Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien




НазваниеEnthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien
страница4/44
Дата07.10.2012
Размер1.14 Mb.
ТипДокументы
1   2   3   4   5   6   7   8   9   ...   44
2. Die blauen Berge.

 

Unfern vom Gebirge lebte eine stille, fromme Gemeinde. Die Menschen nährten sich von den Früchten der Erde, die sie bauten, und von der Milch der Thiere, deren sie pflegten; und was sie aßen und tranken, das geschah in Zufriedenheit und mit Danksagung. Jeden Morgen besonders zogen sie hinaus ins Freie; und, mit dem Antlitz gen Osten gewandt, beteten sie zu dem unsichtbaren Gott, der ihnen aus den schönen, blauen Bergen die Sonne herauf führte, und die Wasserströme darnieder stürzen ließ, um ihre Aecker und Weiden zu tränken, und dessen Wetterstürme donnerten und leuchteten voll majestätischer Pracht.

Es war aber ein Mann in der Gemeinde, den es gelüstete, sich näher umzusehen in den Bergen, und die Geheimnisse des Sonnenscheines, und der Wasserströme, und der Winde und Wetter zu erforschen. Und er ging eines Tages fort, und that, wie ihm sein Geist zu gebieten schien. Nach einiger Zeit kehrte er wieder zurück, und er sprach vor der versammelten Gemeinde: Was ihr, liebe Leute, bisher von den blauen Bergen dort und dem Gotte oben gemeint und geglaubt habt, dem ist nicht also, und ihr seid in großem Irrthum. Ich habe Alles in der Nähe besehen, und ganz anders befunden. Die Berge, die euch so schön blau her scheinen, sind eitel schroffiges, unfruchtbares Gestein; und die Gewässer, die aus ihren Schluchten herabschießen, sind wilde, verheerende Gießbäche, und die Winde und Wetter sind natürliche Lufterscheinungen, die sich von selbst erzeugen und wieder zerstören. Und die Sonne, die geht weit, weit hinter jenem Gebirge auf; und von einem Gott, wie man gefabelt, ist nirgends nichts zu sehen in den blauen Bergen.

Die Gemeinde stutzte ob der Rede des Mannes, den sie als einen Wissenden verehrten. Und einige sagten voll Unmuth: So haben uns denn unsere Väter bethört, daß wir Mährlein glaubten als wahrhaftige Dinge! Und sie gingen seit der Zeit nicht mehr hinaus, daß sie zu Gott beteten, der die Wunder verrichtete in den blauen Bergen; und sie arbeiteten von nun an verdrossen und lebten unter einander in Unfrieden. Viele unter ihnen aber gingen nun selbst in die Berge, um zu schauen, was zu glauben wäre; und sie müdeten sich vergebens ab im Auf- und Niedersteigen, und manche fielen in die Abgründe oder verirrten sich in dem weiten Gebirge, wo sie vor Hunger umkamen. Nur ein alter Mann in der Gemeinde achtete nicht der Rede des Wissenden, sondern glaubte an das, was seine Väter ihm gesagt von den blauen Bergen und dem Gotte, der darin wohne; und er ging täglich, nachwie vorher, hinaus ins Freie und betete da, mit dem Antlitz gen Osten gewandt, zu dem Unsichtbaren, der ihm die Sonne heraufführte, und die Wasserströme niederstürzen ließ, und dessen Wetterstürme donnerten und leuchteten in den blauen Bergen. Und wenn er also gebetet hatte voll der Andacht und des Glaubens, da ging er jederzeit gestärkt an sein Tagwerk, und die Arbeit seiner Hände war gesegnet und jeder Wunsch seines Herzens gestillt.

 3. Der Name Gottes.

 

