dass als Strafe für die andauernde Sabotage im ganzen Land der „Belagerungszustand“ verhängt wurde. Dies klingt jedoch ein wenig merkwürdig, da ein Belagerungszustand vielmehr auf die Belagerung einer Stadt anspielt. Der Begriff „Ausnahmezustand“ erscheint viel angemessener, wie auch Simone Schroth meint, da dieses Wort sich auf das ganze besetzte Gebiet beziehen kann (vgl. Schroth: 131). Ferner ist das „Unglückspapierchen“ (P: 43), das Herr van Daan am liebsten verbrannt hätte, bei Schütz ein „unglückseliges Papier“ (S: 23) und ist „Juffrouw Kwek-kwek-kwek“ (NL: 38) nicht wortwörtlich „Fräulein Quak-quak-quak“ (P: 59), sondern „Jungfer Schnatterbeck“ (S: 37). Desweiteren berichtet Anne in ihrem Eintrag vom 21. August 1942, dass sie nicht so viel lerne, was Schütz als „ich lese nicht viel“ (S: 28) übersetzt. Im Übrigen übersetzt Schütz im Eintrag vom 21. August 1942 das Wort „Harmonicabed“ (NL: 24) noch als „Liegestuhl“ (S: 28), was selbstverständlich nicht als richtig bezeichnet werden kann. Im Eintrag vom 10. November 1942 übersetzt sie „Harmonicabed“ jedoch zutreffend als „Harmonikabett“ (S: 48), was hier demnach als eine fehlende Konsequenz zu bezeichnen wäre. Durch all diese Beispiele liegt die Vermutung nahe, dass Anneliese Schütz entweder nicht genau genug übersetzt hat, oder sie die in den Beispielen genannten Wörter nicht richtig verstanden hat.


  1. Vokabular: Niederlandismen, Neologismen, Kriegs- und Besatzungsvokabular sowie Kauderwelsch;

Im Vokabular der Übersetzung von Anneliese Schütz tauchen im Vergleich zum Original verschiedene Diskrepanzen auf.

Erstens erscheinen viele Niederlandismen, die sich vermutlich durch „falsche Freunde“ erklären ließen. Am Tagebucheintrag vom 20. Juni 1942 lässt sich dies gut verdeutlichen. In diesem Eintrag wird „Niet alleen“ (NL: 3) von Schütz als „Nicht allein“ (S: 11) übersetzt anstatt als „Nicht nur“ (P: 18). „Niet alleen“ und „Nicht allein“ sehen sich fälschlicherweise viel ähnlicher, als „Niet alleen“ und „Nicht nur“, was hier das richtige Äquivalent wäre. Genauso befremdlich klingt im Deutschen „mit Riesenlettern“ (S: 82) anstatt es mit „Riesenbuchstaben“ (P: 118) zu übersetzen, oder „gerade wie kleine Kinder“ (S: 77) anstatt „wie kleine Kinder“ (P: 113) wie Pressler es schreibt. Diese Beispiele sind eindeutig als Niederlandismen zu identifizieren.