Es traten zu einer Zeit die Weisesten des Landes zusammen, um zu berathen und zu entscheiden, mit welchem Namen Gott am meisten geehrt und am würdigsten dargestellt würde. Einige meinten, man sollte ihn den Gott der Macht nennen, weil er der Bewältiger des Meeres und der Gebieter der Stürme und der Lenker der Schlachten sei. Andere sagten, er solle der Gott des Reichthums heißen, weil die Erde voll sei von seinen Schätzen, und Alles, was da lebt und webt, Leben und Gedeihen von ihm habe. Wieder Andere schlugen vor, man solle ihn den Gott der Weisheit nennen; denn Reichthum und Macht seien ja in der Hand Gottes nur darum heilsam und segenbringend, weil er sie zum Nutzen und Frommen zu gebrauchen wisse. Zuletzt, als alle übrigen ihre Aeußerung gethan, wurde noch der älteste unter ihnen, der bisher stillgeschwiegen, um seine Meinung gefragt. Dieser aber bat sich Zeit aus bis auf den folgenden Tag, um der Sache weiter nachsinnen zu können. Des andern Tags, als er wieder gefragt wurde, sprach er: Je mehr ich nachdenke, was Gott sei, und welcher Name ihm vor Allem gebühre, desto weniger kann ich es erforschen. Man verwilligte ihm noch einen Tag zu weiterem Bedenken, und der Alte unterzog sich demüthig dem Auftrage. Als nun am dritten Tage die Versammlung wieder gehalten wurde, trat der Greis mit verklärtem Angesicht unter sie, und öffnete den Mund und sprach: Vernehmet, was mir in einer heiligen Stunde veroffenbaret wurde. Indem ich die Nacht wieder der Betrachtung obliegen wollte, wie ich seit zwei Nächten gethan, kam mir der Gedanke in den Sinn, daß doch Gott nur allein wissen könne, was er sei, und der Mensch nur so weit, als es ihm Gott offenbare. Dieses bedenkend, warf ich mich auf die Kniee, und harrte in brünstigem Gebete wol drei Stunden lang. Und Gott erhörte mein Flehen. Denn es erschien mir ein Jüngling, in schneeweißem Gewande, mit Strahlen um sein Haupt, und mit einem Bildniß auf seiner Brust. Und er deutete auf das Bildniß. Erlaßt mir die Beschreibung; denn mein Mund kann nicht aussprechen, was mein Auge gesehen. Dieß Eine vernehmt: Die Gestalt streckte die Rechte aus, als verheiße sie; und sie hielt die Linke dar, als erwarte sie; und wo das Herz schlägt, da war die Brust offen und frei, und aus dem milden Antlitz, welches gegen das bewegte Herz sich senkte, sprach es in einer, nur dem Herzen verständlichen Sprache: Ich verzeihe! Da ward es mir mit einem Male klar und gewiß, mit welchem Namen Gott am würdigsten genannt werden solle. Denn indem ich mein und der Menschen Leben vor den Augen meines Geistes vorübergehen ließ, gewahrte ich überall Spuren und Zeichen, wie Gott den Frommen Glück und Segen verheiße, die Sünder zur Buße und Bekehrung erwarte, und die Unbild und den Undank, den ihm die Menschen erweisen, gern verzeihe. Und darum – schloß der Greis seine Rede – ist und sei sein Name: Der Gott der Gnaden. Die Versammlung gab Beifall, und faßte den Beschluß, daß alsbald dem ganzen Volke verkündet werde: Es gäbe keinen Namen, der Gott mehr ehrte und Gottes würdiger wäre, als der Name: Gott der Gnaden!

 4. Die Wunder.

 

Es hielten zwei Männer der Gemeinde vertrauliche Zwiesprache über die Irren und Wirren ihrer Zeit. Der eine, ein Mann in rüstigen Jahren, nach allen Seiten hin umsichtig und rührig, der sich aber überall gehemmt sah in seiner Wirksamkeit, und betrogen in seinen besten Erwartungen, blickte mit Kummer auf die Gegenwart hin, und ohne Hoffnung in die nahe und ferne Zukunft. Er klagte dies seinem Nachbar, einem bejahrten, vielgeprüften Manne, der nach mannichfaltigen Erfahrungen eines langen Lebens eine Ruhe, Sicherheit und Klarheit in Geist und Gemüth errungen hatte, wie wir sie an dem Spiegel unsers Innern, an dem Himmel wahrnehmen, wenn er nach stürmischen Gewittertagen wieder seine Heiterkeit gewinnt, und rein und mild auf die Erde niederschaut. Es drängt sich mir – sagte jener – mit jedem Tage mehr der furchtbare Gedanke auf, als sei die Welt aus ihrem Fundamente gerissen und als Spielball preisgegeben den bösen Mächten, welche ein zürnender und strafender Gott losgelassen zur Züchtigung eines verderbten Geschlechtes. Wohin wir die Augen wenden, wir sehen überall nur Zerrüttung und Verkehrung menschlicher Verhältnisse. Alte Throne stürzen ein, die auf Granitvesten erbaut zu sein schienen; neue errichten sich auf Sandhügeln, welche der Wind des morgigen Tages wieder verwehen wird. Die Völker sind, und – sind nicht mehr; denn die Satzungen und Rechte der Väter wurden verworfen, und es haben sich neue eingeschlichen und eingedrängt, welche die Auflösung schon in ihrem Entstehen an sich tragen. Ueber den Formen, um welche man streitet, wird das Wesen, der Bestand und Gehalt des Volkslebens bloßgestellt; und indem man vorgibt, immer nur das Bessere zu suchen, verliert man vollends das Gute. Und in Allem, was sie satzen, treiben und thun, ist es überall nur auf das Irdische, das Vergängliche abgesehen, und Eigennutz regiert die Welt. Was sonst als der Anfang der Weisheit der gegolten hat, und als das Ende alles Lebens und Strebens, und als der Mittelpunkt, an dem sich das Wohl und Wehe ganzer Völker, so wie Einzelner angeknüpft und gehalten hat: das Ewige, Göttliche, es ist aus dem öffentlichen Leben, von dem unheiligen Markte verschwunden, und mit ihm Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit. Und die wenigen, die ihr Herz dem Heiligen noch erschlossen und geweiht, retteten sich und ihr Geheimniß aus dem Marktgetümmel, und verbleiben einsam und stumm; denn ihre Stimme, wie die Stimme des Rufenden in der Wüste, würde doch nur eitel verhallen an den Ohren und Herzen eines thörichten Geschlechtes. O Freund! – schloß der Bewegte – wer soll in diese Irren und Wirren Ordnung und Licht und Frieden bringen? Wenn hier kein Wunder geschieht, so steht der Welt Auflösung nahe in Blut und Feuer. – Der Nachbar sah ihn mild lächelnd an, und indem er seine Hand ergriff, sprach er mit dem Tone der Zuversicht und des Glaubens: Wahrlich! es geschehen noch Wunder; und wenn wir sie auch mit unsern Augen nicht schauen können, sie geschehen doch – wie das Licht die Nacht des Gewölkes durchbringt und die Luft den Verschluß des Abgrunds, obgleich wir den Quell nicht gewahren, aus dem sie strömen. Es geschehen noch Wunder! Erst noch neulich habe ich deren zwei gesehen, die mir ein eben so großes Vertrauen gegeben, als sie mich in Erstaunen gesetzt haben. Es war in einer Nacht, als ich vor Kummer nicht schlafen konnte; da trat ich ins Freie, und ich erblickte nun ein hohes, weites, unermeßliches Gewölbe über meinem Haupte, und unzählige Sterne funkelten an dessen Decke, und die schlummernde Erde ruhte sicher, wie ein Menschenkind, unter dem schützenden Obdach. Und nirgends sah ich doch Pfeiler, darauf der Meister das Gewölbe gesetzt hätte, und es fiel dennoch der Himmel nicht ein, und er stand fest, auch ohne jene Pfeiler. Da sprach ich zu mir: Sollen wir arme Menschen drum zappeln und zittern, den Einfall und Sturz des Himmels befürchtend, weil wir die Stützen nicht greifen noch sehen, die ihn halten? Und soll es uns nicht genügen, zu wissen, daß Gottes wunderbare Hand den Bau gebildet, und daß ihn dieselbe Hand in der sichern Schwebe trägt und erhält? Und ich ging beruhigt in meine Hütte zurück, und überließ mich getrost dem Ruheschlummer, da ich wußte, daß ein Wächter wacht über die Welten, und über die Hütten der Menschen. – Und ein anderes Mal, als ich an einem Tage von schwerer Trübsal niedergedrückt war, blickte ich zum Fenster hinaus, und da sah ich große dicke Wolken über mir schweben, und sie zogen einher, wie Meereswogen vom Sturme fortgetragen, und die Gewässer drohten herabzustürzen und schier den Erdball zu ersäufen. Aber es floß der Regen gar sänftiglich nieder, und erquickte Feld, Wald und Flur, und das Gewölbe zog fort, um den Segen weiter zu verbreiten in die Länder der Menschen. Da sprach ich zu mir selbst: Wo ist denn der Boden, auf dem die Wolken ruheten oder fußeten? oder wo die Kufen, darein die Gewässer gefasset wären? Und wessen Hand leitet diese gewaltigen Massen in den Lüften hin, und wessen Arm stützet die hohen, schweren Wassersäulen, daß sie nicht mit all ihrer Wucht auf uns zumal herabstürzen? Und sieh! indem ich mich noch so fragte, da erbaute sich in der Ferne ein lichtglänzender Bogen mitten in die Wolkennacht hinein, und ich erkannte ihn sogleich als jenes Zeichen, das Gott unsern Vätern gesetzt hat zum Bunde zwischen ihm und uns, daß er das Menschengeschlecht nimmer vertilgen werde auf Erden. – Seit jenen Tagen, als mir diese Gesichte geworden, kann kein Zweifel mehr mein Gemüth beschleichen, und aller Kummer verschwindet vor dem Lichtblicke, der in mein Innerstes gefallen. – Der Freund verstand und würdigte die Worte des Freundes. Und er klagte nicht mehr über die Irren und Wirren der Zeit; wol aber trug er, nach dessen weisem Rathe, desto mehr Sorge für den engern Kreis seiner Familie und der Gemeinde, daß sie so viel möglich gesichert stünden gegen den Ungestüm des Verhängnisses, welches die Völker und Länder zu bedrohen schien.