Zweitens tauchen sogenannte Neologismen auf. Anne Frank dachte sich gerne neue Wörter oder Wortkombinationen aus, die sie in ihrem Tagebuch auch mehrfach verwendete. Dies betrifft meistens Wörter, die auf das Hinterhaus und die darin lebenden Menschen bezogen werden können. Im Eintrag vom 25. September 1942 spricht Anne von der „schuilcommissie Achterhuis (afd. heren)“ (NL: 30), was von Schütz als „>>Tauch-Kommission<< im Hinterhaus“ (S: 33) übersetzt wird. Zwar ist diese Übertragung nicht wirklich als störend zu bezeichnen, da Anne ihr Versteck mehrfach auch als „onze duik“ (NL: 24) bezeichnet, aber die „Versteckkommission Hinterhaus (Abteilung Herren)“ (P: 53) wäre als eine passendere Lösung zu beurteilen. Im Eintrag vom 27. September, also zwei Tage darauf, berichtet Anne von mehrfachem Verschwinden der Sachen ins Hinterhaus. Anne fasst dieses Verschwinden witzigerweise als „Van Daan-verdwijning“ und „Frank-verdwijning“ (NL: 31) in Worte. Vermutlich wusste Anneliese Schütz nicht genau, was sie mit einem solchen Neologismus anfangen sollte. Hier übersetzt sie es als: „Ich möchte, daß Mutter das mit gleicher Münze heimzahlt!“ (S: 33). Zwar ist die Idee, also das „sich rächen“ hier in der Übersetzung schon vorhanden. Da Anneliese Schütz hier jedoch eine Redewendung vorzieht, anstatt dass sie daraus „Van-Daan-Schwund“ und „Frank-Schwund“ (P: 54) machte, geht hier der Witz in der Übersetzung größtenteils verloren. Das Gleiche gilt auch für das Wort „mede-duiker“ (NL: 50), was bei Schütz lediglich als „Hausgenosse[...]“ (S: 49) übersetzt wird, wogegen Presser versucht hat, den Ton von Anne beizubehalten und deswegen „mede-duiker“ als „Mitverstecker“ (P: 75) übersetzte.

Neben den Niederlandismen und Neologismen ist als dritter Punkt des Vokabulars das Kriegs- und Besatzungsvokabular ein wichtiges sprachliches Merkmal aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Hierzu werden im Folgenden auch verschiedene Bemerkungen über Juden dazu gezählt. Vor allem der Tagebucheintrag vom 20. Juni 1942 ist zu diesem Thema als sehr interessant zu bezeichnen. Anne spricht im Tagebucheintrag davon, dass sie „volbloed-Joden“ (NL: 4) sind. In der Übersetzung taucht – vielleicht auch verständlicherweise – das Wort „Vollblut“ nicht auf (S: 12). Interessantes Detail ist, dass Mirjam Pressler das Wort „Vollblut“ in ihrer Übersetzung auch bewusst weglässt. Man kann zur Verteidigung beider Übersetzerinnen anführen, dass sie das deutsche Lesepublikum mit diesem Wort nicht konfrontieren wollten. Aus kritischer Sicht muss es ihnen jedoch angerechnet werden, dass die Übersetzung von „volbloed-Joden“ mit „Juden“ nicht exakt als Äquivalent bezeichnet werden kann. Weiter im Verlauf des Tagebucheintrags erzählt Anne von „Hitlers Jodenwetten“ (NL: 4) und „Jodenwet volgde op Jodenwet“ (NL: 4). Bei der Betrachtung der Übersetzung von Schütz ist auffällig, und muss Lefevere beigepflichtet werden, dass das Wort „Juden“ umgangen wird (vgl. Lefevere: 353). Schütz übersetzt „Hitlers Jodenwetten“ deswegen auch als „Hitler-Gesetze“ (S: 12) anstatt als „Hitlers Judengesetze[...]“(P: 20). Auch übersetzt Schütz „Jodenwet volgde op Jodenwet“ als „Ein diktatorisches Gesetz folgte dem anderen“ (S: 12). Ein diktatorisches Gesetz ist natürlich etwas ganz anderes als ein Judengesetz, da ein Judengesetz schließlich auf nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ausgerichtet ist; nämlich auf die Juden, wogegen ein diktatorisches Gesetz wiederum auf eine viel größere Gruppe bezogen werden kann. Im Eintrag vom 9. Oktober 1942 spricht Anne Frank von der schnellsten „sterfmethode“ (NL: 39) bzw. von der „schnellste[n] Methode zu sterben“ (P: 64), was von Schütz als „Vernichtungsmethode“ (S: 40) dargestellt wird. Auch an dieser Stelle kann Schütz’ Übersetzung nicht als Äquivalent bezeichnet werden. Zwar drückt das Wort „Vernichtungsmethode“ das Gleiche aus, nämlich das Vergasen der Juden, jedoch im mehr gravierendem Maße, was wiederum sicherlich Folgen für die Interpretation der Leser haben wird. Hiervon wird jedoch im nächsten Kapitel mehr berichtet. Das Wort „legerstede“ (NL: 49) ist Anne ebenfalls nicht unbekannt. Anstatt das richtige Äquivalent „Lagerstatt“ (P: 74) zu benutzen, wie Mirjam Pressler das macht, umgeht Schütz es, indem sie hierfür die Wortkombination „die dann mit dem Harmonikabett ins Zimmer der Eltern zieht“ (S: 48) verwendet. Der Militärjargon wird an dieser Stelle von Schütz umgangen.