 5. Das Vögelein.

 

Ein frommer Ordensmann las eines Morgens in der Bibel: Vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag. Diese Worte und ihr Sinn wollten seinem blöden Verstande nicht eingehen, und je mehr er darüber nachdachte, desto unklarer und verworrener wurden seine Gedanken.

Da ging er, um sich zu zerstreuen, in den Garten; und indem er die Blumen und die Bäume und den blauen Himmel und alle die Werke Gottes mit Wonne und Andacht betrachtete, gewahrte er auf dem Wipfel eines Baumes ein seltsames, überaus schönes Vögelein; und wie dasselbe nun seine buntfarbigen Flügel ausbreitete und seine wunderschöne Stimme hören ließ, da durchzuckte den Mann ein nie gehabtes, innerstes Wonnegefühl, so daß er wie außer sich dastand, und Ohren und Augen nicht abwenden konnte von der überaus lieblichen Gestalt und dem seelenvollen Gesang des Vögeleins. Dieses aber hüpfte von Zweig zu Zweig, und flog von Baum zu Baum, und schüttelte die Farben aus dem bewegten Gefieder und strömte melodische Töne aus der sangreichen Kehle; und so flog es, immer singend, aus dem Garten in den angrenzenden Wald; und der Ordensmann, seiner selbst nicht mehr bewußt, folgte ihm nach, und wendete weder Aug' noch Ohr ab, und stand zuletzt wie bezaubert mitten im Walde, daß er die Wildniß nicht sah ob der Regenbogenpracht, die ihn umfloß, und den Wasserfall nicht hörte ob dem Wundergesang, der ihn entzückte. Doch mit welchen Worten wäre so etwas zu beschreiben! Wie wenn am frühen Morgen, bei der ersten Dämmerung, über dem höchsten Gipfel eines Berges sich plötzlich ein Punkt von einem Wölklein zeigt, das nun allmählich in zarten Wollenstreifen auseinander fließt: der erste Strahl der aufgehenden Sonne verwandelt es zauberisch in lauteres Gold; dann erweitert und verdichtet sich die Wolke immer mehr, und Goldstreifen durchzucken sie, wie Blitze, und verbrämen sie um und um, wie mit leuchtenden Rubinen; und es lösen sich dann Wolken von der Wolke ab, und verschwimmen in dem Meere des azurnen Firmamentes, und Lichter und Farben wechseln und spielen in unendlichen Abstufungen in- und auseinander, und das Auge vermag schon nicht mehr alle die herrlichen Gestaltungen zu überschauen, und den Glanz und die Fülle und die Mannichfaltigkeit der himmlischen Erscheinung zu fassen und zu begreifen: so mannichfaltig, so reizend und bezaubernd war der Gesang des Vögeleins; es legten sich die Melodien wie ein Goldgewebe um des Hörers Herz und umstrickten es ganz und gar, wie mit einem Zaubernetze, und durchdrangen und erfüllten es, daß es ganz trunken wurde in überseliger Empfindung. – Endlich verstummte das Vögelein, und ward plötzlich nicht mehr gesehen; und der Ordensmann, voll des genossenen Glückes, kehrte zu seinem Kloster zurück.