Ziemlich auffällig ist auch der Stil in dem Dussel von Schütz in ihrer Übersetzung dargestellt wurde. In der Originalausgabe lässt Anne Dussel im halb niederländischen und halb deutschen Stil auftauchen. Zum Beispiel im Tagebucheintrag vom 17. November 1942, wenn Dussel sagt: „Maar... aber, sind u dan niet in België? Ist der Militär nicht gekomen, das Auto, die vlucht is sie nicht gelukt?“ (NL: 50). Wenn man dann die deutsche Übersetzung von Anneliese Schütz daneben hält, spricht Dussel auf einmal in perfektem Deutsch: „Aber... nein... aber sind Sie denn nicht in Belgien? Ist der Offizier nicht gekommen? Das Auto? Ist die Flucht nicht geglückt...?“ (S: 49). Selbstverständlich ist es für eine Übersetzerin ziemlich schwierig, um dieses Kauderwelsch zu übertragen. Es kann ihr jedoch vorgeworfen werden, dass sie wirklich rein gar nichts von dieser Mischsprache durchschimmern lässt. Fraglich ist, ob Schütz im Tagebucheintrag vom 13. Juli 1943 einen Versuch gemacht hat, Dussel doch ein wenig naturgetreu, wie Anne ihn darstellt, wiederzugeben. Hier erscheint nämlich der Niederlandismus „nicht für nichts“ (S: 77). Es stellt sich jedoch die Frage, ob sie absichtlich einen Niederlandismus verwendet hat, oder ob es eine Unzulänglichkeit ihrerseits ist.


3. Sprichwörter und Redensarten;

Nahe am Vokabular verbunden sind die Sprichwörter und Redensarten, die Anne in ihrem Tagebuch regelmäßig verwendet. Von daher liegt es auch auf der Hand, dass dies als Kritikpunkt für die Bewertung der Übersetzung von Anneliese Schütz mit eingeschlossen wird. Genauso wie bei den Niederlandismen im Vokabular, gibt es bei Sprichwörtern und Redensarten „falsche Freunde“, die es der Übersetzerin nicht leicht gemacht haben. Mehrfach tauchen wortwörtliche Übersetzungen auf, die der bildlichen Bedeutung kein Recht verleihen. Zum Beispiel im Tagebucheintrag vom 20. Juni 1942, als Anne sich etwas „gründlich von der Seele reden“ (P: 18) wollte. Hier übersetzt Schütz die Redensart „mijn hart [...] luchten“ (NL: 3) als „mein Herz gründlich erleichtern“ (S: 11). Wortwörtlich gesehen ginge diese Übersetzung gerade noch. Es handelt sich hier jedoch um eine Redewendung und aus Schütz’ Übersetzung zeigt sich, dass sie sie falsch übertragen hat. Dies gilt auch für das nächste Beispiel, womit Lefevere (vgl. Lefevere: 352) anscheinend ziemliche Probleme hat. In der Originalfassung heißt es: „daar zit hem de knoop“ (NL: 4). Übersetzt wurde dieser Satz fälschlicherweise als „und ich bin dann wie zugeknöpft“ (S: 11). Hier ist aber nicht die Rede davon, dass Anne selbst zugeknöpft sei, im Sinne davon, dass sie sich dazu nicht äußern kann oder will. Anne spricht hier davon, dass das „der Haken“ (P: 20), also das Problem ist, womit sie derzeit zu kämpfen hat. Im Eintrag vom 2. September 1942 berichtet Anne von ihrer Mutter und Frau v. Daan. Zwischen ihnen „botert“ (NL: 25) es laut Anne nicht so. Wenn im Niederländischen von „het botert tussen die twee niet“ die Rede ist, dann „vertragen“ (P: 46) sich zwei Menschen nicht so gut. Schütz übersetzt dies jedoch als „Mit Mutter und Frau v. Daan geht es auch nicht so gut“ (S: 29). Dadurch, dass Schütz die Redewendung die Anne verwendet umgeht, schwächt sie mit ihrer eigenen Übersetzung das Bild, das von Anne skizziert wurde, ab. Hier greift Schütz zwar nicht in den Lesefluss ein, aber das Bild, das beim deutschen Leser entsteht, kann hierdurch völlig vom Bild, das der niederländische Leser beim Lesen dieser Textstelle vor Augen hat, abweichen. Ende September, im Eintrag vom 27., ist Frau v. Daan für Anne immer noch ein amüsantes Gesprächsthema. Sie schreibt darüber, dass ihr wieder mal „eine Laus über die Leber gekrochen“ (P: 54) ist, vom niederländischen „de bokkepruik op[hebben]“ (NL: 31). Bei Schütz ist Frau v. Daan aber keine Laus über die Leber gelaufen, denn sie ist in ihrer Übersetzung „unberechenbar“ (S: 33) geworden. Anstatt dass also von ihrem schlechten Gemüt die Rede ist, weiß man gar nicht in welchem Gemütszustand sie sich befindet und wie man sich darauf vorbereiten soll. Von der Gewissheit der schlechten Laune wandelt man in Schütz’ Übersetzung zur Ungewissheit über die Laune der Frau v. Daan. Am 28. November 1942 schreibt Anne, dass Kitty es nicht versuchen sollte, zu verstehen, was sie schreibt, denn sie „komt er toch niet uit!“ (NL: 56). Hier meint Anne also, dass Kitty Annes Hirngespinste, was das Vorherige betrifft, nicht verstehen würde, auch wenn sie es versuchen würde. In der Übersetzung taucht an dieser Stelle wiederum eine wortwörtliche Übersetzung des Textes auf, nämlich: „sonst findest Du überhaupt nicht wieder heraus!“ (S: 54). An dieser Stelle könnte der Leser doch ein wenig misstrauisch werden, denn in dieser Form gibt es diese Redewendung im Deutschen nicht. Aus diesen Beispielen lässt sich demnach schließen, dass Anneliese Schütz viele Redewendungen und Ausdrücke aus dem Niederländischen nicht richtig verstanden hat, wodurch entweder ein ganz verzerrtes Bild entsteht oder der Leser, wegen der holprigen Übersetzung der Ausdrücke, doch ein wenig stutzig werden kann.


4. Auslassungen;

In der Übersetzung von Anneliese Schütz kommt es allerdings auch vor, und dann sind wir beim nächsten Punkt der Kriterienliste, dass sie bestimmte Dinge – bewusst, unbewusst oder mit einer bestimmten Absicht – auslässt. So kommen beispielsweise im Eintrag vom 28. November 1942 drei Ausdrücke in der niederländischen Fassung vor, die in der deutschen Übertragung nicht auftauchen; „Maar wie weet, loopt het nog mee!“ (NL: 55), „althans, de onze“ (NL: 55) und „O hemeltje“ (NL: 56). Es kann bei diesen Ausdrücken vermutet werden, dass Schütz sie vielleicht zu schwierig fand und sie deswegen nicht in ihrer Übersetzung aufgenommen hat. Auch besteht die Möglichkeit, dass sie die Ausdrücke vielleicht nicht relevant genug fand, um sie aufzunehmen, oder sie hat sie einfach übersehen. In den nächsten Beispielen liegt allerdings die Vermutung nahe, dass es sich um bewusste Auslassungen in der Übersetzung handelt. Im Eintrag vom 20. Juni 1942, schreibt Anne beispielsweise davon, dass ihre Freiheit und die Freiheit der Juden in Amsterdam sehr beschränkt wurde (NL: 5 und P: 21).


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