Es mochte nach seiner Berechnung eine Stunde verflossen sein, seit ihm die Erscheinung geworden; und er stand, noch am frühen Morgen, vor der Pforte und läutete an. Der Pförtner erschien. Sie erkannten sich einander nicht. Der Ordensmann nannte seinen Namen; der Pförtner sagte: es befinde sich kein Mönch dieses Namens im Kloster. Man ging zum Abte; auch dieser kannte weder den Mann noch dessen Namen; wol aber setzte er bei: Wie die Chronik melde, so sei vor hundert Jahren ein Mönch dieses Namens plötzlich aus dem Kloster verschwunden, und man habe seit der Zeit nichts mehr von demselben vernommen. Da erkannte der Ordensmann, daß er eines großen Wunders von Gott gewürdiget worden, und er fiel dem Abte zu Füßen, und bekannte und beichtete und erzählte, was sich mit ihm begeben.

Und nachdem er noch in derselben Stunde das Sacrament empfangen, that er gegen Niemanden mehr den Mund auf, sondern verharrte in stillem Gebete bis gen Mitternacht, wo er selig in dem Herrn entschlief.

 6. Schule der Weisheit.

 

Zu jener Zeit, als es noch Schulen der Weisheit gab, kam ein Jüngling von schöner Gestalt und guten Sitten zu einem Meister, und bat, daß er ihn in Lehre und Zucht nehmen möge. Der Meister, der ihn vom Ruf kannte, sprach zu ihm: Wie soll ich dich lehren und ziehen, da, wie ich höre, dein Betragen unter den Menschen und vor der Welt rein und tadellos, schlecht und gerecht ist? Der Jüngling antwortete: Mein Ruf ist wol besser, als ich selbst bin. Ich weiß gar wohl, daß mir noch vieles fehlt zur Weisheit, und darunter das Erste und Nothwendigste. Und was ist das? fragte der Meister. Könnt' ich es sagen, antwortete der Jüngling, ich würde wol nicht bei dir zusprechen. Ich fühle zwar meine Gebrechen, aber ich kenne sie nicht, und weiß sie drum auch nicht zu heilen und zu verbessern. Der Meister betrachtete den Jüngling mit Wohlgefallen; dann sprach er: Du erzeigest dich fähig und würdig, um in die Schule der Weisheit zu gehen. Denn die erste Stufe dazu ist die Selbsterkenntniß, die zweite die Demuth, die dritte die Zuversicht und der Glaube. Dies aber bedenke: daß die Kunst der Weisheit schwer, und die Zeit der Schule lang sei. Du mußt vorerst lernen schweigen und hören, dann fragen und antworten, endlich handeln und leiden. Der Jüngling versprach, daß er's an gutem Willen nicht werde fehlen lasen, um des Meisters Kunst zu erlernen. Also ward er als Schüler und Jünger der Weisheit aufgenommen. Er erfüllte auch und übertraf beinahe die Hoffnungen des Meisters während der drei Jahre, die er unter seiner Lehre und Zucht gestanden. Er wurde schweigsam, beredsam und handsam; er lieh sein Ohr guten Räthen und weisen Sprüchen, er öffnete den Mund nur zu verständigen Reden, und Hand und Herz waren immer bereit, um Gutes zu spenden, Widriges zu ertragen und das Beste zu wollen und zu thun. Da, nach Verfluß der drei Jahre, trat eines Tages der Meister zu ihm, und sprach: Ich gebe dir Urlaub, mein Sohn! Du bist nun bereits auf dem rechten Wege, der zur Weisheit führt. Es ist freilich nur der Anfang des Weges, nicht das Ende; aber weiter vermag dich kein anderer zu geleiten; du mußt dich nun selbst führen, auf daß du endlich das Ziel erreichest. Ueber diesen Worten wurde der Jüngling schier traurig, zumal darüber, daß er erst am Anfang der Weisheit stehe, und nicht schon am Ende, da er sich doch bewußt war, daß er das Vollkommenste erstrebt habe in Gedanken, Worten und Werken. Das klagte er dem Meister in der Sprache eines zuversichtlichen, obwol noch demüthigen Bewußtseins. Der Meister versetzte: Was ich an deinen Worten und Handlungen wahrgenommen, es ist Alles löblich, und ich bin gewiß, daß sie ein treuer, unverfälschter Ausdruck deiner Gesinnungen waren. Aber dies merke: Des Menschen Herz ist unergründlich, wie das Meer, und was dasselbe verbirgt in seinem dunkeln Abgrund, das hat noch Niemand erforscht. Dies dein Herz erkenne ich noch nicht; es ist dir selbst noch verborgen; die Ungeheuer, die da noch in der Tiefe sich umthun, und von Zeit zu Zeit aufsteigen, sind furchtbar und verderblich; und wer sie nicht wahrnimmt und sich ihrer wehrt, den ziehen sie in ihren Abgrund. Der Jüngling betrübte sich noch mehr über diese Rede, und er bat den Meister, ihm diese Ungeheuer zu bezeichnen, die in des Herzens verborgener Tiefe hausen, damit er ihrer achten und sich erwehren könne. Der Meister antwortete: Das ist vergeblich; ich müßte dir alle Laster neunen; denn sie alle gleichen jener Hyder, aus deren gefällten Häuptern immer neue und verjüngte erwachsen. Doch vor drei lasterhaften Gelüsten will ich dich besonders warnen, welche dem Menschen am meisten gefährlich, weil am meisten hintertückisch sind. Es ist die Schadenfreude ob fremdem Unglück, der Neid ob fremdem Glück, und die Rachelust bei erlittener Beleidigung. Diese sterben nie aus in des Menschen Herzen, so lange es fühlt und schlägt. Der Jüngling verhüllte sein Angesicht, und sprach dann: Ach, wer ist dann weise unter den Menschen? Niemand, antwortete der Meister, nur Gott ist weise; wir armen Menschen können wol die Weisheit lieben, aber nicht haben. Drum sei dir dies noch zum Trost und zur Ermuthigung. Den Keim des Guten hat Gott in uns gelegt, und den Keim des Bösen der Satan. Pflegen wir darum der guten Saat, und reuten wir zumeist das Unkraut aus, so wird auch Gott das Gedeihen geben. Denn er ist der Anfang und das Ende der Weisheit. Der Jüngling dankte, und entfernte sich mit denselben Gefühlen, mit denen er gekommen war: mit erweiterter Selbsterkenntniß, noch größerer Demuth, und mit befestigter Zuversicht und unerschütterlichem Glauben an den, der der Anfang und das Ende der Weisheit ist.

 
1   2   3   4   5   6   7   8   9   ...   44

Похожие:

Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien iconZur Bedeutung der antiken ethnographischen und konstitutionellen Berichte über die sogenannten Germanen für die Entstehung und Ausprägung des deutschen

Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien iconDie große eBook-Bibliothek der Weltliteratur
«Das habe ich an mir selber erfahren und die ersten Anregungen zu diesen»Wanderungen durch die Mark«sind mir auf Streifereien in...
Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien iconIntellektuelle, politische Eliten, der Staat und die Nation: Aspekte des Nationenaufbaues und nachnationaler Politik in Österreich

Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien iconArchiv fur die Geschichte LIV-, Est- und Curlands. 1883 nf 09 Neue Quellen zur Gesch des Unterg livland Selbst Archive Kopenhagen 01

Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien iconInformationen über die Fakultät für Philologien und Geschichte

Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien iconDie Geschichte des Schlagzeugs-Sets

Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien icon1848. Die Geschichte von Jette und Frieder. (Kordon, Klaus) 0323

Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien iconСписок приглашенных на 13 Республиканскую конференцию молодых исследователей «Будущее Карелии» Иностранные языки
Кулабухова Софья "Die Rolle des Computers im Leben der Jugendlichen in Russland und in Deutschland" (г. Петрозаводск, Лицей №1, 11...
Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien iconDie Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel
«, sagte Brian, als wir den Kirchhof betraten. Denn auch dieses Gotteshaus stand in einer Kuhle, wie ein Gewicht auf einem Kissen,...
Enthaltend: Die Geschichte des ewigen Juden, die Abenteuer der sieben Schwaben, nebst vielen andern erbaulichen und ergötzlichen Historien iconDirektorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie

Разместите кнопку на своём сайте:
Библиотека


База данных защищена авторским правом ©lib.znate.ru 2014
обратиться к администрации
Библиотека
Главная страница